Kloß und Spinne: Die Ludovico-Olive

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Spinne:  Tach allerseits!

Norbert: Tach!

Kloß: Tach!, sagt Kloß, der ewig deprimierte Stammgast neben mir am Tresen.

Spinne: Norbert machste mir ne Brause?

Norbert: Nee, Brause macht verrückt.

Spinne: Was? Wie kommsten darauf?

Norbert: Stand örjendwo im Internet.

Spinne: Wo denn?

Norbert: Weeß nich mehr. Vielleicht hab ichs selbst reingeschrieben. Aber pass uff, der entscheidende Beweis ist doch, dass es nirgendwo in der Systempresse stand! Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Spinne: Hihi, du bist lustig. Und wenn du mir die Brause in nem Aluhut servierst?

Norbert: Aluhüte machen erst recht verrückt.

Spinne: Tja, dann wirds wohl wieder mal nüscht mit der Brause. Und Kloß, wie geht’s?

(Kloß starrt auf sein Smartphone und steckt sich mit angewidertem Gesichtsausdruck eine Olive aus einem kleinen Schälchen in den Mund.)

Kloß: Bäh! ,antwortet Kloß und greift nach einer weiteren Olive.

Spinne: Was machst du denn da?

Kloß: Ich esse Oliven.

Spinne: Aber du hasst doch Oliven.

Kloß: Eben.

(Spinne versucht, einen Blick auf Kloßens Handy zu erhaschen.)

Spinne: Ist das da deine Freundin?

Kloß: Ja.

Spinne: Muss ich das verstehen?

Norbert: In seiner Nachbarschaft hat ein Flüchtlingsheim eröffnet.

Spinne: Und deshalb isst er Oliven, die er eklig findet und guckt sich dabei Bilder seiner Freundin an?

Norbert: Er hat eben Angst.

Spinne: Ah! Angst vor Islamisierung, steigender Kriminialität, Sexmobs. Aber warum …

Kloß: Nee. Wenn ich ehrlich bin, hab ich vor allem Angst, dass die Flammen übergreifen, wenn jemand das Flüchtlingsheim anzündet.

(Kloß steckt sich eine weitere Olive in den Mund und beißt darauf.)

Kloß: Bäh! Ich meine, das geht doch alles nicht mehr gut aus, diese ganze Wut, dieser ganze Hass, all die Angst und Unsicherheit, die angesammelten Demütigungen und Ungerechtigkeiten, die Hoffnungslosigkeit, die Ablehnung, dieser Wille zur Gewalt, zur Zerstörung, zur Vernichtung der gesamten Menschheit …

Spinne: Häh? Wovon redest du?

Kloß: Oh, ich beschreib bloß meine eigene geistige Verfassung nachdem heute nachmittag der Telefonroboter von UPS die Frage “Wo ist mein verdammtes Päckchen, ihr kotzverpopelten Schweinearschpickel?” zum dritten Mal mit: “Ich habe ihre Eingabe nicht verstanden. Wählen Sie die 1, um uns den Buckel runterzurutschen, die 2, um uns am Arsch zu lecken, die 3, um sich ins Knie zu ficken” beantwortet hat. BÄH!

Spinne: Okay, aber was hat das denn jetzt mit Oliven und Flüchtlingsheimen zu tun?

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Kloß: Ich meine ja bloß. Hängt doch alles miteinander zusammen. Wenn ein friedlicher Bürger wie ich schon so drauf ist, weil mein Päckchen mit Johanniskraut nicht rechtzeitig ankommt, wie krass drauf sind dann erst all die bekloppten Typen da draußen?! Das wird doch nicht einfach wieder gut, da beruhigt sich doch niemand, da hört doch keiner einfach auf mit Schreien, diese ganze unterdrückte Wut muss doch irgendwo hin. Nazis, Islamisten, besorgte Bürger und bekloppte Politiker, Euro-Zusammenbruch, Peak-Oil, Putin, Tinder, Terror, Trump und Facebook und Assad und Junggesellen-Abschiede, Klimawandel, Atombomben — das ist wie eine Lawine. Der Schnee kann ewig am Hang liegen und warten, aber wenn er einmal ins Rutschen kommt, zermalmt er alles. Und zuallerst diejenigen, die sich ihm in den Weg stellen. Nach 70 Jahren Frieden ist Europa doch wie ein trockener Alkoholiker, der sich nur ein kleines Schnäpschen genehmigen will. Aber dann war’s das mit dem Fireden, dann wird alles nachgeholt. Dann brennen die Häuser und auf der Straße liegen tote Menschen und Leute werden abgeholt und niemand ist mehr sicher und Hölle, Hölle, Hölle, wie schon Wolfgang Petry prophezeite, dessen Nachname auch kein Zufall sein kann – BÄH!

Spinne: Herrje, jetzt hör doch mal mit diesem Olivengefresse auf und mach mal halblang. So schlimm wirds schon nicht kommen. Wer wird denn gleich tot auf der Straße rumliegen? Na, wir jedenfalls nicht, das kann ich mir nicht vorstellen. Da sind wir doch gar nicht die Typen für! Da sind wir doch gar nicht für qualifiziert! Dieses ganze Tot-auf-der-Straße-Rumgeliege und Abgeholt-Gewerde und Häuser-Abgebrenne, das ist doch eher so Osteuropa- oder Naher-Osten-Style, ich glaub nicht, dass sich das hier durchsetzt, dafür gibts doch hier gar keinen Markt! Ich meine, guck dir doch die Leute da draußen an, die haben doch ganz andere Sorgen, als tot auf der Straße rumzuliegen, da haben die doch gar keine Zeit für! Das ist wie mit diesen afrikanischen Kindern im FernseheNorbert: so ein Hungerbauch an einem europäischen Kind, das geht doch gar nicht, wie würde das denn aussehen! Nee, nee. Und überhaupt: Sagst du mir jetzt endlich, was das mit diesen Oliven soll? Du ekelst dich doch vor Oliven.

Kloß: Darum esse ich sie ja.

Spinne: Und guckst währenddessen Bilder deiner Freundin an?!

Kloß: Meiner Noch-Freundin. Ich versuche gerade, mich zu entlieben.

Spinne: Was?

Kloß: Ja, die Idee hab ich aus Clockwork Orange. Ludovico-Technik. Aversionstherapie. Wenn ich in Zukunft jedesmal, wenn ich meine Freundin sehe, an Oliven denken muss, dann ist es kein Problem mehr, mich von ihr zu trennen.

Spinne: Du willst dich von deiner Freundin trennen? Ich dachte, du liebst sie.

Kloß: Genau.

Spinne: Du willst dich von deiner Freundin trennen, obwohl du sie liebst?

Kloß: Nein. WEIL ich sie liebe. Und das versuche ich gerade zu ändern, verstehst du?

Spinne: Nö. Klingt vollkommen verrückt.

Norbert: Wahrscheinlich zuviel Brause getrunken.

Kloß: Versteht ihr denn nicht? In solchen Zeiten wie heute ist es einfach besser, niemanden zu lieben. Das würde dich doch erst richtig krank vor Angst machen. Ich meine, stell Dir vor, es ist Krieg, und es gibt Menschen, die du richtig doll lieb hast und wärst ständig in Sorge, dass ihnen was passiert! Das wär doch schrecklich! Da kann ich echt drauf verzichten. Liebe ist ein Luxus für gute Zeiten, aber die sind vorbei. Da will ich vorbereitet sein. Emotionell, meine ich, nicht wie diese Hoschis, die Konserven und Klopapier horten und lernen, wie man mit ein bisschen trockenem Reisig, einem Feuerstein und kleinen Ästen einen WLAN-Hotspot einrichtet, statt sich erstmal von ihren Frauen und Kindern zu trennen. Ich meine, Weltuntergang ist schon alleine schlimm genug, ohne dass man um die Familie Angst haben muss! Einsamkeit ist der beste Bunker!

Norbert: So’n Quatsch. Gerade in dunklen Zeiten braucht man doch die Liebe. Die Liebe ist nämlich das Größte was es gibt. Die Liebe gibt dir Mut, sie ist stärker als der Hass und die Niedertracht, die Liebe ist das Licht in der Dunkelheit und das Ende des Tunnels!”

Kloß: Bäh, sagt Kloß, obwohl er gar keine Olive geschluckt hat. Wo hast’n das her?

Norbert: Aus’m Internet. Stand gleich unter der Sache mit der Brause.

Spinne: Ach, ihr seid ja doof. Ich finde, da ist viel Wahres dran. Die Liebe ist die eine Kraft, die stärker ist als das Böse. Nichts kann die Liebe besiegen.

Kloß: Außer, das Böse kann Karate.

Norbert: Also, ich will euch mal was sagen.
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Norbert: Ich will euch mal was sagen.

(Norbert schweigt.)

Spinne: Ja?

Kloß: Und zwar?

Norbert: Ach, nee, doch nicht. Ich versteh die Welt auch nicht mehr, ich glaub die ham einfach alle zuviel Brause getrunken. Hat der Trick mit den Oliven jetzt eigentlich geklappt?

Kloß: Nee, totaler Anschiss. Ich hab meine Freundin immer noch lieb und … auf einmal schmecken mir Oliven! So ein Mist!

Spinne: Hurra. Die Kraft der Liebe, ihr Zauber besiegt alles, sogar den Olivenekel!

(Kloß steckt sich die letzte Olive in den Mund.)

Kloß: Ach, sei bloß still …

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5 comments on “Kloß und Spinne: Die Ludovico-Olive”

  1. Knopf

    Ja, funktioniert schon auch in Textform. Inzwischen weiß ja jeder, wie die beim Reden aussehen.

  2. Iki

    Vielen Dank! Schöne Folge. Als Video wäre es noch besser. Kann mir jedoch gut vorstellen, wie viel Arbeit das macht. Das Kopfkino funktioniert aber. :-)

  3. Flo

    *mit Norbert-Stimme*:
    “Und wie die sich anhören!”
    :D

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