Bockwurst und neuronale Netze (und ein bisschen Senf)

Wahrscheinlich war ich der Letzte, der den Hype um Prisma mitbekommen hat. Falls es doch noch Ahnungslose gibt: Prisma ist eine App, die Fotos in Pseudo-Gemälde verwandelt. Ein alter Hut könnte man meinen, schließlich hatten schon die Grafikprogramme in den 90er-Jahren Funktionen mit vielversprechenden Titeln wie "Ölgemälde" und "Kohlezeichnung", die aber eher bescheidene Ergebnisse lieferten:

( "Mann mit Hut" - Pinselstrich bzw. Buntstiftzeichnung (Corel Paint Shop Pro X2))

Diese Filter wenden einfach stumpf irgendeinen Algorythmus auf das ganze Bild an, analysieren vielleicht irgendwelche Kontrastgrenzen und zeichnen diese nach oder verschmierten, was auch immer im Bild zu sehen ist. Prisma (und diverse andere Apps und Web-Apps wie etwa Vinci) funktionieren vollkommen anders. Mein lieber Kollege Paul Bokowski postete ein Bild einer Bockwurst mit Senf, das mit Prisma bearbeitet worden war:
bockwurst
Mein erster Gedanke war: Wo kann man mehr von diesem Maler sehen?, bis ich das kleine Prisma-Logo entdeckte und zu googlen begann. Prisma verwendet ein KI-Software, neuronale Netze, ist eine Deep-Learning-Anwendung.  Das soll jezt um Himmelswillen nicht so klingen als würde ich mich damit auskennen oder mehr als nur ein paar primitive Grundgedanken davon verstehen. (Das bisschen Verständnis, das ich dafür habe, verdanke ich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der Folge 208 von Chaos Radio Express, dem überhaupt extrem empfehlenswerten Podcas von Tim Pritlove, auf den ich hiermit freundlich verweisen möchte, bevor ich anfange zu versuchen, die ganze Chose zu erklären. Falls übrigens  jemand gute, allgemeinverständliche, nicht von Nerds für Nerds geschriebene Artikel oder Sachbücher zum Thema empfehlen kann,wäre ich sehr dankbar.) Hastdunichtgesehen war Prisma installiert und ich begann, damit herumzuspielen:

Prisma analysiert die Bilder, identifiziert Objekte, erkennt Gesichter und zeichet das Bild dann von Grund auf neu anhand eines Vorbildes, eines echten Gemäldes beispielsweise. Die Ergebnisse sind verblüffend und wenn man noch einen Roboter konstruieren würde, der sie mit Farbe auf Leinwand überträgt, würden sie wahrscheinlich als echte Kunst durchgehen. Ist die Software kreativ? Spontan würde man mit Nein antworten: Die Fotos haben Menschen gemacht, die "Vorbilder" wurden von Menschen gemalt und die Regeln, nach denen die Fotos umgewandelt werden, wurden von Menschen vorgegeben. Wobei der letzte Punkt schon strittig ist, denn eine der Besonderheiten von neuronalen Netzwerken ist, dass sie sich ihre Regeln letztlich selbst geben. Der Mensch programmiert eine Art Black Box, die er mit Input füttert und deren Output er solange rückkoppelt und bewertet, bis er irgendwann dem entspricht, was er haben will. Wie das so erzogene neuronale Netz im Einzelnen zu seinem Ergebnis kommt, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Ich denke, dass es nicht mehr lange dauert, bis eine Software eigene Bilder schafft. Anfangs durch Nachahmung und Variation. Vielleicht gibt es dann eine Mona Lisa, die sich auf der Motorhaube eines roten Sportwagens räkelt, während im Hintergrund ein weißer Wolf den Mond anheult, das alles im Stile eines Hoppergemäldes. Oder eine Pieta im Stile von van Goghs Sonnenblumen mit Mickey Mouse und Batman vor einem Sonnenuntergang mit Delfinen. Viel wahrscheinlicher (und interessanter) ist, dass es einfach Elemente aus allen möglichen im Web verfügbaren freien Bildern zusammensucht, kombiniert, verändert. Die Software wird aus der Bewertung, die Menschen über ihre "Kunstwerke" abgeben lernen und immer besser werden, origineller oder gefälliger, je nachdem, wie man sie trainiert. Und das alles ohne einen Funken Originalität im menschlichen Sinne.

(Männer mit Hüten werden irgendwann langweilig, darum habe ich ein Foto mit dem Titel "Das fröhliche Wurstgesicht" gemacht und Prisma darauf angesetzt)

Ich denke, dass es nicht mehr lange dauert, bis eine Software eigene Bilder schafft. Anfangs durch Nachahmung und Variation. Vielleicht gibt es dann eine Mona Lisa, die sich auf der Motorhaube eines roten Sportwagens räkelt, während im Hintergrund ein weißer Wolf den Mond anheult, das alles im Stile eines Hoppergemäldes. Oder eine Pieta im Stile von van Goghs Sonnenblumen mit Mickey Mouse und Batman vor einem Sonnenuntergang mit Delfinen. Viel wahrscheinlicher (und interessanter) ist, dass es einfach Elemente aus allen möglichen im Web verfügbaren freien Bildern zusammensucht, kombiniert, verändert. Die Software wird aus der Bewertung, die Menschen über ihre "Kunstwerke" abgeben lernen und immer besser werden, origineller oder gefälliger, je nachdem, wie man sie trainiert. Und das alles ohne einen Funken Originalität im menschlichen Sinne.

Und irgendwann werden Menschen in einem anonymisierten Testverfahren nicht mehr entscheiden können, welche Bilder von einer KI und welche von einem Menschen erschaffen worden sind. (In der Musik, insbesondere in den Genres Fahrstuhlmusik, Elektro und Klassik, wird es wahrscheinlich auch nicht mehr lange dauern. Es es gibt auch erste Versuche, dem Computer das Geschichtenerfinden beizubringen.) Aber ist das dann Kunst? Ist es kreativ? Man könte zur Beantwortung dieser Frage eine Abwandlung des Turing-Tests heranziehen. Den ursprünglichen Turing-Test hat Alan Turing erfunden. Er soll die Frage beantworten, ob ein Computer bzw. eine Software inteligent ist. Dazu dient eine Gesprächssituation, in der ein Mensch sein Gegeüber weder sieht noch hört, sondern dessen Antworten schriftlich erhält. Wenn er nicht entscheiden kann, ob dieses Gegenüber Mensch oder Maschine ist (bzw. die Maschine für einen Menschen hält), gilt der Turing-Test als bestanden, die Maschine als intelligent.

Um den Turing-Test wird allenthalben viel Gewese gemacht, aber ich halte ihn für herzlich ungeeignet und beschränkt. Womit ich nichts gegen Alan Turing selbst gesagt haben will. Zum einen misst er nicht wirklich, ob ein Computer so intelligent wie ein Mensch ist, sondern nur, wie gut er ihn imitieren kann. Zweitens wird, wenn überhaut, nur die Art von Intelligenz gemessen, über die wir Menschen verfügen und eigentlich auch nur der Aspekt, der sich in einem unter erschwerten Bedingungen geführten Gespräch manifestiert. Die Möglichkeit anderer Formen von Intelligenz (und Interaktion) wird ausgeschlossen. Kollegen wie Mister Spock, der liebe Gott oder Meister "Für Grammatik zu doof ich bin"-Yoda, würden krachend durchrasseln. Oder rasselnd durckkrachen, das weiß ich jetzt nicht so genau. Das dritte Problem mit dem Turing-Test: Es wird nicht mehr lange dauern, bis Chatbots wie Siri ihn regelmäßig bestehen und dann müssten wir uns mit der Frage beschäftigen, ob offiziell als intelligent geltende Geräte noch ausgeschaltet, wütend an die Wand geschmissen oder durch Verweigerung von Software-Updates in ihrer freien Persönlichkeitsentwicklung behindert werden dürfen.

Die abgewandelte Form des Turing-Tests würde statt der Frage nach der Intelligenz die nach der Kreativität stellen. Sobald nicht mehr entscheidbar ist, ob ein computergeneriertes Kunstwerk von einem Menschen oder einem Computer geschaffen wurde, gölte der Computer als kreativ. Da sträuben sich dem Romantiker natürlich die Haare auf dem großen Onkel und sein Herz erschaudert! Kreativität, das hat doch ähm mit … naja, Herz und Gefühlen und Bewusstsein und Seele und Sinn und so Zeugs zu tun. Tja, oder auch nicht. Natürlich wird die Kreativität der Computer (wenigstens anfangs) auf Nachahmung und Veränderung beruhen - genau wie menschliche Kreativität, die sich trotz aller Modernität noch immer mit der Abbildung und Verfremdung der Natur beschäftigt (auch die Musik, wenn man sie als Sprache versteht, Hirnfunktionen und Hormonspiegel zu beschreiben). Die Natur selbst hingegen ist das beste Beispiel dafür, dass Kreativität ohne Herz, Sinn, Bewusstsein etc. möglich ist. Es gibt ein schönes Beispiel dafür, wie Computer etwas erschaffen haben, dass wie das Ergebnis nichtmenschlicher Kreativität wirkt: Googles Deep Dream:
1126069 1126095
(Bilder erstellt mit dem Online-Deep-Dream-Generator auf http://psychic-vr-lab.com/deepdream/)

Das Ganze hat nichts mit Kunst zu tun, sondern ist sozusagen eine amoklaufende Bildanalysesoftware, aber kreativ ist es doch in dem Sinne, das hier etwas geschaffen wurde, das es nicht gab, das vielleicht kein Mensch je erfunden hätte und das auf Menschen einen ähnlichen Effekt hat wie ein beunruhigendes Kunstwerk. Gleichzeitig deutet sich hier schon an, dass Computer eines Tages Kunstwerke (oder wie auch immer man es nennen möchte) schaffen werden, die wir Menschen nicht einmal mehr verstehen werden. Hoffentlich sind wir dann in der Lage, auch das nötige Publikum zu programmieren …

Haha, kleiner Scherz, denn Computer ohne Bewusstsein und Gefühle haben auch kein Interesse für und keinen Sinn an Kunst. Schöne Bilder produzieren sie nur als Abfallprodukt, oder weil wir sie dazu zwingen.

Vielleicht muss man sich von der anthropozentrischen Sicht auf Intelligenz und Kreativität verabschieden. Wikipedia definiert Intelligenz als Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Kognition wiederum ist die von einem verhaltenssteuernden System ausgeführte Informationsumgestaltung. Sprich Datenverarbeitung. Bewusstsein ist vielleicht ein Merkmal menschlicher Intelligenz, aber keine Vorraussetzung für Intelligenz an sich.

Eigentlich müsste es jetzt um die für uns Menschen doch recht interessante Frage gehen, was das alles für uns bedeutet, aber in einer Viertelstunde kommt mein Zug in Berlin an und ich habe mir vorgenommen, nicht länger als die drei Stunden von Binz bis Gesundbrunnen an diesem Text zu schreiben (wobei ich die eine Stunde gestern Abend und die mindestens zwei Stunden zum Formatieren und bebildern sowie die Zeit, die ich mit Prisma und Konsorten rumgespielt habe, freundlich unter den Tisch fallen lasse).

Vielleicht geht es ein andermal um die Frage, was letzten Endes der Menschheit zum Verhängnis wird: Künstliche Intelligenz oder natürliche Dummheit …

(Ich hoffe, dass nicht allzuviele Passagen in diesem Text ein Beispiel für letztere sind.) Hab ich schon erwähnt, dass demnächst ein Kloß-und-Spinne-Buch erscheint?

(Kloß und Spinne als "Der Schrei" und "Die Welle")

4 Gedanken zu „Bockwurst und neuronale Netze (und ein bisschen Senf)

  1. Pingback: Bockwurst und Intelligenz | Schnipselfriedhof

  2. Was will uns der Künstler mit dem überzähligen Absatz sagen? Und mit dem Falschschreiben von „intelligent“? Und warum machte er ein „das/s“-Fehler? Die Interpretation beginnt. ;)

  3. Pingback: Schnipsel vom 15.9.2016 – Über die Weltverbesserungsformel und asoziale Technologie | Schnipselfriedhof

Kommentare sind geschlossen.