Gute Väter, schlechte Väter (Vater sein dagegen … Teil 4)

Die große Frage ist ja: Was für ein Vater bin ich und werde ich sein? Der beste der Welt, klar, ich hab ja auch die beste Tochter der Welt, welche bereits die beste Mutter der Welt hat, die ihrerseits zufälligerweise auch die beste Freundin der Welt ist (und mir, nachdem sie dies gelesen hat, in den nächsten Tagen sicher gerne ein paar Babybefüll-und -bespaßungsfrühschichten abnimmt). Da kann ich natürlich nicht zurückstehen.

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(So. Ich hab die Lösung für das leidige Problem gefunden, dass ich gerne Babybilder von der Tochter posten will, aber gleichzeitig keine Babybilder von der Tochter posten will. Ich poste Babybilder von mir selbst! )

Aber was heißt das genau? Zur Zeit lässt sich die Frage leicht beantworten: Ich muss soviel wie möglich Zeit mit der Tochter verbringen,was praktischerweise auch das ist, was ich will und glücklicherweise dank Freiberuflichkeit und Elternzeit auch möglich. Ab und zu muss man Sachen tun, die sie hasst: Ärmchen durch Ärmel stecken, ihr die Brille wieder wegnehmen, die sie mir grad von der Nase gezogen hat, um sie aufzuessen, die Windel wechseln, obwohl sie gerade erst mit vor Anstrengung rotem Kopf dafür gesorgt hat, dass es darin schön warm und weich ist, solche Sachen. Aber die richtigen Probleme, Zwiespälte und Entscheidungen kommen später.

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(Ich bin ziemlich genau halb so niedlich wie meine Tochter, so dass jeweils zwei Bilder von mir eins von ihr ersetzen.)

Die Eltern im Prenzlauer Berg sind berühmt, berüchtigt und viel beschrieben und sie liefern mir viele gute Beispiel dafür, was für ein Elter ich NICHT sein will. Die Eltern in Marzahn, Grünau, Wilmersdorf und Wedding sind auch nicht besser und ich ignoriere an dieser Stelle diverse Freunde, die auch hier wohnen und tolle Eltern sind, weil die „Mütter vom kollwitzplatz“ und Co. natürlich auch ein schönes Klischee sind, das man beim Leser einfach abrufen kann, womit man es sich als Autor herrlich einfach macht. Und, verdammt, ja, es ist auch was dran…
Da war die Mutter, deren 4 oder 5jähriges Kind vor einem Design-Schnulli-Laden in der Stargader Straße ein buntes Irgendwas umschubste. „Nein, sowas macht man nicht“, sagte sie. Das fand ich gut, Kinder müssen lernen, was richtig und falsch ist – auch wenn es zugegebenermaßen ein sehr häßliches Dings war – oder gerade WEIL es ein sehr hässliches Dings war, denn sie müssen auch lernen sich zu beherrschen, wo kommen wir dahin, wenn man alles hässliche umschubst,und jeden hässlcihen noch dazu, dann ist Berlin ganz schnell so flach wie ein Brandenburger Acker.

Die Frau bückte sich, stellte das Geömmel wieder hin und fügte an: „Wenn das kaputt gegangen wäre, dann hätte ich das bezahlen müssen, und das willst du doch nicht, oder?“

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(„Volker ist sprachlos“ – Symbolbild)

Häh? Was ist denn das für eine Begründung?! Hätte sie nicht sagen können: „Wenn das kaputt gegangen wäre, dann wäre die Verkäuferin ganz traurig gewesen, weil sie es dann nicht mehr zu einem wahnsinnigen Phantasiepreis Leuten mit mehr Geld als Geschmack hätte andrehen können.“ Oder so. Irgendwas, das dem Kind erklärt, dass man fremder Leute Sachen nicht (nur) deshalb nicht kaputt macht, weil sonst Strafe droht, sondern weil es einfach scheiße ist. Weil man Rücksicht nehmen und sich ein bisschen in andere hineinversetzen muss. Weil man einfach kein Arsch sein sollte. Was die Mutter sagte, war asozial, nicht im penneresken, sodnern wahrsten Sinn des Wortes. Wahrscheinlich hatte sie ihr Herz in der Tiefgarage im Handschuhfach des SUVs vergessen und nun schlug ein großer kalterKlumpen Hokey-Pokey-Eis in ihrer Brust …

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(Ich und meine prima Mutter. Ich bin der rechts.)

Der Vater auf dem Humannplatz drei Tage später war eigentlich ein ziemlich sympathisch wirkender Typ. Der Sohn, ebenfalls 4 oder 5, vielleicht auch 3 oder 6, was weiß ich. Er hatte ein paar Stöcker aufgesammelt und spielte damit herum und fing an, damit herumzuschmeißen. Ich war gerade mit Kinderwagen und Tochter Gassi und machte eine Kaffeepause auf der Bank , und einer der Stöcke flog gegen mein Schienenbein. Kein Problem, es war eine Lappalie, der Junge hatte mich auch nicht mit Absicht beworfen. Ich schaute den Vater an und grinste, ging aber schon irgendwie davon aus, dass er seinem Sohn auch sagen würde, dass man ein bisschen aufpassen muss und fremde Leute nicht mit Stöckern beschmeißen darf. Der Mann ignorierte mich vollkommen, mein Friedenspfeifenlächeln ging ins Leere und er schimpfte tatsächlich mit seinem Sohn: „Lass das“, sagte er noch relativ vernünftig und fuhr dann fort: „Wenn du mich triffst, dann gibt’s aber richtig Ärger!“
Im Nachhinein ärgere ich mich sehr, dass ich ihn nicht angesprochen und gefragt habe, ob er das ernst meint, aber in dem Moment war ich einfach sprachlos.

 

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(Ich und mein prima Vater. Als ich das Bild sah, wusste ich auch, von wem ich die Hosenträger habe!)

Was werden das für Kinder?
Um mich, eitel und faul wie ich bin, selbst zu zitieren:

Die Frage, die mir wirklich Sorgen bereitet ist: Was, wenn unser Kind ein Arschloch wird? Ich sehe so viele kleine Arschlöcher rumlaufen und ganz besonders in Berlin Prenzlauer Berg, wo zu wohnen ich das große Pech habe. Tausend kleine Mistbacken die kaum laufen können und schon ein Ego so groß und kalt wie der Mond durch die Gegend schleppen, selbstverliebte, arrogante Mini-Trumps und jedesmal denk ich: Die armen Eltern! Stell dir vor, du freust dich 9 Monate auf ein Kind und dann sowas! Du kannst es ja nicht einfach weggeben oder einstampfen lassen oder kostenlos an Zalando zurücksenden und es nochmal probieren, nein, das Arschloch wohnt dann bei dir, und du musst dich ständig vor anderen Menschen schämen und entschuldigen! Sowas denk ich dann, aber dann sehe ich die Eltern und denke: Oh. Verstehe: Das soll so, das ist genau das, was die wollten – ein Arschloch, um die Familientradition fortzuführen.
Und dann schlägt meine Angst davor, dass unser Kind ein Arschloch wird, in die Angst um, dass unser Kind kein Arschloch wird. Wie soll es denn dann in dieser Welt voller Arschlöcher überleben?

(Der Ausschnitt stammt aus einer Vorlese-Geschichte und wird Eingang in die nächste Kloß und Spinne Folge finden, die eigentlich schon längst fertig sein sollte, aber … hach)

Ich meine das natürlich scherzhaft. Aber vollkommen ernst.
Ich habe oft den (völlig subjektiven und unrepräsentativen) Eindruck, dass es, sei es bei der Kindererziehung, im alltäglichen Miteinander oder in der großen Politik in Richtung Egoismus, Aggressivität und Rücksichtslosigkeit geht.

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(Ist nicht auch die Zukunft eine baufällige Brücke und die Wiege der Menschheit nichts als ein führerloser Kinderwagen, der langsam darauf zurollt?)

Klar war früher nicht alles besser. Ganz früher war sogar alles viel schlechter, außer vielleicht das Wetter. Ich bleibe Optimist und Fan der Menscheit, ich glaube, dass wir uns weiterentwickeln werden (wenn nicht zwischendurch jemand etwas sehr sehr Dummes macht), aber das ist natürlich keine ansteigende Gerade, sondern ein Zickzackdingens wie, weeß icke, der Bitcoin-Kurs und manchmal geht es dann eben auch auf dem steigen Weg nach oben steil nach unten. Oder anders: Das Rad der Geschichte rollt aus der finsteren Vergangenheit nach oben Richtung Licht – aber für die Ameisen auf dem Reifen geht es zwischenzeitlich trotzdem steil bergab und wird sehr sehr ungemütlich.

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(Niemand hatte mich auf diese Begegnung vorbereitet!)

Und vielleicht passiert das gerade. Und wenn das so ist, muss man sein  Kind  auch darauf vorbereiten. Aber vielleicht ist die beste Vorbereitung nicht, es hart und egoistisch zu machen, sondern es die Dinge und Werte zu lehren, denen es draußen nicht mehr unbedingt begegnen wird. Und ihm gleichzeitig zeigen, wann es besser ist, nicht auf sie zu vertrauen.

Aber wie gesagt: Diese Sorgen liegen noch in weiter Ferne, erst einmal muss sie nur glücklich und gesund sein und soviel wie möglich lernen.

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(Hey, das war damals schon ein Oldtimer, so alt, bin ich nun auch wieder nicht!)

 

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3 comments on “Gute Väter, schlechte Väter (Vater sein dagegen … Teil 4)”

  1. Julika

    Wie wahr. Ich denke dasselbe, obwohl ich kein eigenes Kind habe.

  2. Tom

    Du warst aber (als Kind!) auch schon niedlich. Wenn Deine Tochter tatsächlich doppelt so niedlich ist, dann, ja, … muss sie schon sehr niedlich sein.

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