Nettoglück oder: Wenn Du Pech hast, fällt Dir der Stein vom Herzen direkt auf den Fuß

Es gab hier in letzter Zeit wenig Klappradcontent, was daran liegt, dass ich in letzter Zeit sehr wenig mit dem Klapprad unterwegs war aus diversen praktischen Gründen. Das wird sich bald wieder ändern, spätestens, wenn ich Ende des Jahres mit dem Klapprad durchs Auenland fahre – aber dazu komme ich gleich, und ich will ja nicht meinen eigenen Blogbeitrag spoilern.

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(Okay, das Foto hat absolut nichts mit dem Text zu tun. Und es zeigt den Vorraum eines Restaurant-Klos. Und ist nicht besonders interessant oder gut komponiert oder technisch brilliant. Aber ich fands schön und irgendwo muss ich ja damit hin, herrjeh!)

Vor zwei Wochen war ich jedenfalls mal wieder mit dem Klapprad unterwegs und zwar zu einem Auftritt in Arnstadt. Da ich solange ohne unterwegs war, habe ich mir große Sorgen gemacht, dass ich das Rad oder die Fahrradtasche im Zug vergesse und deshalb besonders gut darauf aufgepasst, habe es mir hinter die Ohren geschrieben, aufs Knie tätowiert und Seemannsknoten in jedes einzelne Tempotaschentusch in meiner Hosentasche gemacht, habe in Arnstadt planmäßig Fahrrad und Fahrradtasche gegriffen, beides noch dreimal durchgezählt (es blieb bei jeweils 1), bin ausgestiegen, habe mich aufs Klapprad geschwungen, bin losgefahren und mich kaum fünf Muntern und einen halben Kilometer später daran erinnert, dass mein Rucksack samt Laptop und meiner geliebten Reisegitarre noch im Zug waren …

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(Ich schätze, dass ich in diesem Moment so ziemlich genau denselben Gesichtsausdruck hatte.)

Ich will euch nicht langweilen mit dramatischen Schilderungen des folgenden Herzkaspers, wütenden Ausfällen gegen den Kunden“service“ der DB oder slapstickesken Geschichten darüber, wie ich die abendliche Lesung (die Texte waren zum Glück in der Fahrradtasche) mit Sonnenbrille meisterte und nachts auf dem dunklen Weg in die Pension die Wahl hatte, ob ich nichts sehen will, weil ich keine Brille aufhabe oder weil ich eine Brille aufhabe – die Sonnenbrille eben, denn meine normale Brille war zusammen mit Rucksack, Laptop und Gitarre im Zug weitergefahren.

Zwei Stunden war der RE von Arnstadt noch zu seinem Zielbahnhof Nürnberg unterwegs. Genug Zeit für eine Rettungsmission seitens der Bahn, aber Pustekuchen. In einer großen Stadt mit Bahnhofspersonal wäre vielleicht etwas möglich gewesen, aber auf einem Kleinstadtbahnhof nur mit einem Telefon bewaffnet, erreichst Du niemanden, der Dir helfen kann. Ein völlig sinnloses Telefonat mit dem DB-Fundbüro kostete mich 8 Euro und beinahe den Rest meiner Nerven.

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(Symbolbild Gemütszustand. Nur ohne Blumen.)

Doch dann schlug die Stunde der Slamily! Ich schrieb einen verzweifelten Hilferuf in ein Forum für Slampoeten, in der (begründeten) Hoffnung, dass eine oder einer von ihnen gerade im Zug oder auf einem Bahnhof wäre und dort Personal ansprechen könne, das sich wiederum mit dem Zugpersonal des RE6 nach Würzburg in Verbindung setzen und um Bergung meiner Sachen bitten könnte. Aber es kam noch besser: Slamkollege Philipp schloss mich mit Marie aus Würzburg kurz, die zum Bahnhof fuhr und meine Sachen rettete hurra: 17.58 Uhr kam der Zug in Würzburg an, 17.59 Uhr schickte sie mir ein Foto von meinem Rucksack und meiner Gitarre, 18.00 Uhr konnte ich unendlich erleichtert und mit einem breiten Grinsen im sonnenbebrillten Gesicht meine Lesung in Arnstadt beginnen …

Danke noch einmal an die beiden und an alle, die Daumen gedrückt und sonstwie Anteil genommen haben. Es zeigt sich doch immer wieder, das beim Slam ein guter Teil der nettesten Menschen der Welt unterwegs sind. Und ab und zu ist sogar Facebook mal zu was gut.

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Später an dem Abend fiel mir auf, dass ich jetzt, nach dieser nervenaufreibenden Trottel-Aktion und ihrem Happy End wahrscheinlich glücklicher war und mehr Spaß hatte, als wenn das Ganze nicht passiert wäre.

Auf den Schreck und die zwei Stunden vor der erlösenden Nachricht, auf all die Wie-konnt-ich-nurs, Ach-hätt-ich-dochs und Was-bin-ich-fürs begleitet von kräftigen Handballenschlägen gegen die Stirn hinter der offensichtlich einige Schräubchen locker sind, hätte ich trotzdem gern verzichtet.

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(Ich bin sowieso extrem vergesslich zur Zeit. Ich schieb es mal hoffnungsvoll auf den Schlafmangel. Als ich eine Stunde Zeit hatte, um an diesem Textchen zu schreiben, stellte ich fest, dass ich das Notizbuch vergessen hatte. Zum Glück war der Nackt-Radel-Beitrag im Amsterdamer Stadtmagazin so großzügig gesetzt, dass ich mit etwas weniger ausladender Schrift auch noch rasch die fehlenden Bände von Game of Thrones hätte schreiben können.)

Einer der schönsten Tage meines Lebens war der Tag, an dem ich zur Armee (die bei uns damals noch NVA hieß) musste. Ich fuhr mit dem Zug ans Ende der Welt, genauer gesagt nach Doberlug-Kirchhain. Dort wurde die ganze Zugladung voll junger Männer inklusive mir auf LKWs verfrachtet und zur Kaserne geschafft. Als sich die Tore hinter unserem LKW schlossen, schloss ich für die nächsten 18 Monate mit meinem Leben ab. Eine Stunde später – ich hatte meine Stube, meinen Spind, mein Stockbett zugewiesen bekommen und balancierte gerade im Schlüpfer auf einem Bein, um mir den ASV-Trainingsanzug (der heute cool ist, damals aber nur hässlich war) anzuziehen, als ein Offizier hereinkam und schnauzte: „Genosse Strübing?!“

Ich, kleinlaut: „Ja?“

Er: „Es heißt: Sir, ja, Sir“ – nee, Quatsch, kleiner Scherz, er: „Ziehn se sich wieder um, Sie fahren nach Hause!“

Die zwei Stunden, die ich in der Bahnhofskneipe Doberlug-Kirchhain auf den nächsten Zug zurück nach Berlin warten musste, sind mir als das schönste einsame Besäufnis meines Lebens in Erinnerung. Es stellte sich heraus, dass mein Betrieb Einspruch gegen meine Einberufung erhoben hatte, da sie mich – frisch ausgebildet – nicht hergeben wollten. Dabei waren sie etwas spät dran, so dass die Entscheidung mich und die Kaserne nicht mehr rechtzeitig erreichte. Was für ein Glück, im Nachhinein betrachtet! Hätte ich es drei Tage vorher erfahren, hätte ich mich zwar auch gefreut, wäre aber um eine schö

 

ne Geschichte und mein Lieblingsbesäufnis ärmer.

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(Die schönsten Bilder entstehen doch, wenn man versehentlich auf den Knopf drückt!)

Vielleicht gibt es ja wissenschaftliche Untersuchungen darüber, welches Maß an an erwartetem Unglück oder Ungemach bei seinem überraschenden Nichteintreten das größte Maß an, ich sag mal „Erleichterungsglück“ hervorruft. Man müsste dazu die initiale Verzweiflung genau quantifizieren und sie von der durch das Abwenden der Katastrophe ausgelösten Freude abzuziehen und gucken, ob ein Wert über Null übrig bliebe – diesen Wert könnte man als Nettoglück bezeichnen. Und es ist keineswegs gesagt, dass dieser Wert positiv bleibt, da ist man schnell in den Glücksmiesen, wenn einem der Stein vom Herzen auf den Fuß fällt.

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(Dieser Mann hat erkannt, dass man zum Glücklichsein nicht jeden neumodischen Schnickschnack mitmachen muss.)

Ich glaube nicht, dass Nettoglück übrigbliebe, wenn beispielsweise der Arzt dem Patienten verkündete: „Bulettengroßer Hirntumor, inoperabel, Langspielplatte würde ich nicht mehr kaufen, wie siehts eigentlich mit dem Organspendeausweis aus?“ nur um drei Tage später, wenn der Unglückliche gerade versucht, per Crowdfunding das Geld für eine halbwegs anständige Beerdigung zusammenzubetteln, eine SMS zu verschicken: „War übrigens nur Spaß, Sie wirkten etwas bedrückt, da wollte ich Sie ein bisschen aufmuntern.“

Wie gut, dass Nettoglück auch anders als durch die „Ist das schön, wenn der Schmerz nachlässt“-Methode hergestellt werden. In dem man zum Beispiel, so wie ich vor Kurzem, eine Einladung als Artist in Residence vom Goetheinstitut Neuseeland bekommt.

Aber dieser Text ist schon wieder viel länger als beabsichtigt, darum davon ein andermal mehr ….

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(Einfach so. Tschüß, ihr kleinen Knikmöpse!)

2 Gedanken zu „Nettoglück oder: Wenn Du Pech hast, fällt Dir der Stein vom Herzen direkt auf den Fuß

    • Oh je, da hätte ich auch gleich „Newsgroup“ oder „Toter Briefkasten“ schreiben können. Ich meinte eine Facebookgruppe ;)

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