Weblog & Podcast von Volker Strübing

Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.

Datum: 23.01.08
Kategorien: Science Fiction, Stasi 2.0, Weltall, Erde, Mensch

Eigentlich bin ich ja für Datenschutz und so. Aber manchmal denke ich auch: Scheiß drauf. Da kann man auch gleich gegen die Kontinentaldrift demonstrieren. Daten und Informationen sind einfach da und es werden immer mehr und der Versuch, ihre Erfassung und Verbreitung zu begrenzen ist etwa so sinnvoll, wie es die Versuche waren, die Verbreitung von Büchern zu behindern, nachdem olle Gutenberg erstmal den Teufel aus der Flasche gelassen hatte.

Viele Menschen machen sich wenig Gedanken um ihre Privatsphäre. Wenn erst entsprechende Geräte verfügbar sind – und das sind sie sicher bald – werden wir erleben, dass einige Leute ihr ganzes Leben als Stream online stellen. (Und damit auch Teile des Lebens aller Leute, denen sie begegnen.) Vielleicht schalten sie die kleine Kamera ab, wenn sie auf Klo gehen oder Straftaten bestellen; einige werden aber nicht einmal das tun. Wem die eigene Privatspähre egal ist, der wird sich auch schwer damit tun, die Privatspähre anderer zu respektieren. Vielleicht wird diese Entwicklung zu einem größeren Problem für den Datenschutz als die Überwachung durch den Staat oder die Datensammelwut der Marketingabteilungen.

Vor einiger Zeit habe ich mal eine längere SF-Geschichte zu dem Thema geschrieben. Hier ist ein kurzer Ausschnitt, eine Art Hintergrundtext zur eigentlichen Geschichte: Little Big Brothers

Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen.

(F.L., 2016)

Vielleicht ist es ja wichtiger, für die Freiheit von Information zu kämpfen, als zu versuchen sie zu “schützen” und zu verhindern? Das gruslige an der Vorstellung einer Orwell’schen Zukunft ist doch vor allem die Tatsache, dass man der Beobachtung durch ein repressives System ausgesetzt ist, oder? Klar, uns wird es schwer fallen, auf die Privatsphäre zu verzichten, weil wir mit dem Glauben aufgewachsen sind, sie sei ein grundlegendes Menschenrecht. Weil wir daran gewöhnt sind. Aber vielleicht werden unsere Enkel einmal den Kopf darüber schütteln.

Ich denke oft über dieses Thema nach. Heute bin ich wegen einer Nachricht aus Amerika darauf gekommen:

Für 999 Dollar und jede Menge Speichel: Künftig kann sich jeder seine Gene via Internet analysieren lassen – und Auskunft über Erbkrankheiten erhalten.

Hanno Charisius / Süddeutsche Zeitung

Im ganzen Artikel findet sich kein Hinweis darauf, dass man nachweisen muss, dass das eingesandte Material von einem selbst stammt. Der Umstand, dass man einen ziemlich fetten Spuckeflatsch einschicken muss, bringt immerhin eine gewisse Sicherheit vor Gendatenpiraten mit sich. Aber schon bald ist das vielleicht schon mit einem eingesandten Haar möglich.
Mit etwas Geschick sollte es immerhin möglich sein, der Freundin oder dem Freund das benötigte Material abzuluchsen. Dann kann man sie oder ihn zum Geburtstag überraschen mit einer Analyse ihrer oder seiner Wahrscheinlichkeit an Brust- oder Postatakrebs zu erkranken. Das gibt ein Hallo!

(Volker Strübing)

13 thoughts on “Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.

  1. Hm, auf jeden Fall ein interessantes Thema. Immerhin kann ich für mich behaupten, dass mir die Diskrepanz zwischen einem transparenten Staat und dem recht auf Privatsphäre schon einmal aufgefallen ist. Nur habe ich noch nie daraus abgeleitet, dass wir unser Verhältnis zur Privatsphäre überdenken sollten. Dabei liegt es auf der Hand, dass der 100%ige Schutz der Privatsphäre genauso negative Auswirkungen hat wie der gläserene Mensch. Mir fallen da zum Beispiel die Stasi-Akten ein, aus denen man nicht entnehmen kann, wer denn nun genau von seinen Freunden einen angeschwärzt hat.

    Ich merke schon, da muss ich drüber nachdenken, bevor ich sagen kann, auf welcher Seite der Medaille ich den Schatten sehe.^^

  2. Es gibt einen Film, da filmt sich ein Kerl 24 Stunden am Tag, weil er mal zu Unrecht eines Verbrechens angeklagt wurde; er filmt sich also die ganze Zeit und archiviert das Material, um zu beweisen, dass er es nicht war, wenn er wieder angeklagt werden sollte.
    Geht natürlich schief, weil dann genau die Kassetten fehlen; wie das halt so ist.

    Der Film heißt “Freeze Frame”.

  3. … mhhh
    Ich habe drüber nachgedacht. Intensiv sogar, weil ich aktuell an einem Gas Chromatographen sitze und immer zwei Minuten nichts zu tun habe und danach drei Minuten arbeiten muss.

    Ich bin sogar zu einem Ergebnis gekommen.
    NEIN. Die Privatsphäre aufzugeben würde bedeuten sich selber aufzugeben. Privatsphäre heißt Individualität und selbst im Faschismus und im JKommunismus hatte man noch Privatsphäre, nicht viel aber es gab sie noch. Diese Privatsphäre ist sozusagen unantastbar. Man kann unsere Daten aufnehmen, sie archivieren, aber wenn es soweit ist, dass man alles über Jemanden in erfahrung bringen könnte ( und nichts anderes ist es die Privatsphäre aufzugeben, wobei ich weiß das dies auch heutzutage möglich wäre) würde es immer Wiederstand geben.

    Ich denke jeder Mensch spürt innerlich, dass es nicht gut ist die Privatsphäre aufzugeben und Daten frei erhältlich zu belassen.

    Meines Erachtens also eine Utopie. Besser als eine Orwell´sche aber nicht besser als jetzt ^^.

  4. Ich denke auch, was HevoB sagt. Ein Gaschromatograhph ist übrigens ein tolles spielzeug … leider durfte ich selbst noch nicht damit rumspielen … ;D

    Zum Thema:
    die Aufgabe der Privatsphäre ist doch letztendlich , das man kein Ort der Ruhe, Geborgenheit und Selbstentfaltung hat … die Dinge womit ich Privatsphäre verbinde.

    So wie das Klo … wo man für sich in Ruhe nachdenken kann, von kein gestört wird, frei von den Einflüssen und letztendlich unabhängig der Manipulation der Welt um sich ist.
    Um wenigsten für ein Moment die Möglichkeit hat eigene Gedanken zu schaffen und den Blick über den Tellerrand zu werfen, ohne das wer dazwischen funkt … wie auch immer das aussieht.

    Wie würde eine Welt ohne die möglichkeit aussehen sich zurück zu ziehen und sich selbst zu entfalten ?
    Man würde ständig von anderen kritisiert werden … und schließlich richtet man sich nach den Kritiken.
    Man wird mehr zu der “Einheitsmasse” da draußen, als wir es heute schon sind, da wir uns zwangsläufig der Masse anpassen.

    Den ein oder anderen gefällt es ein teil dieser Einheitsmasse zu sein … mir nicht.

    Ist ein thema, über das man lange philosophieren kann …

  5. Huiui, so ein komplexes Thema.
    Jayman spricht die Privatsphäre an. Yep, ich glaub da muss man ansetzen. Wenn von Datenschutz die Rede ist, ist doch eigentlich die Privatsphäre gemeint, die eines Schutzes bedarf.
    Ich denke, Volker, du sprichst in deinem Post einerseits von den lieben Mitmenschen, denen ihre eigene Privatsphäre und damit auch die der anderen schnuppe ist. Auch wenn es zunächst wie eine Horrovision anmutet, hast du mit den Kamerabrillen (im Kurzgeschichtenauszug) garantiert ein reales Zukunftsbild gezeichnet. Furchtbar, aber sicher ist diese Entwicklung unaufhaltsam, da stimme ich dir zu. Aber andererseits, und da denke ich, muss ich deinem Plädoyer für die Freiheit der Daten widersprechen ;) Andererseits sollte gegen die Datenmessies protestiert werden. Was soll der Quatsch, sämtliche (!!) Telefonate mitzuschneiden und ein halbes Jahr zu speichern?? Schlimm wird’s doch erst, wenn man von der Überwachung nichts mehr so richtig mitbekommt. Genau das ist doch der Beginn dafür, dass man paranoid wird, werden muss. Es geht auch nicht nur um das Recht auf informationelle Selbstauskunft, es geht um Freiheit und Authentizität. Wer sich überwacht fühlt, ist nicht mehr er selbst. Und das sieht man auch in den Web 2.0er Netzwerken. Was wird da geposed und sich profiliert, gelästert und geglotzt. Ekelerregend. Aber endlich beginne ich zu verstehen, was es mit dem ‘global village’ auf sich hat. Die ganze Welt wird ein Dorf sein, wo jeder (vermeintlich!) jeden kennt. Wo jeder über jeden spricht, wo andere einen besser kennen, als man sich selbst. Früher konnte man wenigstens noch in die Großstadt ziehen …
    Ähm, wo entlang bitte geht’s zur nächsten Galaxie?
    (auweia, jetzt hab ich etwas die Kommentarfunktion gesprengt, sorry)

  6. Schrecklich guter gedanke und ich denke nicht allzuweit entfernt… ich bin ja jetzt schon paranoid … was soll erst in zwanzig Jahren aus mir werden? o.ò

    Lg

    PS: tja es ist halt geil wenn man für sein frisch reingestelltes Leben dann doch die vollen fünf Punkte oder Sternchen oder Rinder bekommt da hat man doch mal was erreicht ! …

  7. Ich denke wir müssen uns tatsächlich die Frage stellen, wie wir mit unserer Datensicherheit umgehen wollen. Denn es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass wir sogut auf unsere Daten in der Festplatte aufpassen können, wie auf die im Tagebuch im Nachttisch.
    Es wird also (nach meiner Einschätzung) unweigerlich dazu kommen, dass Teile unserer Privatsphäre an Menschen gelangen, denen wir diese eigentlich erst garnicht anvertrauen wollen.
    Ich denke in jedem Zeitalter galt:
    Information = Macht,
    das ist insbesondere auch heute so. Wer mehr über seine Mitmenschen weiß, hat bessere Chancen diese einzuschätzen oder zu manipulieren und auszunutzen.
    Somit ist die Frage durchaus berechtigt, ob es dann nicht viel sinnvoller ist, dass dann wenigstens alle meine Daten besitzen, als nur eine kleine Minderheit (weil dadurch reduziert sich ja diese Macht der Minderheit, da alle über das Wissen verfügen)

    Aber angehm find ich den Gedanken dennoch nicht.

  8. naja Wissen ist auch macht! Dennoch meiden viele Menschen Bibliotheken und richtige Zeitungen. Nur weil deine Daten, wenn es so kommen würde, jedem zugänglich wären würden dennoch nur ein kleiner Teil auf diese zurückgreifen.

  9. Warum haben immer alle Angst ihr “Individualität” einzubüßen?
    Der Alltag gleicht sich bei den meisten Menschen ohnehin schon: Klamotten von H&M, Fressen vom Aldi, Combi von VW, Urlaub ausm Katalog – aber kacken wollen alle alleine..
    Der einzige Unterschied im allgemeinen Dahinvegetieren ist oft nur der Name der Digitalkamera, die die Alltagsbanalitäten dokumentieren darf.
    Die Angst der meisten Menschen bezieht sich nicht auf den vermeintlichen Verlust der Identität, sondern auf den Verlust der Ausrede warum man nicht zur großen, bösen, angepassten Masse gehört.
    An alle achso kreativen Individualisten, deren Schöpfungseifer sich darauf beschränk schlecht gelaunt und fleischverweigernd durch die Welt zu ziehen: Fickt euch, ihr seid so individuell, wie das, was ich allein auf dem Klo produziere!

    ach ja: ein Gaschromatograph ist so ziemlich das langweiligste, was ich mir vorstellen kann..

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