Weblog & Podcast von Volker Strübing

Die neuen 80er

Datum: 5.10.20
Kategorien: Weltuntergang, Weltverbesserung, Zukunft

In den letzten Jahren ist es modern geworden, unsere Zeit mit „Weimar“ bzw. den 20er-Jahren des 20.Jahrhunderts zu vergleichen. Und, ohne es direkt auszusprechen, daran zu erinnern, dass nach den 20er Jahren die 30er kamen. Und die Parallelen drängeln sich ja wirklich auf. Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg des Faschismus und ein wilder Tanz auf dem Vulkan mit Bananen um die Hüften (was immer auch das Pendant dazu bei TikTok sein mag). Das ist ein Vergleich, der uns wahrscheinlich aufrütteln soll, aber ich fürchte, er erreicht bei vielen genau das Gegenteil. Er deprimiert, verängstigt und lähmt. Und vor hundert Jahren war schließlich auch alles vergebens, was soll das also alles?!
Der Vergleich weckt vor allem das Bedürfnis, die Klopapiervorräte aufzustocken, sich eine Papiertüte über den Kopf zu ziehen und zu überlegen, wie man am besten durch die bevorstehenden finsteren Zeiten kommt. Oder den Wunsch, einfach dicht zu machen, die Welt zu ignorieren und mit Bananen um die Hüften auf dem Vulkan zu tanzen. Ich habe beides ausprobiert (letzteres aus Kostengründen mit Möhren statt Bananen) und beides hat mich nicht wirklich befriedigt.

(Mehr als genug!)

Aber vielleicht ist der Vergleich ja auch einfach falsch! Vielleicht leben wir gar nicht in den neuen 20ern (jaja, das tun wir natürlich, weil: 2020, aber ihr versteht schon), vielleicht leben wir in den neuen 80ern!

Mal sehen. Die 80er Jahre haben die schlimmste Popmusik hervorgebracht (Saxophon-Solos! Hall auf Snaredrums! Modern Talking! Die Toten Hosen!). Die 80er Jahre haben aber auch die beste Popmusik hervorgebracht (ich muss es wissen, ich hatte sie auf Kassette!). Das ist also schon mal kein Match denn die Popmusik von heute hat mir nur gezeigt, dass das, was ich einmal für die schlimmste Popmusik der Welt hielt (Saxophon-Solos! Hall auf Snaredrums! Modern Talking! Die Toten Hosen!) so schlimm nun auch wieder nicht war, wenn man es vergleicht mit diesem schlecht gereimten Mist voller Pathos, Selbstmitleid, Selbstgerechtigkeit und „ich bin so ich, dass ich sonst gar nichts bin und ihr habt mir sowieso nüscht zu sagen, ätsch!“, der heute als Deutschpop durchgeht.

Das selbe gilt für die Mode: Die Schulterpolster und Frisuren waren das hässlichste, was Menschen je am Leib trugen, zumindest bis es losging mit diesen komischen Bauchnabelhosen bei Frauen und unbesockten, haarigen Hipsterfüßen in Sneakers an Hochwasserhosen –  aber lassen wir das!

Ich will mich nicht als Mode- und Musikkritiker profilieren und muss fairerweise auch eingestehen, dass es sicher kein gutes Zeichen wäre, wenn ein mittelalter Mann wie ich die heutige Popmusik und Mode gut fände.

Die 80er waren eine Zeit, wo großer technischer Fortschritt auf großen Pessimismus traf. Das Space Shuttle flog ins All, Computer sickerten in den Alltag und selbst bei uns im Osten verschwanden langsam die Schwarzweißfernseher. Die Kassette machte praktisch alle Musik für jeden überall verfügbar, die Musikindustrie sah sich selbst zum ersten Mal sterben und die alten Leute sahen eine Zeit voraus, in der die Menschen nicht mehr miteinander reden würden, weil sie die ganze Zeit Walkman-Kopfhörer auf den Ohren haben würden.
Und gleichzeitig war es die Zeit von „No Future“ und der Angst vor dem Atomkrieg, die Zeit von Waldsterben und „Ohohoho Tschernobüll, das letzte Signal vor dem Overkill“ (ganz schlimmes Lied von Wolf Mahn, aber ich wollte ja nicht mehr über schlechte Popmusik schreiben …).

In meinem Freundeskreis machte ein Buch die Runde, das irgendwie seinen Weg über die Mauer zu uns gefunden hatte: „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit.“ Ich glaube, ich habe im Schnipselfunk schon einmal davon erzählt. Es war ein Buch, dass mich damals sehr beeidruckt und beeinflusst hat und an dass ich in letzter Zeit wieder öfter denken musste. Das Buch stammte von Hoymar von Ditfuhrt und der Titel bezog sich auf einen Ausspruch Martin Luthers: „Wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Es war soweit. Es war 1988 und morgen würde die Welt untergehen.

(Symbolbild)

Das Buch beschrieb nicht nur die Gefahren vor denen die Menschheit stand, sondern erklärte auch ausführlich und überzeugend anhand von geschichtlichen, psychologischen und biologischen Überlegungen, warum das Ende unausweichlich war und wir nicht in der Lage sein würden, die Welt zu retten.
Die Frage war eigentlich nur noch, ob uns zuerst der saure Regen, das Ozonloch oder die „gegenseitig zugesicherte Zerstörung“ den Garaus machen würde.

Und das war (neben einigen Liedern) sicher das beste an den 80ern: Dass das Morgen, vor dem wir uns damals fürchteten nicht eingetreten ist.
Dabei waren all diese Gefahren real. Heute macht man sich manchmal lustig über die Angst vor dem Waldsterben oder zieht sie sogar als Argument heran, nach dem Muster „Ach, die Klimakatastrophe ist doch wieder nur so ein Hype wie der saure Regen in den 80ern“. Aber der Wald starb. Und dass wir über die Ängste von damals heute lachen können, liegt nur daran, dass es genug Menschen gab, die den Glauben an die Zukunft nicht verloren hatten. Die auf die Straße gingen und oft genug ins Gefängnis. Die redeten und schrieben und demonstrierten und überzeugten und Apfelbäume pflanzten, um sie zusammen mit ihren Kindern wachsen zu sehen.

Und statt dem Weltuntergang bekamen wir Rauchgasentschwefelungsanlagen, ein FCKW-Verbot, ein Deutschland ohne Mauern und das Ende des kalten Krieges.

Und dann … dann kamen die 90er und das Märchen vom „Ende der Geschichte“, vom Ende der Utopien und Träume, wer brauchte noch Träume, wenn es Gratispornos im Internet gab und Billigflüge und Konsum bis zum Abwinken. Und wir hörten auf groß zu träumen und nach- und vorauszudenken. Wer braucht Utopia, wenn Qualityland zum Greifen nah ist?

Und heute haben wir Trolle, Trump und Terroristen und Bundestagsmitarbeiter, die von Erschießen und Vergasen reden. Die Bäume sterben wieder, die Klimakatastrophe ist da, eine Pandemie tötet hunderttausende und wirft Millionen in die Armut zurück. Wir schlittern von Krise zu Krise und der nächste große Krieg ist immer nur ein Missverständnis, eine Provokation, einen großmäuligen Tweet entfernt.

Alles scheint sich im Kreis zu drehen, alles was erreicht war scheint verloren zu gehen, willkommen zurück in den 80ern, am Vorabend des Weltuntergangs.

Die beste Zeit, um zu verzweifeln. Und genau deshalb die schlechteste Zeit zum Verzweifeln.

(Bitte ignorieren Sie dieses uangemessen kitschige Bild.)

Denn wenn uns etwas retten kann, dann die Hoffnung und der Glaube, dass morgen alles besser wird als heute und dass selbst heute nicht alles schlechter ist als gestern. Während es an sovielen Stellen schwelt und bröckelt, werden an anderer Stelle Fortschritte gemacht.

Die Welt ist in fast jeder Hinsicht besser als 1988 oder 1920. Reicher, satter, freier, demokratischer, gesünder, ja, sogar friedlicher.
Ich glaube an die Evolution der Gesellschaft.

Ich glaube das alles besser, aber niemals alles gut werden kann. Es gibt keinen geradlinigen Weg hin zu einer perfekten Welt, wie es sich die Kommunisten erträumt haben – und wie langweilig wäre das auch?!
Die biologische Evolution hat auch keinen photosythetisierenden, hyperintelligenten und gutherzigen Idealmenschen hervorgebracht, sondern mit Versuch und Irrtum ein zerbrechliches, fleischfressendes, furzendes Ding zusammengeschustert, mit Blinddarm und Haarausfall und einem dringend upgrade-bedürftigen Gehirn.
Aber wenn wir eins aus der Evolution lernen können, dann, dass sie vielleicht manchmal falsch abbiegt und eher einem mit Matsch spielende Kind als einem intelligenten Designer gleicht, aber dass sie sich niemals umkehrt.
Und auch wenn sich die Menschheit nicht auf dem direkten Weg in ein irdisches Paradies befindet, werden wir doch nicht wieder kehrtmachen, den Hexenhammer hervorholen, die Sklaverei offiziell wieder einführen oder Mammuts jagen.

Für einen Punkt auf einem Rad, fühlt es sich so an, als würde er sich immer nur im Kreis drehen, als würde auf jedes Auf ein Ab, auf jedes Vor ein Zurück folgen, als wäre alles vergebens – obwohl der ganze Wagen immer weiter vorwärts rollt.

„Wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen“ ist kein Satz der Verzweiflung, sondern ein Satz über Hoffnung, Trotz und Stärke.

Die Apfelbäume, die in den 80ern am Vorabend des unvermeidlichen Weltunterganges gepflanzt wurden tragen schon lange Früchte. Anfang der Woche haben meine Töchter Kastanien gesammelt. Wir haben sie in nasse Watte gepackt und wenn die ersten Triebe kommen, werden wir sie einpflanzen und ihnen beim Wachsen zuschauen. Mal sehen, wie groß sie werden, bis die Welt untergeht.

Und wenn es dann soweit ist, war trotzdem jeder Tag ein Geschenk, war kein Wort und keine Tat und kein gepflanzter Baum umsonst, haben wir trotzdem geliebt, gelitten, gehofft, gezweifelt, versagt und gewonnen und gelebt.

„Wir haben es versucht“ sind soviel bessere letzte Worte als „Hab ich ja gleich gesagt.“


Als Alternative zu „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ hier drei unbedingte Leseempfehlungen (zu denen ich möglicherweise noch einmal extra etwas schreiben werde)

– Rutger Bregman „Im Grunde gut“
– Rutger Bregman „Utopien für Realisten“
– Steve Pinker „Aufklärung jetzt!“

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