Nachdem ich in China vom Erdbeben kaum etwas mitbekommen habe, hat es mich dann auf dem Heimflug erwischt. Ich hatte mir eine englischsprachige chinesische Zeitung gekauft, in der 12 Seiten mit Berichten und Reportagen und Schicksalsgeschichten drinstanden. Schrecklich. Die Vorstellung, dass hunderte Kinder unter einer Schule begraben werden, dass ihre Angehoerigen vor den Truemmern stehen und Schreie hoeren und miterleben muessen, wie diese Schreie verstummen und der Gestank immer schlimmer wird und die Rettungskraefte schließlich Desinfektionsmittel auf die Truemmer gießen … das ist eigentlich fast nicht zu ertragen. Zum Glueck hat man sich ja im Laufe des Lebens so eine Art emotionale Firewall angeschafft, die einen auch die schlimmsten Nachrichten in Fernsehen oder Presse relativ unbewegt zur Kenntnis nehmen laesst. Kurz den Kopf schuetteln, seufzen, „schlimm, schlimm, schlimm“ murmeln und dann geht das normale Leben auch schon weiter.
Meine Firewall braucht wohl gerade ein Update. Irgendwie ging mir das ganz schoen an die Nieren. Auch als ich am Montag einen Bericht ueber Streubomben sah und ein kleines libanesisches Maedchen mit relativ ruhiger Stimme erzaehlte, wie es beim Spielen die Finger einer Hand durch ein Blindgaenger verloren hat … und dann zu weinen begann, als es hinzufuegte, dass die anderen Kinder sie jetzt deswegen auslachen wuerden. Und sie schien sich verzweifelt zu fragen, was sie getan hat, wofuer man sie bestraft hat und wann alles wieder gut wird.
Wie kann es irgendeine Rechtfertigung fuer so etwas geben? Der Einsatz von Munition mit einer bekanntermaßen derart hohen „Kollateralschadensquote“ ist eigentlich auch beim besten Willen nicht mehr durch irgendein Selbstverteidigungrecht zu entschuldigen. (Zugegebenermaßen ist ein solcher Standpunkt recht bequem, solange man nicht in einem Land lebt, das wie Israel unter dauernden Angriffen und Attentaten zu leiden hat – obwohl ich hoffe, das auch die meisten Israelis der Meinung sind, dass Streubomben nicht das richtige Mittel sind, um ihr Land zu schuetzen.)
(Volker Struebing)
Schreibe einen Kommentar