Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehört zu meinen Lieblingszeitungen. Wenn man den Sport- und Immobilienteil sowie die Anzeigen aussortiert hat, bleibt immer noch viel Lesenswertes übrig. Dass sie eher konservativ ist und ich mit vielem nicht übereinstimme, stört mich nicht. Ich will nicht immer nur Sachen lesen, die meine Meinung bestätigen, denn das würde nur dumm machen.
In der Ausgabe von gestern war ein Beitrag, der mich erst sehr geärgert hat, den ich dann aber doch sehr spaßig und informativ fand. Er stammte von Georg Meck, hieß „Ein Hoch auf das Wachstum“ und war ein sehr gutes Beispiel für eine argumentfreie Polemik. Einige beliebte Techniken der politischen Agitation werden in ihm vorbildlich durchexerziert:
1. Den Gegner und seine Argumente lächerlich machen. Gerne auf leicht ironische, beinahe liebevolle Art, weil das so sympathisch rüberkommt:
Wenn die Thesen schon nicht knackfrisch sind, dann hilft wenigstens ein hübsches Gesicht. Das Hemd weit geöffnte, stürzt sich der Philosoph und Bestselllerautor Richard David Precht auf die die Ökonomie und erklärt, wie Markt und Moral sich vertragen. Schlecht nämlich, urteilt er und greift tief in die 70er-Jahre-Kiste: „Wir vergiften die Athmosphäre, plündern den Planeten.“ So oder ähnlich gehört das Standardrepertoire aller Katastrophenpropheten seit […] bald 40 Jahren.
R.D.Precht muss im Artikel als Vorzeigebuhmann herhalten. Auf dem kleinen Foto unten auf der Seite sieht er gar nicht so hübsch aus, aber es ging dem Autoren ja auch nicht darum, Precht zu schmeicheln, sondern das „hübsche Gesicht“ dient der Diffarmierung der Thesen des Gesichtbesitzers. Warum die Vergiftung der Athmosphäre und die Ausplünderung des Planeten eine 70er-Jahre-Kiste seien sollen (und warum er die Gelegenheit, vor die „Kiste“ noch die „Motten“ zu setzen, entgehen ließ), verrät Georg Meck leider nicht, aber für eine Polemik reicht eben auch eine einfache Herabsetzung. Genausogut könnte man auch gegen die Aids-Prävention wettern, denn schließlich ist Aids ja eine 80er-Jahre-Kiste. Und warum redet man eigentlich noch über Terrorgefahr, das ist doch sowas von 2001!
2. Ein vollkommen sinnloses, aber herrlich hemdsärmeliges und stammtischkompatibles Gegenargument bringen:
Nun ist der Weltuntergang bisher gottlob ausgefallen, auch Wälder und Flüsse halten sich tapferer als befürchtet.
Das die Welt bisher nicht untergangen ist, ist ohne jeden Zweifel richtig. Meck erinnert mich hier ein bisschen an Spinne, der in irgendeiner Kloß-und-Spinne-Episode auf Kloß‘ Behauptung, wir alle müssten irgendwann sterben, antwortet: „Ich nicht. Das glaub ich nicht. Das glaub ich erst, wenn ich tot bin!“
Außerdem führt er hier auch die dritte Argumentationstechnik vor:
3. Die Aussagen des Gegners verzerren:
Nun habe ich Precht nicht gelesen oder gehört, aber normalerweise verkünden Menschen, die sich gegen die Ideologie des permanenten Wachstums aussprechen, nicht den anstehenden Weltuntergang im Sinne der Apokalypse, des Aussterbens der Menschheit oder der Explosion unseres Planeten. Sie warnen meist vor einem Zusammenbrechen von Öko- und Gesellschaftssystemen, vor Kriegen um Ressourcen, vor millionenfachem Tod und Leid durch Hunger, Überschwemmungen, Dürren, Bürgerkriegen. Das alles ist natürlich kein Weltuntergang, aber irgendwie doof ist es ja doch, oder?!
4. Zwei halbe Wahrheiten sind so gut wie eine ganze:
Nur die Kulturpessimisten nölen […] Sie bezweifeln, dass das BIP, die Summe aller Waren und Dienstleistungen, als Maßstab für Wohlstand taugt. Die Zufriedenheit der Leute werde nicht erfasst, wenden sie ein, was stimmt, aber nie der Anspruch war: Das BIP bemisst das Volkseinkommen, nicht das Volksglück – nur bestehen da gewisse Zusammenhänge.
Es ist natürlich so, dass die nölenden Kulturpessimisten in der Regel nicht leugnen, dass das BIP als Maßstab für Wohlstand taugt, sondern sagen, dass der (materielle) Wohlstand nicht als Maßstab für die Zufriedenheit der Menschen taugt. Und man muss schon fragen, wozu Wohlstand gut sein soll, wenn er die Menschen nicht glücklicher macht. Es stimmt zwar auch, dass es zwischen BIP und Zufriedenheit gewisse Zusammenhänge gibt, wie Meck schreibt, aber nach allem, was ich zu diesem Thema gelesen habe, scheint dies kein linearer Zusammenhang zu sein: Bis zu einem bestimmten Punkt führt mehr Einkommen und Wohlstand zu mehr Glück, ist dieser Punkt jedoch erreicht, ist die Glückszunahme durch Einkommenssteigerung höchstens noch kurzfristig und minimal. In den Industriegesellschaften haben wir diesen Punkt längst überschritten.
Im Folgenden werden diese vier Techniken munter kombiniert. Punkt 3 (Aussagen verzerren) scheint jedoch Mecks Lieblingsmethode zu sein:
Es geht auch ohne Wachstum, Schluss damit, fordert […] eine wohlstandsverwöhnte Fraktion im Westen. […] Was wohl der chinesische Wanderarbeiter dazu sagen würde? Oder der indische Bauer? Oder nur der Hartz-IV-Empfänger in Lüdenscheid?
Das ist schon ziemlich garstig! Niemand will, dass Wanderarbeiter und indische Bauern weiter im Elend leben sollen. Aber ist sinnloser Konsum und die alte 70er-Jahre-Kiste der Vergiftung der Athmosphäre und der Ausplünderung des Planeten wirklich der einzige oder auch nur ein gangbarer Weg, um sie da rauszuholen? Müssen wir (materiell) immer reicher werden, um den Ärmsten zu helfen? Und sind die Wanderarbeiter und die selbstmordgefährdeten indischen Bauern nicht notwendig, um unseren Reichtum zu erhalten? Denn dieser bemisst sich ja immer auch in Relation zu den Ärmeren und beruht unter anderem darauf, dass irgendwelche armen Schweine für uns zu einem Hungerlohn Handys und Computer zusammenschrauben, dass Kindersklaven den kakao für die Kinderschokolade ernten etc.
Und der Hartz-IV-Empfänger in Lüdenscheid? Wachstumsgegner sind normalerweise nicht dafür, Hartz-IV zu kürzen – solchge Vorschläge kommen eher aus konservativen und liberalen Ecken. Wer sich gegen immer mehr Wachstum ausspricht, spricht sich meist auch gegen immer größere Ungleichheit aus – und das könnte dem Arbeitslosen aus Lüdenscheid sehr wohl gefallen.
Zum Schluss schießt Meck Precht endgültig ab:
Es dürfe vermutet werden, so schreibt [Precht], „dass es auch im Realsozialismus alles in allem zufriedene Menschen gab, denen es nicht viel ausmachte, dass ihr Lebensstandard in den 1980er Jahren nicht mehr anstieg.“ Aha, endlich ist es raus.
… und Precht ist auf eine Stufe mit dem SED-Regime gestellt. Ich habe Precht wie gesagt nicht gelesen, aber ich gehe davon aus, dass das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist, und dass Precht nicht die Wiedereinsetzung einer Planwirtschaft nach DDR-Vorbild fordert. Irren tut sich Precht übrigens trotzdem: Es hat den Menschen viel ausgemacht, insbesondere, da sie immer das Wohlstandparadies im Westen vor Augen hatten. Ich bin überzeugt, dass in den Osten geschmuggelte Otto-Kataloge und das Werbefernsehen einen größeren Beitrag zur Wende geleistet haben, als alle Bürgerrechtsbewegungen.
(VS)
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