Gestern Nacht bin ich mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Mir gegenüber saß ein dummes Pärchen. Dass sie dumm waren, habe ich daran erkannt, dass sie mich für dumm hielten. Nein, falsch: Daran, dass sie mich aus den falschen Gründen für dumm hielten.
Die beiden waren die üblichen Prenzlauer-Berg-Standard-Individualisten und teilten sich einen Döner. Hinterher wurschtelte sich der Typ mit seinen Knoblauchsoßenfingern in den ohnehin schon fettigen Haaren herum, wobei er sich in der Fensterscheibe beobachtete und bizarrerweise mit dem Ergebnis zufrieden war, worin ihn seine geschmacksverwirrte Freundin auch noch bestärkte. Ich schätze, die beiden machen irgendwas unbedeutendes mit Medien oder was Kreatives. Seit jemand den Begriff „digitale Bohéme“ erfunden hat, wissen sie endlich, was sie sagen sollen, wenn ihre in Wuppertal verbliebenen alten Freunde fragen, was sie eigentlich so machen. Bestimmt benutzen sie Mac-Laptops. Wenn Leute Macs benutzen, vermute ich sofort, dass sie mangelnde Fähigkeiten oder Ideen durch die Verwendung dieses als Kreativen-Accessoire geltenden Rechners kompensieren wollen. Es gibt sicher auch wirklich kreative Menschen, vielleicht sogar einige Genies, die aus irgendwelchen Gründen Macs nutzen, aber schließlich gibt es auch Nazis, die gut kochen können. (Wenn ich mal sehr viel Zeit habe, denke ich darüber nach, ob das ein guter Vergleich ist. Und was ich eigentlich damit sagen will.)
Vielleicht bin ich dem Pärchen gegenüber ungerecht. Aber das ist gerecht so. Die haben mich nämlich für dumm gehalten. Aus dem falschen Grund. Sogar aus einem doppelt falschen Grund.
Ich habe in der Straßenbahn gelesen. Irgendwann, zum Glück kurz vor der Endhaltestelle, verdrehte die Frau den Kopf und den Körper, um zu sehen, was ich da lese, dann richtete sie sich wieder auf, sagte mit hochgezogenen Augenbrauen „Dan Brown“, und die beiden verzogen wissend die Gesichter …
Nun kann man von Dan Brown halten was man will. Am besten nicht allzu viel. Ich habe 2 Bücher von ihm gelesen; das erste fand ich spannend, blödsinnig, amüsant und beeindruckend. Letzteres, weil ich noch nie etwas gelesen habe, dass so konsequent und skrupelos auf Spannung und Cliffhanger hin geschrieben war, noch nie so eine Sturzflut von überraschenden Wendungen am Schluss erlebt hatte, und weil mir die Furchtlosigkeit des Autors klischeehaften Figuren gegenüber einigen Respekt abnötigte. Nachdem ich das Konstruktionsprinzip halbwegs verstanden hatte, fand ich das zweite Buch ziemlich langweilig.
Trotzdem ist es dumm, jemanden für dumm oder unterbelichtet zu halten, weil er Dan Brown liest. Für Schriftsteller sind seine Bücher tolles Anschauungsmaterial, für alle anderen prima Gehirnausschalter – und dass man das Gehirn ab und zu mal ausschalten will, setzt ja schon voraus, dass man es gelegentlich intensiv benutzt.
Besonders peinlich ist es natürlich, dass die Frau ihre eigenen Wissenslücken nutzte, um mich wegen meiner Lektüre herablassend anschauen zu können. Ihr eigener Horizont ging nicht über Dan Brown hinaus. Von Dan Simmons oder Dan Richter hat die Frau noch nie gehört, sie schien nicht einmal die Existenz anderer Dans in Erwägung zu ziehen …
Ich hatte kurz überlegt, ob ich „Das ist nicht von Dan Brown“ sage. Hab’s nicht gemacht. Erstens war ich zu schüchtern, zweitens fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass es überhaupt keinen Grund gab, mich zu verteidigen. Wenn dumme Leute einen für dumm halten, ist das doch eigentlich ein gutes Zeichen …
(Volker Strübing)
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