Ich bin ein großer Freund des Deutsche-Bahn-Kaffees, und dies sage ich ohne jede Ironie. Die Bahn mag ihre Probleme haben mit der Wagenreihung, mit Klimaanlagen und der deutschen Sprache (kürzlich wurde in einer Ansage statt des ohnehin schon schlimmen „Personenschadens“ das seltsame Wort „Personenüberfahrung“ benutzt), aber Kaffeekochen, das kann sie, die Deutsche Bahn. Ein einfacher, ehrlicher Filterkaffee, nicht zu bitter, mit angenehmer Säure, wie man ihn in Cafés kaum noch bekommt, denn allenthalben wird mit sündhaft teuren Maschinen Espresso mit Wasser verdünnt. Mit Kaffee hat das nichts gemein, es handelt sich vielmehr um verdünnten Espresso. Bloß weil beides aus Kaffeebohnen hergestellt wird, ist es doch längst noch nicht dasselbe! Wenn ich einen Wein bestelle, will ich ja auch nicht, dass man mir einen Weinbrand mit Wasser verdünnt und dann sagt: Wieso? Wird doch beides aus Trauben gemacht!
Bevor mich jemand falsch versteht: Ich habe nichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Einige meiner besten Freunde sind Heißgetränke auf Espressobasis! Aber reden wir nicht drumherum: Ihnen fehlt das Verwöhnaroma eines guten Tante-Gisela-Geburtstagsfiltertütenkaffees oder einer ehrlichen Tasse Türkischem.

(Und in Wiener Kaffeehäusern im Herbst hab ich schon gleich garnichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Aber trotzdem.)
Der Kaffee der Deutschen Bahn ist, wie bereits erwähnt, ein nahezu perfektes Getränk. Ab etwa der sechsten Tasse Kaffee am Tag muss ich jedoch aus Rücksicht auf die Magenschleimhaut auch den besten Kaffee mit Milch verdünnen. Mit Milch, nicht mit Kaffeesahne aus diesen doofen Döschen, wo immer die Sahne rausspritzt oder der Zuppel … aber das ist ein anderes Thema, mit dem ich mich schon oft genug auseinandergesetzt habe.
Im Bordrestaurant arbeiten zum Glück in aller Regel verständige Menschen. Selten war es ein Problem, im Zug um ein wenig normale, kalte Milch zu bitten. „Na klar“, sagten die Männer und Frauen hinter der Theke; sie waren oft zwischen Ende 40 und Anfang 60, und dann zogen sie den Schlauch des Milchaufschäumers aus dem Tetrapack Milch, der neben der Kaffeemaschine stand, und stellten mir die Milch zur freien Verfügung neben meinen Kaffeepott, und ich, von soviel gesundem Menschenverstand und lebensbejahendem Pragmatismus beglückt, gab ein angemessenes Trinkgeld.
In letzter Zeit setzt die Bahn leider vermehrt auf jugendliche Untote, vielleicht in der Hoffnung, sich ein cooles Image zu geben, weil doch Zombies so modern sind.
„Kann ich einen Schluck normaler Milch dazu haben?“, sagte ich zu einem von ihnen.
„Da sind Kaffeesahnedöschen, nehmen sie sich soviel sie wollen.“
„Nein, danke, ich hätte lieber normale Milch.“
„Also einen Milchkaffee?“
„Nein, nein, einfach einen Schluck ganz normaler Milch zu meinem ganz normalen Kaffee.“
„Das geht nicht. Ich kann ihnen keine normale Milch zu einem normalen Kaffee geben.“
Ich schaute den jungen Mann verwirrt an und vergewisserte mich sorgfältig, dass er über alle zur Erfüllung der von mir geäußerten Bitte nötigen Sinnesorgane und Greifwerkzeuge verfügte, und sagte schließlich mit einem aufmunternden Tonfall, der ihm den Mut geben sollte, über sich selbst hinauszuwachsen: „Doch, das können sie!“ Gern hätte ich ihm noch eine Hand auf die Schulter gelegt, doch das wäre vielleicht zuviel gewesen.
„Nein, das kann ich nicht! Die normale Milch ist eine andere Kostenstelle!“
„Häh? Aber das merkt doch keiner! Oder malt Bahnchef Grube Striche an den Füllstand der Tetrapacks und verrechnet den Verbrauch mit den verkauften Milchkaffees? Ich will doch nur einen Schluck! Das ist wahrscheinlich sogar billiger als wenn ich mir sechs doofe Döschen nehme!“
„Ich habe meine Anweisungen!“
„Das hat Eichmann auch gesagt!“, antwortete ich und war sehr stolz auf mich, weil ich mir doch vorgenommen habe, weniger Hitler-Vergleiche zu machen und offenbar auf einem guten Weg bin.
Auf einer anderen Zugfahrt, als ich einen Kaffee bestellte – es war erst der dritte oder vierte, weshalb ich nicht in die Verlegenheit kam, nach Milch zu fragen –, entschuldigte sich der Bahnbarrista, dass er mir leider keinen Deckel geben könne.
„Aber da sind doch Deckel“, sagte ich und zeigte auf einen großen Stapel.
„Ja, aber die sind für die großen XL-Becher, Sie haben ja nur einen kleinen Kaffee.“
„Na, dann gießen Sie doch meinen kleinen Kaffee in einen großen Becher. Das schaukelt auf der Strecke so, ich hab keine Lust, den schönen Kaffee auf allerlei Mitreisende zu verplempern.“
„Nein, das geht nicht. Ich kann Ihnen keinen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben!“
Und wieder einmal schaute ich verwirrt drein. „Doch, das können Sie“, sagte ich schließlich in beruhigendem Ton. „Umgedreht wäre es schwierig.“
„Nein“, sagte er.
„Doch“, sagte ich.
„Mhh, Mhh“, sagte er.
„Wohl“, sagte ich.
„Nö“, sagte er.
„Aber hallo“, sagte ich.
„Herrje, jetzt kippense dem doch endlich seinen Kaffee in einen großen Becher und tun’se n Deckel drauf, andere wollen auch noch bestellen“, sagte ein kluger älterer Herr hinter mir.
„Nein, nein, nein, das geht nicht! Die großen Becher sind ’ne andere Kostenstelle!“
Da war sie wieder, die Kostenstelle, das moderne Glaubensbekenntnis, das finale Argument, der Todesstoß für Verstand und Mitmenschlichkeit. „Selbst wenn ich wollte, ich hab meine Anweisungen!“
„Das hat Eichmann auch gesagt!“
„Wer ist denn dieser Eichmann? Sie sind heute schon der dritte der mir so kommt!“
„Er hatte auch viel mit Zügen zu tun.“
„Ein Kollege? Muss ich direkt mal gucken, ob er bei Facebook ist.“
„Krieg ich jetzt den großen Becher?!“
„Nein! Für mich geht’s hier um den Job!“
„Sie werden gefeuert, wenn sie mir einen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben?“
„Lachen Sie nur, aber die wollen Personal abbauen, denen ist jeder Vorwand recht …“
Und plötzlich konnte ich ihm gar nicht mehr böse sein, sondern eine tiefe Traurigkeit überkam mich, ein Mitleid mit ihm und einer Welt, in der Menschen unter Androhung des Jobverlustes dazu gezwungen werden, zu behaupten, es sei unmöglich eine Flüssigkeit aus einem kleineren in ein größeres Gefäß umzugießen. Mir fiel ein, was mir ein Kollege neulich erzählte hatte: Auf einer Zugfahrt hatte der Ansager statt der Standardsprüche ein paar gutgelaunte improvisierte Ansagen gemacht, alle Reisenden hatten sich gefreut, und mein Kollege hatte beschlossen, der Bahn mal einen Lobesbrief zu schreiben. Warum sollte man immer nur meckern? Man musste doch auch mal die guten Dinge würdigen. „Nein, bloß nicht“, hatte der Zugbegleiter erschrocken gerufen, als er ihn nach seinem Namen fragte. „Dafür kann ich abgemahnt werden! Wir dürfen eigentlich nur die vorgegebenen Sachen sagen!“ Ist das nicht traurig? Alle schreiben sich Freundlichkeit auf die Fahnen, aber gemint ist damit eine pervertierte, seelenlose Freundlichkeit, standardisiert und ergebnisorientiert. In all seiner Scheußlichkeit war das einst bei Burger King zu beobachten, wo man neben die Kassen Schilder gestellt hatte, auf denen stand: „Wenn Ihnen unsere Mitarbeiter keinen Guten Appetit wünschen, erhalten Sie einen 0,2-L-Softdrink gratis“. Welch eine Entwürdigung. Man nahm den Angestellten endgültig die Möglichkeit, ehrlich nett zu sein und dem Kunden die letzte Illusion über die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit.
Ich nahm einen großen Schluck aus der Weltschmerztasse, diesem Jakobs Krönung der Seele, als der Mann hinter mir in der Schlange beherzt über den Tresen griff: „Darf ich mal?“ Er nahm einen der größeren Deckel, drehte ihn herum und drückte ihn falsch rum auf meinen kleinen Becher. Er saß perfekt. „So. Passt doch. Darf ich jetzt vielleicht auch bestellen?“
Manchmal wird alles gut. Es ist noch Hoffnung in der Welt und ein Rest guten Kaffees.


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