Normalerweise fallen einem schlagfertige Antworten erst mit einiger Versptung ein (mir geht es jedenfalls so). Aber gestern war ich mal schnell. Ich war mit einem alten Freund, den ich in den letzten Jahren nur sehr selten gesehen habe, in einem Biergarten in Kreuzberg. Schön war’s. Er hatte den ersten Wein geholt, irgendwann war ich dann mit dem zweiten an der Reihe.
Er: Wenn se fragt, sagste, du willst den spritzigen trockenen. Die ham auch noch einen, der nur trocken ist .
Ich: Den spritzigen trockenen, okay!
Ich (zur Frau in der Getränkeausschankbude): Ich hätte gern noch zwei Weißwein. Kann gleich hier in die Gläser. Den, der trocken und spritzig ist, bitte.
Sie: Häh?
Ich: Ähm, das hat mir mein Kumpel so gesagt. Vielleicht ist er ja vorhin von deiner Kollegin bed …
Sie: Oh Mann! Kannste nich einfach sagen, welche Sorte du hattest?!
Ich: Ähm, ich weiß ja nicht, was für …
Sie: Oh Mann!
Ich: Was gibt’s denn für wel…
Sie: War’s der hier?! (Kippt mit wütendem Gesichtsausdruck einen Schluck Wein in eins der Gläser.)
Ich (koste verschüchtert und nicke, obwohl ich mir nicht sicher bin – egal!)
Sie: Sach das doch gleich, Mann! 6 Euro. Hab die Schnauze voll, weißte! Da drüben wartet ’n Stück Pizza auf mich und wird kalt, verstehste. Hach! Aber normalerweise bin ich ganz freundlich.
Ich (reiche ihr 6 Euro): Und ich geb normalerweise Trinkgeld.
Naja. Eigentlich hätte sie für die Erklärung am Schluss fast schon wieder Trinkgeld verdient gehabt.
War das nun die berühmte Berliner Unfreundlichkeit, von der man allenthalben hört? Sie klang jedenfalls nicht wie eine Berlinerin. Aber ich habe sowieso die Theorie, dass manche Leute, die es als Touristen oder Neuberliner hierherverschlägt, sich extra unfreundlich geben, um in der fremnde Stadt nicht aufzufallen. Damit fallen sie dann anderen Touristen und Neuberlinern auf, die dies als Bestätigung der Mär vom garstigen Berliner auffassen und diese Geschichte weiterverbreiten, woraufhin sich der nächste Schub Touristen und Neuberliner denkt, ich werde schon mal ein bisschen Unfreundlichkeit üben, bevor ich mich nach Berlin traue …
Und freundliche Berliner (na gut, kein echter, bin erst seit dreißig Jahren in der Stadt) müssen sich dann am Getränkeausschank anpampen lassen …
(Volker Strübing)
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