Kategorie: Neuseeland

  • Reisen mit Baby – eine Lose-Lose-Situation (Vater werden … Teil 7)

    Reisen mit Baby – eine Lose-Lose-Situation (Vater werden … Teil 7)

    „Wo ist die Pamela-Hannelore?“, rufe ich.
    „Daaaaaa ist die Pamela-Hannelore!“, rufe ich.
    „Wo ist der Papa von der Pamela-Hannelore?“, rufe ich.

    Pamela-Hannelore ist unsere Tochter. Nur dass sie in Wirklichkeit zum Glück nicht Pamela-Hannelore heißt. Pamela-Hannelore sitzt im Kindersitz neben mir auf der Rückbank des kleinen Autos. Da nur die Freundin einen Führerschein hat, bin ich auf Dauer nach hinten verbannt. Backseat Girl und Backseat Boy bzw. Backseat Dad. Take Dad, haha, Entschuldigung, ich bin möglicherweise verrückt geworden, hihi. Rücksitz On The Block, hoho.

    Wir machen einen Wochenendausflug von Christchurch an der Ostküste der Südinsel Neuseelands an die Westküste, quer durch die neuseeländischen Alpen. (Häh? Was macht denn der Strübing in Neuseeland?) Draußen ziehen mutmaßlich beeindruckende neuseeländische Landschaften vorbei, aber ich bin gerade anderweitig beschäftigt:

    „Daaaaa ist der Papa von der Pamela-Hannelore!“, rufe ich.
    „Guck mal, der Wasserfall!“, ruft die Freundin.
    „Wo?“, rufe ich.
    „Vorbei!“, ruft die Freundin.
    „Wo ist die Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore?“, rufe ich.

    Beestje waar ben je? Tierchen, wo bist du?– ist zur Zeit das Lieblingsbuch der Tochter: Ein niederländisches Spielbuch mit Filzklappen, hinter denen sich eine Raupe, eine Biene, eine Schnecke, ein Marienkäfer mit Stiefeln und, auf der letzten Seite, ein Spiegel verbergen.

    „Daaaa ist die Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore!“, rufe ich.

    Wenn wir am Ende des Buches angekommen sind, bewege ich das Buch so, dass die Tochter abwechselnd sich selbst und mich sieht. Manchmal kann ich sie auf diese Weise solange beschäftigen, bis sie einschläft. manchmal wird es ihr zu blöd, sie durchschaut den Trick und fängt wieder an zu schreien.

    (Ein bisschen besser als Autofahren: Die Papa-Sänfte.)

    Sie hasst Autofahrten. Und sie hat mich gelehrt, Autofahrten ebenfalls zu hassen. Zumindest Autofahrten mit Tochter an Bord, zumindest, wenn die Tochter schreit und ich sie nicht einfach in den Arm nehmen kann, sondern mich irgendwie verdreht zu ihr hinüber beuge und sie mit immer neuen Tricks und Spielen abzulenken versuche und nichts mehr hilft und mir die Ohren bluten, weil sie eine unfassbare Lautstärke produziert und zwar mit exakt der Frequenz, die Trommelfelle wie Glas zerspringen lässt.

    „Wo ist der Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore? Daaaa ist der Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore!“, rufe ich.

    (Jaja, ganz hübsch. Aber das beste ist, dass die Tochter schläft!)

    Unterwegssein mit Kind ist (ich glaube, soviel kann man sagen, ohne Widerspruch herauszufordern) anders als ohne. „Besser“ wäre das falsche Wort. „Schlechter“ darf man nicht sagen, weil offiziell alles besser ist mit Kind. Aber, seien wir ehrlich: Es wäre für alle Beteiligten einfacher, wenn wir die Tochter für unsere verlängerte Wochenendtour bei der Oma geparkt hätten. Wir haben uns aber nicht getraut, die Omen in Deutschland und den Niederlanden zu fragen, ob sie am Wochenende vorbeikommen können.

    Kennt ihr diese super praktischen, extra leichten, sinnreich ausgetüftelten Camping-Ausrüstungsgegenstände, die man in Outdoorläden kaufen kann und die das Reisen soviel einfacher machen? Ein Baby ist das genaue Gegenteil davon.

    Dauert muss man es einschmieren und mit Wasser und Nahrung befüllen und auf dem Rücken Berge raufschleppen und wieder runterschleppen und es saubermachen und unterhalten und vor allem von der großen Gemeinheit hinter allem ablenken: Dass sie stundenlang in Kindersitzen, Kinderwägen und Babytragevorrrichtungen festgezurrt wird, damit Mama und Papa etwas Tolles erleben können, was freilich in genau dem Moment aufhört, toll zu sein, wo sie den Betrug durchschaut und sich sagt: „Wenn ich ’n scheiß Tag hab, sollen die auch ’n scheiß Tag haben!“ Und glaubt mir, sie hat keine Probleme damit, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen!

    (Was man auf diesem Bild nicht sieht: die schreiende Tochter auf meinem Rücken, das Zahnfleisch, auf dem ich den Berg hochgekrochen und die zerreißenden Nerven, an denen ich mich später bergab hangelte.)

    Und selbst wenn alles gut läuft: Beim Herumreisen habe ich das erste Mal wirklich geschluckt und gemerkt, was alles wegen dieser ganzen Kinderkriegerei unmöglich geworden ist.

    Einfach mal am Meer anhalten, aus dem Auto springen und ins Meer rennen? Kannste knicken. Einfach mal an einem Café anhalten, aus dem Auto springen und einen Kaffee trinken? Kannste knicken. Einfach mal Abends auf ein Bierchen ausgehen und bei Bedarf 7 Schnäpse und 3 Cocktails daraus werden lassen? Kannste knicken.

    (Eine recht gelungene Illustration meines Geisteszustandes an jenem speziellen Tag.)

    Neidvoll sieht man jungen Paaren oder Singles zu, die einfach tun, wonach ihnen der Sinn steht, hier mal eben in den Ozean hüpfen, dort mal eben im Gebüsch kopulieren, da mal eben den Laptop aufklappen und ein bisschen Buchhaltung machen. Wobei wir das mit dem Kopulieren nicht wirklich gesehen haben, das mit dem Laptop dafür um so häufiger gesehen.

    (Neuseeland: Traumland für Kite-Surfer und Pram-Pusher!)

    Alles richtet sich nach der Tochter, und wenn die gerade schläft, überlegen wir uns dreimal, ob wir jetzt wirklich für irgendeinen dahergelaufenen Gletscher, die paar Wale da am Horizont oder den Drehort der Szene, in der sich Frodo die Nägel schneidet, anhalten und riskieren, dass die Tochter wieder wach wird und das alte Spiel erneut beginnt:

    „Wo ist das Baby vom Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore? Daaaa ist das Baby vom Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore!“

    Reisen mit Baby ist das eine. Reisen UND Arbeiten mit Baby ist noch mal eine ganz andere Nummer. Ich will mich um Himmels Willen nicht beschweren, schon aus Angst, dass mich bei meiner Rückkehr am Flughafen Tegel ein von Neid zerfressener, mit Mistgabeln bewaffneter Mob erwartet, der (völlig zu recht) gern mit mir getauscht hätte.

    Aber – wird man ja wohl noch sagen dürfen –: Die Zeit und Ruhe zu finden, Dinge zu erleben, zu verarbeiten und dann darüber zu schreiben, ist … schwierig. Die werte Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore, die erfreulicherweise auch noch meine Freundin ist, hilft mir sehr. Da wir beide freischaffend sind, versuchen wir immer demjenigen von uns, der gerade mehr zu tun hat, ein bisschen Kinderkümmerei abzunehmen. Aber es bleibt eine Herausforderung.

    Bevor die Tochter geboren wurde, haben mir andere Eltern gesagt: „Jaja, mit dem Schlafen, das ist schwierig, aber irgendwann kommt das zurecht: Du schläfst einfach, wenn das Baby schläft!“ In welcher wunderschönen Parallelwelt leben diese Menschen? Bei mit heißt es: „Du arbeitest einfach, wenn das Baby schläft.  Und schläfst, wenn … naja, da findet sich nachts schon noch ein Stündchen.“ Wenn die Babyaugen zuklappen, klappe ich den Laptop auf.

    (Making of dieser Blogbeitrag)

    „Wo ist der jugendamtlich beurkundete zweite gesetzliche Vertreter des Babys vom Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore?“, rufe ich.

    Große Glücksfälle im Leben bringen ja immer die Verpflichtung mit sich, auch glücklich zu sein. Wenn man zum Beispiel samt Freundin und Tochter nach Neuseeland fliegen kann, um zu schreiben. Die einzig zulässige Antwort auf die Frage, wie es einem zu jedem beliebigen Zeitpunkt dieser Reise geht ist „super“. Alles andere wäre eine Verhöhnung der in der lichtlosen kalten Heimat Zurückgebliebenen.

    Aber wie fad wäre ungetrübtes Glück? Wie langweilig ein Paradies ohne Sandfliegen? (Dies sind rethorische Fragen. Wären sie es nicht, müsste ich antworten mit: „Keine Ahnung. Aber ich würde es verdammt gerne mal ausprobieren“ 😉

    „Daaa ist der jugendamtlich beurkundete zweite gesetzliche Vertreter des Babys vom Freund von der Mutter von der Tochter von dem Papa von der Pamela-Hannelore“, rufe ich.
    „Oh, da, schon wieder ein Roadkill!“, jubelt die Freundin, die vermutlich vehement bestreiten würde, gejubelt zu haben, aber ich bin hier vor allem meinem Text verpflichtet und nicht solchen Lappalien wie der Wahrheit. „Ich glaub, das war ein Possum!“
    „Wo?“
    „Vorbei! “
    „Wo ist die Cousine vom Sohn des Bruders des jugendamtlich beurkundeten zweiten gesetzlichen Vertreters des Babys vom … äh, verdammt, jetzt bin ich durcheinandergekommen!“ Die Tochter beginnt wieder zu schreien.

    Pamela-Hannelore  interessiert sich einen Dreck für die neuseeländischen Alpen. Viel lieber würde sie auf dem (vorzugsweise ungesaugstaubten) Teppich in unserer Wohnung nach verschluckbaren Kleinteilen suchen und vielleicht einen schön eingespeichelten, mit Staub und Fusseln und Haaren verklebten Brot-mit-Erdnussbutter-Batzen finden, den sie beim letzten Mittag vorsorglich in irgendeine finstere Ecke gepfeffert hat.

    (Wer braucht schon Berge und Regenwald, wenn er ein Gänseblümchen haben kann?)

    Letztlich ist es purer Egoismus, mit einem Baby zu verreisen, einfach, weil es noch geht. Ein Egoismus, der sich rächen kann.

    Eines Tages wird sie uns dafür hassen, dass wir diese Reise mit ihr gemacht haben. Wenn sie uns nämlich fragt, ob wir in den Ferien nach Spanien, Amerika oder Paris fliegen können und ich antworte: „Du warst schon in Neuseeland, guck, da sind die Fotos. Und jetzt zieh die Schuhe an, wir fahren an den Müggelsee.“

    „Oh, ein Pinguin“, ruft die Freundin.
    „Wo?“, rufe ich.
    „Jugendamtlich beurkundet“, sagt die Tochter.
    „Was?!?!“, rufe ich.
    „War nur ein Witz“, ruft die Freundin.
    „Blöbbelblöbbel“, macht die Tochter.

    („Jaja Schatz, alles im Auto, lass uns schnell losfahren!“)

    Epilog und Ausblick: Bis jetzt war alles nur Probe. Zwischen Weihnachten und Anfang Januar sind wir mit dem Zelt unterwegs, weil wir verpasst haben rechtzeitig Unterkünfte zu buchen. Mal sehen, wie ihr das schmeckt, har har har! (Und uns. Der Wetterbericht verspricht für Sylvester 18 Grad Höchsttemperatur.)

    ((Kinderwagen-)Spuren im Sand …)

     

     

  • Reise um die Welt in 80 Stunden

    Reise um die Welt in 80 Stunden

    [Ich bin Neuseeland. Unter www.jottwehdeh.de gibt es regelmäßig Reiseberichte und Fotos. Ab und zu poste ich etwas auch hier, zum Beispiel den folgenden Text, weil er zumindest ein bisschen in meine Vater-sein-Reihe gehört:]

    Reise um die Welt in 80 Stunden*

    (* Eigentlich: „… die halbe Welt in 37 Stunden“, aber wie klingt denn das?!)

    Nach 10 Tagen in Christchurch ist es viel zu spät für eine spontanen Text über die ersten Eindrücke. Allerdings war ich, als es noch nicht zu spät war, viel zu sehr mit diesen ersten Eindrücken beschäftigt, als dass ich sie hätte aufschreiben können. Und ganz davon abgesehen doch ein bisschen kaputt nach 37 Stunden Flug mit Baby, was nach aktuellem Umrechnungskurs 63 Stunden ohne Baby entspricht.

    Ich will hier nichts auf die Tochter schieben! Im Gegenteil, sie hat es super gemacht, dank ihr hatten wir die Plätze mit den Baby Bassinets … keine Ahnung, wie man das übersetzen soll, ich würde ja Babyklappe sagen, aber das hat einen Beigeschmack. So Dinger jedenfalls, die man aufklappt und dann tut man das Baby rein. Nur dass man es wieder rausholt, bevor man sie wieder zuklappt. Wir haben die Klappe gar nicht benutzt, aber das sind auch Plätze mit sehr viel Beinfreiheit, so dass zumindest Mama und Papa etwas davon hatten, wenn schon nicht die Tochter. Die hat unterdessen die Cabin Crew derart bezaubert, dass wir sogar noch bessere Plätze als sowieso schon bekamen und ein Steward für sie Pralinen aus der 1. Klasse mopste. Die haben dann allerdings auch wieder Mama und Papa gegessen, während die Tochter mit einem weiteren ungewürzten Reis-Cracker vorlieb nehmen musste.

    (Und dann hat die Tochter aus unserer schönen Beinfreiheit einen Spielplatz gemacht!)

    Das Problem war nur, das Schlafen überhaupt nur dann in Frage kam, wenn die Tochter auch gerade schlief.

    Davon abgesehen war der Flug prima, so ein A380 ist eine feine Sache und … tja, beeindruckend. Ich bin ja leicht zu beeindrucken. Lässt du einfach eine zweistöckige geflügelte Alu-Röhre mit dem Gewicht von einer Million Tüten Mehl durch die Luft fliegen, schon bin ich beeindruckt. Die Freundin brachte es auf den Punkt: „Jetzt fliegen wir hier praktisch mit einem ganzen Dorf 10 Kilometer über der Erde um die halbe Welt.“ Nachdem sie das gesagt hatte, verlor ich eine weitere Stunde Schlaf, als ich versuchte auszurechnen, wieviele Menschen sich weltweit zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Luft befinden.

    Ankunft in Christchurch

    (Das erste, was einem in Neuseeland auffällt: Es ist wirklich alles genau andersrum!)

    Wir kamen Samstag Morgen um 5 in Christchurch an, und waren kurz nach 6 aus dem Flughafen raus – die Einreiseprozedur hatte sich etwas verzögert, nach dem an der letzten Tür der Bio-Protection-Hund auf unser Gepäck aufmerksam geworden war.
    Wir hatten versucht wirklich alle Essensreste vor dem Kontrollpunkt wegzuschmeißen, hatten alle Döschen, in denen wir Obst und Gemüse für das Baby transportiert hatten, ausgespült, aber in einigen Taschen fanden sich noch genug Tomaten- und Gurken-Spurenelemente für die empfindliche Hundenase. Ein einziger übersehener Apfelgriebsch oder ein Tomatenstück hätte mindestens 400 neuseeländische Dollar (c.a. 250 Euro) gekostet und unsere Tochter hatte anderthalb Tage Zeit, um Essensreste an unzugänglichen Stellen zu verstecken.

    (Nach einer Weile gewöhnt sich das Gehirn daran und spiegelt alles automatisch.)

    Das ganze klingt übertrieben – die Siedler haben bis weit in dieses Jahrhundert hinein Tiere und Pflanzen nach Neuseeland eingeführt, als gäb’s kein Morgen mehr und jetzt machen sie so ein Gewese um ein bisschen Obst – aber erst vor ein paar Jahren gab es zum Beispiel eine wirklich schlimme Plage wegen einer neu eingeschleppten Fruchtfliege.

    Es ging jedenfalls alles gut aus und gegen halb 7 konnten wir endlich die ersten frischen Züge der berühmten neuseeländischen Luft nehmen. (Meinen ersten Endruck davon habe ich zum Glück festhalten können. Hier ist meine Luftrenzension. Spoiler: Prima Luft, 5 Sterne, gerne wieder!)

    Die Statt-Stadt

    Wir wohnen die nächsten Wochen direkt in Christchurch Central. Das „Central“ ist wichtig, um es nicht mit dem eigentlichen Christchurch zu verwechseln. Die beiden Teile der Stadt scheinen vollkommen voneinander entkoppelt. Auch nach 10 Tagen habe ich nur eine vage Idee davon, wie die Stadt funktioniert bzw. nicht funktioniert – an unserem ersten Wochenende waren wir einfach nur verwirrt. Christchurch Central ist eine der seltsamsten Städte, die ich bisher gesehen habe. Und ich war schon in Longyearbyen, Jerusalem und Bayreuth.

    (Klick auf das Bild oder HIER für eine Galerie mit meinen ersten analogen Fotos aus Christchurch Central)

    Die Innenstadt ist eine seltsame Landschaft aus Leerräumen, halb vermieteten, vollverglasten Büroneubauten und eingezäunten alten Gebäuden (die meisten einsturzgefährdet und auf ihren Abriss wartend). Eine Mischung aus Baustelle und Street-Art-Gallery. Ein Ort ohne Einwohner, wo sich Touristen und Bauarbeiter ungefähr die Waage halten und der größte Spielplatz der südlichen Hemisphäre steht. Ein Experimentierfeld auf Zeit für Künstler, ein Versuchslabor für radikales, artifizielles, business-getriebenes Stadtdesign, wie man es sonst vielleicht nur in China findet. Eine Stadt, die mal eine war und wieder eine werden will. Und dabei versucht alles richtig zu machen und dabei vieles falsch macht, weil man über die „Visionen“ die Menschen vergisst.

    (Klick auf das Bild oder HIER für meine Elektro-Postkarten aus Christchurch)

    Die Ursache für die besonderen Entwicklungen ist natürlich das Erdbeben von 2011 …

    (Fortsetzung folgt unter www.jottwehddeh.de)

     

     

  • „Günther, Sie haben den Preis nicht abgeholt“ oder: Voll der Süden

    „Günther, Sie haben den Preis nicht abgeholt“ oder: Voll der Süden

    Der Posteingang sah absolut unverdächtig aus. „Günther, Sie haben den Preis nicht abgeholt“ – Delete! „Gratis Produkttester bei Nivea werden“ – Delete! „Juergen, Du hast Rubbellos gewonnen“ – Delete! „Residenz Christchurch“ – Delete! „Neues iphone Geschenk“ – Delete! Moment … ich habe keine Ahnung, warum ich noch einmal im Papierkorb nachschaute. Aber es bewahrte die unglaublichste Mail des letzten Jahres vor dem Vergessen und mich vor einem grauen, kalten Winter in Berlin …

    Unter dem Betreff „Residenz Christchurch“ erreichte mich eine Einladung des Goethe-Instituts Neuseeland und der Galerie „The Physics Room“ in Christchurch. Ob ich mir vorstellen könne, Ende des Jahres zwei bis drei Monate als Artist in Residence in Christchurch zu verbringen.

    Verdammte Axt! Nach einem kurzen Moment der ungläubigen Freude, begann ich, nach dem Haken zu suchen. Sollte ich irgendwohin 500 Euro überweisen, um die Unterlagen zugeschickt zu bekommen? Brauchten Sie meine Sparkassen-PIN und einen hochaufgelösten Scan meiner Unterschrift, um mein Visum zu beantragen? Ich konnte nichts derartiges finden, außerdem schien die Absenderadresse authentisch und die Mail war in bestem Deutsch abgefasst. Im nächsten Moment wurde mir klar, dass eine Spam-Mail die mit Abstand bessere Alternative war …

    Denn wenn ich wirklich eingeladen wäre, um die Welt zu fliegen, ins Traumland Neuseeland, um dort fast ein Vierteljahr zu leben und zu arbeiten … dann müsste ich nun eine der traurigsten und schwierigsten Emails meine Lebens schreiben: „Danke … große Ehre und Freude … leider … absagen … danke nochmals, ich hoffe, Sie finden schnell jemand anders. Mit freundlichen Grüßen und tränenüberströmt …“

    Denn natürlich kann ich nicht für 10, 11 Wochen von zuhause weg, von der Freundin und von der Tochter, die in dieser Zeit ihren ersten Geburtstag feiert, wahrscheinlich die ersten Schritte macht und vielleicht ihre ersten Worte spricht – und die sollten auf keinen Fall „Wo ist Papa?“ sein.

    Zum Glück gibt es noch eine weitere Möglichkeit: Die Familie mitzunehmen. Um es kurz zu machen: Am 16.11.2017 fliegen wir zu dritt in den Süden, halb um die Erde, auf die andere Seite der Scheibenwelt, dorthin, wo dann gerade der Sommer ausbricht. Nachdem der Vertrag unterschrieben ist, mein Ticket erstattet wurde (Frau und Kind fliegen auf eigene Rechnung) und die ganze Wohnung einer sehr sauberen Müllhalde gleicht, die nach und nach abgetragen und in riesige Koffer umgefüllt wird, gehe ich inzwischen davon aus, dass es sich tatsächlich weder um ein Missverständnis, noch um einen sehr komplizierten Scherz handelt, dessen Pointe ich nicht verstehe. In drei Tagen geht es los …

    (Heute noch eine schöne Portion Berliner Herbst abgeholt. Und Berliner Pampigkeit. War bei Netto offensichtlich  im Angebot. Mit der Pampigkeit ists ja wie mit dem Graubrot: Das kriegen nur wir Deutsche hin.)

    Was mich bzw. uns dort erwartet, weiß ich nicht. Eine spannende Zeit natürlich. Viele Begegnungen mit Menschen, Künstlern und „normalen“ (was immer „normal“ in Neuseeland bedeuten mag), ein Einblick in eine Stadt, die nach dem schweren Erdbeben von 2011 ihren Weg sucht zwischen Wieder- und Neuaufbau, Reisen durch ein Land, von dem es heißt, dass man nie wieder zurückwolle, wenn man einmal dagewesen sei. Viele, viele Überraschungen.

    Was ich erlebe, wird man auf der Website www.jottwehdeh.de nachlesen können. Hier auch sporadisch. Und bei Facebook. Und überhaupt! Auf jottwehdeh.de gibt es auch schon ein bisschen was zu lesen über Neuseeland, Christchurch und das ganze Projekt. Unter https://www.goethe.de/ins/nz/en/kul/mag/21106442.html findet sich die offizielle Ankündigung des Goethe-Instituts. Auf Englisch! So langsam glaub ich’s wirklich …

    Eine Frage quält mich, seit ich im April die Einladungsmail aus dem Papierkorb rettete: Wieviele Hollywoodanfragen, wieviele Einladungen in die Antarktis und auf die ISS, wieviele geschenkte iPhones und Rubbellose habe ich in den letzten Jahren übersehen, schnöde ignoriert oder zu unrecht gelöscht?

    (Ach, Berlin, du wirst mir fehlen! Aber … ich schaff das … ich lass dich hier zurück – allein kannst du es schaffen.)