Schlagwort: Atomkrieg

  • Jenga Welt

    Jenga Welt

    Ob die Welt bald untergeht ist heftig umstritten. Und auch innerhalb der Pro-Weltuntergangsfraktion ist man sich uneins wie sie untergeht, wenn sie untergeht und was mit Welt eigentlich gemeint ist: die ganze oder nur unsere kleine, mehr oder weniger heile, auf alle Fälle recht friedliche europäische Welt.

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    (Ja, also, es war ja ganz nett mit den Bärten, aber jetzt können sie dann auch mal wieder ab. Ich meine: Sie sind sie in der S-Bahn-Werbung angekommen, wie cool ist das denn?!)

    Die Anti-Weltuntergänger beruhigen sich derweil mit Links zu Artikeln (prompt finde ich natürlich keinen), die beweisen, dass dies gar nicht die schlimmsten Zeiten ever sind, sondern auch nicht schlimmer als die 60er, 70er, 80er Jahre, die gute alte Zeit also, als man Kindern beibrachte, wie sie sich im Falle eines durch 99 Luftballons ausgelösten Atomkrieges zu verhalten hätten. (Für jüngere Leser kurz zusammengefasst: Auf den Bauch legen mit den Füßen Richtung Atompilz. Oder am allerbesten: Direkt unter die Bombe stellen, denn die Lebenden werden die Toten beneiden etc.)

    Und schließlich ging trotz Kuba-Krise und Schulterpolstern damals letztlich alles gut aus (zumindest für uns), warum soll es nicht diesmal auch gut gehen?

    Sobald ich anfange, mich mit der Frage zu beschäftigen, tendiere ich in Richtung Pro-Weltuntergangsfraktion, weshalb ich es in den letzten Wochen immer öfter vermieden habe, mich damit zu beschäftigen.
    Es gibt ein paar gravierende Unterschiede zur Situation im kalten Krieg. Damals gab es zwei Blöcke, die sich gegenseitig das Messer an die Kehle hielten – ein Patt, das die Welt vor dem schlimmsten bewahrte (wenn auch nur mit viel Glück, wie wir heute wissen).
    Dieses Patt gibt es nicht mehr und die unübersichtliche, zerfaserte Situation lässt den Psychopathen an der Macht viel Raum für Großmachtsträume und die begründete Hoffnung, hier und da ein bisschen Krieg führen oder den weltpolitischen Gegner bis aufs Blut reizen zu können, ohne sofort den ganz großen Knall auszulösen. Und macht es vielleicht viel wahrscheinlicher, dass der große Knall passiert als damals, weil er aus einer  Kaskade gegenseitiger Provokationen und schließlich Auseinandersetzungen entstehen kann, ohne dass irgendjemand es wirklich wollte oder die alleinige Verantwortung dafür trägt.

    Wer sich ein bisschen gruseln möchte:  „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ – ein Artikel über das Verhältnis Donald Trumps zu Atomwaffen.

    Der ehemalige CIA-Chef Hayden hatte kurz vorher Donald Trump als unberechenbar und unvorhersehbar bezeichnet. „Sowas jagt deinen Freunden Angst ein und fordert deine Feinde heraus“, sagte Hayden.

    Kurz darauf wurde Hayden, der unter Präsident Bill Cinton und George W. Bush auch Chef des Geheimdienstes NSA gewesen war, gefragt, wie genau das Auslösen durch einen amerikanischen Präsidenten ablaufen würde. „Das Verfahren kann variieren, aber es ist definitiv auf Schnelligkeit und Entschlossenheit ausgelegt. Zeit für Diskussionen gibt es dann nicht mehr“, sagte Hayden im Fernsehen.

    Auch der Zeitgeist ist ein Faktor, der nicht unbedingt in Richtung Friede, Freude, Eierkuchen tendiert. In den 60ern, 70ern, 80ern entstanden und wuchsen mächtige Bürgerbewegungen, die ich für Gleichberechtigung, Frieden, Gerechtigkeit und dergleichen Zeugs einsetzten, und einen starken Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Bürgerbewegungen gibt es wieder, und was ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft angeht, sind sie sicher mit jenen von damals zu vergleichen. Nur dass es jetzt um eher entgegengesetzte Werte geht.

    Es gibt diese Redewendung: Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Niemand sagt, dass das nur für gute Ideen gilt.

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    (Solange noch junge Menschen für ihre Überzeugungen und supergünstige Mode kämpfen, sind Hopfen und Malz nicht verloren.)

    Manchmal muss ich an Jenga denken, dieses Spiel, bei dem man reihum Holzbausteine aus einem Turm ziehen und oben wieder drauflegen muss, bis der Turm schließlich umfällt. Der Vergleich ist so wackelig wie ein Jengaturm nach drei Runden, aber zwei Details passen ganz gut:

    1.) Jeder Versuch, die Situation zu stabilisieren alles scheinbar nur noch schlimmer macht. Wenn milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt oder seltsame Deals mit der Türkei getroffen werden, scheint das wie der Versuch, einen Stein in den Turm zurückzuschieben (was genauso gefährlich ist, wie einen herauszuziehen).

    2.) Niemand kann sagen, wer Schuld ist, wenn der Turm irgendwann umkippt. Klar, jemand hat den letzten Stein herausgezogen, aber alle in der Runde haben doch mit daran gearbeitet, ihn löchrig zu machen. Die einen haben mit bösem Grinsen besonders knifflige, feste Steine extrahiert, um es dem nächsten Spieler extra schwer zu machen, die anderen haben sehr vorsichtig gespielt und (so dass den anderen Spielern gar nichts übrig blieb, als sich an gefährlicheren Steinen zu versuchen).

    Wofür in dieser Metapher der Einsturz des Turmes steht, ist ein ganz anderes Thema und man könnte jetzt prima Worte wie „Babylon“ oder … ähm … „Babylon“ in die Runde werfen, aber man muss vielleicht auch nicht jedes schlechte Gleichnis zu Tode reiten.

    Womit ich wieder bei den Zeitvergleichen wäre. Ist es wieder wie in den 70ern? Ist es wie 1933? Wie 1914? Oder wie damals als Rom unterging? Wahrscheinlich nichts davon. Ich bin zuversichtlich, dass wir es auf völlig neue Art verkacken werden.

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    (Symbolbild Untergang (man beachte den Pfeil, der Richtung Seeboden zeigt!!!))

    Bei all meinem Pessimismus bleibe ich doch optimistisch 😉 Vielleicht ist ja alles gar nicht wie in den 70er Jahren sondern wie 1422, dann haben wir noch fast 600 Jahre bis Pokemon Go erscheint!

    Zum Happy End noch ein Link zu einem Interview mit Steve Pinker, der die These aufgestellt (und gut begründet) hat, dass allem Anschein zum Trotz die Welt tendentiell immer friedlicher wird. Sein Buch mit dem wenig fröhlichen Titel „Gewalt“ war das einzige Sachbuch, das ich in den letzten Jahren las, das einen positiven Ausblick auf die Zukunft wagt, ohne albern zu sein (oder eine Utopie zu propagieren, die beinahe noch grusliger als die Untergangsszenarien ist).

    Der ewige Friede kommt also doch?
    Gewalt wird niemals ganz aus der Welt verschwinden. Auf unserem Planeten leben sieben Milliarden Menschen. Es wird immer junge Kerle geben, die in einer Kneipe durchdrehen oder eine „Volksfront zur Befreiung von Was-auch-immer“ gründen, um ihrem Lebensfrust Ausdruck zu verleihen. Aber die Gewalt kann auch in Zukunft weiter zurückgehen.

    Und wir können uns zurücklehnen, die Weltgeschichte erledigt den Job?
    Diese Frage ist albern! Aber ich höre sie nicht zum ersten Mal. Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde: „Ich prognostiziere, Ihre Zähne werden heute Nacht geputzt sein, wenn Sie ins Bett gehen.“ Was würden Sie antworten? „Toll! Das heißt, ich muss meine Zähne heute nicht putzen“? Die Welt ist friedlicher geworden, weil sich Menschen in der Vergangenheit erfolgreich dafür eingesetzt haben. Und wir können die Welt noch friedlicher machen.[…]

    (https://www.amnesty.de/journal/2015/dezember/herr-pinker-rechnet-mit-frieden)

    PPS: Hier habe ich schonmal über Pinkers Buch „Gewalt“ gebloggt und den Artikel mit schönen Collagen verziert:

    http://schnipselfriedhof.de/2014/07/gewalt/

     

  • Das böse alte Schreckgespenst

    Ich kann nicht fassen, was geschieht: Dass ein Atomkrieg in Europa plötzlich wieder in den Bereich des Möglichen rückt. Die ganzen Bilder, mit denen man mich in meiner Kindheit gequält hat, die ganzen äußerst detaillierten Beschreibungen der Leiden der Opfer von Hiroshima und Nagasaki, all die Mahnungen, dass “die Lebenden die Toten beneiden werden” kommen wieder hoch und bescheren mir Alpträume. Die Spätergeborenen haben Glück, dass es ihnen erspart blieb, als Kind bei jedem Sirenengeheul zusammenzuschrecken, bis ihnen einfiel, dass es Mittwoch um eins und dies nur der wöchentliche Testlauf war.

    “Atomkrieg”, das klingt nach alten Science-Fiction-Filmen, aber nicht nach etwas, wovor man konkret Angst haben müsste. Wer wäre schon so verrückt und grausam, Atombomben einzusetzen, wer würde hunderte Millionen Menschen verdampfen, verbrennen und verstrahlen? Wer kann sich Deutschland erneut in Trümmern vorstellen? Wer würde auch nur zu denken wagen, dass seine Familie, seine Freunden oder er selbst in einem sinnlosen Krieg umkommen? Hierzulande ist seit auf den Tag genau 69 Jahren und 9 Monaten Frieden, das bleibt doch jetzt für immer so, oder?

    “Atomkrieg” klingt so bizarr und vielleicht ist das Teil des Problems, weil so wenige diese Gefahr ernst nehmen.

    Ich glaube nicht, dass irgendjemand einen Krieg zwischen der Nato und Russland will, aber auf beiden Seiten gibt es genug Politiker und Militärs, die bereit sind, ihn in Kauf zu nehmen. Die lieber uns opfern würden, als irgendein ominöses Gesicht zu verlieren oder als Schwächling dazustehen. Es braucht keinen Angriffsplan; die Mätzchen, die jetzt schon gemacht werden, die Manöver, de Provokationen könnten reichen. Ein einziger kleiner Fehler, ein Missverständnis, ein einziger etwas zu wagemutiger Pilot oder Kommandeur kann das Pulver entzünden, und dann kann niemand mehr zurück, bis eine Seite nur noch einen allerletzten Ausweg sieht.

    Und eins könnt ihr wissen: Sowohl in Brüssel als auch in Moskau sitzen sie längst wieder an ihren Sandkästen und veranstalten Planspiele, prüfen Optionen für einen “begrenzten Atomwaffeneinatz” und berechnen, wieviel Prozent der Bevölkerung einen Nuklearkrieg überleben müssten, damit man das Ganze noch als Sieg verbuchen kann.

    Nein, ich glaube nicht, dass es soweit kommt. Es ist zwar nicht unmöglich, aber, so hoffe ich, unwahrscheinlich. Aber selbst eine Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent wäre angesichts dessen, was uns bedroht, unerträglich groß. Es ist wie eine umgedrehte Lotterie, bei der man überhaupt nichts gewinnen, aber absolut alles verlieren kann. Und für einen Hauptverlust braucht es nicht unbedingt einen Sechser mit Zusatzzahl, sondern ein lumpiger Vierer wäre genug.

    Bleibt die Frage, was wir tun können. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, Panik zu schüren, in der Hoffnung, dass sie sich als unbegründet erweist. Der richtige Moment, um die Friedensbewegung wiederzubeleben. Eine Friedensbewegung, die sich nicht von Reichsbürgern und anderen Spinnern vereinnahmen lässt und die groß und stark genug ist, um es zu verkraften, wenn ein paar verrückte Schlagersänger mitmarschieren. Eine Friedensbewegung, keine Pro-Putin-Bewegung, eine Bewegung gegen all die starken Männer mit ihren markigen Sprüchen auf beiden Seiten. Es braucht viele Menschen, eine echte Volksbewegung, ein lautes Nein all jener, mit deren Leben hier gespielt wird. Und dafür braucht es ein Bewußtsein der Gefahr, in der wir schweben.

    Drei Dinge noch:

    1. Ich habe keine Ahnung, wie die Krise zu lösen ist. Nur falls sich jemand fragt, wo meine diplomatische Initiative bleibt.

    2. Trotz aller Fehler, aller Arroganz, aller Wortbrüche seitens der NATO und der EU halte ich persönlich Russland für den gefährlicheren Akteur. Es gibt aber einige Leute, die ich sehr schätze und die alles andere als naiv oder putinbegeistert sind, die die NATO als das Hauptproblem ansehen. Solange man sich einig ist, dass letztlich auf beiden Seiten gemeingefährliche Alpha-Affen an den roten Knöpfchen rumspielen, sind die Gemeinsamkeiten aber viel wichtiger als unsere Meinungsverschiedenheiten.

    3. Eigentlich schreibe ich diesen Beitrag, damit mir möglichst viele Leute schreiben, dass ich mich irre und mir mal keine Sorgen machen soll. Bitte beruhigt mich!

    Und damit dieser Beitrag nicht so düster endet, hier noch eine kleine Liebesgeschichte: “Mein schöner kalter Krieg”

  • Mein schöner kalter Krieg

    Es war alles so klar früher. Ich wusste ganz genau, wie meine Zukunft aussehen würde. Schon im Kindergarten hatte man mir immer wieder genussvoll und detailliert beschrieben, wie ich eines Tages entweder in einem atomaren Feuerball verglühen oder langsam und qualvoll an der Strahlenkrankheit zu Grunde gehen würde.

    Andererseits hieß es natürlich auch, die Zukunft, die werde uns allen ein glückseliges Leben in einer kommunistischen Welt bescheren, aber die Untergangsprognosen überwogen bei weitem – zumindest beeindruckten sie mich viel stärker. Im Mittelalter hatten die Pfaffen sicher auch mehr Erfolg mit blutrünstigen Höllenschilderungen, als mit der Propagierung eines wunderschönen, leider aber auch todsterbenslangweiligen Paradieses.

    Mein Tod, so war ich überzeugt, war beschlossene Sache. Blieb die Frage, wann die Nato mich umbringen würde. Klar, das ich möglichst spät sterben wollte. Mit 12 Jahren war es meine größte Angst, eine Atombombe auf den Kopf zu bekommen, bevor ich wenigstens einmal ein Mädchen, und zwar am besten Kathrin Müller geküsst hatte. Deshalb war ich auch begeisterter Anhänger des Nato-Doppelbeschlusses, denn wenn die NATO nachrüstete, würde sie mich nicht umbringen, bevor sie damit fertig wäre. Und das sollte ein paar Jahre dauern.
    Außerdem, ich gebe es zu, ein bisschen schmeichelte mir der Gedanke, dass mein Tod der NATO noch ein paar Milliarden Dollar mehr wert war. Mit der westdeutschen Friedensbewegung, die das Geld lieber für humanitäre Zwecke, den Umweltschutz und ähnliches ausgeben wollte, konnte ich damals wenig anfangen. Immer wieder wiesen im Fernsehen unrasierte, vor irgendwelchen NATO-Basen im Matsch hockende Kuttenträger daraufhin, dass man keine neuen Raketen bräuchte, weil bereits genug alte Raketen da wären, um mich zehnmal zu töten. Knauserig fand ich diese Argumentation. Wenn schon, dann wollte ich bitte schön mit neuester Technik, mit dem Feinsten vom Feinen in die Luft gejagt werden. Und zwar mindestens zwanzigmal. Denen wäre es wahrscheinlich am liebsten gewesen, man hätte mich mit einem Holzknüppel erschlagen und das gesparte Geld für Kindertagesstätten und Öko-Bauernhöfe ausgegeben.
    „Du spinnst ja“, sagte Stefan Schmiedke, (mehr …)