Zitronenkuchen und Stalinorgeln

Heute ist die Nachbarin 87 Jahre alt geworden. Wir haben ihr ein Buch mit alten Bildern aus dem Prenzlauer Berg geschenkt. Sie ist hier geboren, hat nie in einem anderen Bezirk gewohnt. Erst hat sie sich sehr über das Buch gefreut, doch es brachte auch die schlimmen Erinnerungen zurück und sie erzählte wieder vom Krieg.  Sie war gerade 16 geworden, als die Schlacht um Berlin tobte. Bei Kaffee und ihrem tollen Zitronenkuchen erzählte sie von Stalinorgeln am Gesundbrunnen, von der SS am Humann-Platz, von Panzern in der Stargader und provisorischen Bestattungen im St. Josefsheim. Sie musste mit ansehen, wie auf der Pappelallee ein LKW voller Volkssturmleute von einer Rakete getroffen wurde, sie war dabei, als Granatsplitter den Oberschenkel ihres jüngeren Bruders durchschlugen und seinen Freund töteten. In einer zerstörten Fleischerei sah sie einen Soldat, der noch ein Essbesteck in der Hand hielt, aber sein Kopf fehlte.

Sie schwieg eine Weile und sagte dann: “Das ganze Leid, die ganzen Leben, alles für nichts und wieder nichts. Und heute denkt man: Die Menschen haben doch nichts gelernt.”

 

 

 

 

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(Narben. Foto: Atari)

Irgendwann kamen wir wieder zu den schönen Geschichten: Der erste Nachkriegskuchen Weihnachten `45, ihre Hochzeit 1949 in der Gethsemane-Kirche, der Garten …

Kurz nachdem ich gegangen war, erhielt sie – ausgerechnet heute – einen Untersuchungsbefund ihrer Hausärztin und eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus. Ich hoffe sehr, dass sie bald zurück kommt. Drückt ihr die Daumen.

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