Am Sontag habe ich mir für die 8,5h Bahnfahrt von Konstanz seit langem mal wieder eine Sonntags-FAZ gekauft. Das Weltbild ist wegen seiner Schizophrenie sehr interessant. Einerseits wird die Freiheit des Menschen beschrieen, wo sie für die Freiheit des Marktes wichtig ist, oder, als „Selbstverantwortung“ verklärt, die Gesellschaft von der Verantwortung für den Einzelnen entbindet. Schönes Beispiel war ein Artikel, der sich gegen gesetzliche Rauchverbote wandte („Heute entscheiden die Menschen selbst, ob sie im Restaurant rauchen, passivrauchen oder nicht rauchen wollen.“ – oh Mann, der Autor war noch nie im Zosch!)
Andererseits wird der Mensch als Sklave der naturgesetzlichen Marktgesetze betrachtet, und man scheut sich nicht, ihm die persönlichen Freiheiten zu nehmen, die der freien Entfaltung des Marktes oder den Interessen der Unternehmen entgegenstehen.
Sehr interessant auch die Serie „Erklär mir die Welt“. Diesmal zum Thema „Warum gibt es eigentlich Zinsen?“ Als Kritiker der Zinswirtschaft kommen Luther und Aristoteles zu Wort, als gäbe es seit 450 Jahren niemanden mehr, der ernsthaft etwas dagegen haben könnte. Die Segnungen des Zinses werden an folgendem Beispiel erläutert: Eine junge Familie kauft auf Kredit ein Haus. Die Familie muss zwar im Laufe der Zeit durch Zins und Zinseszins das Doppelte oder mehr zahlen, dafür steht ihnen das Haus aber auch jetzt, wo sie es brauchen, zur Verfügung und nicht irgendwann, wenn sie alt und die Kinder längst aus dem Haus sind. Der Kreditgeber verdient mit seiner guten Tat Geld, die Bauwirtschaft freut sich und alle sind zufrieden. Tatsächlich ist gegen dieses Beispiel auch nichts einzuwenden. Aber: Ist eine solche Situation, in der alle profitieren, wirklich die Regel, oder nur ein glücklicher Sonderfall?
Auf das Argument, Zins ermögliche es Leuten, die über Geld verfügen, ohne eigene Leistung immer mehr Geld zu verdienen, wird nicht eingegangen.
Aber was erwarte ich? Die FAZ ist nunmal so einseitig wie jede Zeitschrift … und wie dieses Weblog. Auf alle Fälle tut es gut, da ab und zu drin zu schmökern, anstatt immer nur Sachen zu lesen, die die eigene Meinung bestätigen.
Bin schon gespannt auf den nächsten „Erklär mir die Welt“-Artikel. Nächsten Sonntag. Zum Thema: „Warum Vollbeschäftigung möglich ist“. Ich hoffe, sie erklären dann auch, warum Vollbeschäftigung überhaupt nötig sein sollte. Bis dahin halte ich mich an die Surfpoeten und ihren Geldberg.
(Die FAZ erklärt die Welt II: „Warum Vollbeschäftigung möglich ist“)
(Die FAZ erklärt die Welt III: „Warum ist Reichtum keine Sünde?“ )
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