Anfang 2000 habe ich Henryk M. Broder kennengelernt. Zusammen mit Reinhard Mohr besuchte er damals die Berliner Lesebühnen, um für den Spiegel einen Artikel darüber zu verfassen. Viele von uns (auch ich) waren ziemlich aufgeregt wegen dieser Sache. Seit Jahren lasen wir Woche für Woche unsere Geschichten vor, das Publikum wuchs langsam aber stetig und die Berliner Tageszeitungen, Stadtmagazine und Radiosender, die sonst jedem kleinen Pups hinterherrannten und ihn zum großen neuen Ding aufbliesen (Kann man Pupse aufblasen? Egal.) ignorierten uns konsequent. Und dann kündigte sich auf einmal einer der bekanntesten Publizisten von Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin an und wollte über uns schreiben. Aber hallo war das aufregend!
Die Chaussee der Enthusiasten fand damal noch im Cube Club statt, einem winzigen Keller mit schimmligen Wänden, der alle paar Monate unter Wasser stand. Weder der Platz noch der Sauerstoff reichten wirklich für alle. Vor allem, wenn noch geraucht wurde, weshalb wir damals – viele von uns waren noch Raucher – die Parole „Wer raucht, liest vor“ ausgaben, um sowohl die Befriedigung unserer eigenen Sucht, als auch ein Mindestmaß an atembarer Luft zu gewährleisten. Der Nachteil war, dass die Zigaretten der Vorlesenden nicht ausreichten, um den moderigen Gestank zu überdecken. Ach ja, schön war’s. (Aber um nichts in der Welt wollten wir dorrthin zurück, nachdem wir einmal ausgezogen waren.)
Als der hohe Besuch eintraf, war Tube bei uns zu Gast und saß gerade an der Kasse. Er war nicht informiert worden, hatte wohl auch noch nie von Broder gehört, was zu folgendem Dialog führte:
Tube: 5 Mark.
H.M.B.: Ähm, ich bin Henryk M. Broder.
Tube: Aha. Ich bin Tube. 5 Mark.
Ich hatte das mitbekommen, bin hin und habe die beiden reingeholt.
Broder war mir sehr sympathisch. Und das schreibe ich nicht nur, weil er sich, als wir hinterher noch beim Bier zusammensaßen, von einer meiner Geschichten begeistert zeigte. Er ist ein fröhlicher, intelligenter Mann, konnte interessante Sachen erzählen, aber auch zuhören und sich für seine Gesprächspartner interessieren. Gut, da ja auch das Bier hinterher noch zur Recherche gehörte, könnte man das als professionelles Interesse abtuen, aber ich hatte den Eindruck, dass es auch seinem Wesen entsprach und er privat ein genauso angenehmer Gesprächspartner wäre. Reine Mutmaßungen, klar; ich kenne ihn ja nicht wirklich.
Als ich ihn das zweite Mal traf – 5 Tage später bei LSD – erzählte er, dass er lange nicht mehr soviel Freude an einer Recherche hatte, wie zu diesem Artikel über die Lesebühnen.
Ebendieser Artikel wurde dann auch ein großes Loblied auf die ganze Szene. Tolle Sache. Danach folgten dann endlich auch Artikel in der Berliner Presse – größtenteils Verrisse; vielleicht weil man nicht in das selbe Horn stoßen wollte wie der große Broder Bruder.
Seit ein paar Jahren ärgere ich mich meistens, wenn ich etwas von ihm lese, insbesondere seine Artikel zur Islamisierung des Westens. Seine Hauptthese scheint zu sein, dass sich die westlichen Demokratien Schritt für Schritt selbst abschaffen – aus Feigheit vor dem Feind; dass wir eine Gesellschaft von Weicheiern sind, die lieber in vorauseilendem Gehormsam die Scharia einführt, statt um ihre Werte zu kämpfen. Er findet Belege für diese These, was kein Wunder ist, weil man für jede These irgendwelche Belege findet. Dem Internet sei Dank ist dies einfacher als je zuvor. Ob diese Belege bloß Einzelfälle sind, vor welchem Hintergrund man sie sehen muss und ob sie überhaupt so stimmen, kann einem egal sein, wenn man nur von einer Mission erfüllt ist und sich entschlossen hat, an einer einmal gefassten Meinung festzuhalten.
Nun ist richtig, dass viele Menschen Angst vor der Islamisierung haben. Und vor islamistischem Terror sowieso. Und vor einer Parallelgesellschaft, die keinen Anschluss mehr an Deutschland sucht, sondern sich abkapselt und wer weiß was für radikales Gedankengut ausbrüten mag. Henryk M. Broders Reaktion auf seine eigene Angst ist (verbale) Aggression. Und zwar nicht etwa gegen radikale Moslems, sondern gegen Menschen, die trotz aller ja unbestreitbaren Probleme und Gefahren daran glauben, dass ein Miteinander möglich ist. (Und zwar auf dem Boden des Gundgesetzes, nicht der Scharia!) Für Broder sind das jämmerliche SchlappschwänzeGutmenschen und blauäugige Multikultideppen. Und vor allem eben: Feiglinge. Als sei es nicht auch eine Form von Feigheit, auf Probleme einfach mit dem Knüppel loszugehen, statt nach einer konstruktiven Lösung zu suchen.
Ich gehöre wohl zur Guppe der Beschimpften. Ich bin kein Idiot (hoffe ich). Es gibt große Probleme und große Gefahren und diese gehen auch nicht nur auf verfehlte Integrationspolitik oder so zurück und sind nicht durch Wegschauen oder eine Anpassung Westeuropas an die islamische Kultur zu erreichen. (Ich habe allerdings bis auf die paar von Broder gerne und teilweise falsch angeführten Beispiel noch niemanden etwas derartiges fordern hören.) Trotzdem glaube ich, dass „der Islam“ nicht zwangsläufig unser Feind ist, dass die Muslime ein Recht auf ihre Glaubensausübung und Kultur – auch bei uns, auch als Teil unserer Gesellschaft – haben sollen und dass die meisten Moslems in Deutschland ganz nette Leute und als „gute Staatsbürger“ noch lange nicht verloren sind. Und dass Häme und Beschimpfungen – egal ob gegen Moslems selbst oder nur (etwas verschmockt) gegen die Deutschen, die nicht in den Kampf der Kulturen ziehen wollen – keine geeigneten Mittel sind, um diese Probleme zu lösen.
Viel mehr Angst als vor der Einführung der Scharia habe ich im Übrigen vor dem, was sich am rechten Rand der Gesellschaft zusammenbraut. Und damit meine ich nicht nur depperte Neonazi-Kameradschaften in den „blühenden Landschaften“, sondern auch und vor allem den massenkompatiblen Rechtsextremismus á la PI. Dass ist kein Naziblog, nein, sie geben sich ja auch ausdrücklich israelfreundlich und – wie Broder – als Verteidiger der westlichen Werte, trotzdem spricht aus den Artikeln und noch deutlicher aus den Kommentaren nichts anderes Rassismus. Und bezeichnenderweise machen oder machten sie dort auch Werbung für die Bücher von Henryk M. Broder. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, oder?
Mit mir würde er also wahrscheinlich nicht nochmal Bier trinken …
(Volker Strübing)
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