Gestern, S-Bahnhof Schönhauser Allee: Zwei Punks und ein Pulk von Hunden sitzen rum und zwar mitten im Weg, den die ordentlichen Bürger zur Arbeit oder zum Einkaufen entlanggehen. Ich selbst ging gerade müßig, aber genervt haben sie mich auch, wenn auch nicht so sehr wie den freundlich ausschauenden älteren Herren im grauen Blazer, der etwas, was er selbst wohl als Zivilcourage bezeichnet hätte, bewies, als er die beiden ankeifte: „Habt ihr ein Glück, dass Demokratie ist, sonst hättense euch schon längst weggeschafft!“
Wahrscheinlich hat jeder schonmal Ähnliches erlebt. Der Mann war bestimmt kein Nazi, aber ein Demokrat aus tiefstem Herzen war er sicher auch nicht. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir ganz übel. Ich frage mich, wie viele Leute jederzeit „umkippen“ könnten, egal wie grundgesetzestreu sie bisher sind. Vielleicht liegt das an der Erfahrung von ’89/’90, als ich gesehen habe, wei Menschen, die eben noch gegen konterrevolutionäre Elemente gewettert hatten, auf einmal versuchten, beim Verhökern und Abwickeln der „Kampfplätze für den Frieden“ den besten Schnitt zu machen und geschmeidig in ein Leben als Klassenfeind hineinzurutschen. Es ist ein großes Glück, dass damals auch die, die Eide, Gelöbnisse und Schwüre auf die Verteidigung des Sozialismus geleistet hatten, all dies von einem Tag auf den anderen über Bord warfen. Allerdings hat es auch ein gewisses Misstrauen gegenüber der Beständigkeit von Überzeugungen mit sich gebracht. Wie viele von denen, die sich heute als Demokraten bezeichnen oder einen Eid auf das Grundgesetz abgelegt haben, könnten genauso von einem Tag auf den anderen zu einem Rädchen in einer Vernichtungsmachinerie werden?
(V.S.)
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