Da sitzt man mit einem Kaffee auf seinem Hinterhofbalkon, lauscht dem fröhlichen Gestöhne, das irgendwo aus einem offenen Fenster dringt, freut sich, dass die Menschen nicht einsam sind und dann fällt einem die süßliche Musik auf, die darunter liegt …
Was ganz anderes: Irgendeine Boulevardzeitung, BZ oder Bild, hatte heute die Schlagzeile „Der Sexklops hat mich vergewaltigt“. Sosehr ich das Verschwinden dieser Blätter auch begrüßen würde, sosehr würde ich auch solche Wortschöpfungen vermissen. Die Aufsteller vor den Zeitungsläden haben mich schon oft schmunzeln lassen. Freilich: Wenn einem ein Schmunzeln im Hals steckenbleiben könnte und wenn diese Formulierung nicht so abgedroschen wäre, dass sie selbst einem im Hals stecken bleiben muss, würde es genau das tun, weil man weiß, dass hinter den lustigen Wörtern traurige Schicksale stecken, die gnadenlos ausgeschlachtet, für Propaganda missbraucht und oft genug lächerlich gemacht werden. Trotzdem werde ich mich immer gerne an den wüsten Erlebnisbericht einer scheinbar etwas verwirtten Oma unter dem Titel „Ich war Geisel der Fruchtbarkeitssekte“ erinnern.
Ein Boulevardblatt mit ausgedachten Geschichten wäre keine Lösung des Dilemmas. Kurz nach der Wende gab es mal so eine Zeitschrift, aber da man wusste, dass alles darin nur Nonsens ohne jede realistische Grundlage war, wurde es schnell langweilig.
Vor Jahren gab es in der Titanic mal ein Gewinnspiel, bei dem man aus Dutzenden absurden BILD-Überschriften („Oma streichelte Kaktus, da explodierte der kleine Kerl!“) die eine gefälschte herausfinden musste. Ich glaube es war die Überschrift des Gewinnspieles: „Fies! Titanic fälscht BILD-Zeitung!
(Volker Strübing)
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