Drei Tage. Abwechselnd Sturm, Nieselregen, Wolkenbruch. Im November. IN BOCHUM! Das ist mehr als ein empfindungsfähiges Wesen ertragen könnte, gäbe es nicht ein emotionales Gegengewicht. Der SLAM 2010 im Ruhrpott ist vorbei, meine mittlerweile 7. deutschsprachige Poetry Slam Meisterschaft und es war großartig super toll herzerwärmend wunderschön awesome grandios fantastisch eine deutschsprachige Poetry Slam Meisterschaft! Als ich letzten Donnerstag aus dem Hauptbahnhof Bochum trat wurde ich fast erschlagen von menschenfeindlicher Hässlichkeit. Regen klatschte mir ins Gesicht. Der erste Gedanke war: „Bochum sehen und sterben“ aber nicht wie in „Venedig sehen und sterben“, sondern wie in „Die Pest kriegen und sterben“. Aber dann sah ich auch schon Ken und Thomas, die durchnässt und mit hochgezogenen Schultern unter dem schmalen Vordach standen, und ich wusste: Ich bin nicht in Bochum, ich bin beim SLAM. Die ersten Stunden vergingen mit freudigen Umarmungen – und eigentlich hörten diese die ganzen drei Tage nicht auf. „Slamily“ ist eins der wenigen wirklich guten Wortspiele. Ich fühle mich wohl mit diesen ganzen Verrückten!
Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank an Laurin Buser, Patrick Salmen und Team & Struppi, die Sieger im U-20, Einzel- sowie Teamwettbewerb. Ihr seid großartig super toll herzerwärmend wunderschön awesome grandios fantastisch verdiente und würdige Sieger, ganz ungeachtet der Tatsache, dass es auch andere gegeben hätte, über die ich das selbe hätte schreiben können.
Micha und ich – Team LSD – sind in der Team-Vorrunde rausgeflogen und damit ist endlich, endlich der „Fluch der geraden Jahre“ gebrochen. Nachdem wir 2006 und 2008 den Teamwettbewerb gewonnen haben, haben wir natürlich errechnet, dass wir dieses Jahr wieder dran wären und dann 2012, 2014, 2016 etc. nochmal. Aber so einfach ist es wohl nicht. Da aber alles im Universum Gesetzen und letztlich der Mathematik gehorcht, muss es eine andere Formel geben. Und ich glaube, ich habe sie gefunden. Ich habe ja im Jahr 2005 den Einzelwettbewerb gewonnen. Dann 2006 mit Micha im Teamwettbewerb. Zwischen meinem ersten und zweiten Titel lag also ein Jahr. Zwischen meinem zweiten Titel und meinem dritten im Jahr 2008 lagen ZWEI Jahre. Zwischen meinem dritten und meinem vierten werden folglich DREI Jahre vergehen und dann muss ich sogar vier Jahre warten, bis es wieder klappt.
Ich habe ein kleines Basic-Proramm geschrieben, mit dem man die Termine für meine ersten tausend Meisterschaftstitel ausrechnen kann:

Der nächste ist jedenfalls 2011 fällig. Leider kann die Formel die Kategorie nicht vorraussagen – es bleibt also spannend. Vielleicht werde ich ja U20-Meister. Ich wäre dann der erste 40jährige, dem das gelingt. (Ja gut, man müsste die Einstufungskriterien leicht modifizieren. Statt auf so willkürliche Sachen wie das Geburtsdatum zu gucken, könnte man zum Beispiel bei Jungs/Männern nach der Stärke des Bartwuchses gehen und schon wäre ich im Rennen. Mhm. Seit Patricks großartigem superen tollem herzerwärmendem wunderschönen awesomen grandiosen fantastischen unglaublichem Barttext leide ich ein bisschen unter … siehe Titel des Beitrags …)
Ein paar Wünsche habe ich für den SLAM 2011 in Hamburg:
- Besseres Wetter. Okay, das wird schwer in Hamburg, aber gebt euch Mühe!
- Keine stundenlangen Fahrten zwischen den Auftritts-, Schlaf- und Party-Locations.
- Dass aber trotzdem die gesamte Slamily schwarz ICE fährt, denn das war sehr lustig. Reicht ja einmal von Altona nach Hauptbahnhof oder so 😉
- Weniger Vorwurfstexte nach dem Muster: „Du hast/Wir haben/Ihr habt/Deine Generation hat dies und das und eigentlich alles falsch gemacht“. So gut und berechtigt jeder einzelne Text gewesen sein mag: Es waren mir am Finaltag einfach zu viele. Aber wahrscheinlich musste das alles mal raus; vielleicht lagen dieses Jahr Vorwurfstexte in der Luft.
Es gibt ja immer so Wellen, die durch die Szene gehen. Vor ein paar Jahren – ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber der Krieg war schon vorbei – trat Lars Ruppel eine solche Welle los und ein Jahr lang konnte man auf keinen Slam gehen, ohne drei Brottexte zu hören nur ohne Brot und dafür mit Toilettenpapier oder Frauen oder Wackelpudding. Ich habe damals versehentlich auch einen Brottext geschrieben, allerdings nicht mit Toilettenpapier oder Frauen oder Wackelpudding sondern mit … Brot.
Noch ein bisschen eher waren es die Schimpftexte und 2008 schien jeder zweite Text vom Texteschreiben zu handeln. Dieses Jahr war es nur etwa jeder 5. und so wird es sich auch mit den Vorwurfstexten einpendeln und nächstes Jahr rollt dann vielleicht die große Versöhnungstextwelle.
- Keine Slammer im Publikum. Na gut, das ist ein bisschen übertrieben und außerdem wäre es schade. Aber mir war es dieses Jahr ein bisschen zuviel Gegröle. Das hat die Texte gestört, das hat das Publikum manchmal wohl eher irritiert als mitgerissen, das war scheiße für die Jurys (ab und zu ausbuhen ist ja okay, aber was diesmal an Beschimpfungen gebrüllt wurde, war peinlich) . Man musste sich schon fragen, ob jetzt bald die ersten Slam-Hools auftauchen, die alle verkloppen, die nicht für ihren Liebelingskollegen sind.
Und wenn jetzt jemand: „Dann geh doch zu ner Dichterlesung in der Buchhandlung, alter Mann“ in den Kommentaren posten will, kann er den Satz gleich hier oben kopieren und braucht ihn nicht extra eintippen – dies ist ein Weblog bei dem Service noch groß geschrieben wird.
- Dass „schwul“ nicht mehr als Schimpfwort benutzt wird. Das ärgert mich. Das ist unnötig. Das ist, auch wenn es nicht so gemeint sein mag, diskriminierend. Aber ich bin scheinbar einer von nur noch wenigen, die das nicht lustig und cool finden.
- Dass ich U-20 Meister werde.
Selbst wenn keiner dieser Wünsche wahr wird, eins weiß ich ganz sicher: Der SLAM 2011 wird großartig super toll herzerwärmend wunderschön awesome grandios fantastisch der SLAM 2011! So, und jetzt schreib ich einen Bärte-Text. Nur mit Broten statt Bärten. Und sehr versöhnlich.
Vielen Dank an alle Organisatoren und Helfer!
(VS)

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