Also, das war so. Am Sonntag wollte und sollte ich beim Poetry Slam in Leipzig mitmachen. Ich hatte mir einen späten Zug rausgesucht, weil ich am Nachmittag noch irgendwelche Dinge zu erledigen hatte, ich weiß gar nicht mehr, was, wahrscheinlich rumsitzen und so; die Steuererklärung habe ich jedenfalls nicht gemacht. Das hat mich so in Anspruch genommen, dass ich darüber die Zeit vergessen habe und viel zu spät losgehetzt bin. Mit dem Fahrrad zur U-Bahn, eine U-Bahn knapp verpasst, weitere Minuten auf dem Bahnsteig vertrödelt, mit der nächsten Bahn über Rosa-Luxemburg-Platz (wo ich kurz überlegte, in ein Taxi umzusteigen) zum Alexanderplatz, wo mir die S-Bahn vor der Nase wegfuhr und ich mich angesichts des in 12 Minuten abfahrenden Zuges entschloss, in ein Taxi umzusteigen: „Puh, das wird knapp!“, meinte der Taxifahrer. „Na mal sehen, was wir machen können.“ Und er drückte aufs Gas und bald waren wir wieder am Rosa-Luxemburg-Platz, wo ich mir wünschte, ich wäre vorhin schon hier ausgestiegen, und der Fahrer huschte gerade noch so bei einem schon leicht rötlich schimmernden Gelb über die Ampel, es war gerade noch so okay, und ich sagte, „Puh, cool, danke“, aber ein paar Ampeln später war es dann nicht mehr okay, da war einfach nur Rot, eine gute Sekunde schon, das war sehr nett gemeint, ging mir aber doch zu weit, aber beschweren wollte ich mich auch nicht. Zum Glück hatten wir jetzt kaum noch Ampeln vor uns, und im Übrigen hielt uns auch schon ein Polizeiauto mit Blaulicht an.
Das war nun freilich sehr doof. Scheiß auf den Zug, den ich nun verpassen würde – vor allem hatte der Taxifahrer nun ein Problem. 3 (oder4?) Punkte und wohl mindestens 50 Euro, eher 125 Euro Strafe. Die Polizisten bemühten sich, die Angelegenheit schnell abzuwickeln – dass sie kein Auge zudrücken konnten war klar, zumal wir, wie sich herausstellte, direkt an ihnen vorbeigebrettert waren. Sie hatten ganz vorn auf der Rechtsabbiegerspur gestanden.
Als wir weiterfuhren, erklärte mir der Taxifahrer, dass das ärgerlich, aber halb so schlimm sei, er dürfe sich nur die nächsten 2 Jahre nichts erlauben, weil sein Punktekonto wegen eines ähnlichen Falls nun voll sei und wenn er nicht mehr fahren dürfe, dann würde er sich eben arbeitslos melden, da würde er auch nicht weniger Geld kriegen, und er sei ja nun auch schon über 60 und die Kollegen fragten ihn oft, wieso er sich das überhaupt noch antue. Und ich sagte, ich wolle mich an den Kosten beteiligen, und er sagte: „Ach wo, lassen Sie mal. Das war mein Fehler. Und für seine Fehler muss man auch bezahlen.“
Wir kamen 4 Minuten nach der Abfahrtszeit meines Zuges am Hauptbahnhof an . Das Taxameter zeigte 9,80 Euro, ein Betrag, der sicher nicht dazu angetan war, den Fahrer zu trösten. Ich habe ihm 20 Euro gegeben, er schien sich darüber ehrlich zu freuen, dann flitzte ich zum Bahnsteig und stellte fest, dass es sich bei meinem Zug um DEN Zug handelte, den Einen, der nicht „vorraussichtlich 5 Minuten später“ fuhr 😉
So hatte ich eine Stunde Zeit, in einem hässlichen Café im Hauptbahnhof darüber nachzudenken, ob ich
a) Dem Fahrer wenigstens die Hälfte der zu erwartenden Strafe hätte geben sollen (schließlich steckte er jetzt in Schwierigkeiten, weil er, um mir zu helfen, dieses Risiko auf sich genommen hatte, und außerdem hatte ich ihm beim Gelbüberfahren sogar noch für sein Engagement gedankt)
oder ob ich
b) Dem Fahrer einen 10er geben und mir 20 Cent hätte rausgeben lassen sollen, weil ich ja durch seine Unfähigkeit den Zug verpasst habe, er solle sich mal freuen, dass ich ihm überhaupt Geld gebe und mich nicht bei seinen Vorgesetzten beschwere, wie es überhaupt sein könne, dass man so jemanden wie ihn ans Steuer lasse, ist ja gemeingefährlich, also wirklich, dafür bin ich 89 nich auf die Straße gegangen etc.
oder
c) ob ich alles richtig gemacht habe.
(Volker Strübing)
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