Kategorie: Sonst so

  • Von zahmen Vögeln und glücklichen Kühen

    „Meinst Du, wir kommen da jemals rüber?“
    „Klar, mit 65.“
    „Nee, das glaub ich nicht, solange dauert das nicht. Nicht bei mir.“
    „Nee, bei mir auch nicht.“

    Sebastian und ich saßen auf einem Geländer und schauten auf das Brandenburger Tor. Wir hockten ab und zu hier herum, nachdem wir mit Sebastians Simmi ziellos durch die Stadt gefahren waren. Ich weiß nicht mehr, was wir dort eigentlich wollten, es war ein öder Ort,wenn nicht gerade Davod Bowie auf der anderen Seite spielte. Ich nehme an, dass wir lieber ins Operncafé unter den Linden gegangen wären, wo, wie man munkelte, die schönsten Mädchen Ostberlins rumhigen, um sich von Westberlinern abschleppen zu lassen.

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    (Dieselbe Stelle, an der ich 11 oder 12 Jahre später mit Sebastian (Name geändert) rumhing. Hier mit meiner Mutter anlässlich eines Berlinurlaubs 1977, ein Jahr bevor wir von Rosslau nach Berlin Marzahn zogen. Es ist ein Jammer, aber aus meiner Jugend in den 80ern gibt es kaum Fotos. Naja, vielleicht ist es auch ein Glück, wenn ich an die wenigen erhaltenen Aufnahmen denke.
    Darum illustriere ich diesen Beitrag mit weiteren Bildern von 1977 und zweien von c.a.1982/83)

    Sebastian war der erste in unserer Klasse, der ein Moped hatte. (mehr …)

  • Joy Divison, Panasonic und der Mauerfall

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    (Klassenfahrt 1988. Meine Fresse, sah ick scheiße aus! Die Jacke! Die „Frisur“!)

    Im Nachhinein scheint alles ganz folgerichtig: Montagsdemos, Prager Botschaft, Rücktritt Honneckers, peng! Mauer auf! Das liegt doch auf der Hand!

    Ich fuhr am Nachmittag des 9.11.1989 mit der S-Bahn von Springpfuhl zum Alexanderplatz, lief an Markthalle und Gastmahl des Meeres vorbei zum Palasthotel, ging in den Intershop und kaufte dort von meinem gesparten Westgeld einen Panasonic-Radiorecorder. Besser kann ich nicht illustrieren, wie sehr uns der Mauerfall überraschte, obwohl doch alles schon im Umbruch war.

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    (Klassenfahrt 1988. Keine Ahnung, ob ich verdeckt werde oder das Foto gemacht habe. Es gewinnt jedenfalls deutlich durch meine Abwesenheit …)

    Eine kleine Begriffserklärung (ich weißnicht mehr, wieviel Wissen man vorraussetzen kann): Intershops waren Läden in der DDR, in denen die Glücklichen, die Westgeld hatten, Produkte aus dem NSW, dem „Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ einkaufen konnte. Die Auswahl war begrenzt, die Preise waren sicher höher als in Westdeutschland, dafür gab es in Intershops diesen ganz besonderen Intershopduft, eine der wenigen Sachen, um die es wirklich schade ist, denn seltsamerweise war er in der BRD nirgends anzutreffen. Mein Opa war Mitte der 80er Jahre als Rentner nach Westberlin übergesiedelt (Rentner hatten Reisefreiheit), was unsere Famile in den Kreis der Privilegierten katapultierte, die Westpakete und gelegentliche Geldgeschenke bekamen.

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    (1988 oder 89. Ich, unser schöner Wohnzimmerwandteppich und das Beste und Aufregendste, was mein Opa mir aus dem Westen rübergeschmuggelt hat. Schon vor der Wende Douglas Adams zu lesen war das größte Glück und Privileg!)

    Einen Tag später hätte ich mit den 299,- DM, die der Recorder kostete, sämtliche Elektrogeschäfte Westberlins abklappern und unter hunderten Geräten wählen können! (Vielleicht sollte ich froh sein, dass mir das erspart blieb, das wäre vielleicht ein zu großer Konsumschock gewesen.) Niemals jedenfalls hätte ich das wertvolle Westgeld in den Intershop getragen, wenn ich auch nur im Mindesten damit gerechnet hätte, in absehbarere Zeit, die Grenze zu überqueren.
    Am Abend lag ich im Bett meines Zimmers in unserer Wohnung im 10. Stock unserer Platte und hörte auf dem neuen Recorder Musik (vermutlich Joy Division). Irgendwann, ich war chon halb eingeschlafen, klopfte meine Mutter, kam rein und sagte: „Volker, die Mauer ist offen!“ Ich sagte irgendwas wie: „Häh?“ und wusste nicht, was zum Teufel sie von mir wollte. Bis ich mich aufraffte und ins Wohnzimmer kam, wo der Fernseher lief.

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    (Blick aus meinen Zimmer, c.a.1980)

    Zwei Stunden später überquerte ich die Grenze am Grenzübergang Invalidenstraße, lief zum Lehrter Stadtbahnhof, der inzwischen dem Hauptbahnhof gewichen ist, fuhr zum Bahnhof Zoo und aß einen Hamburger Royal TS. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …
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    (25 Jahre später: Hier habe ich das erste Mal die Grenze überquert.)

  • Vorwärts zum 66. Jahrestag der DDR! (Teil 2)

    (Zu Teil 1)

    Der Gemeinschaftsraum lag in einem Durchgang, der im 9. Stock jeweils zwei benachbarte Wohnblocks miteinander verband; ein trauriger Raum mit unverputzten Wänden.
    Als die erste Wodkaflasche geöffnet wurde, begriff ich, was mit dem Hissen der Arbeiterfahne gemeint war.
    „Kennt ihr den schon?“, ließ sich der Witzeerzähler vernehmen: „Ein Katholik ist todkrank und stellt auf dem Sterbebett noch einen Antrag auf Aufnahme in die SED. Kommt der Pfarrer zu ihm und fragt: ‚Mensch, bist du verrückt geworden?‘ Darauf der Kranke: ‚Nee, versteh doch – wenn schon jemand sterben muss, dann soll es einer von denen sein!’“ Die Leute lachten herzhaft, obwohl sie fast alle ein Parteiabzeichen an ihrem Trainingsanzug trugen.
    Schon viele Jahre zuvor, in der echten DDR, also in meiner DDR, in unserer DDR, in unserer Welt meine ich, die Welt, in der die DDR anno 1990 dahingeschieden war, hatte ich den Eindruck gehabt, dass buchstäblich niemand wirklich hinter dem System gestanden hatte, nicht einmal die Bonzen und Ideologen – von Honnecker, Mielke und Schnitzler vielleicht abgesehen. Ich sprach daher auch ungern von einer „friedlichen Revolution“, sondern bevorzugte den Begriff „achselzuckende Selbstauflösung“. Die längere Laufzeit des realsozialistischen Experiments auf dieser Qunatenrealitätsebene schien diese Tendenz verstärkt zu haben. Die waren alle vollkommen schizophren!
    „Weißt du, was wir machen, wenn die Arbeitsgeräte da sind?“, fragte ich eine junge Frau, die neben mir saß und eben einen großen Schluck aus der Wodkaflasche genommen hatte. (mehr …)

  • Vorwärts zum 66. Jahrestag der DDR! (Teil 1)

    (Dies ist eine leicht aktualisierte und gekürzte Fassung einer Geschichte, die zuerst in „Ein Ziegelstein für Dörte“, Voland und Quist, 2006, erschien)

    Neulich habe ich meine Dusche in einen Quantendilatationscoaktor umgebaut. Nur so zum Spaß. Ein Quanten-Dilatations-Coactor ist ein Gerät, mit dessen Hilfe man sich innerhalb der omni-circumplectoren Realitätssphere zwischen den singulären Affekt-Ebenen hin und her bewegen kann. Einfacher ausgedrückt: Er erlaubt es, in Paralleluniversen zu reisen.

    Das Ding war ziemlich einfach zu bedienen: Mit dem Heißwasserhahn löste ich den Sprung in eine andere Wirklichkeit aus, mit dem Kaltwasserhahn stellte man die Stärke des Sprungs ein.
    Ich stellte mich also in die Duschkabine drehte einmal wild an den Knöpfen, es blitzte und im nächste Moment spuckte ich hustend eine Zigarette aus, verschwapperte dabei heißen Tee über eine Zeitung und meine Handfläche, woraufhin ich die Tasse fallen ließ, mit einem Schmerzensschrei aufsprang, als mir der restliche Tee auf die Oberschenkel spritzte und wie ein Derwisch durch das Zimmer hüpfte.

    „Fuck!“, rief ich.
    „Das heißt: Scheiß Osten.“, sagte eine graugesichtige Frau mit Dauerwelle, die mir gegenüber am Tisch saß und mir vage bekannt vorkam.
    In diesem Moment erkannte ich, in was für einem Raum ich mich befand: Es war das Wohnzimmer einer Vierraum-Plattenbau-Wohnung. Ich hatte Kindheit und Jugend in so einer Wohnung in Marzahn zugebracht. An den Wänden klebte Blümchentapete, blasenschlagend, das Muster verblasst. Der graubraune Fußbodenbelag korrespondierte auf das entzückendste mit einem blassorangen Stoffsofa und einer Sperrholzschrankwand.

    „Fuck!“, rief ich.
    „Das heißt: Scheiß Osten.“, sagte eine graugesichtige Frau mit Dauerwelle, die mir gegenüber am Tisch saß und mir vage bekannt vorkam.

    Die Frau drückte meine Zigarette in den Aschenbecher und wischte mit dem Neuen Deutschland den Tisch auf. „Verträgste keine Karo mehr?“, fragte sie. „Nun steh da nicht rum wie ne Honneckerstatue! Zieh dir eine andere Hose an.“ (mehr …)

  • Bilder der Woche 39 – Der alte Mann und der pestkranke Fleckenfisch

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    (Fast hätt ichs geglaubt und hätte vor Schreck fast das mit Wurstsalat überbackene Schinken-Salami-Käse-Schnitzel im Ledermantel fallengelassen!)

    Wir schreiben die Kalenderwoche 45 und Volker Strübing stellt sich mit 6 Wochen Verzug erneut seiner Nemesis: dem Vorhaben 2014 dem leuchtenden Beispiel André Herrmanns nacheifernd wöchentlich einen bebilderten Rückblick zu posten. Längst geht es nur noch um das pure Durchhalten, es ist ein Kampf wie ihn Hemingway in „Der alte Mann und das Meer“ beschrieb: (mehr …)

  • Bilder der Woche 38

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    (Herbst)

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    (Braunschweig Backstage)

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  • Selbst denken – „Generation Porno“ will stärker gefördert werden

    Vor einer Weile fragte ich bei Facebook nach Empfehlungen für Sachbücher. Vielen Dank an alle, die in den Kommentaren Bücher empfohlen haben – für die nächsten Monate bin ich versorgt!
    Wenn ich dazu komme, werde ich hier kurz über die Bücher berichten, die ich bereits gelesen habe. Den Anfang mache ich mit dem dort mehrfach empfohlenen „Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ von Harald Welzer. (Taschenbuch / Ebook beim Landbuchhändler des Vertrauens, dem Amazon der Herzen bestellen)

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    (Texte: FAZ vom 9.10.14, Bilder: FAS vom 1.10.2014)

    Kurz zusammengefasst: (mehr …)

  • Sonntagsmärchen und Bilder der Woche 37: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern II

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    Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen II

    Eines Tages stellte sich das Mädchen aus der Streichholzfabrik vor die Schön-Schöner-Schönhauser-Allee-Arcaden, um dort – na was wohl?! – Streichhölzer zu verkaufen. Doch die Menschen waren nur interessiert an kostenlosen Zeitungs-Probe-Abos, Tierschutzpamphleten und Probetrainingsgutscheinen für ein nahegelegenes Frauenfitness-Studio.Überdies besaßen sie Feuerzeuge.  (mehr …)

  • Chlorhühnchen mit Wehrmachtsgewehren

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    (Alle Collagen: Text: FAZ 26.9.2014, Bilder: DB Mobil 9/14 und 10/14)

    Da ich in letzter Zeit mehrfach danach gefragt wurde: Nein, meine Collagen sind nicht von anderen inspiriert. Und: Ja, meine Collagen sind von anderen inspiriert. Die Technik ist wahrscheinlich grob geschätzt so alt, wie es Tageszeitungen sind. Ob dadaistische Gedichte, politische Statements oder Drohbriefe – Schere und Klebstoff ersetzen Stift und Pinsel. Cut-up-and-paste. Als Kind liebte ich die Filme von Karel Zeman (und kann mich ihrer Faszination bis heute nicht entziehen), die zwar nicht aus zerschnipselten Zeitungen entstanden, aber doch etwas von dieser Ästhetik haben.

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    Bei mir war es so, dass ich auf einer langen, langen Zugfahrt einen großen Tisch im ICE für mich allein hatte und nach einer Illustration für einen Schnipselfriedhofs-Artikel suchte. Und dann sprangen mir einige Schlagzeilen und Bilder der Zeitschrift, die ich gerade gelesen hatte, ins Auge. So entstanden die ersten drei Bilder und weil es so viel Spaß gemacht, habe ich das seither immer wieder getan. Das wars.

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    Sehr empfehlen möchte ich das Buch „Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies“ von Lydia Daher, das bei Voland&Quist erschienen ist. Das zeigt, was möglich ist, wenn man sich wirklich auf die Technik einlässt – und Lyrikerin ist. 101 Cutup-Gedichte hat sie im Verlauf eines Jahres geschriebenschnittenklebt – aus Literaturkritiken. Eine tolle Idee, fantastisch umgesetzt.

    Hier findet man meine gesammelten Collagen ohne nervige Texte drumrum

  • Wahl 2.0 – Ein Informationsangebot der Initiative Marktkonforme Demokratie

    (Geschrieben für einen Slam zur Landtagswahl in Thüringen. Bilder und Schlagzeilen: TLZ vom 13.9.2014))

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
    liebe Nicht-Wähler und liebe Noch-Wähler
    als Vertreter der Initiative Marktkonforme Demokratie, des Berufsverbandes der Ökonomen, Wahrsager und Kaffeesatzleser sowie des gemeinnützigen Vereins „Wachstum statt Kuscheln – Agenda 2020 jetzt!“ ist es mir eine Freunde, Ihnen mitzuteilen, dass es uns scheißegal ist, ob Sie zur Landtagswahl gehen oder nicht. Denn – und es ist mir eine noch größere Freude, Ihnen dies mitzuteilen – es gibt eine bessere Wahl als die Landtagswahl, eine wichtigere, zeitgemäßere und weniger frustrierende Wahl, eine echte Alternative zu herkömmlichen Wahlen, (mehr …)