Gestern ging ein sehr kaffeereicher später Nachmittag direkt in einen Abend im Biergarten über, weshalb die dortige Toilette recht häufig aufzusuchen ich mich gezwungen sah. Um es mal nicht auf meine Pionierblase zu schieben.
Vor der Toilette saß eine Frau – ich will nicht „Klofrau“ schreiben – an einem Tisch, vor sich einen Teller für Kleingeld. Die Frau sah sehr nett aus und sehr schüchtern und ein bisschen traurig und irgendwie tat sie mir leid. Weil sie diesen Job hatte und weil sie eigentlich auch mit ihren Freundinnen und Freunden bei den fröhlichen Mensch im Biergarten hätte sitzen sollen. Den Gedanken, dass Toiletten nunmal auch sauber gemacht werden müssen, schob ich rasch beiseite.
Dann erzählte ich Kirsten, mit der gemeinsam ich die Aufgabe des Feierabendbiertrinkens angegangen war, von der Frau und dass ich nicht wüsste, wie ich mich bei meinen zahlreichen Passagen verhalten sollte.
„Ich geb ihr Geld“, sagte Kirsten.
„Ja, ich doch auch. Aber wie soll ich dabei gucken? Und vorher, wenn ich auf dem Weg zur Toilette das erste Mal an ihr vorbei muss! Soll ich freundlich gucken, vielleicht sogar lächeln? Dann denkt sie vielleicht, das ist bloß Mitleid und sie fühlt sich schlecht und gedemütigt. Oder soll ich einfach an ihr vorbei gehen und sie ignorieren, um damit kundzutun, dass ich es für das normalste von der Welt halte, dass sie dort sitzt und sie keinen Grund hat, sich schlecht zu fühlen oder bemitleidet vorzukommen? Aber wie leicht könnte sie das als Arroganz auslegen oder denken, dass sie mit diesem Job so tief gesunken sein, dass andere Menschen sie schon gar nicht mehr wahr nehmen?!
Vielleicht sollte ich ihr einfach kurz und knapp zu nicken, ein Gruß unter Profis, die die gegenseitige Arbeit wertschätzen, obwohl ich ja gerade Feierabend habe. Aber da würde sie sich doch verarscht vorkommen, oder? Schwierige Sache. Und ich fürchte, gleich stehe ich wieder vor dieser Entscheidung …“
Kirsten nur gelacht. „Nimm Dich nicht so wichtig!“, hat sie gesagt und: „Jeden Abend gehen ein paar Hundert Leute an ihr vorbei, ich glaube nicht, dass die so viel über deinen Gesichtsausdruck auf dem weg zur Toilette nachdenkt!“
(Volker Strübing)