Ich habe ein neues Hobby: amerikanische Serien auf DVD gucken. Eine prima Sache, weil man immer Zeit findet, eine Episode zwischenzuschieben. Beim Abendessen zum Beispiel oder beim Kaffeetrinken oder wenn man eigentlich was wichtiges erledigen müsste. Angefangen habe ich mit Lost. Für die, die es nicht kennen: Es geht um eine Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel in den Tropen, die so einsam dann doch nicht ist, denn auf der Insel gibt es Monster, eine Gruppe von barfüßigen Kinderdieben mit Bärten und Fackeln, die manchmal aber auch rasiert sind und Schuhe tragen und über Neonlicht verfügen und natürlich einen Eisbären, der aber gleich in der Pilotfolge erschossen wird, und dessen Auftauchen bis jetzt (Mitte der zweiten Staffel) nicht erklärt wurde. Ich rechne auch nicht mehr mit einer Erklärung. Wahrscheinlich hoffen die Drehbuchautoren, dass die Zuschauer ihn irgendwann vergessen.
Von den paar Dutzend Überlebenden haben vier in ihrem früheren Leben schon mal jemanden ermordet, einer war Profi-Folterer unter Saddam Hussein (trotzdem alles nette Menschen, bis auf den Oberarsch, der aber auf seine Weise auch liebenswert ist), einer hat kurz zuvor mit verfluchten Zahlen im Lotto gewonnen, ein Gelähmter kann seit dem Absturz wieder gehen und hat sich zu einer freundlichen Version des Colonel Kurtz aus Apokalypse Now entwickelt.
Okay, das klingt nicht unbedingt nach einer Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Realismus wird hier klein geschrieben, klitzeklein. Arial 4 Punkt. Aber erstens will ich zum Kaffeetrinken eh nicht unbedingt die Welt gezeigt bekommen, wie sie wirklich ist, und zweitens haben sich die Autoren einen schönen Kniff einfallen lassen. Sie definieren die Insel als einen Ort, der irgendie aus der normalen Welt herausgefallen ist, der Zufälle und Schicksale anzieht, an dem alles möglich ist. Oder, wie Christine gestern treffend bemerkte: Ein inselgewordener Unendlicher Unwahrscheinlichkeitsdrive.
Letzte Woche nun geschah das Unfassbare: Ich hatte die DVD Lost Staffel 2 Teil 1 Volume 3 und wollte Staffel 2 Teil2 Volume 1 abholen, aber irgend so ein ein Arsch war schneller gewesen! Schrecklich! Hab dann stattdessen 24 mitgenommen, den Anfang der ersten Staffel, weil ich gehört hatte, dass das gut sei.
Isses aber gar nicht. Der übliche Agentenkack. Dass das ganze „in Echtzeit“ spielt, ist zwar eine nette Idee, aber fast komplett zweckfrei. Es geht um einen Superterroristenbekämpfer, der Terroristen bekämpfen, seine Familie und einen Politiker beschützen sowie allerlei Verräter entlarven muss. Da kann ihm natürlich niemand übelnehmen, wenn er sämtliche Bürgerrechte außer Kraft setzt und mit Folter droht und pipapo, denn er macht das ja nur mit Bösewichtern. Und mal ehrlich: Krimis mit braven Beamten, die streng nach Vorschrift ermitteln, will doch niemand sehen, oder? Nicht umsonst war Schimanski so erfolgreich.
Die Serie will realistisch sein in dem Sinne, dass alles was dort passiert, wirklich passieren könnte. Keine Eisbären im Dschungel, keine Monster, keine verfluchten Zahlen. Gerade deshalb ist sie viel unglaubwürdiger als Lost. Ständig ärgert man sich, weil man denkt: „Häh?“ Komisch, dass sie sowas in der Videothek verleihen. Müsste eigentlich in der Hanebücherei stehen. (Entschuldigung 😉
Mal ein Beispiel: Nehmen wir an, vernünftige Menschen wie Du und ich wollten einen Fotografen umbringen und ihm den Ausweis klauen. Wir würden halt den Fotografen umbringen und ihm den Ausweis klauen, logisch. Vielleicht in seinem Hotelzimmer. Dann würden wir einfach das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür hängen und alles wäre gut, da es nur darauf ankommt, dass er bis zum Mittagessen nicht gefunden wird. Der 24-Bösewicht aber sorgt irgendwie dafür, dass der Fotograf während der Anreise nicht in der Passagierliste des Flugzeuges steht und dass neben ihm eine lesbische Profikillerin sitzt. Diese verführt ihn in der Flugzeugtoilette, wo sie ihm den Ausweis klaut. Dann packt sie im Flugzeuggang in aller Ruhe ihren mitgebrachten Fallschirm und die Bombe aus, sprengt das Flugzeug und rettet sich mit dem Fallschirm.
Kann man so machen, aber mein oben skizzierter Plan klingt doch vielversprechender, oder? Geschenkt. Wahrscheinlich wollten sie einfach eine effektvolle Flugzeugexplosion ins Drehbuch schreiben, um spektakuläre Szenen für den Trailer zu haben. (Diese wurden aber später gestrichen, man sieht nur ein paar in der Ferne herunterrauschende Flugzeugtrümmer.)
Wenn nun aber der Bösewicht, der ein vollbesetztes Flugzeug sprengt, um an einen Ausweis zu kommen, die Tochter des Superterroristenbekämpfers entführen wollte, was würde er dann tun? Die Queen Mary versenken und das Mädchen von Froschmännern kidnappen lassen? Eine Atombombe in New York zünden, einfach so, als Ablenkungsmanöver? Einen mutierten Virus freisetzen, der alle Menschen bis auf diese Tochter tötet, damit er sie in Ruhe entführen kann?
Nein. Er engagiert zwei bekiffte, unerfahrene Collegetrottel.
Naja. Die erste Staffel muss ich jetzt trotzdem zu Ende gucken. Spannend isses schon. Außerdem kann ich es in meiner internen „Was hab ich heut schon sinnvolles gemacht“-Liste als Fortbildung führen, da ich das erste mal in meinem Leben im Original mit Untertiteln gucke. Interessant, dass auch amerikanische Schauspieler lippensynchron sprechen können …
(Volker Strübing)
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