Autor: vstr@gmx.de

  • Korrektur

    Ich hab Mist gebaut mit meinen Terminen. Ich bin leider morgen (Freitag) nicht beim Bastard Slam. Das einzige, was mich tröstet, ist das Wissen, dass das Line up so toll ist, dass das gar nichts ausmacht.

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    (Termine verbummeln ist peinlich, darum gucke ich gerade genauso betreten wie diese Mauer auf dem Gelände der Uni Bayreuth.)

  • Schnipsel vom 12.4.2013 – Fußball und Schlimmeres. Aber dafür schöne Fotos.

    Nächste Woche komme ich das erste Mal seit zwei Monaten nach Berlin zurück, trete am Freitag, dem 19. beim Bastard-Slam im Ritter Butzke als Featured Poet auf, schaue mal nach dem rechten und schnuppere ein bisschen Berliner Luft.

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    (Ach ja, Berlin, Dein freundliches Antlitz …)

    Das ist dringend nötig, denn ich werde hier in Oberfranken offenbar langsam verrückt: Ich habe inzwischen schon das zweite Fußballspiel angeguckt. Das erste war ja noch entschuldbar: Es war ein Spiel der Bayreuther SpVgg in einem Bayreuther Stadion, und als Stadtschreiber ist es doch meine Aufgabe, alle Aspekte der Stadt zu erleben, um darüber schreiben zu können. Einen Spielbericht mit eher anthropologischem Ansatz gibt es hier: Der Schiri is a Semmel.

    Vorgestern habe ich mir aber ein „richtiges“ Spiel angeguckt, also eins, das im Fernsehen stattfand. Mit Bayern München. Es ging wohl um irgendwas. Halbfinaleinzug im Kampf um irgeneinen Pokal, wahrscheinlich den goldenen umgekippten Reissack.

    Ich sah das Spiel zusammen mit einigen Fußballenthusiasten (vorsichtig ausgedrückt), die mich aufgrund einiger Bemerkungen schnell als in sportlicher Hinsicht unmusikalisch abstempelten. Zum Beispiel bemängelte ich, dass die Fernsehkameras nach der Halbzeit nicht einfach auf die andere Seite des Stadions umgezogen sind. So eine einfache Maßnahme, die soviel unnötige Verwirrung vermeiden würde. Ich meine, das ist doch nervig, dass man sich auf einmal freuen soll, wenn der Ball in die andere Richtung fliegt!

    Irgendwann schoß einer von den (nach Meinung meiner Mitgucker) Guten den Ball gegen den Pfosten des gegnerischen Tores, was dem Schützen (der es zum Glück nicht hören konnte) den Spruch einbrachte, dass er selber ein Pfosten sei. Ich merkte an, dass es viel schwieriger ist den Pfosten zu treffen als das Tor und dass es dafür eigentlich Extrapunkte geben müsste, woraufhin ich erneut als in sportlicher Hinsicht unmusikalisch bezeichnet wurde.

    Es ist doch aber so: Diese Leute, die schon als Kinder Fußball geguckt haben, sind total betriebsblind, da ist es doch gut und wichtig, dass sich das ab und zu mal ein Außenstehender anguckt und Verbesserungsvorschläge macht.

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    (Soviel Liebe. Ich glaube, es wird Frühling!)

    Das Schlimmste am Fußballspiel war überraschenderweise nicht das Spiel selbst, sondern die Halbzeitpause. Denn in der lief das Heute-Journal. Wie alle Heute-Sendungen eine unfassbar peinliche Veranstaltung. Dieses Studio, diese eine Moderatorin, diese penetrante Werbung für die Heute-App, diese albernen Animationen und Moderationen … unfassbar. Das Anpreisen der Heute-App, das gefühlte 17% jeder Heute-Nachrichten-Sendung ausmacht, wurde allerdings weggelassen – das übernahm der Spielkommentator während des Spiels.

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    Kommen wir nun zu etwas Erfreulichem (eine Überleitung, wie sie das Heute-Moderationstexterteam nicht besser hinbekommen hätte): Meinem neuen und meinem neuen alten Buch. Mit aller gebotenen Unbescheidenheit möchte ich auf folgende Rezensionen hinweisen:

    „Nach diesem Band möchte man Volker Strübing mit irgendetwas ehren (…) oder ihm eine eigene Sendung geben“ – WDR 1live über Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals 

    „Das gibt der Geschichte eine farbige Leichtigkeit, die die eigentlich bittere Gesellschaftskritik unter der Handlung stellenweise kaschiert. Nicht immer. Zum Glück. Wer flache Action will, ist bei Strübing falsch. Der wünscht sich eine Menge mehr von seinen Leserinnen und Lesern. Humor natürlich, die Fähigkeit zum Lachen und zum Entsetztsein. Das Buch liest sich 2013 wahrscheinlich noch viel aktueller als 2005.“ – Die Leipziger Internetzeitung über Das Paradies am Rande der Stadt

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    Wer das eine oder das andere oder besser noch: das eine und das andere Buch erwerben und eine Widmung oder Unterschrift drin haben will, der schreibe mir bitte ein Email, dann schicke ich es. Es kostet nichts extra außer evtl. ein bisschen Geduld.

  • Heraus zum 2. Mai!

    Wer sich engageren möchte: am 14. April um 16 Uhr in der Baiz findet das 2. Vorbereitungstreffen für die Demonstration anlässlich des Internationalen Kampf- und Feiertages der Arbeitslosen am 2. Mai statt. Wir brauchen jede Menge Menschen, die mit machen, denn Roboter gibt es noch zu wenige.

    Andreas Krenzke

  • Final Proof

    In meiner unendlichen (und irgendwie ja auch liebenswerten) Naivität hatte ich mir noch immer einen Funken Hoffnung bewahrt. So schlimm wird es schon nicht sein, habe ich mir eingeredet, bestimmt hat die Menschheit nicht komplett den Verstand verloren.

    Doch heute morgen hatte ich meinen Wonko-der-Verständige-Moment: Es istZeit, das Äußere des Irrenhauses zu bauen. Beim Frühstück in einem kleinen Baseler Hotel verlosch der letzte Hoffnungsfunken zischend in einer Nespresso-Tasse:

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    Eine Spezies, die Individuuen hervorbringt, die auf die Idee kommen, Tassen mit geschlossenen Henkeln zu bauen, gehört in die Geschlossene und hat ganz sicher jedes Recht verwirkt, den Begriff sapiens im Gattungsnamen zu führen. Wahrscheinlich haben ein Designer, der schon lange nicht mehr alle Henkel an der Tasse hatte, und ein zugekokster Marketingmensch darüber nachgedacht, wie sie „die Marke“ stärken könnten. „Wir brauchen irgendwas Unverwechselbares, Einzigartiges! Und da unser Kaffee das nicht ist, lass uns doch mal gucken, was wir mit den Tassen anstellen können!“

    An diesem Punkt hat vielleicht ein Teammitglied, das noch über Spuren von Resthirn verfügte, zu bedenken gegeben, dass sich das Prinzip „Henkel mit Loch zum Durchstecken eines oder mehrerer Finger“ seit Jahrtausenden bewährt habe und ein Henkel ohne Loch sinnlos sei, da sich die Tasse an ihm nur sehr unbequem und unsicher halten ließe – woraufhin ihm garantiert sofort (bzw. nachdem man ihn ein bisschen verkloppt hatte) gekündigt wurde, da Traumtänzer, die der seltsamen Idee anhängen, Produkte sollten sinnvoll sein und ihren Benutzern das Leben so einfach und schön wie möglich machen, in Design- oder Marketingabteilungen nun wirklich nichts zu suchen haben, und sich mal bitte ganz schnell zu Streicheltherapeuthen für behinderte Tiere oder so umschulenlassen sollten, aber ganz schnell!

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    (Enrüstet weist Micha E. aus B. auf die Henkel des Anstoßes)

    So weit, so schlimm. Bis hierhin könnte man das ganze noch als die Dummheit einiger weniger betrachten. Doch als Micha Ebeling und ich den Rezeptionsmenschen des Hotels auf die Tassen ansprachen, gab der zu, dass das ja schon ganz schön blöd sei und fügte hinzu: „Komisch. Wir haben die schon ne ganze Weile, aber da hat uns noch niemand drauf angesprochen.“ Das muss man sich mal vorstellen! Hunderte, Tausende Hotelgäste haben diese Tassen frag- und kritiklos hingenommen! Es wird alles immer schlimmer. Bald wird irgendein Autohersteller Autos mit ovalen Rädern anbieten, um ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz zu haben und die Menschen werden auch dieses Auto kaufen – und ehrlich: Sie verdienen es nicht besser.

    (Ich verweise an dieser Stelle aus gegebenem Anlass noch einmal auf diesen etwas älteren Artikel.)

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    (Basel, Bayreuth, Kuhschnappel: Wo man auch hinkommt: The Fuck Hornisschen Orchestra war schon da und hat seine Aufkleber hinterlassen. Ausnahme: Chicago – dort war bisher nur das Team Totale Zerstörung.)

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    (Dieses seltsame Gefühl, wenn du in einem Club in einer fremden Stadt hinter der Kellertreppe plötzlich ein Gemälde von dir entdeckst …)

    (Volker Strübing)

  • Das ging schnell

    Keine zwei Stunden, nachdem ich den letzten Artikel geschrieben habe, kam die Nachricht, dass die Bücher frisch aus der Druckerei beim Verlag angekommen sind. Und ich dachte, ich habe noch genug Zeit, in den nächsten Tagen in aller Ruhe in den nächsten Tagen für das andere Buch von mir, das bei Voland & Quist erscheint, Werbung zu machen. Es heißt: „Das Paradies am Rande der Stadt“ und wer jetzt ein Déjà-vu hat, der kennt sich aus mit guten Büchern 😉

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    „Das Paradies am Rande der Stadt“ ist der beste Roman, den ich je geschrieben habe (zufälligerweise auch der einzige), und er erschien ursprünglich im Münchener yedermann Verlag. Dieser hat seine Arbeit leider vor einiger Zeit eingestellt, und mein Roman war seit längerem nur noch antiquarisch. Jetzt hat ihn Voland & Quist erfreulicherweise wieder aufgelegt. Er ist nocheinmal sehr behutsam überarbeitet worden. Ich musste einige Jahreszahlen anpassen (allerdings keine für die Geschichte relevanten) und habe zwei blöde Witze rausgeschmissen, die mich schon lange geärgert haben. Wer Rechtschreib- und Kommafehler mag, sollte sich lieber eine der alten Auflagen besorgen. (Naja, es gibt sicher noch immer welche, aber man muss sich ein bisschen mehr Mühe beim Suchen geben.) Zwei weitere Vorteile der Neuausgabe: Sie ist großformatiger und sogar ein bisschen teurer, also viel wertvoller.

    Als ich es in Vorbereitung der Neuauflage nach Jahren mal wieder gelesen habe, war ich doch sehr erfreut, festzustellen, dass es noch immer aktuell ist, obwohl Science-Fiction-Romane, die in naher Zukunft spielen, oft schnell überholt sind. Außerdem musste ich erstaunlich oft kichern, obwohl ich ja eigentlich alles kennen müsste. Hatte trotzdem schon vieles vergessen. Ach doch. Ist schon ein schönes Buch …

    Neben der Papierfassung wird es auch eine Ebook-Ausgabe geben.

  • Werbepause

    So, ich meld mich mal wieder auf meinem Heimat-Weblog. Eigentlich schreibe ich ja zur Zeit alles, was ich ins Internet schreiben will in mein Bayreuther Tagebuch, aber zu Werbezwecken mache ich gerne eine Ausnahme:

    Am 11.3. erscheint bei Voland & Quist mein neues Buch „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“. Es wird sehr schön und enthält einen ganzen Haufen Geschichten. Die meisten davon sind in den letzten drei, vier Jahren entstanden (bis auf die Titelgeschichte und ein, zwei weitere). Außerdem steckt hinten eine CD drin. Wenn man sich mehrere Bücher kauft, man aus diesen CDs ein sehr hübsches Mobilé basteln, man kann sie aber auch in einen CD-Player stecken und sich anhören.

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    Das Buch ist mit echter Tintenfischtinte auf feinstem Papier aus edlen Tropenhölzern gedruckt (hoffe ich zumindest; das ist schließlich mein Buch, das soll was ganz besonderes werden!), wem das nicht passt, der muss eben das Ebook kaufen. Hauptsache, ihr kauft es. Ich habe ausgerechnet, dass ich, wenn jeder Mensch der Welt auch nur ein einziges meiner Bücher kauft, das nächste nicht mehr selber schreiben muss, weil ich eine Million chinesischer Ghostwriter anheuern kann, wäre das nicht toll?!

     

  • in memoriam Metin Kacan

    in memoriam Metin Kacan

    Sonntag, 10.2.2013, 19 Uhr, Café Kotti (Adalbert 96, die Betontreppe am Sozialpalast hoch) – Eintritt frei!

  • Bayreuther Tagebuch

    Ich habe für meine Zeit in Bayreuth ein separates Weblog eingerichtet. Lange, lange habe ich überlegt, wie ich es nennen soll. Sollte ich ihm einen witzigen Titel geben, irgendwas wie: „Ein Preuße in Bayreuth“? Oder was mit Jean-Paul-Bezug? „Blogwenzelei“ vielleicht? „Strübing liest Paul“ hätte ganz gut gepasst, da ich etwas ähnliches vorhabe wie Jochen Schmidt mit seinem Blog und Buch „Schmidt liest Proust“, aber „Strübing liest Paul“ gefiel mir nicht. Schließlich hatte ich eine geniale Idee (verwarf sie aber sofort wieder) und nannte es:

    Bayreuther Tagebuch

    Bis jetzt gibt es zwei Einträge, einen Brief an die Berliner, den ich auch schon hier veröffentlicht habe, und einen Brief an die Bayreuther. Ich bin aber sicher, dass es sich schnell füllen wird.
    Hier werde ich gelegentlich auch posten. Es werden allerdings oft nur Verweise auf meine letzten Artikel im Tagebuch sein. Ich hoffe, Spider wird sich gut um den Schnipselfriedhof kümmern!

    (Volker Strübing)

  • Zweckentfremdung

    Weil immer mehr Wohnungen, besonders in Pankow, als Ferienunterkünfte teilweise schwarz an Touristen vermietet werden, diskutiert die Berliner Provinzpolitik zur Zeit ein so genanntes Zweckentfremdungsverbot, dass diese Vermietungen unterbinden soll. Ich finde das gut, ich bin dafür denn ich bin auch dagegen, ich bin schließlich betroffen, kann ich ihnen gerne mal erzählen.

    Ich bin ja auch Pankower. Wohne an der Nordküste von Prenzlauer Berg. Unweit brandet der Autoverkehr an die Gestade der Wisbyer. Bei uns im Haus werden auch Wohnungen zweckentfremdet. Wahrscheinlich sogar ganz legal. Jedenfalls bestimmt nicht schwarz und an der Steuer vorbei. Ein ganz großes Ding, der Hauseigentümer persönlich steckt angeblich dahinter. Also die Wohnungsbaugesellschaft. Ganz legal. Noch. Aber nicht mehr lange. Hoffentlich.

    Bei uns im Haus betrifft das gleich mehrere Wohnungen. Sogar meine auch. Eigentlich alle. Die Wohnungen werden einfach vermietet. Ohne uns zu fragen. Dabei wohnen wir darin. Es ist, wenn man mal darüber nachsinnt, ein Skandal. Die Wohnungsbaugesellschaft vermietet unsere Wohnungen. An uns. Der Zweck einer Wohnung ist doch deren Bewohnung. Nicht deren Vermietung. Vermietung, nicht nur an Touristen, Vermietung ist an sich Zweckentfremdung.

    Ich habe ja nichts gegen Betriebskosten oder dagegen, den Hausmeister zu bezahlen. Aber nur das Wohnen selbst? Ich verschleiße die Wohnung doch nicht. Eigentlich bewahre ich sie vor Verwahrlosung. Sie ist noch da, wenn ich ausziehe. Und selbst wenn ich die Wohnung irgendwie verbrauchen würde, wäre das keine Rechtfertigung für Miete. Bomberpiloten bezahlen doch auch nicht für die Häuser, die sie verschleißen. Gleiches Recht für alle!

    Und ich weiß natürlich, dass Häuser ab und zu renoviert werden müssen. Aber wenn ich meine vier Wände malere, bekomme ich auch nichts, von der Wohnungsverwaltung, warum sollte es umgekehrt so sein? Der Graffiteur bekommt auch kein Geld fürs taggen. Und wieso steigt mit jeder Sanierung die Miete? Sie sinkt doch auch nicht, wenn das Gebäude abgewohnt wird.

    Außerdem: Mein Haus, in dem ich wohne, wurde vor 90 Jahren gebaut. Inzwischen sollte es abbezahlt sein, oder die Miete nach mehreren Währungsreformen im zweistelligen Bereich liegen, im zweistelligen Centbereich.

    Wir reden immerhin von Wohnungen, die unsere Urgroßeltern gebaut und trocken gewohnt hatten. Die unsere Großeltern nach dem Krieg wieder aufbauten. Ohne dass sie deswegen einen Besitz daran oder ein Vermögen damit erwarben, welches sie uns vererben konnten.

    Wenn Miete etwas objektives wäre, dann müsste sie doch auch überall mehr oder weniger gleich hoch sein. Ähnlich wie der Benzinpreis. Mir kann niemand erzählen, dass die gleiche Wohnung in Köpenick weniger wert ist als in Prenzlauer Berg. Oder in Brandenburg billiger als in Berlin. Oder das sie in Hamburg oder München mehr wert und damit teurer sein kann als in Berlin, schließlich befindet sie sich doch in Hamburg oder München.

    Jeder Mensch muss wohnen. Es ist moralisch falsch, mit dem Besitz von Wohnraum Geld zu verdienen. Man kann, wenn man Geld braucht schließlich auch arbeiten gehen. Oder ALG II beantragen. Machen viele andere, die keine Häuser besitzen auch so.

    Überhaupt, wenn die ehemaligen Hausbesitzerinnen und –besitzer plötzlich auf dem Amt auftauchen, mal sehen, wie schnell sich dort ein freundlicher Umgang mit Hilfebedürftigen einstellen würde.

    Oder man dreht das alles um. Man schafft die soziale Grundsicherung, wie sie bisher war, ab, indem man jeder arbeitslosen Person mehrere Wohnungen übergibt, von deren Vermietung sie dann leben kann. Bei 40 Millionen Wohnungen in Deutschland und 3 Millionen Arbeitslosen, wären das 13 Wohnungen pro Arbeitslosen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ungefähr 2500 Euro (vielleicht könnten Arbeitslose mit weniger klarkommen). Um so viel einzunehmen, müsste der einzelne Arbeitslose eine einzelne Wohnung für knapp 200 Euro vermieten. Damit könnte ich leben. Es ist ein okayer Betrag. Ich wüsste, wer mein sauer verdientes Geld kriegt – und woher mein Geld kommen könnte, wenn ich mal nichts mehr sauer verdienen sollte.

    Eigentlich müssten die Menschen, allen voran Hamburger und Münchener, sofort beginnen, meine Idee Realität werden zu lassen, durch Demokratie. Meinetwegen auch durch Revolution. Oder, was ich immer propagiere: Evolution. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Denn Berlin plant ein Zweckentfremdungsverbot.

    Endlich eine Sorge weniger!

    (Andreas Krenzke)

  • Wichtige Mitteilung an alle Berliner

    Liebe Berliner,

    es ist soweit: Nach 35 Jahren ziehe ich doch noch aus Berlin weg. Nein, nicht wegen der vielen Schwaben hier. Ich hab nichts gegen Schwaben und finde es schön, dass all die ranzigen Currywurst und Dönerbuden mittlerweile Spätzlerestaurants gewichen sind. Und außerdem, wie mein Kollege Volker Surmann einmal scharfsinnig feststellte: Es ist doch besser in Berlin unter Schwaben zu leben, als in Schwaben unter Schwaben zu leben.

    In Leipzig sah ich neulich ein Graffitto (ich berichtete), das mir Angst vor einer Ausweitung des von B.Z. oder Kurier ausgerufenen „Schwabenkriegs“ machte: „Schwaben zurück nach Berlin!“ Da frage ich mich doch: Woher kommt dieser Hass? Was haben die Schwaben den Leipzigern getan? Und vor allem: Was haben wir Berlinern den Leipzigern getan?

    Nein, ich ziehe nicht wegen der Schwaben aus Berlin weg, sondern wegen der Franken. Weil sie mich eingeladen haben. Die Oberfranken, um genau zu sein. Die Bayreuther, um noch genauer zu sein. Das Bayreuther Kulturamt, um ganz genau zu sein. Ich ziehe nach Bayreuth, um dort als Stadtschreiber zu leben und zu arbeiten. Pech für Berlin. Oder für Bayreuth, das müssen andere entscheiden.
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    (Vor dem Umzug: Ein letzter Besuch in der alten Heimat Berlin Marzahn. Hach, Berlin ist schon ein schönes Städtchen, ich werde es vermissen …)

    Es wird von mir also bald viel über Bayreuth zu lesen geben. Wahrscheinlich wird es nicht reichen, einfach in alten Texten per Autokorrekturfunktion „Berlin“ durch „Bayreuth“ zu ersetzen, denn die Städte unterscheiden sich in einigen wichtigen Punkten. Als Beispiel sei hier nur aufgeführt, dass man sich dort mit „Grüß Gott“ grüßt, anstelle des herzlichen Berliner „Glotz neh so, du Arsch“.

    Ich ziehe nach Bayreuth, und auch wenn mir der Abschied von Berlin schwer fällt, so bin ich doch guter Dinge und verlasse mich ganz auf die Worte eines berühmten Bayreuthers: „… daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Berge und Häuser zu loben“, schrieb Jean Paul vor zwei Jahrhunderten. Bei anderer Gelegenheit ließ er einen seiner Romanhelden in einem Brief schwärmen: „Danken Sie Gott, Freund, im Namen Ihrer Nachkommenschaft, daß Sie in Bayreuth und dem besten Biere am nächsten wohnen.“

    Überhaupt: Jean Paul. 2013 ist das Jean-Paul-Jahr und ich werde mich mit seinem Werk auseinandersetzen. Ohne jegliche literaturwissenschaftliche Ausbildung, ohne besonders tiefe Kenntnisse seiner Zeit und ohne wirkliche Systematik – einfach nur als schreibender Leser. Ich kann nur hoffen, dass das Ergebnis den Dichter nicht veranlassen wird, die Erde des Bayreuther Stadtfriedhofs durch Rotation aufzulockern.

    Wenn ich – wie es sich in den letzten Wochen oft ergab – in Gesprächen Jean Paul erwähnte, war die häufigste Reaktion die Frage: „Welcher Jean Paul? Sartre? Oder Gaultier? Oder meinst du Sean Paul, den Dancehall-Musiker?“

    Wenn ich dann erklärte, dass Jean Paul Richter gemeint sei, der Schriftsteller, der Zeitgenosse Goethes und Schillers, fiel einigen immerhin ein, dass sie schon einmal etwas von ihm gelesen haben – in der Regel auf der Innenseite von Muscote-Zigarettenpapierverpackungen, diesen Glückskeksen für Raucher, die einem nach dem Öffnen mit einem kleinen Aphorismus von unerwünschten Gedanken über die Schädlichkeit des Rauchens abhalten.

    Man muss es leider sagen: Vor zwei Jahrhunderten ein Star und Beststeller-Autor wird er heute nur noch von wenigen gelesen. Das mag zum Teil daran liegen, dass Sätze wie folgender nicht unbedingt heutigen Lesegewohnheiten entsprechen:

    „Denn da unser Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt‘ er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von beiden und allen Ländern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern – ich meine solche, worauf der Statistiker, der Menschheit-Geschichtschreiber und ich selber fußen können – erstlich deswegen, weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise machen – zweitens auch, weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dümmste noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, daß die Seele, z.B. die Seelen eines Forsters, Brydone, Björnstähls – insgesamt seßhaft auf dem Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse – ja nichts anders von Südindien oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber erdenkt und was sie, beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke, aus ihren fünf Kanker-Spinnwarzen vorspinnt und abzwirnt.“

    (Jean Paul, Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz im Auenthal)

    Was er sagen will, ist natürlich klar: dass ich, um über Bayreuth zu schreiben, eigentlich in Berlin bleiben müsste. (Hoffentlich liest das Kulturamt nicht mit!) Es ist nur schwer vorstellbar, dass er mit Wortgebirgen wie diesem heute viele Follower bei Twitter finden würde, zumal er diesen einen Satz auf acht einzelne Tweets hätte aufteilen müssen. Jean Paul zu lesen, nachdem man vorher zum Beispiel eine Stunde bei Facebook unterwegs war, gibt einem ein gutes Gefühl davon, wie es ist beim Joggen mit den Mallorca-Fetenhits vom iPod im Ohr gegen eine urplötzlich im Weg stehende alte deutsche Eiche zu rennen – und wer würde bestreiten, dass das hin und wieder ganz gut tut?!

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    Die deutsche Sprache hat sich seit Jean Paul weiterentwickelt; manche würden sagen: zurückgebildet, und Jean Paul selbst wusste, dass es so kommen würde:

    „Irgend einmal wird Sein und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen verhalten, wie das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also gerade so oft auf den Toiletten aufgeschlagen liegen, als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich blos um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten zu studieren an Ihm und mir.“

    (Jean Paul, Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht)

    Wer sich auf ihn einlässt, wird feststellen, dass es dann doch noch viel mehr an ihm zu entdecken gibt. Viel Humor und Schönheit zum Beispiel sowie einen unerschöpflichen Vorrat an Wörtern, mit denen man Scrabble-Partner in den Wahnsinn treiben kann.

    Genug Jean Paul für den Moment. Wenden wir uns wieder einem Schriftsteller zu, der ihm zwar nicht das Wasser reichen, dafür aber bald die Blumen auf seinem Grab gießen kann, da er über den für ihn alles in allem recht erfreulichen Vorzug verfügt, noch am Leben zu sein: mir selbst.

    In drei Tagen ziehe ich nach Bayreuth. Aber Achtung: Ich werde zurückkommen. Darum geht bitte pfleglich mit Berlin um. Macht nichts kaputt, vor allem aber: nicht allzuviel ganz. Lasst am besten alles so wie es ist, nicht dass ich, wenn ich Anfang Juli zurückkehre, die Stadt nicht mehr wiedererkenne, weil es plötzlich einen neuen Flughafen gibt, die liebgewordene Baustelle in meiner Straße auf einmal verschwunden ist und man beim Bäcker zu den Wecken plötzlich „Schrippen“ sagen muss. Wenn überhaupt, dann räumt den Wintermatsch weg und hängt ein paar grüne Blätter an die Bäume.

    (Volker Strübing)