(Geschrieben am Freitag, dem 27.10.06)
Neulich habe ich das erste Mal für Geld in einer Bar getanzt. Man darf ja keine zumutbare Arbeit ablehnen. Die Bezahlung war beschissen – knapp 0,03 € pro Stunde, aber dafür war es auch kein Problem, beim Tanzen Pizza zu essen, Emails zu schreiben und ein Paket abzuholen, weil mein Second-Life-Avatar das Rumgehüpfe für mich übernommen hat.
Second Life (SL) ist, kurzgesagt, eine Mischung aus Chatroom und 3D-Simulation; der Avatar ist die Spielfigur, die man darin steuert, und deren Aussehen man selbst bestimmen kann. Eine schöne Einführung gibt es hier, eine Selbstbejubelung des Entwicklers Linden Labs hier.
In dieser virtuellen Welt gibt es auch eine virtuelle Währung. Einerseits ist es irgendwie schade, dass das „zweite Leben“ nach den selben ökonomischen Regeln wie das erste funktionieren soll, andererseits ist eine virtuelle Welt mit virtuellem Geld natürlich sinnvoller, als eine reale Welt mit virtuellem Geld. (Gegen die Wahnvorstellung, das Geld im echten Leben sei real, hilft zum Beispiel „Das Wesen des Geldes“ von Egon W. Kreutzer)
Das Geld in Second Life heißt Lindendollars. Die bekommt man, in dem man Geld von seinem Konto im ersten Leben an sein Second-Life-Konto überweist, indem man Dinge innerhalb von Second Life an andere Spieler verkauft (z.Bsp. virtuelle T-Shirts für die Spielfiguren) oder indem man dort … arbeitet. Letzteres ist der denkbar schechteste Weg, um es zu einem zweiten Leben in Reichtum zu bringen, zumindest, wenn man wie ich keine besonderen Qualifikationen vorweisen kann (noch so eine Analogie zur echten Welt, auch wenn der Edeka-Chef das anderes sieht). Aber wie gesagt, die Arbeit war nicht besonders anstrengend, da ich sie an meinen Avatar deligieren konnte, der auch viel besser tanzen kann als ich. (Dafür sehe ich im echten Leben besser als im zweiten aus. Bei all den Idealkörpern, die in SL rumlaufen, dürfte das nicht auf alle Mitspieler zutreffen.)

In irgendwelchen Clubs stehen Tanzplattformen, da klickt man drauf, und schon fängt der Avatar an zu tanzen. Nach 10 Minuten bekommt er dafür 2 Lindendollars gutgeschrieben. Die Besitzer dieser Clubs haben diese Plattformen wahrscheinlich installiert, um Leute in ihren Club zu locken, die dann auch Lindendollars dort ausgeben für … was weiß ich.
Interessant ist, dass man das Second-Life-Geld zu ständig schwankenden Kursen in First-Life-Geld umwandeln kann – spätestens jetzt wird klar, dass wir es auch im Alltag nur mit Spielgeld zu tun haben. Leider ist der Wechselkurs bisher so ungünstig, dass man das Problem der Armut in der realen Welt noch nicht durch die Tanzplattformen in SL lösen kann.
Einer der wichtigsten Aspekte bei SL ist der Chat mit den anderen Mitspielern. Aber damit habe ich noch so meine Probleme: Meinen ersten Second-Life-Chat (den zweiten Chat meines Lebens überhaupt) hatte ich kurz nach dem Einstieg in die Spielewelt mit zwei Avataren, deren menschliche Besitzer/Steuerleute/Entpsrechungen (ich nenn sie der Einfachheit halber mal Real-Life-Avatare 😉 auch aus Deutschland kamen. Nach wenigen Minuten fand ich mich in ein Gespräch über den Braunschweiger Hauptbahnhof verwickelt. Also, wenn das mein zweites Leben sein soll … Ich musste an ein Lied von (ich glaube) Goethes Erben DEine Lakaien (danke an Tube, für den Hinweis) denken: „Reincarnation / the torture never ends / Reincarnation / our bloody faith“. Naja. Wenigstens ging es nicht um den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe, den allerallerhässlichsten Bahnhof Deutschlands.
Im echten Leben bin ich vorhin durch den Braunschweiger Hauptbahnhof gefahren und später (leider) in Kassel-Wilhelmshöhe umgestiegen. Bin gerade unterwegs nach Marburg zum Dead or Alive Poetry Slam. (Nachtrag, Dienstag, 31.10.: Bin längst zurück. War toll! Hab gewonnen!) Jetzt sitze ich in einem Regionalexpress und der Akku ist gleich alle, darum: Genug für heute. Warum ich mich überhaupt mit Second Life beschäftigt habe, schreibe ich ein andermal. Oder auch nicht.
(Volker Strübing)
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