Es war ein kleines Skandälchen, eher skurril als wirklich empörend, was Spiegel Online am Dienstag berichtete: Bad Doberan, in dessen Ortsteil Heiligendamm bald der G8-Gipfel stattfinden soll, führt Adolf Hitler noch immer als Ehrenbürger. Selbstverständlich nicht, weil man dort der Meinung wäre, dass er das verdient hätte (na gut, irgendwann war man anscheinend einmal dieser Meinung gewesen, und ich fürchte, dass es dort wieder Leute gibt, die dieser Meinung sind), sondern aufgrund bürokratischer Schlamperei.
Wie gesagt, ich habe eher über die Provinzposse geschmunzelt, als mich in irgendeiner Form darüber aufzuregen. Aufgeregt habe ich mich dann aber doch und zwar über die Fotostrecke, die Spiegel-Online dem Artikel spendierte:
Ehrlich, da komme ich mir verascht vor. Meinen die echt, man müsste mir noch mal erklären, was olle Hitler angerichtet hat, damit ich den Artikel verstehen kann? Und wenn das so wäre, glauben die, das mit 18 Bildchen erreichen zu können? Wenn ich nicht der Meinung wäre, das Hitler ein Verbrecher war, hätte auch diese Fotoserie nichts dran geändert.
Aufklärung und Gedenken sind wichtig, aber in dieser plumpen, mich für dumm haltenden Form kotzt es mich einfach nur an und geht mir auf den Geist. Versteht jemand, was ich meine?
Ich glaube zum Beispiel nicht, dass hinter dieser Bildauswahl ein aufklärerischer Gedanke steckte, sondern im Gegenteil: Gedankenlosigkeit und ein Reflex:
Bildreadkteur: (den Namen Hitler im Text lesend) Aha … na, dann such ich mal was über’n (gähn) 2. Weltkrieg raus. Und Auschwitz und so, das (gähn) passt immer …
Zum Artikel hätte ein Bild von Hitler gehört, ein Bild von Bad Doberan und irgendeinem Lokalpolitiker. Stattdessen werden mir der Atombombenabwurf über Hiroshima und das von Stauffenbergs Anschlag verwüstete Führerhauptquartier gezeigt.
Im Text freilich hätte man – schon um sich als Autor eindeutig zu positionieren – durchaus darauf eingehen können, warum es doch irgendwie komisch ist, dass Hitler noch immer Ehrenbürger einer deutschen Stadt ist. Das fehlt im Text übrigens völlig – was ich nicht schlimm finde. Mich ärgert nur die Fotostrecke, die vielleicht entgegen meiner obigen Theorie auch so zustande kam:
Chefredakteur (oder wer auch immer entscheidet, was veröffentlicht wird): Hm. Jetzt steht im Text aber gar nicht, dass Hitler böse war. Das muss da noch rein. Man darf die die Dummheit der Leser unterschätzen … ach, der Autor hat schon Feierabend … hm …
Bildredakteur: Wir könnten eine unserer 2.Weltkriegs-Standard-Bildstrecken nehmen.
Chefredakteur: Ja, prima. Schreiben sie irgendwas mit Der Weg in die Katastrophe oder Barbarei oder so drüber, und dann stellen Sie das online.
(Volker Strübing)

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