Letzten Freitag erschien im Feuilleton der Berliner Zeitung ein Beitrag von Jörg Sundermeier über Schriftsteller, die zu Selbstvermarktern würden und mit ihren Ideen meist zu spät kämen.
(…)bei all dem stand den Dichterinnen und Dichtern alsbald helfend der Verlag oder ein Agent zur Seite, der sich, einem Musikmanager gleich, seines Schützlings annahm und ihm von zu großen Übertreibungen, von falschen Posen oder gar von der Nachahmung erfolgreicher Autoren abriet.
Seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall. Der Agent hat kaum noch Zeit, der Verlag nicht das Geld, um Personal abzustellen. So sind die Autoren plötzlich auf sich allein gestellt. Sie sollen nicht mehr einfach nur Dichter sein oder gar „das Poetische“ verkörpern, nein, sie müssen sich selbst vermarkten.
Da verklärt er zwar eine „gute alte Zeit“ des Verlagswesens und Schriftstellerdaseins, die es so sicher nie gegeben hat. Aber im Großen und Ganzen hat er wohl recht. Statt eines Lektors, der sich mit viel Zeit und persönlichen Engagement seiner Autoren annimmt, werden immer mehr Bücher immer schneller von immer weniger Leuten betreut und auf den Markt geschmissen, um alsbald (durch den Stempel „Mängelexemplar“ in ein Mägelexemplar verwandelt) bei Hertie und Wohlthat’s auf den Büchergrabbeltischen zu landen. Nicht nur bei den Vorarbeiten müssen sich viele Autoren immer stärker auf sich selbst verlassen, weil der Verlag das nicht mehr leistet, nein, wenn das Buch da ist, schickt der Verlag eine Presseexemplare raus, steuert ein bisschen Geld bei zur Buch-Release-Party, die der Autor idealerweise selbst organisiert, und überlässt es ansonsten ihm, dafür zu sorgen, dass irgendjemand sein Buch wahrnimmt.
Zumindest ist das der Eindruck, den Gespräche mit einigen Kollegen hinterlassen haben, die Bücher bei eigentlich großen und angesehenen Verlagen herausgebracht haben. Mit yedermann und Voland & Quist habe ich bisher bei zwei recht kleinen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten aber sehr engagierten Verlagen veröffentlicht – das ist noch mal ein etwas anderer Fall.
Ärgerlich wird Sundermeiers Artikel, wenn er anfängt Dinge zusammenzuhauen, die nicht zusammengehören:
Was die zwangsweise erfolgende Autorenselbstvermarktung mit sich bringt, ist in Berlin Woche für Woche auf den Lesebühnen zu sehen, auf denen Autoren Texte verlesen, die schnell verfasst und auf den Lacher konzipiert worden sind. Der Jubel des Publikums lässt sie hoffen, dass sie, obschon der Lesebühnen-Hype bereits wieder vorbei ist, vielleicht doch noch entdeckt werden könnten.
Der Mann kann sich offenbar nicht vorstellen, dass es andere Gründe als den Buchabsatz geben könnte, eine Lesebühne zu gründen und Leute zum Lachen zu bringen. Ich kenne keinen, der aus solchen Selbstvermarktungsgründen angefangen hätte. Die meisten hatten vorher noch nichts, schon gar kein Buch geschrieben und haben das Geschichtenerzählen bei den Lesebühnen für sich entdeckt. Andere, die schon vorher geschrieben haben, erlebten durch die Lesebühnen eine völlig neue Art des Schreibens und vor allem des Kontaktes zum Publikum, die sie fasziniert und inspiriert hat – die aber in den Anfangsjahren weder finanziell noch von der öffentlichen Wirkung her lohnenswert war. Aufhören kam trotzdem nicht in Frage, weil uns die Form so gefallen hat, weil wir das liebten, was wir taten, weil es genau das war, was wir tun wollten. Und nicht etwas, was uns vom System diktiert wurde.
Was den erwähnten, bereits wieder vorbeien „Lesebühnenhype“ angeht, so bestand dieser im wesentlichen aus einem begeisterten, mehrseitigen Artikel im Spiegel, irgendwann Anfang 2000. Danach galt es zumidnest in Berlin offenbar als uncool, über uns etwas positives zu schreiben, und es folgte eine Reihe von sehr abfälligen Berichten, die größtenteils darauf beruhten, über den Bierkonsum und das Gelächter während der Veranstaltungen die Nase zu rümpfen oder uns zu unterstellen, wir wollten eigentlich ernste Literatur schreiben, seien aber zu doof dazu.
Ich bin schon recht froh, dass Sundermeier nicht noch das Wort „billig“ vor „Lacher“ gesetzt hat, obwohl es mich nicht wundern würde, wenn es im ersten Entwurf noch dringestanden hätte und nur einer Kürzung zum Opfer gefallen wäre.
Halt! Das ist eine Unterstellung. Ich kenne den Mann nicht. (Genausowenig wie er offenbar uns.) Allerdings hat gerade die Berliner Zeitung eine gewisse Tradition im Lesebühnen-Bashing, weshalb das jetzt auch nicht soooo weit hergeholt ist.
Es gibt natürlich auch noch andere Formen des Selbstverkaufs:
Oder sie bloggen.
🙂
Hier kommt Sundermeier – in meinem Fall – der Wahrheit etwas näher. Als ich mit dem Schnipselfriedhof anfing, hatte ich auch selbstvermarkterische Gründe. Allerdings spielten diese bestenfalls eine Nebenrolle, da mir klar war, dass die Reichweite und der Werbeeffekt sehr begrenzt bleiben würden.
(Der Schnipselfriedhof ist übrigens – was die Besucherzahlen angeht- viel erfolgreicher als ich hätte annehmen dürfen. Danke 🙂
Hauptgründe waren mein Mitteilungsdrang und die Trauer um all die Schnipsel, die ungenutzt in meinen Notizbüchern vor sich hingammelten. Inzwischen ist das für mich zu einem eigenständigen Betätigungs- und Experimentierfeld geworden, dass ich – Vermarktung hin oder her – nicht missen möchte.
Gerne verzichten kann ich hingegen auf das Mitleid (Selbstmitleid?) von Jörg Sundermeier.
(Volker „beleidigte Leberwurst“ Strübing)
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