Mancher schreibende Kollege empfiehlt, morgens nach dem Aufstehen erstmal ein paar Minuten einfach draufloszuschreiben, rauszulassen, was einem gerade durch den Kopf geht. Traumfetzen, Gedanken, sinnlose Geschichten, Hasstiraden, eine Anekdote, an die man sich erinnert – egal. Nicht nachdenken, nicht korrigieren, keine Selbstzensur, einfach nur schreiben, schreiben, schreiben. Hinterher kann man das Geschriebene bedenkenlos wegwerfen; es ging schließlich nur darum, in die Gänge zu kommen, sich warmzuschreiben sozusagen.
Ich habe mit dieser Methode schlechte Erfahrungen gemacht. Das gute Gefühl schon einen Text geschrieben zu haben, löst bei mir wohlige Feierabendstimmung aus. Ein Text pro Tag ist schließlich genug! Ich wäre froh, wenn ich diesen Schnitt halten würde.
Dennoch ist die Versuchung groß jetzt genau das zu tun, einfach schreiben, schreiben, schreiben ohne nachzudenken, ohne zu korrigieren, ohne Selbstzensur. Mit großer Schrift meine Internetklowand beschmieren. Das Internet mit Gedankenmüll vollmachen, bis es platzt. Unschuldigen Lesern Lebenszeit stehlen.
Und das alles nur, weil ich, solange ich schreibe, eine gute Ausrede habe um nicht bei der Telekom-Rechnungsstelle anzurufen. Ich bin schon gestern in der Telekomfiliale nicht ausgerastet – obwohl ich allen Grund gehabt hätte – ob ich das heute am Telefon nochmal schaffe? Die Telekom ist eines der Hauptwerkzeuge des Ministeriums zur Senkung der Lebensqualität (MinSeLeb), von dessen Existenz viele Bürger ja gar nichts wissen. Durch intensive Nachforschungen Nachdenken Gespräche beim Bier haben Spider und ich zufällig vor einigen Jahren das Geheimnis gelüftet. Leider haben wir die Aufklärungsarbeit sträflich vernachlässigt. Ich gelobe Besserung.
So. In einer Stunde muss ich losfahren. Nach Potsdam, geheimnisvollen Dingen entgegen, von denen ich hoffentlich nachher berichten kann. Eine Stunde, puh, das wird knapp. Ich muss ja auch noch Zähneputzen und Schuhe anziehen, nee, nee, also bei der Telekom anrufen, schaffe ich jetzt nicht mehr, oder?
Außerdem habe ich ja jetzt schon einen text geschrieben und gerade macht sich so ein wohliges Feierabendgefühl breit. Will ich mir das von den Mächten der Finsternis verderben lassen?
Hm. Es führt wohl kein Weg dran vorbei.
(Volker Strübing)
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