Fritz J. Raddatz siedelte 1950 als Neunzehnjähriger von West- nach Ost-Berlin über, um im vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaat zu studieren und zu leben. Seine Karriere in der DDR verlief ziemlich steil. Er wurde erst Leiter der Auslandsabteilung und stellvertretender Cheflektor des Verlages „Volk und Welt“. 1958 verließ er die DDR. Von 1976 bis 85 war er Leiter der Feuilletonabteilung der „Zeit“ in deren jüngster Ausgabe nun ein von ihm geschriebenes Dossier mit dem Titel „Mein Versagen als Bürger der DDR“ erschien. Darin setzt er sich äußerst elbstkritisch mit seiner Zeit in Ost-Berlin auseinander, als er – obwohl ihm vieles Unrecht bekannt war – das System unterstützte, mittrug und vertrat, wobei er sein Wissen und sein Gewissen überlistete, in dem er sich kleine Aufmüpfereien erlaubte.
Vermerkt wird auch, dass ich es abgelehnt habe, Mitglied der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft zu werden. Und hier wird es prekär. (…) Das zu verweigern war freches Sakrileg und mein recht keckes »Ich liebe keine Einbahnstraßen, ich gehe da erst rein, wenn es umgekehrt auch eine ›Gesellschaft für sowjetisch-deutsche Freundschaft‹ gibt« nicht einmal ganz ungefährlich. Diese Weigerung habe ich als »Mut« deklariert. Doch schaukelt der selbst verliehene Mut-Orden nicht doch recht schiefschultrig? Was wäre denn schon die ärgste Konsequenz gewesen? Doch nicht das Lager in Workuta.
Ich bin damals in die Deutsch-Sowjetische-Freundschaft eingetreten. In eine der Organisationen, „in denen Mitglied zu sein so allgemein selbstverständlich war, wie es das Amen in der Kirche ist „. Genauso in die FDJ. Von Eintreten konnte kaum die Rede sein. Man kam in die Krippe, dann in den Kindergarten, dann in die Schule, dann zu den Pionieren, dann in die FDJ und die DSF, dann machte man Lehre (oder ging zur Erweiterten Oberschule – von hundert Schülern meiner Klassenstufe in Marzahn soweit ich weiß genau einer; aus meiner Klasse niemand), dann ging man arbeiten. Ich habe den DSF-Eintritt nie in Frage gestellt, genausowenig wie ich meine Versetzung in die nächste Schulklasse in Frage gestellt hätte.
Natürlich war ich in einer anderen Situation als Raddatz, und wo er seine Zeit als Rädchen im Getriebe mit dem Hinweis auf seine (teilweise gar nicht so kleinen) Rebellionen rechtfertigte – eine Rechtfertigung, die er im Dossier voller Scham und Reue selbst demontiert – so erzähle ich gern davon, dass es für einen Jugendlichen in Marzahn, dessen Eltern sogenannte einfache Leute waren – keine Künstler, keine Intellektuellen, keine Kirchenmitglieder – schlicht nicht denkbar gewesen sei, gegen das System aufzubegehren. Und das trotz Westfernsehen und dem ständig präsenten Widerspruch zwischen den Verlautbarungen der Staatsmedien und der Wirklichkeit. Flucht oder ein Ausreiseantrag waren durchaus Optionen – Widerstand war keine.
Auch ich hatte meine kleinen Aufmüpfigkeiten, mit denen ich mir ein bisschen Luft verschaffte. Sie waren noch viel kleiner als die Raddatz’schen. Da habe ich halt mal eine „aktuell-politische Diskussion“ mit kritischen Fragen vom vorgesehenen Weg abgebracht oder schlechte Zensuren in Kauf genommen und in Aufsätzen eigene, vom Lehrplanziel abwechende Ideen entwickelt. Mir mit Freunden am Heimcomputer eine eigene Welt gebaut – der C64 war unsere Datsche – und mit 17 angefangen zu Punk-Konzerten zu gehen und erste kleine Berührungen mit so etwas wie Opposition zu haben. Mir eine Gitarre gekauft und beschlossen, irgendwie Künstler oder so zu werden. Irgendwann mal. Und ja, ich war stolz darauf; hielt mich für etwas besseres als die ganz Braven.
Nochmal zurück zum Zeit-Dossier.
Die Sache erinnert fatal an eine gespenstische Anekdote, die der Emigrant Alfred Kantorowicz mit gutem Grund oft erzählte, zurückgekehrt aus den USA in die DDR, die er 1956 wieder verließ: Pogrom in Galizien; ein Dorf wird gebrandschatzt; der Rabbiner wird in einen Kreidekreis gestellt; es wird ihm bei Androhung der Todesstrafe verboten, den zu verlassen; Frau und Tochter werden vor seinen Augen vergewaltigt; später findet man ihn lächelnd im Kreidekreis stehen: »Aber Rebbe, sie haben das Dorf abgebrannt, 38 Leute ermordet, deine Frau, deine Tochter vergewaltigt – was stehst du da und lächelst?« – »Ja, und sie haben mich mit dem Tode bedroht, wenn ich aus dem Kreidekreis herausträte; aber sie haben nicht gemerkt, dass ich meine Fußspitze über den Rand geschoben habe.«
Auch ich habe die Fußspitze keck über den Rand geschoben. Und ich frage mich, was geschehen wäre, wenn die DDR weiterexistiert hätte. Hätte ich weiter funktioniert, weiter mitgemacht, wenn auch mit spöttisch gehobenen Augenbrauen und dem großen Zeh im Verbotenen?
Hm. Vermutlich schon. Ich hätte mich irgendwie arrangiert, so wie wir fast alles es getan haben. So wie es vielleicht immer fast alle Leute tun. Ob da nun ein König, ein Führer, eine Partei oder ein allmächtiger Markt die Geschicke bestimmt.
Und schließlich hatten wir Angepassten es ja nicht so schlecht, dass unmittelbarer Handlungsbedarf bestanden hätte …
Wer übrigens meint, ich dürfe mich nicht mit Radditz und dieser sich nicht mit dem Rabbiner vergleichen, dem möchte ich noch folgendes Zitat aus dem Artikel ans Herz legen:
Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen. Man kann sehr wohl die berüchtigten Äpfel mit Birnen vergleichen, sogar das Finnische mit Kisuaheli – eben um herauszufinden, dass sie sich unterscheiden
Das selbe habe ich übrigens auch schon mal geschrieben. In einem ziemlich krawalligen Text. Da las sich das so:
„… klar kann man das vergleichen! Vergleichen ist doch nicht gleich setzen, meine Fresse! Man kann alles mit allem vergleichen, Äpfel mit Birnen, Jesus mit mir oder ein frisch gezapftes Bier mit dem Holocaust … obwohl, nein, das geht zu weit: Nüscht ist mit einem frischgezapften Bier zu vergleichen.“
(Volker Strübing)
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