Bei der VG Wort sind mehr als eine Viertelmillion Autorinnen und Autoren registriert. Man könnte eine komplette Großstadt mit Schrifftstellern, Publizisten, Journalisten, Textern und so weiter vollmachen und sie dann mit versteckter Kamera dabei beobachten, wie sie morgens kopfschüttelnd vor dem verschlossenen Bäcker stehen und anschließend einen aufrüttelnden Roman mit dem Titel „Der Tag, an dem die Brötchen alle waren“ verfassen.
Vielleicht sind aber auch einige Bäcker unter diesen registrierten Autorinnen und Autoren, denn wahrscheinlich verdienen nur die wenigsten dieser registrierten Autoren ihren Lebensunterhalt ganz oder hauptsächlich vom Schreiben. Ja, ich gehöre zu einer priviligierten Minderheit, denn ich bestreite mein Einkommen mit der Schreiberei. Halt – das stimmt nicht ganz. Denn genaugenommen lebe ich nicht vom Schreiben, sondern vom Vorlesen des Geschriebenen. Letztes Jahr war ein Sonderfall, da ich im Frühjahr und Sommer Sketche für’s Fernsehen geschrieben und damit so gut verdient habe, dass ich mir eine lange „vorlesungsfreie Zeit“ im Sommer leisten konnte. Dennoch bin ich 2006 weit mehr als 100 Mal aufgetreten. 2007 konnte ich so eine Pause nicht machen – bisher habe ich 164 Auftritte bestritten. Die Gage belief sich dabei auf Summen zwischen 0 und 1000 Euro. Letzteres leider nur einmal, ersteres ein gutes dutzendmal. Insgesamt liegt mein Einkommen deutlich über dem ALG-II-Regelsatz und deutlich unter dem Durchschnittseinkommen. Ich bin’s zufrieden, zumal man fairerweise noch die Freigetränke zurechnen muss – in den 11 Jahren, die ich jetzt schon auftrete, ist da sicher der Gegenwert eines Eigenheimes zusammengekommen. Mit Swimmingpool. Und fußbodenbeheiztem Park. Mitten in der Innenstadt von Tokio.
Meine Tätigkeit besteht aus den zwei Bereichen Schreiben (und Filmemachen etc.) und Auftreten. Das Gewicht hat sich extrem in Richtung der Auftritte verschoben und ich muss das ein bisschen korrigieren.
164 Auftritte, das heißt auch freilich 164 Abende außer Haus, ungefähr 50 Nächte in Hotels, Gästewohnungen oder WGs und anderthalb bis zwei Wochen Zugfahrt. Leider ist es nicht so, dass ich zwei Wochen im Monat vorlese und die anderen zwei Wochen Ruhe zum Schreiben habe. Nein, mein Kalender ist ein Flickenteppich. In meiner Schublade tummeln sich allerlei Projekte und Ideen, die ich gerne angehen würde, für die mir aber schlicht die Zeit fehlt. Nein, ich kann leider nicht zwischen Frühstück und Mittagessen am Roman schreiben, danach den Friedhof beschnipseln und ein Video machen, am Nachmittag eine Kurzgeschichte verfassen, rasch noch ein bisschen was Organisatorisches erledigen, Abends auftreten und am nächsten Tag das Ganze von vorn. Da ich mich nicht ändern kann, muss ich etwas an den Auftritten ändern. Für nächstes Jahr habe ich mir vorgenommen, entweder weniger aufzutreten und genausoviel zu verdienen oder genausoviel aufzutreten und mehr zu verdienen. Um ehrlich zu sein: Am liebsten würde ich sogar etwas weniger auftreten und trotzdem mehr verdienen. Außerdem wünsche ich mir eine bessere Bündelung der Auswärtsauftritte. Vier Lesungen oder Slams in Süddeutschland an aufeinanderfolgenden Tagen sind natürlich viel besser, als wenn ich viermal für einen Tag dorthin fahre.
In der Hoffnung, dass sich diese Hoffnungen erfüllen (Häh? Was für’n blöder Satz!), arbeite ich in Zukunft mit der Agentur „Die Kulturbanausen“ zusammen. Das heißt nicht, dass alles über die Agentur laufen wird und ich nur noch für urst viel Geld auftrete. Es gibt eine Menge Leute, vor allem im Poetry-Slam-Bereich, zu denen ich gute, teilweise freundschaftliche Kontakte aufgebaut habe, und da werde ich ganz sicher nicht die Agentur einschalten. Aber bei Anfragen von Veranstaltern, die ich noch nicht oder nicht gut kenne, werde ich diese in Zukunft wohl oft an die Agentur verweisen. Auch wenn das in manchen Fällen zu einer Absage führen wird.
Einmal habe ich das auch schon getan – mit sehr schlechtem Gewissen. Es kam dann auch prompt eine Antwort, in der unter anderem der Satz „Erfolg macht traurig“ stand. Ich habe zurückgeschrieben, dass sich Erfolg und Traurigkeit zum Glück noch in erträglichem Rahmen bewegen 😉
Eher macht mich das schlechte Gewissen traurig. Und das schlechte Gewissen kommt daher, dass ich den Gedanken nicht ganz loswerde, dass Kunst etwas Reines sein sollte, etwas, das man nicht mit solchem Schmutz wie finanziellen Interessen besudeln sollte. Oder so. Aber was soll ich machen? Auch wenn ich die Geldwirtschaft in der heutigen Form für absurd halte, so lebe ich doch in ihr und brauche Geld – und in Wirklichkeit nicht nur, um wackelnde Tische zu stabilisieren. Einen anderen Job machen, um das Schreiben zu finanzieren? Dann müsste ich aus Zeitmangel noch viel mehr Auftritte absagen, als jetzt aus Geldgründen. Und sowas wie Kloß und Spinne oder meinen Roman hätte ich nach Feierabend wohl kaum auf die Reihe gekriegt. (Und außerdem habe ich keine Lust 😉
Niemand kann mir vorwerfen, ich würde das alles nur des Geldes wegen machen. Dafür habe ich es viel zu lange für ein Taschengeld gemacht. Und ich habe für mich und meine Auftritte noch nie, nie, nie einen Text geschrieben, den ich selbst nicht mochte, nur um damit erfolgeich zu sein.
So, das klingt jetzt alles nach einer Rechtfertigung, aber eigentlich soll es nur eine Erklärung sein. Ich habe das Gefühl, das klarstellen zu müssen, wenigstens für mich selbst.
Mal gucken, wie alles wird. Ich hab den zweitschönsten Beruf der Welt (gleich nach Testesser in einer Fabrik für Weihnachtsnüsse mit Schoko-Nougatmantel und einem Hauch von Zimt und Koriander), das ist das Wichtigste.
(Volker Strübing)
PS: btw: Es gab mehrere Kommentare zu den Kloß-und-Spinne-Filmen, in denen ich gebeten wurde, mich nicht ans Fernsehen auszuverkaufen. Dazu kann ich nur sagen: Wenn ein Fernsehsender oder ein Webportal oder was weiß ich käme käme und mir anbieten würde, die Filme ohne redaktionelle Einmischung auszustrahlen und mir dafür Geld zu geben würde – aber hallo würde ich Ja sagen!
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