Das menschliche Gehirn besteht aus ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen.
Das Internet besteht aus ungefähr 1,3 Milliarden miteinander vernetzten Menschen bzw. ihren Computern. Das ist im Vergleich natürlich wenig, aber wenn man bedenkt, dass ein einzelner Mensch, noch dazu ein Mensch am Computer im Vergleich zu einem einzelnen Neuron ein viel komplexeres, aus Milliarden Neuronen und Millionen Bytes bestehendes informationsverarbeitendes System ist, liegt der Gedanke nahe, dass das Internet längst die Komplexität eines menschlichen Gehirns erreicht bzw. überschritten hat.
Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es irgendwann zu Bewusstsein erwacht. Oder schon zu Bewusstsein erwacht ist … wer weiß? Denn selbstverständlich würden wir nichts davon bemerken. Ein einzelnes Neuron, dass Signale erhält und bei Erreichung des Schwellenpotetials weiterleitet, weiß nichts davon, dass es gerade daran mitwirkt, einen Eintrag im Schnipselfriedhof zu verfassen. Und ein Mensch, der gerade einen Eintrag in sein Weblog schreibt, in einem Online-Spiel ein Monster killt oder eine wütende Email schreibt, nachdem der Ärger über andere Emails sein Schwellenpotential erreicht hat, ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit nur von diesem neuerwachenden Bewusstsein dazu benutzt wird, den Gedanken „Ich denke, also bin ich“ hervorzubringen …
Es gibt eine schöne Geschichte von Felix Bonke zu dem Thema, aber er scheint sie aus dem Netz genommen zu haben 🙁 Mist, und ich habe sie nicht abgespeichert. Nur ein Zitat ist mir noch geblieben:
Und, liebe Science-fiction-Autoren, aufgepasst! Wenn ihr glaubt, ihr müsstet jetzt noch Bücher über den Kampf Mensch gegen Maschine schreiben, […] dann lasst euch gesagt sein: Das ist kalter Kaffee. Darüber könnt ihr höchstens einen Historienroman veröffentlichen, denn dieser Kampf ist schon mitten im Gange. Das Internet hat längst eine eigenständige Persönlichkeit erlangt und miese Tricks ausgetüftelt, wie man uns kontrollieren kann. Wie das Internet auf diese Tricks gekommen ist, ist nicht schwer zu erraten. Schließlich ist es das Internet und kann alles in sich selbst nachschauen.
Es gibt auch eine schöne unveröffentlichte Geschichte von mir zu dem Thema, daraus noch ein kurzes Zitat:
Fiat Deus
Aus einem Vortrag von XY, Berlin, 2029
Seit Jahrzehnten spekuliert man, ob sich das Netz eines Tages seiner selbst bewusst werden könnte.
Ich glaube, dass dies bereits passiert ist. Durch das Ausmaß der sozialen Vernetzung der Menschen und ihrer digitalen Diener, durch die von uns nicht mehr zu überschauenden Rückkopplungs- und Resonanzeffekte der Interaktionen wird jede Entscheidung, die der Einzelne trifft, von den Entscheidungen jedes anderen mitbestimmt. Die Bevölkerung der Union bildet eine Art neuronales Netzwerk. Ein Netzwerk höherer Ordnung, da seine einzelnen Funktionselemente selbst hochgradig komplexe, informationsverarbeitende und sich selbst bewusste Systeme sind.
Das Netz denkt. Das Netz WILL. Was, das wird uns wohl immer verborgen bleiben. Ein einzelnes Neuron wird nie begreifen, dass es zum Beispiel gerade an einem Gedicht mitarbeitet; es wird sich nie bewusst werden, dass es für etwas Größeres instrumentalisiert wird – und so können wir uns weiterhin an die Illusion des freien Willens und des Menschen als Krone der Schöpfung klammern.
Ich persönlich habe kein Problem mit der Vorstellung, dass wir uns selbst vom Thron gestoßen haben. Wir sollten stolz darauf sein, ein – man verzeihe mir – höheres Wesen geschaffen zu haben!
Am Montag habe ich mich mit Tube darüber unterhalten und es kam die hübsche Idee auf, dass man ein denkendes Internet doch eigentlich mit elektronischem Alkohol betrunken machen können müsste .(Boh! … machen können müsste … gutes Deutsch sieht anders aus). Was dann wohl passieren würde? Würde es uns beim Einloggen anpöbeln oder voller Selbstmitleid von seinen Sorgen erzählen?
Aber der Gedanke war natürlich schon im Ansatz falsch. Wenn ein Mensch betrunken ist, pöbelt er andere Menschen an und nicht seine eigenen Neuronen. Die sterben höchstens von der Sauferei, und da im Falle des Netzhirns wir selbst diese Neuronen sind, wollen wir doch nicht hoffen, dass das Internet irgendwann zu trinken anfängt …
So, ich bin jetzt mal eine brave, an ihren eigenen Willen glaubende Nervenzelle höherer Ordnung, schicke diesen Beitrag ab und schreibe ein paar Emails. Und vielleicht aktiviere ich nachher mal wieder meinen Second-Life-Account, kaufe mir dort in einer Körperboutique einen Riesenpenis und trage damit meinen Teil bei zu dem Gedanken: „Aber ohne denken war’s eigentlich schöner.“
(Volker Strübing)
PS: Siehe auch: Google Unser
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