Kategorie: Weltverbesserung

  • Teaser: Ist das Zukunft oder kann das weg?

    Teaser: Ist das Zukunft oder kann das weg?

    Einer der Gründe, warum hier in den letzten Monaten nüscht los war: Ich habe einen Film gemacht, hurra! Zusammen mit der Kobalt Filmproduktion und im Auftrag von 3sat. Er läuft am Sonnabend, dem 5.Juni um 19.20 Uhr auf 3sat und ist ab dann auch in der Mediathek verfügbar.
    Worum es geht, erklärt am besten ein kleiner Teaser, den ich zusammengebastelt habe:

    Aus rechtlichen Gründen sind in diesem Teaser keine Interviewausschnitte zu sehen, obwohl die Interviews einen Großteil des Films ausmachen. Außerdem konnte ich weder etwas von dem Archivmaterial aus dem Film verwenden, noch den Original-Soundtrack. Die Musik im Teaser stammt also nicht aus dem Film. (Erkennt jemand, welcher Oldie hier gecovert wurde?)
    Wenn alles gut geht, kommt bald ein neuer Schnipselfunk, in dem ich ein bisschen über das Making-of erzähle und ein anderes Projekt vorstelle, an dem ich in den letzten Monaten gearbeitet habe. Darin ging es nicht um positive Zukunftserzählungen, sondern um Verbrechen im Mittelalter. Insgesamt war ich temporal und emotional also sehr ausgewogen unterwegs.

  • Die neuen 80er

    Die neuen 80er

    In den letzten Jahren ist es modern geworden, unsere Zeit mit „Weimar“ bzw. den 20er-Jahren des 20.Jahrhunderts zu vergleichen. Und, ohne es direkt auszusprechen, daran zu erinnern, dass nach den 20er Jahren die 30er kamen. Und die Parallelen drängeln sich ja wirklich auf. Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg des Faschismus und ein wilder Tanz auf dem Vulkan mit Bananen um die Hüften (was immer auch das Pendant dazu bei TikTok sein mag). Das ist ein Vergleich, der uns wahrscheinlich aufrütteln soll, aber ich fürchte, er erreicht bei vielen genau das Gegenteil. Er deprimiert, verängstigt und lähmt. Und vor hundert Jahren war schließlich auch alles vergebens, was soll das also alles?!
    Der Vergleich weckt vor allem das Bedürfnis, die Klopapiervorräte aufzustocken, sich eine Papiertüte über den Kopf zu ziehen und zu überlegen, wie man am besten durch die bevorstehenden finsteren Zeiten kommt. Oder den Wunsch, einfach dicht zu machen, die Welt zu ignorieren und mit Bananen um die Hüften auf dem Vulkan zu tanzen. Ich habe beides ausprobiert (letzteres aus Kostengründen mit Möhren statt Bananen) und beides hat mich nicht wirklich befriedigt.

    (Mehr als genug!)

    Aber vielleicht ist der Vergleich ja auch einfach falsch! Vielleicht leben wir gar nicht in den neuen 20ern (jaja, das tun wir natürlich, weil: 2020, aber ihr versteht schon), vielleicht leben wir in den neuen 80ern!

    Mal sehen. Die 80er Jahre haben die schlimmste Popmusik hervorgebracht (Saxophon-Solos! Hall auf Snaredrums! Modern Talking! Die Toten Hosen!). Die 80er Jahre haben aber auch die beste Popmusik hervorgebracht (ich muss es wissen, ich hatte sie auf Kassette!). Das ist also schon mal kein Match denn die Popmusik von heute hat mir nur gezeigt, dass das, was ich einmal für die schlimmste Popmusik der Welt hielt (Saxophon-Solos! Hall auf Snaredrums! Modern Talking! Die Toten Hosen!) so schlimm nun auch wieder nicht war, wenn man es vergleicht mit diesem schlecht gereimten Mist voller Pathos, Selbstmitleid, Selbstgerechtigkeit und „ich bin so ich, dass ich sonst gar nichts bin und ihr habt mir sowieso nüscht zu sagen, ätsch!“, der heute als Deutschpop durchgeht.

    Das selbe gilt für die Mode: Die Schulterpolster und Frisuren waren das hässlichste, was Menschen je am Leib trugen, zumindest bis es losging mit diesen komischen Bauchnabelhosen bei Frauen und unbesockten, haarigen Hipsterfüßen in Sneakers an Hochwasserhosen –  aber lassen wir das!

    Ich will mich nicht als Mode- und Musikkritiker profilieren und muss fairerweise auch eingestehen, dass es sicher kein gutes Zeichen wäre, wenn ein mittelalter Mann wie ich die heutige Popmusik und Mode gut fände.

    Die 80er waren eine Zeit, wo großer technischer Fortschritt auf großen Pessimismus traf. Das Space Shuttle flog ins All, Computer sickerten in den Alltag und selbst bei uns im Osten verschwanden langsam die Schwarzweißfernseher. Die Kassette machte praktisch alle Musik für jeden überall verfügbar, die Musikindustrie sah sich selbst zum ersten Mal sterben und die alten Leute sahen eine Zeit voraus, in der die Menschen nicht mehr miteinander reden würden, weil sie die ganze Zeit Walkman-Kopfhörer auf den Ohren haben würden.
    Und gleichzeitig war es die Zeit von „No Future“ und der Angst vor dem Atomkrieg, die Zeit von Waldsterben und „Ohohoho Tschernobüll, das letzte Signal vor dem Overkill“ (ganz schlimmes Lied von Wolf Mahn, aber ich wollte ja nicht mehr über schlechte Popmusik schreiben …).

    In meinem Freundeskreis machte ein Buch die Runde, das irgendwie seinen Weg über die Mauer zu uns gefunden hatte: „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit.“ Ich glaube, ich habe im Schnipselfunk schon einmal davon erzählt. Es war ein Buch, dass mich damals sehr beeidruckt und beeinflusst hat und an dass ich in letzter Zeit wieder öfter denken musste. Das Buch stammte von Hoymar von Ditfuhrt und der Titel bezog sich auf einen Ausspruch Martin Luthers: „Wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“

    Es war soweit. Es war 1988 und morgen würde die Welt untergehen.

    (Symbolbild)

    Das Buch beschrieb nicht nur die Gefahren vor denen die Menschheit stand, sondern erklärte auch ausführlich und überzeugend anhand von geschichtlichen, psychologischen und biologischen Überlegungen, warum das Ende unausweichlich war und wir nicht in der Lage sein würden, die Welt zu retten.
    Die Frage war eigentlich nur noch, ob uns zuerst der saure Regen, das Ozonloch oder die „gegenseitig zugesicherte Zerstörung“ den Garaus machen würde.

    Und das war (neben einigen Liedern) sicher das beste an den 80ern: Dass das Morgen, vor dem wir uns damals fürchteten nicht eingetreten ist.
    Dabei waren all diese Gefahren real. Heute macht man sich manchmal lustig über die Angst vor dem Waldsterben oder zieht sie sogar als Argument heran, nach dem Muster „Ach, die Klimakatastrophe ist doch wieder nur so ein Hype wie der saure Regen in den 80ern“. Aber der Wald starb. Und dass wir über die Ängste von damals heute lachen können, liegt nur daran, dass es genug Menschen gab, die den Glauben an die Zukunft nicht verloren hatten. Die auf die Straße gingen und oft genug ins Gefängnis. Die redeten und schrieben und demonstrierten und überzeugten und Apfelbäume pflanzten, um sie zusammen mit ihren Kindern wachsen zu sehen.

    Und statt dem Weltuntergang bekamen wir Rauchgasentschwefelungsanlagen, ein FCKW-Verbot, ein Deutschland ohne Mauern und das Ende des kalten Krieges.

    Und dann … dann kamen die 90er und das Märchen vom „Ende der Geschichte“, vom Ende der Utopien und Träume, wer brauchte noch Träume, wenn es Gratispornos im Internet gab und Billigflüge und Konsum bis zum Abwinken. Und wir hörten auf groß zu träumen und nach- und vorauszudenken. Wer braucht Utopia, wenn Qualityland zum Greifen nah ist?

    Und heute haben wir Trolle, Trump und Terroristen und Bundestagsmitarbeiter, die von Erschießen und Vergasen reden. Die Bäume sterben wieder, die Klimakatastrophe ist da, eine Pandemie tötet hunderttausende und wirft Millionen in die Armut zurück. Wir schlittern von Krise zu Krise und der nächste große Krieg ist immer nur ein Missverständnis, eine Provokation, einen großmäuligen Tweet entfernt.

    Alles scheint sich im Kreis zu drehen, alles was erreicht war scheint verloren zu gehen, willkommen zurück in den 80ern, am Vorabend des Weltuntergangs.

    Die beste Zeit, um zu verzweifeln. Und genau deshalb die schlechteste Zeit zum Verzweifeln.

    (Bitte ignorieren Sie dieses uangemessen kitschige Bild.)

    Denn wenn uns etwas retten kann, dann die Hoffnung und der Glaube, dass morgen alles besser wird als heute und dass selbst heute nicht alles schlechter ist als gestern. Während es an sovielen Stellen schwelt und bröckelt, werden an anderer Stelle Fortschritte gemacht.

    Die Welt ist in fast jeder Hinsicht besser als 1988 oder 1920. Reicher, satter, freier, demokratischer, gesünder, ja, sogar friedlicher.
    Ich glaube an die Evolution der Gesellschaft.

    Ich glaube das alles besser, aber niemals alles gut werden kann. Es gibt keinen geradlinigen Weg hin zu einer perfekten Welt, wie es sich die Kommunisten erträumt haben – und wie langweilig wäre das auch?!
    Die biologische Evolution hat auch keinen photosythetisierenden, hyperintelligenten und gutherzigen Idealmenschen hervorgebracht, sondern mit Versuch und Irrtum ein zerbrechliches, fleischfressendes, furzendes Ding zusammengeschustert, mit Blinddarm und Haarausfall und einem dringend upgrade-bedürftigen Gehirn.
    Aber wenn wir eins aus der Evolution lernen können, dann, dass sie vielleicht manchmal falsch abbiegt und eher einem mit Matsch spielende Kind als einem intelligenten Designer gleicht, aber dass sie sich niemals umkehrt.
    Und auch wenn sich die Menschheit nicht auf dem direkten Weg in ein irdisches Paradies befindet, werden wir doch nicht wieder kehrtmachen, den Hexenhammer hervorholen, die Sklaverei offiziell wieder einführen oder Mammuts jagen.

    Für einen Punkt auf einem Rad, fühlt es sich so an, als würde er sich immer nur im Kreis drehen, als würde auf jedes Auf ein Ab, auf jedes Vor ein Zurück folgen, als wäre alles vergebens – obwohl der ganze Wagen immer weiter vorwärts rollt.

    „Wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen“ ist kein Satz der Verzweiflung, sondern ein Satz über Hoffnung, Trotz und Stärke.

    Die Apfelbäume, die in den 80ern am Vorabend des unvermeidlichen Weltunterganges gepflanzt wurden tragen schon lange Früchte. Anfang der Woche haben meine Töchter Kastanien gesammelt. Wir haben sie in nasse Watte gepackt und wenn die ersten Triebe kommen, werden wir sie einpflanzen und ihnen beim Wachsen zuschauen. Mal sehen, wie groß sie werden, bis die Welt untergeht.

    Und wenn es dann soweit ist, war trotzdem jeder Tag ein Geschenk, war kein Wort und keine Tat und kein gepflanzter Baum umsonst, haben wir trotzdem geliebt, gelitten, gehofft, gezweifelt, versagt und gewonnen und gelebt.

    „Wir haben es versucht“ sind soviel bessere letzte Worte als „Hab ich ja gleich gesagt.“


    Als Alternative zu „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ hier drei unbedingte Leseempfehlungen (zu denen ich möglicherweise noch einmal extra etwas schreiben werde)

    – Rutger Bregman „Im Grunde gut“
    – Rutger Bregman „Utopien für Realisten“
    – Steve Pinker „Aufklärung jetzt!“

  • Warum ich vielleicht nicht wählen gehe

    Warum ich vielleicht nicht wählen gehe

    EDIT, 10.9., 13.00 Uhr: Bei Facebook kriege ich für den Beitrag ein bisschen auf den Deckel, aber auch Eisangebote. Ich versuche dort, so halbwegs auf alles einzugehen, auch auf meine Fehler im untenstehenden Post.

    Am Tag der letzten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor ziemlich genau einem Jahr saß ich gegen 17 Uhr auf einer Wiese im Jahn-Sportpark als mich ein Passant (im Folgenden Arsch genannt), Mitte dreißig, Bart, Mens Bun, Oberarmtattoos, amerikanischer Akzent – ich beschreibe das nicht aus Hipster-Hass so genau,sondern weil man wegen dem, was er am Ende dieses Absatzes zu mir sagen wird, eher von einem schlecht integrierten Siemensstädter mit nahöstlichem Migrationshintergrund ausginge – als mich jedenfalls besagter Arsch ohne irgendwelche Präliminarien mit der Frage behelligte, ob ich schon gewählt habe (mehr …)

  • Heiliger-Vater-Content (Vater sein dagegen … 3)

    Heiliger-Vater-Content (Vater sein dagegen … 3)

    Hurra, heute darf ich wieder über das Vatersein berichten. Ich habe mir vorgenommen, höchstens in jedem zweiten Beitrag darüber zu schreiben und zwischendurch fleißig andere schöne Themen wie Schokolade, Fotografie oder Atombomben zu behandeln. Aber jetzt wieder: Kinder- oder genauer gesagt: Vater-Content. Quasi Heiliger-Vater-Content, weil es um ein himmlische Thema geht, genauer gesagt um die Frage, wie es sich im Himmel eigentlich lebt und wie das Paradies organisiert ist.

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    (mehr …)

  • Jenga Welt

    Jenga Welt

    Ob die Welt bald untergeht ist heftig umstritten. Und auch innerhalb der Pro-Weltuntergangsfraktion ist man sich uneins wie sie untergeht, wenn sie untergeht und was mit Welt eigentlich gemeint ist: die ganze oder nur unsere kleine, mehr oder weniger heile, auf alle Fälle recht friedliche europäische Welt.

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    (Ja, also, es war ja ganz nett mit den Bärten, aber jetzt können sie dann auch mal wieder ab. Ich meine: Sie sind sie in der S-Bahn-Werbung angekommen, wie cool ist das denn?!)

    Die Anti-Weltuntergänger beruhigen sich derweil mit Links zu Artikeln (prompt finde ich natürlich keinen), die beweisen, dass dies gar nicht die schlimmsten Zeiten ever sind, sondern auch nicht schlimmer als die 60er, 70er, 80er Jahre, die gute alte Zeit also, als man Kindern beibrachte, wie sie sich im Falle eines durch 99 Luftballons ausgelösten Atomkrieges zu verhalten hätten. (Für jüngere Leser kurz zusammengefasst: Auf den Bauch legen mit den Füßen Richtung Atompilz. Oder am allerbesten: Direkt unter die Bombe stellen, denn die Lebenden werden die Toten beneiden etc.)

    Und schließlich ging trotz Kuba-Krise und Schulterpolstern damals letztlich alles gut aus (zumindest für uns), warum soll es nicht diesmal auch gut gehen?

    Sobald ich anfange, mich mit der Frage zu beschäftigen, tendiere ich in Richtung Pro-Weltuntergangsfraktion, weshalb ich es in den letzten Wochen immer öfter vermieden habe, mich damit zu beschäftigen.
    Es gibt ein paar gravierende Unterschiede zur Situation im kalten Krieg. Damals gab es zwei Blöcke, die sich gegenseitig das Messer an die Kehle hielten – ein Patt, das die Welt vor dem schlimmsten bewahrte (wenn auch nur mit viel Glück, wie wir heute wissen).
    Dieses Patt gibt es nicht mehr und die unübersichtliche, zerfaserte Situation lässt den Psychopathen an der Macht viel Raum für Großmachtsträume und die begründete Hoffnung, hier und da ein bisschen Krieg führen oder den weltpolitischen Gegner bis aufs Blut reizen zu können, ohne sofort den ganz großen Knall auszulösen. Und macht es vielleicht viel wahrscheinlicher, dass der große Knall passiert als damals, weil er aus einer  Kaskade gegenseitiger Provokationen und schließlich Auseinandersetzungen entstehen kann, ohne dass irgendjemand es wirklich wollte oder die alleinige Verantwortung dafür trägt.

    Wer sich ein bisschen gruseln möchte:  „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ – ein Artikel über das Verhältnis Donald Trumps zu Atomwaffen.

    Der ehemalige CIA-Chef Hayden hatte kurz vorher Donald Trump als unberechenbar und unvorhersehbar bezeichnet. „Sowas jagt deinen Freunden Angst ein und fordert deine Feinde heraus“, sagte Hayden.

    Kurz darauf wurde Hayden, der unter Präsident Bill Cinton und George W. Bush auch Chef des Geheimdienstes NSA gewesen war, gefragt, wie genau das Auslösen durch einen amerikanischen Präsidenten ablaufen würde. „Das Verfahren kann variieren, aber es ist definitiv auf Schnelligkeit und Entschlossenheit ausgelegt. Zeit für Diskussionen gibt es dann nicht mehr“, sagte Hayden im Fernsehen.

    Auch der Zeitgeist ist ein Faktor, der nicht unbedingt in Richtung Friede, Freude, Eierkuchen tendiert. In den 60ern, 70ern, 80ern entstanden und wuchsen mächtige Bürgerbewegungen, die ich für Gleichberechtigung, Frieden, Gerechtigkeit und dergleichen Zeugs einsetzten, und einen starken Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Bürgerbewegungen gibt es wieder, und was ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft angeht, sind sie sicher mit jenen von damals zu vergleichen. Nur dass es jetzt um eher entgegengesetzte Werte geht.

    Es gibt diese Redewendung: Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Niemand sagt, dass das nur für gute Ideen gilt.

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    (Solange noch junge Menschen für ihre Überzeugungen und supergünstige Mode kämpfen, sind Hopfen und Malz nicht verloren.)

    Manchmal muss ich an Jenga denken, dieses Spiel, bei dem man reihum Holzbausteine aus einem Turm ziehen und oben wieder drauflegen muss, bis der Turm schließlich umfällt. Der Vergleich ist so wackelig wie ein Jengaturm nach drei Runden, aber zwei Details passen ganz gut:

    1.) Jeder Versuch, die Situation zu stabilisieren alles scheinbar nur noch schlimmer macht. Wenn milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt oder seltsame Deals mit der Türkei getroffen werden, scheint das wie der Versuch, einen Stein in den Turm zurückzuschieben (was genauso gefährlich ist, wie einen herauszuziehen).

    2.) Niemand kann sagen, wer Schuld ist, wenn der Turm irgendwann umkippt. Klar, jemand hat den letzten Stein herausgezogen, aber alle in der Runde haben doch mit daran gearbeitet, ihn löchrig zu machen. Die einen haben mit bösem Grinsen besonders knifflige, feste Steine extrahiert, um es dem nächsten Spieler extra schwer zu machen, die anderen haben sehr vorsichtig gespielt und (so dass den anderen Spielern gar nichts übrig blieb, als sich an gefährlicheren Steinen zu versuchen).

    Wofür in dieser Metapher der Einsturz des Turmes steht, ist ein ganz anderes Thema und man könnte jetzt prima Worte wie „Babylon“ oder … ähm … „Babylon“ in die Runde werfen, aber man muss vielleicht auch nicht jedes schlechte Gleichnis zu Tode reiten.

    Womit ich wieder bei den Zeitvergleichen wäre. Ist es wieder wie in den 70ern? Ist es wie 1933? Wie 1914? Oder wie damals als Rom unterging? Wahrscheinlich nichts davon. Ich bin zuversichtlich, dass wir es auf völlig neue Art verkacken werden.

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    (Symbolbild Untergang (man beachte den Pfeil, der Richtung Seeboden zeigt!!!))

    Bei all meinem Pessimismus bleibe ich doch optimistisch 😉 Vielleicht ist ja alles gar nicht wie in den 70er Jahren sondern wie 1422, dann haben wir noch fast 600 Jahre bis Pokemon Go erscheint!

    Zum Happy End noch ein Link zu einem Interview mit Steve Pinker, der die These aufgestellt (und gut begründet) hat, dass allem Anschein zum Trotz die Welt tendentiell immer friedlicher wird. Sein Buch mit dem wenig fröhlichen Titel „Gewalt“ war das einzige Sachbuch, das ich in den letzten Jahren las, das einen positiven Ausblick auf die Zukunft wagt, ohne albern zu sein (oder eine Utopie zu propagieren, die beinahe noch grusliger als die Untergangsszenarien ist).

    Der ewige Friede kommt also doch?
    Gewalt wird niemals ganz aus der Welt verschwinden. Auf unserem Planeten leben sieben Milliarden Menschen. Es wird immer junge Kerle geben, die in einer Kneipe durchdrehen oder eine „Volksfront zur Befreiung von Was-auch-immer“ gründen, um ihrem Lebensfrust Ausdruck zu verleihen. Aber die Gewalt kann auch in Zukunft weiter zurückgehen.

    Und wir können uns zurücklehnen, die Weltgeschichte erledigt den Job?
    Diese Frage ist albern! Aber ich höre sie nicht zum ersten Mal. Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde: „Ich prognostiziere, Ihre Zähne werden heute Nacht geputzt sein, wenn Sie ins Bett gehen.“ Was würden Sie antworten? „Toll! Das heißt, ich muss meine Zähne heute nicht putzen“? Die Welt ist friedlicher geworden, weil sich Menschen in der Vergangenheit erfolgreich dafür eingesetzt haben. Und wir können die Welt noch friedlicher machen.[…]

    (https://www.amnesty.de/journal/2015/dezember/herr-pinker-rechnet-mit-frieden)

    PPS: Hier habe ich schonmal über Pinkers Buch „Gewalt“ gebloggt und den Artikel mit schönen Collagen verziert:

    http://schnipselfriedhof.de/2014/07/gewalt/

     

  • The Beach vs. The Circle

    The Beach vs. The Circle

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    Vor allem bin ich ja in Urlaub gefahren, um ein bisschen zu lesen, dazu komm ich ja praktisch nie. Nie! Obwohl ich zum Beispiel 2014, wie eine relativ genaue Rechnung am Jahresende ergab, knapp 650 Stunden im Zug verbracht habe. Aber da gab es natürlich andere Dinge zu tun. Zuerstmal mein Zugbüro mit allen Ladegeräten, USB-Hubs, externen Mäusen und Festplatten und Stiften und Zetteln und Weißnichwas einrichten, dann einen Fertigsalat mit externen Maiskörnern und Dosenmandarinen pimpen, noch einen vierten Kaffee aus dem Bordbistro holen und dann so langsam schon mal das Büro wieder einpacken, weil man ja gleich aussteigen muss. Während der 15 Minuten, die der bis dahin pünktliche Zug vor dem Zielbahnhof dann noch wegen eines belegten Gleises herumsteht, kann man endlich ein paar Seiten lesen.

    IMG_0053Jetzt aber: Urlaubszeit, Lesezeit. Klar, dass wäre auch auf Rügen gegangen, sogar viel besser wegen des lesefreundlichen Wetters, aber dreieinhalb Wochen Rügen kann sich doch kein Mensch leisten, also ab nach Thailand, Text-Tourismus!

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    Eins der Bücher, die ich bisher hier gelesen habe, war „The Circle“ von Dave Eggers und ich muss sagen, dass ich selten etwas derart literarisch minderwertiges gelesen habe. Ich habe schon Corinna- und Bergdoktor-Romane gelesen, die besser geschrieben waren. Und das obwohl ich überhaupt noch keine Corinna- oder Bergdoktor-Romane gelesen habe! Man merkt dem Buch an, dass der Autor sich nur für die Message und seine Ideen interessiert, das ganze Werk ist aufgebaut wie ein Computerspiel, die Heldin springt Kapitel für Kapitel von Level zu Level einer immer totalitärer werdenden Circle-Google-Facebook-Apple-Welt; es entfaltet sich eine Ideologie, die genauso apokalyptisch, größenwahnsinnig und intolerant ist wie der Faschismus oder der Islamismus, dabei aber nett bis zum Erbrechen.

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    IMG_0080Die Ideen, die in the Circle stecken sind alllesamt sehr interessant, die Dystopie ist erschreckend, weil sie im Gegensatz zu den Figuren und der Handlung sehr glaubwürdig ist – und das ist das Problem mit diesem Buch. Er wollte eine Botschaft loswerden, okay, aber ein wenig Mühe und Liebe hätte er doch in die Charaktere investieren können. Oder einfach ein Sachbuch schreiben, das hätte ich wahrscheinlich mit größerem Gewinn und mehr Spaß gelesen. Gegen Ende wird die Dummheit und Naivität der Hauptfigur so extrem, dass man das Buch in die Ecke pfeffern und laut schreien will: „Und für den Scheiß bin ich nach Thailand geflogen?!“

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    Naja, lest es meinetwegen trotzdem. Das Thema ist wichtig und interessant und ich würde gern mit ein paar Leuten darüber diskutieren. Nicht zuletzt, um spätestens nach dem dritten Bier darauf hinzuweisen, dass ich bereits 2006 in der Erzählung „Fiat Deus“ viele der Sachen vorweggenommen habe, damals aber natürlich viel zu visionär und meiner Zeit voraus war, weshalb ich den SF-Wettbewerb für den ich sie geschrieben habe nicht gewann und daraufhin zu dem verbitterten alten Mann wurde, den ihr alle kennt unnd liebt …

    IMG_0064Was ich aus „The Circle“ mitgenommen habe: „Teilen ist Heilen“ und wer etwas Tolles erlebt und dann nicht mit anderen teilt, ist ein übles Ego-Schwein. Dabei hatte ich schon überlegt, ob ich euch in eurem kalten grauen Deutschland mit Urlaubsbildern verschone, aber jetzt habe ich doch beschlossen, meine Pflicht als moderner Mensch zu erfüllen und ein paar hoffentlich besonders neidisch machende Fotos rauszusuchen, um damit anzugeben um sie euch unter die Nase zu reiben   um laut ÄTSCHEBÄTSCHE zu machen um meine schönen Erlebnisse brüderlich mit euch zu teilen. Nur falls ihr euch gefragt habt, was die Bilder eigentlich mit dem Text zu tun haben.

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  • Das Glücksrad des Schicksals

    Am 9.11. letzten Jahres spazierte ich von der Bornholmer Straße bis zur Invalidenstraße den ehemaligen Mauerstreifen entlang, zusammen mit Tausenden, die den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierten oder einfach nur die Lichtinstallation aus diesem Anlass hübsch fanden. An der Bernauer Straße, kurz hinter den protzigen Stadtvillen und Eigentumswohnprojekten, deren Eigentümer inzwischen ihre eigene kleine, durch „Privatgrundstück – Betreten verboten“-Schilder geschützte Mauer errichten, ein paar Meter entfernt von der Kapelle der Versöhnung, in der wahrscheinlich gerade salbungsvolle Reden gehalten wurden, während auf einem riesigen Bildschirm davor, jenen gedankt wurde, die dieses Ereignis möglich gemacht hatten (Die Wende brought to you by Air Berlin und Gasag), stand ein sehr großer Mann mit wildem lockigem Haar zusammen mit Freunden an einem selbstgebastelten Glücksrad aus Pappe. Wer wollte, konnte sein Glück versuchen. Zu gewinnen gab es nichts außer einer Einsicht. Man sollte sich vorstellen, es gäbe eine Art Schicksalsglücksrad, mit dem ausgelost wurde, wo auf der Welt ein Mensch geboren wird und in welche Lebenssituation.
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    Analog zur Realität war die Chance, sich ein reiches Land wie Deutschland als Geburtsort zu erdrehen, relativ gering.Wenn ich mich recht entsinne, erwischte ich China. Nicht das schlechteste, vorrausgesetzt man hatte außerdem das Glück, in die chinesische Mittelschicht hineingeboren zu werden und nicht zum hunderte Millionen zählenden Heer perspektivloser Wanderarbeiter und Bauern zu gehören. Aber wenigstens hatte ich nicht den Kongo oder Syrien erwischt.
    Ich kannte den Mann mit dem Glücksrad und dem Wuschelhaar. Er hieß Harald und wir hatte uns 1987 oder 88 im Computerclub im HdjT („Haus der jungen Talente“, heute Podewil) kennengelernt. Wir und ein paar andere waren jung, hatten allesamt keine Freundin, dafür aber einen C64 oder Atari 800 XL, wir kopierten Spiele, programmierten Demos, tranken Bier und bauten Scheiße wie alle jungen Männer, wenn auch zum Teil andere Scheiße als jene jungen Männer mit Freundin aber ohne Computer – in jenen Jahren musste man sich noch zwischen diesen beiden Optionen entscheiden.
    (Der Computerclub ging zusammen mit der DDR unter, aber es existieren noch einige interessante Spin-Offs, zum Beispiel das Spiele-Studio Yager Development und die Lesebühne LSD.)
    Harald und ich hatten in den 90ern immer wieder mal miteinander zu tun, meist ging es um irgendwelche Sachen, die großer Quatsch waren, aber viel Spaß machten. Harald war das, was man einen Träumer oder sogar Spinner nennen könnte, aber man würde diesen Begriff im Zusammenhang mit Harald immer und unbedingt mit viel Respekt und großer Ehrfurcht verwenden. Harald hatte nicht nur verrückte Ideen, er setzte sie auch um.
    Vielleicht hätte auch jemand anders auf die Idee kommen können, ein Katapult zu bauen, das einen im Sommer direkt in einen See schoss. Die meisten Leute hätten aber einen Tag später den Kopf über diese lustige aber blödsinnige Idee geschüttelt. Harald kaufte Holz, einen alten Autositz und frag mich nicht was für Gummis und baute ein Menschenkatapult. Mit diesem Apparat und einigen Mitstreitern zog er in der Open-Air-Saison von Festival zu Festival und schoss glücklich kreischende Bermuda-Shorts-Träger in diverse brandenburgische Seen. Irgendwann waren sie mit ihrem Katapult auch beim Red-Bull-Flugtag, außer Konkurrenz allerdings, weil er nicht den Regeln entsprach.
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    Und jetzt, ein halbes Jahr, nachdem ich ihn und einige Gleichgesinnte bei ihrer Glücksrad-Aktion traf, sah ich Harald in der Zeitung wieder. Und im Fernsehen. Und vor allem natürlich im Internet. Harald ist einer der Gründer von sea-watch.org, einer kleinen Hilfsorganisation, die von privatem Geld einen Kutter gekauft hat, um Menschen zu helfen, die beim Glücksrad des Schicksals Pech hatten, und nun von Not, Angst und der Hoffnung auf ein besseres Leben getrieben in seeuntauglichen, hoffnungslos überladenen Schiffen auf dem Mittelmeer in Seenot geraten.
    Wieder war es eine verrückte Idee: Warum zusehen und sich auf Seufzen und Kopfschütteln beschränken, wenn man auch ein Boot kaufen und hinfahren kann!
    Ja, klar, das kann nicht jeder; ich hätte sicher nicht das Geld für einen Kutter. Aber dass es nicht um Geld geht, wenn man sich engagieren will, haben Harald und andere bei der Aktion mit dem Glücksrad bewiesen.
    Ich wünsche Harald und allen Mitinitiatoren, Helfern und Unterstützern alles Gute, hoffe, dass die Aktion ein großer Erfolg wird, dass sie einen Beitrag leistet, Menschen zu retten und vor allem: dafür zu sorgen, dass das Thema nicht nach einigen Tagen und Betroffenheitsbekundungen seitens der Politik vergessen wird, bis es eine neue Rekord-Katastrophe gibt.

    Hier gibt es Infos und die Möglichkeit zu spenden:

    http://sea-watch.org/

  • Kein Aprilscherz: In 30 Minuten zum Erfolg!

    [1.4.2015, 12.01 Uhr]

    Da das Schreiben von unterhaltenden und/oder literarischen Texten und Büchern und das Vortragen derselben zwar ein sehr leckeres Brot ist, aber auch ein hartes, eher dünnes und nur mit Margarine beschmiertes, habe ich beschlossen zum Zwecke nachhaltigen Erfolges einen Ratgeber zu schreiben, denn mit sowas hat man gute Erfolgsaussichten, insbesondere, wenn es sich einen Ratgeber handelt, der den Lesern verrät, wie sie Erfolg haben können.

    Nein, keine Sorge, es wird kein „Machen Sie es wie ich, schreiben Sie einen Ratgeber“-Ratgeber, sondern einer, der ein echtes Problem angeht und eine (für mich zumindest) prima funktionierende Lösung vorschlägt. Und das beste: Bevor in einem Jahr, die auf 240 Seiten aufgeblähte Buchfassung für 16,90 erworben werden kann, kommen Sie, liebe Leserinnen und Leser schon jetzt und völlig kostenlos in den Genuss meiner geballten Lebenserfahrung.

    Markus Freise, Comiczeichner und Slam Kollege, hat eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können.

    Ich habe eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können. Die Methode mag aber auch für Nichtselbständige ihre Vorteile haben.


     Markus Freise hat eine Lösung für das Problem  gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können. Ich habe eine Lösung für das Problem gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können.


    Sie ist super einfach, weshalb ich bisher noch keine Ahnung habe, wie ich die 240 Seiten füllen soll und darüberhinaus nicht begreife, wieso ich sie erst vor fast zwei Jahren entdeckt habe.

    Irgendwann, das ist jetzt schon sehr lange her, entdeckte ich, dass mein ursprünglicher Plan, Künstler zu werden, um nicht arbeiten zu müssen (naja, und von wegen Selbstverwürklichung und so und weil die Welt meine Texte braucht etc.) gründlich schiefgegangen war. Das ist nicht weiter schlimm, da – wie es auch Markus beschreibt – die Arbeit Spaß und oft glücklich macht.

    Und trotzdem muss ich mich oft dazu zwingen. Nicht, weil ich sie hasse, sondern weil mich die schiere Menge manchmal einfach erdrückt, so dass ich Angst vor dem Anfangen habe. Weil einem die Muse manchmal statt einem Kuss einen Tritt in den Hintern gibt und man weiß, dass man sich jetzt trotzdem hinsetzen und versuchen muss, sie zu überlisten, weil man es sich nicht erlaube kann, zu warten, bis sie reumütig und mit einem Blumenstrauß zurückkommt. Und natürlich, weil ich meine Arbeit in Wahrheit doch hasse. Zumindest den Teil, der mit Emails, Excel-Tabellen, Pressetexten, Rechnungen und so weiter zu tun hat und der scheinbar von Jahr zu Jahr mehr Platz einnimmt.

    [12.31 Uhr]

    […]

    [12.37 Uhr]

    Nichts ist deprimierender als die Vorstellung, jetzt 17 Emails und drei Facebooknachrichten beantworten und danach die Belege der letzten drei Monate sortieren zu müssen, um sich anschließend ans Schreibprogramm zu setzen und endlich diese eine verflixte Geschichte, dieses eine störrische Kapitel, diesen einen grässlichen Pressetext fertigzuschreiben. Bei mir hat der Gedanke an den Berg der vor mir lag, oft genug dazu geführt, dass ich in heftige Zuckungen verfallen bin, drei Tage später völlig vernachlässigt auf meinem Sofa wieder zu mir kam und feststellte, dass ich offenbar gerade alle Staffeln von Lost und Dallas und Bauer sucht Frau am Stück geguckt hatte.

    Seit ich mir die Arbeit mit meinem neuen Superduper-System organisiere,kommt das kaum noch vor. Und gleichzeitig habe ich noch ein anderes Problem en passant mitgeöst, das sehr eng mit Markussens verwandt ist: Das sogenannte „Ich wollte bloß kurz bei Facebook nach Nachrichten schauen / einen winzigen Text fürs Blog schreiben / für einen Roman ein Katzenvideo rechnerchieren und plötzlich war es 2 Uhr morgens, ich hatte seit 14 Stunden nichts mehr gegessen und den ganzen Tag nicht eine sinnvolle Sache gemacht“

    Die Lösung lautet: Ich teile alles in 30-Minuten-Stücke ein! Haha! Der Kurzzeitwecker ist zu einem meiner wichtigsten Arbeitsmittel geworden!

    Es ist so ein riesen Unterschied, ob man sagt: Ich erledige jetzt den ganzen anstehenden, sich auftürmenden, schrecklichen, drögen Bürokram oder: Ich erledige jetzt 30 Minuten lang Bürokram. Es ist so ein Unterschied, ob man sagt: Ich stehe nicht eher auf, als bis ich dieses Kapitel fertig habe (oder nacch mindestens 7.000 Zeichen etc.) oder ob man sagt: Ich schreibe jetzt exakt 30 Minuten an diesem Kapitel. Es funktioniert mit allem. Mit Wohnungsaufräumen, mit Facebook und Katzenvideorecherche, mit der Steuererklärung, dem Gitarreüben, der Gartenarbeit. Na gut, vielleicht nicht mit allem, aber Vielem.

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    (20 Minuten sind natürlich zu wenig!)

    30 Minuten sind lang genug, um richtig in die Arbeit einzusteige, aber so kurz, dass man keien Angst vor dem leeren Blatt oder dem vollen Posteingang haben muss, denn die halbe Stunde steht man locker durch.

    Danach hat man sich eine kleine Pause verdient. Als ich damit anfing war es bei mir häufig eine Zigarette, jetzt stehe ich manchmal bloß kurz auf und hole mir einen Kaffee oder ein Glas Wasser (die 6 Minuten beim Schreiben dieses Artikels zwischen 12.31 und 12.37 habe ich genutzt, um mir einen Kaffee im Bordbistro zu kaufen – viele Grüße aus dem Zug!).

    Wichtig ist folgendes: Während der 30 Minuten darf man sich nicht ablenken lassen. Das Handy muss in den Flugzeugmodus und auf keinen Fall darf man zwischendurch mal kurz auf Facebook schauen („Die eine Minute häng ich dann einfach hinten ran“), es sei denn, es ist gerade die halbe Facebook-Stunde.

    [13.07]

    [13.08]

    Manchmal stelle ich nach den 30 Minuten den Wecker sofort wieder und mache einfach weiter, oder ich belohne mich für eine halbe Stunde Gehirnauswringen (selbst wenn oder gerade wenn es ergebnislos war)mit 30 Minuten Hausarbeit, die sich dann fast wie eine Pause anfühlen. Und nach ein paar 30-Minuten-Einheiten hat man dann auch das Gefühl, sich jetzt eine größere Pause nehmen zu können.

    Das ist ein weiterer Vorteil des Systems: Man bekommt ein besseres Gefühl dafür, wieviel oder wenig man eigentlich macht, wieviel Zeit bestimmte Dinge erfordern und wieviel man schaffen kann.

    Falls es jemand mal ausprobiert, würde ich mich sehr über Feedback freuen. Mir hilft es sehr und ich habe den Eindruck mehr zu schaffen, zufriedener mit dem Geschafften zu sein als früher.

    Inspiriert wurde die „Volker Strübings Original In-30-Minuten- zu- Erfolg-und-Weltherrschaft-Methode“ übrigens von Kirsten Fuchs, die ein eigenes System entwickelt hat, dass auch seine Vorzüge hat. Aber davon muss sie selber berichten.

    [13.17 Uhr – die  verbleibenden 21 Minuten nehme ich mir für ein Foto zum Beitrag. Da ich schon weiß, dass ich die hier rumliegende Schweizer Gratiszeitung fotografieren will, rechne ich mit 5 Minuten, was bedeutet, dass es ziemlich genau 21 dauern wird.]

     

     

  • Kloß und Spinne – Teil 26: Führer war alles besser

    So. Nach einer Woche Arbeit habe ich keine Ahnung mehr, ob der Film gut ist …

    Eigentlich sollte es dazu noch einen kleinen Text mit einigen Gedanken zum Thema geben, aber das muss nun doch noch warten.

    Grüße aus dem Studio Strübing …

    KS_SF_600

  • Von Wustrow nach Paris

    Crowdfunding ist eine tolle Sache und Startnext eine super Plattform dafür. Zum einen aus dem offensichtlichen Grund, dass es die Realisierung von Projekten ermöglicht, die nach herkömmlichen Marktprinzipien oder Förderkriterien keine Chance gehabt hätten, zum anderen, weil es den Unterstützern das schöne Gefühl gibt, selbst einen Beitrag zur Verwirklichung eines Traumes beigetragen zu haben und über die oft sehr speziellen/originellen/persönlichen Dankeschöns für diesen Beitrag auch etwas zu bekommen, dass weit mehr ist als nur das fertige Produkt oder Kunstwerk.

    Tatsächlich trage ich mich ernsthaft mit dem Gedanken, selbst ein Crowdfunding-Projekt zur Wiederbelebung von Kloß und Spinne zu starten. Allerdings muss ich mich dazu erst einmal auf die Suche nach Leuten begeben, die mich bei der Animation unterstützen (bzw. diese übernehmen würden) bzw. textlich mitarbeiten, um regelmäßig neue Folgen zeigen zu können.

    Doch ersteinmal möchte ich hier noch einmal auf eine andere Crowdfunding-Aktion aufmerksam machen: Den Film 3000 Grad – von Wustrow nach Paris. Eine Dokumentation von Henri Tonn über das gleichnamige Musikfestival. Heimatfilm, Roadmovie, Musikvideo alles in einem. Elektronische Musik, Mecklenburgische Kühe, Anglerlatein und Lebensweisheiten in Kittelschürzen, ein Wanderzirkus, eine Lebenseinstellung, ein Märchen, eingefangen in tollen Bildern. Ich konnte einen ersten Rohschnitt sehen und bin ehrlich begeistert. Schon der Trailer ist toll:

    [vimeo http://vimeo.com/99901151]

    (Am besten im Vollbildmodus angucken, WordPress scheint Probleme mit der Einbindung zu haben.)

    Besonders schön ist, dass Festival und Film so gut zusammenpassen: Beides funktioniert über die Begeisterung der Macher, denen ihre Unabhängigkeit wichtiger ist als der Gewinn. Das heißt leider nicht, dass das ohne Geld auskommen würde. Nach 40 (unbezahlten) Drehtagen in 18 Monaten und hunderten Stunden der Materialsichtung geht es jetzt um Feinschintt, Finalisierung und Herstellung. Und das ist ohne Unterstützung nicht mehr zu schaffen. Die Finanzierungsphase bei Startnext ist auf einem guten Weg. Fast 45 Prozent der Summe sind schon zusammengekommen. Den Rest schaffen wir auch noch!

    Schaut euch den Trailer an, lest euch die Projektbeschreibung durch und vielleicht bekommt ihr ja Lust, euch selbst mit einem der Dankeschöns zu beschenken und einen tollen Film zu unterstützen!