Analog

Ich bin mit allem ein bisschen spät dran. Erster Kuss mit zwanzig, Abitur mit 23, erster Poetry Slam mit 34 (was ziemlich genau dem Zweifachen des üblichen Einstiegsalters entsprechen dürfte), erstes Kind mit 45. Die Fahrerlaubnis beginne ich in den nächsten Wochen und das Schreiben meines ersten Bestsellers ist aktuell auf 2024 terminiert.
Jetzt bin ich mal wieder auf einen Trend aufgesprungen, der inzwischen so durch ist, dass eigentlich schon fast wieder das nächste Revival ansteht.

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Ich habe mir einen Fotoapparat gekauft. Na gut, drei Fotoapparate. Es handelt sich um drei Vollformatkameras und ich habe für alle drei knapp 200 Euro ausgegeben: Eine Revue 400 Se, eine Minox 35 ML und eine Pentax ME Super. Ja, Analogkameras. Mit Filmtransporthebel, optischem Sucher und ansonsten ohne alles, was man heute von einer Kamera erwartet: kein Klappdisplay, kein GPS, keine Telefonfunktion. Dafür sind sie super schick. Alleine die Tasche, die ich zur Pentax dazubekam, ist so hipster, dass mir gleich ein Bart aus der Nase und eine Röhrenjeans aus der Hüfte wächst! (Ein Foto gibt es ganz unten. Also von der Tasche, nicht von dem Bart aus der Nase.)

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Ich habe natürlich schon analog fotografiert, da seid ihr noch mit’m Luftballon um die Russenkolonne gerannt. Exa 1B, Foto-AG, Dunkelkammer im Badezimmer, selbst entwickeln, vergrößern und Trallala. Leider habe ich damals nur Mist fotografiert; Blumen, Hummeln und Depeche-Mode-Bilder aus Olivers geschmuggelter Bravo – wie toll es wäre, jetzt einen Schatz von Fotos aus dem DDR-Alltag zu haben, aber damals erschien mir das alles vollkommen langweilig. (AARRRGGG!!!! Wenn ich daran denke, könnt ich den Kopf auf den Tisch hauen! Wie dumm man sein kann!)

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(Die Modelleisenbahn??? WARUM??? Dummer Junge mit Exa 1b um 1987, Foto: Vater)

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(Ein Bild von Buntstiften? geht das SCHON WIEDER LOS????)

Und jetzt bin ich wieder beim Film gelandet, nach 15 Jahren und 110.000 Bildern und im Schnitt wohl 30 Bildern pro Tag, wenn man einrechnet, dass ich relativ diszipliniert den größten Müll gleich wieder wegschmeiße. Seit meine Freundin und ich kürzlich das schönste Fotomotiv der Welt selbst hergestellt haben, bin ich völlig enthemmt und habe in den ersten 6 Monaten diesen Jahres schon mehr als 8000 Fotos und mehr als einhundert Filmchen gemacht.

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(Da ich das schönste Fotomotiv der Welt nicht hier ausstellen werde, ein Bild von mir als schwacher Trost.)

Ich bin müde. Müde von der Masse – von der Masse, die ich selbst produziere, und dem endlosen Strom auf Instagram und Facebook, von all den schlechten Fotos, all den tollen Fotos, die an mir vorbeirauschen, müde davon, mit einem Bild unzufrieden zu sein, wenn ich in der 100-Prozent-Ansicht nicht die Ohrenhaare eines Passanten im Hintergrund zählen kann, müde davon die Ohrenhaare jedes Passanten im Hintergrund zählen zu können, und genauso müde von den schönen Unschärfen guter digitaler Spiegelreflex- und Systemkameras, von den wahnsinnig perfekten Available-Light-Portaits im Abendsonnenlicht und den grandiosen Superweitwinkelaufnahmen, müde von all den perfekten Momenten, die jemand mit Serienbild- oder 4k-Foto-Funktion eingefangen hat, müde von all den skurrilen Kleinigkeiten, die jemand (im Idealfall ich selbst) irgendwo entdeckt, mit dem Smartphone fotografiert und dem endlosen Strom hinzufügt.

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(Backstage)

Ich vermisse besondere Fotos. Weil es zuviele davon gibt. Weil nur noch Rauschen bleibt – das Rauschen des endlosen Stroms und das weiße Rauschen unzähliger bunter Punkte. Selbst Fotos, die mich noch berühren – vor allem natürlich die selbstgemachten Bilder meiner Tochter und ab und zu ein schockierendes Bild in der Zeitung – bleiben nicht lange im Fokus, weil einen Klick oder Tastendruck weiter das nächste lachende Kindergesicht oder tote Kind am Strand wartet.

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Ich habe neulich schon einmal über das Verschwinden des Besonderen (dort am Beispiel von Karamell-Meersalz-Schokolade) geschrieben. Das Thema beschäftigt mich gerade. Ich suche nach Möglichkeiten, das Besondere wieder zu entdecken und zu erleben. Auf verschiedenen Gebieten. Am einfachsten im Sinne von Offensichtlichsten ist es im ganz privaten Bereich. Sich zu verlieben zum Beispiel, ob glücklich oder nicht, wird immer und für jeden etwas Besonderes bleiben. Bei allen anderen Sachen besteht die Gefahr, dass das besondere, das man entdeckt, morgen schon bis zum Überdruss durchgenuddelt ist.

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Sofort, mühelos und billig, das sind Schlüsselbegriffe.  Man kann es auch positiv sehen und von einer Demokratisierung sprechen. Ob es um ein technisch perfektes Foto oder eine Reise mit dem Flugzeug geht – früher war das einer kleinen Gruppe Enthusiasten, Profis oder Menschen mit viel Geld vorbehalten. Heute kann (fast) jeder eimal in die Ferne fliegen und sei es nach Mallorca und ein tolles Bild von jedem beliebigen Motiv machen, und wenn er oder sie beim Upload gleich noch einen der voreingestellten Retrofilter auswählt, sieht es sogar fast wie Kunst aus.

Ist das nun schlecht? Nein! Doch! Egal! Fakt ist: es ist Fakt, da kann man meckern und „früher gabs nur Pellkartoffeln und zu Weihnachten eine Runkelrübe“ rufen, das ändert nichts daran, wie es ist.

Aber man kann sich selbst kleine Eckchen der Besonderheit schaffen. Man muss dazu noch nicht einmal aus der ganzen Tretmühle raus. Man kann sich verlieben. Oder analog fotografieren. Oder beides. Oder was auch immer. Und trotzdem Fotos von lustigen Rechtschreibfehlern oder Dingen mit Gesicht bei Facebook posten, nach Mallorca fliegen oder sich einen Fidget-Spinner kaufen.

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Es geht mir überhaupt nicht darum bessere Bilder zu machen! Dann hätte ich mir eine neue Digitale gekauft (Exkurs: Tatsächlich stand ich kurz davor. Ich hab meine schwere, große DLSR samt Zubehör verkauft und mit einer Systemkamera geliebäugelt, als mich der analoge Rappel überkam). Egal, was manche Leute erzählen: Digitalkameras machen bessere Bilder als analoge Kameras (zumindest als bessere Kleinbild-Kameras). Und wer auf den analogen Look steht, ist mit einer digitalen auch besser beraten, weil mit entsprechender Software ein schönerer Analoglook als mit Film hinzukriegen ist.

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(Wenn der Filmtransport missglückt …)

Nein, die Bildqualität ist beschissen, um es deutlich zu sagen. Die Ausschussquote ist groß, weil es keinen Autofocus gibt, weil man verwackelt (es gibt ja keinen Image Stabilizer und man kann auch nicht mal eben die ISO auf 1600 setzen), weil das Filmkorn schon bei einem lumpigen 400er-Film so groß ist, dass eine effektive Auflösung von vielleicht 3, 4 Megapixeln bleibt (na gut, ein besserer Scanner kann vielleicht noch was rausholen).
Aber: Das Geräusch des Verschlusses, die lässige Daumenbewegung und das Ratsch! beim Filmtransport, die gerunzelten Stirnen der Leute , wenn man den Film zurückkurbelt und vor allem: die unglaubliche Vorfreude, wenn man zum Fotoladen oder Drogeriemarkt geht, um den Film abzuholen, 36 Bilder, bei denen man höchstens noch eine blasse Ahnung hat, was man fotografiert hat … und dann, ich will ehrlich sein: die Enttäuschung, weil die Hälfte der Bilder verwackelt und falsch belichtet ist und die andere Hälfte nicht halb so interessant und gut komponiert, wie man dachte.
Aber jedes Bild, das dabei ist, das auch nur halbwegs gelungen ist, macht so glücklich!

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Und weil „glücklich“ ein schönes Schlusswort und dieser Beitrag schon wieder viel zu lang ist, breche ich an dieser Stelle ab und komme ein andermal noch einmal auf die mehr technischen Aspekte zu sprechen.

Hier noch ein bisschen Kamera-Porno:

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(Der beste Einstieg: Eine Wegwerfkamera, hier demontiert und von ein paar Blumen fotogebombt. Man kann die problemlos auseinadernehmen, wenn man alle Bilder verschossen hat – sie werden in der Kamera Bild für Bild in eine normale Kleinbildpatrone hineingespult. Die kann man dann rausnehmen und abgeben und das faszinierende Innenleben bestaunen. Außerdem wird man noch eine volle AAA-Batterie finden und wenn man so dumm ist, wie ich und den Blitz kurz vorher geladen aber nicht ausgelöst hat, kann man sich am Kondensator einen Riesenschlag holen. Bei uns hat es sogar für drei Personen gereicht. Also Vorsicht! Das tut ziemlich weh! (Im Internet kursieren auch diverse Anleitungen, wie man aus einer Wegwerfkamera eine Art Taser bauen kann.))

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Die Kamerafotos enstanden übrigens alle mit meiner Lumix LX100 – der wahrscheinlich tollsten digitalen Kompaktkamera, 1.7er-Blende, Micro-Four-Thirds-Chip, 4k-Foto … hey, natürlich fotografiere und filme ich auch weiter digital! Achtung: Diese Werbung wird mir (leider) nicht bezahlt.

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(Lumix  LX100, fotografiert mit der Pentax ME Super un dem  50mm/1,4)

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2 comments on “Analog”

  1. Bernd Antworten

    Hi Volker,
    ich bleibe trotzdem bei Digital lohnt nicht die Mühe bei mir :-)
    Immer wenn ich was von Dir lese höre ich im Kopf Deine Stimme und das ist fast als wärst du da, ist irgendwie lustig und schön.
    Viele Grüße aus der Uckermark
    Bernd

  2. Pingback: Heiliger-Vater-Content (Vater sein dagegen … 3) | Schnipselfriedhof

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