Vater sein dagegen … 2

In der Hitparade der jüngsten Väter aller Zeiten belege ich keinen der vorderen Plätze. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Glocke der Gaußschen Normalverteilung der Lebensalter von Männern zum Zeitpunkt ihrer ersten Vaterschaft dort, wo mein Name an der X-Achse steht, schon etwas abgeflacht ist.

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Ein Großteil der Verwandt- und Bekanntschaft hat daher die Kinderkriegerei, so überhaupt gewollt, bereits hinter sich. Weshalb wir reichlich mit Babysachen, Babyspielzeug und gutem Rat versorgt werden (wobei vor allem aus der letzten Kategorie vieles schnell in irgendeiner Tüte in der dunkelsten Ecke des Kellers verschwindet).

Das beste am Spät-Vater-werden ist aber,  dass ich stets auf offene Ohren und Augen treffe, wenn ich vom Baby erzählen oder Fotos zeigen möchte. Eine Win-win-Situation: Die einen freuen sich, weil meine Erzählungen sie an ihre eigene Frisch-gebackene-Eltern-Zeit erinnern, ich freue mich, weil ich derzeit eigentlich nichts lieber mache, als von meiner Tochter und vom Vatersein zu erzähen. Na gut, mit der Tochter spielen und Vater sein mache ich noch lieber als davon erzählen. Und fotografieren. Und Assembler programmieren. Und Serien gucken. Und Schokolade essen, zur Not auch Karamell-Meersalz. Und lesen, ins Museum gehen, Zug fahren, Blogeinträge verfassen, meinen neuen flickr-Account befüllen, Drachen steigen lassen, baden und schlafen und Podcasts hören aber sonst gibt es wirklich höchstens noch 11 Sachen, die ich lieber mache, als vom Vatersein zu erzählen.

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Ich habe diesen Punkt vorher sehr unterschätzt. Ich war einer der typischen Nicht-Eltern, der die Augen verdrehte, wenn mal wieder jemand eine Email mit einer nicht skalierten 18-Megapixel-Aufnahme seines faltigen, mit verklebten Augen aus der Windel schielenden Abkömmlings ans gesamte Adressbuch verschickte und Begeisterung erwartete. Ich konnte damit recht wenig anfangen, konnte auch nicht so ganz verstehen, was daran so toll sein soll, sich jemand Fremdes in die Wohnung zu holen und sein Leben und seine Freiheit auf Jahre zu verpfänden, bloß um sich, wenn dieser Mensch irgendwann in die Pubertät kommt, von ihm vollmotzen zu lassen. Für gewöhnlich sprach ich einen halbherzigen Glückwunsch aus und strich die Person von der Mal-wieder-einen-saufen-Liste. Es kann leider sogar sein, dass ich mich in meinen Zwanzigern das eine oder andere Mal für witzig hielt, indem ich statt einem Glückwunsch mein Beileid aussprach.

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Und jetzt bin ich an ihrer Stelle. Wenn die werte Frau Mutter und ich uns nicht vorab versprochen hätten, keine erkennbaren Bilder unserer Tochter zu posten und auch Verwandschaft und Freunde mit Fotos und Videos kurz zu halten, würde ich das Internet damit fluten (was, wie schon einmal geschrieben, der schnellste und effektivste Weg wäre, die Welt stante pede nachhaltig zu verbessern). Ich spreche mit Menschen, mit denen ich früher über Gott und die Welt sprach, über Windeln und Elterngeld, ich erzähle unschuldigen, durch widrige Line-Ups mit mir in einem Backstage-Raum gefangenen Slam-Kollegen mit leuchtenden Augen von den Konsistenzänderungen des Stuhls seit Einführung des Obstessens und spamme Facebook und Instagram mit Selfies mit Kinderwagen voll.

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Es ist wohl Zeit für eine Entschuldigung. An alle, für deren Babys ich mich nicht gebührend interessiert und begeistert habe, die ich nicht oft genug besucht habe, dafür dass ich nicht der Onkel oder Onkel ehrenhalber oder Kumpel war, der ich hätte sein können. Ich war ein bisschen dumm. Oder blind, das trifft es vielleicht besser. Es gibt ja auch Menschen ohne Kind, die sich trotzdem für die Babys ihrer Freunde oder Geschwister begeistern und engagieren, aber ich konnte mit den kleinen Schreipaketen nie so richtig viel anfangen. Tut mir leid. Und danke an alle, die sich jetzt trotzdem meine Erzählungen anhören, uns mit meistens schöner Kleidung, überwiegend tollen Spielsachen und manchmal guten Räten beschenken oder sich einfach so mit uns und für uns freuen, wie ich es viel öfter hätte tun sollen.

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(to be continued)

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Ein Gedanke zu „Vater sein dagegen … 2

  1. Ich wünsche Dir ehrlich, dass Dich niemand nur wegen Deines Kindes von seiner Mal-wieder-einen-susen-Liste streicht. Das ist so ziemlich das Grässlichste, was der alte Freundeskreis frisch gebackenen Eltern antut.

    Gruß
    Stephan

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