… Vater sein dagegen sehr

Ach, Quatsch! Vater sein ist super einfach. So einfach wie humpeln, wenn man sich den Fuß verstaucht hat. Das Kind kommt zur Welt und, peng, fertig ist der Lack bzw. Vater. Man vervatert sowieso per Defition, aber man füllt die Rolle auch sofort und automatisch aus wie ein zu enges Superheldenkostüm …

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Das war mir vorher nicht klar. Ich machte mir Sorgen, ob und wie ich mit dem berühmten Schlafmangel junger (hüstel) Eltern klarkommen würde – ich, dem immer zuerst Schlafen einfällt, wenn er nach Hobbys oder dem größten Talent befragt wird. Und dann die ständige Windelei und Putzerei, das Gefütter und Geschaukel und Getröste und Getrage (das S in meinen Initialen steht für Skoliose) und ganz allgemein der Umstand, dass sich da plötzlich jemand in den Mittelpunkt meines Lebens drängt, jemand, den ich immerhin gar nicht kenne und der bzw. die dann für immer da bleibt. So eine Tochter kann man ja nicht einfach kostenlos an Zalando zurückschicken.

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(Ich möchte keine Kinderfotos posten, obwohl ich andererseits nichts lieber täte als das, weil ich überzeugt bin, dass die Welt umgehend ein besserer Ort wäre, wenn sich die Menschen jeden Tag zum Frühstück eine halbe Stunde Fotos und Videos unserer Tochter anschauen würden. Ich habe mich hier für einen Kompromiss entschieden und das zum Vorwand genommen, mal wieder eine Weile hemmungslos mit Prisma und Vinci herumzuspielen, die mich nach wie vor in staunende Begeisterung, abgeschmeckt mit einer Prise Grusel, versetzen.)

Aber dann war das frischgebackene Menschchen  da, und ich habe einfach getan, was nötig war. (Gut möglich, dass die werte Mutter das hie und da anders sah, aber ihr versteht schon …) Man steht einfach zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit auf und funktioniert so halbwegs. So wie man einfach humpelt. „Die Option ‚Ausschlafen‘ ist in ihrem derzeitigen Lebensabschnitt nicht verfügbar“. Von manchen Fragen und Sorgen kann ich mir kaum noch vorstellen, dass sie mich vor der Geburt überhaupt beschäftigt haben. Dafür sind freilich ganz neue und früher unvorstellbare dazugekommen.

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(Mit Boogaboo zu Ernst Thälmann. Wenn mir das jemand erzählt hätte, als ich vor 800 Jahren dort mit Halstuch und Pionierhemd zum Fahnenapell antrat!)

Seit genau 6 Monaten bin ich jetzt Vater. Alles ist in diesem halben Jahr anders geworden, obwohl vieles noch genauso ist. Nur eben anders. Die einzige Zeit in meinem Leben mit einem vergleichbaren Schlafdefizit war eine Dreh- und Seereise in die Arktis im Jahr 2008. Aber das waren nur sieben Wochen. Inzwischen schläft die Tochter durch, ich habe es nur noch nicht geschafft, meine eigenen Schlafenszeiten mit ihren zu synchronisieren. Ich bin in diesem halben Jahr bespuckt und bepullert worden und schlimmeres (einen sehr interessanten dunklen Fleck an der Wand gegenüber dem Wickeltisch haben wir als stumme Mahnung mit einem Rahmen versehen) – Dinge, die in meinem Leben bisher erfreulich selten vorkamen –, ich habe hunderte Windeln gewechselt und werde immer unsymmetrischer: Rechts sehe ich noch ganz normal, links aber inzwischen ein bisschen wie Popeye aus, weil ich mit dem linken Arm so oft unser Kind trage, einen Diamanten von inzwischen gut 40 Kilokarat.

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Außerdem habe ich noch nie soviel gelacht wie in diesem halben Jahr.

Na, wer weiß, vielleicht damals, als ich selbst noch meinen Eltern auf die Schulter spucken durfte. Ich habe nie soviel gesungen und ulkige Geräusche und hemmungslosen Quatsch gemacht, nicht mal auf der Bühne. Oder betrunken. Oder betrunken auf der Bühne. Herrlich.

Und seltsamerweise hat meine Tochter irgendwie meinen Mensikus geheilt, den ich mir vor inzwischen 5 Jahren gerissen habe, als ich auf der Suche nach einem Bier durch ein Parterrefenster in eine Fußpflegepraxis kletterte (lange Geschichte…). Seither habe ich ständig Probleme und machte mir einige Gedanken, wie das werden würde, wenn ich nun ständig Kinder, Kinderwägen, Säcke mit prall gefüllten Windeln und jede Menge Verantwortung tragen müsste, aber scheinbar geht es dem Knie wie dem ganzen Volker mit seinem Schlafbedürfnis, was muss, das muss, denkt es sich, und der gerissene Meniskus reisst sich zusammen und piekst nur ab und zu, gerade so wie ich ab und zu gähne und ein bisschen über die Müdigkeit meckere.

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(Wow, da durfte ich mal bis in die Puppen schlafen …)

Ich habe diesen Text übrigen heute morgen 5.30 Uhr begonnen (in diesem Augenblick ist es 7.45 Uhr) (Edit: Das schrieb ich am Sonnabend, aber ich komme erst heute, am Montag, dazu, den Beitrag zu posten). Die Bettflucht ist ausnahmsweise nicht schuld meiner Tochter sondern Resultat einer etwas unglücklichen Auftrittsplanung. Team LSD wird um 12 Uhr in Göttingen auf der Bühne stehen und ich reise aus Amsterdam an und musste den Zug um 5.02 Uhr nehmen.

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(Nein, nein, zum Auftritt bin ich ohne Tochter gefahren, das Bild stammt von einer anderen Reise.)

Ich trete derzeit nicht viel auf, sondern habe das unglaubliche Glück, fast immer bei meiner Tochter zu sein. Ich war dabei, als sie das erste Mal vorsätzlich gelacht hat, als sie das Spielzeugdingens am Kinderwagen entdeckte, als sie sich das erste Mal auf den Bauch rollte. Ein paar Mal fuhr ich zu Auftritten, aber im Vergleich zu den letzten Jahren war das lächerlich wenig. (Was mir auch aus dem Grund sehr lieb war, dass ich in diesen 6 Monaten nichts geschrieben habe, was fürs Vorlesen gedacht und geeignet ist.) Ich hatte und habe Elternzeit und das Privileg, die Mutter ein wenig entlasten zu dürfen, die gerade (es kommt ja immer alles auf einmal) eine der tollsten Anfragen ihres Lebens bekommen hat.

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(Neulich auf Arbeit)

Viel unterwegs bin ich trotzdem, aber meistens zu dritt. Überhaupt ist unsere Tochter ziemlich viel mit uns auf Achse. Die Strecke Amsterdam-Berlin haben wir seit der Geburt schon 7 mal im Zug und im Flugzeug zurückgelegt. Noch vor ihrem ersten Geburtstag wird sie um die halbe Welt reisen, und das meine ich wörtlich, aber dazu schreibe ich bald einen extra Text, wie auch über einige spezielle Aspekte des Vaterseins. Jetzt ist es jedenfalls an der Zeit diesen Text zu beenden, ich seh doch genau, dass ihr schon gar nicht mehr mitlest, sondern nur runterscrollt, um zu gucken, ob noch ein Foto von dem eingerahmten Fleck kommt! (Kommt nicht.)

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(Die Tochter hilft schon, wo sie kann.)

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3 Gedanken zu „… Vater sein dagegen sehr

  1. Sehr schön, das klingt doch gut (und bekannt). Irgendwie funktioniert man eben, aber noch dazu ist alles gut. Ein Minimum an Schlaf, aber wer braucht Schlaf, wenn man auch ein kleines Baby auf dem Arm halten kann! :-)

  2. Die Idee mit dem Bilderrahmen für die kleine Hinterlassenschaft an der Wand find ich sehr gelungen. Ansonsten schließe ich mich Peter an. Klingt sehr schön :-)

  3. Pingback: Karamell-Meersalz oder: Schade um die Schweiz! | Schnipselfriedhof

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