Letzte Woche habe ich mir für eine Zugfahrt eine Gehirn&Geist gekauft, weil die Leute immer so komisch gucken, wenn ich den Playboy auspacke. Genauer gesagt war es das Gehirn&Geist Dossier „Die Zukunft des Gehirns“. Darin fand ich unter der Überschrift „Maschine, Moral, Mitgefühl“ einen sehr interessanten Aufsatz von Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Er beschäftigte sich mit künstlicher Intelligenz, bzw. künstlichem Bewusstsein und plädierte vehement gegen alle Versuche in dieser Richtung.
Nun gibt es viele, die vor derartigen Entwicklungen warnen und sie ablehnen, normalerweise aus einer Position der Angst heraus, dass der Mensch eines Tages von seinen Geschöpfen überflügelt oder gar abgeschafft werden könnte. Herr Metzinger führte ein anderes und ungleich sympathischeres Argument ins Feld, nämlich dass zum Bewusstsein zwangsläufig das Leiden dazugehören muss. Er schreibt u.a.:
[…] Das [phänomenale Selbstmodell] ist das entscheidende Instrument zum Erwerb neuer kognitiver und sozialer Fähigkeiten. Es zwingt ein bewusstes System aber auch dazu, sich seinen eigenen Zerfall (etwa durch Verschleiß), seine Niederlagen und inneren Konflikte funktional und repräsentational anzueignen und als die eigenen zu erleben. Sensorischer Schmerz, aber auch alle anderen Arten des nichtkörperlichen Leidens sind in das Selbstmodell eingebettet und werden somit phänomenal »besessen«. Dieses Leiden ist nun unweigerlich und erlebnismäßig unvermeidlich, es ist das eigene Leiden. […]
Und kommt zu dem Schluss:
Wir dürfen die Erzeugung bewusster Selbstmodelle nicht einmal riskieren. Es ist moralisch unverantwortlich, etwas zu erzeugen, von dem man bereits im Vorhinein weiß, dass es höchstwahrscheinlich unter der eigenen Existenz leiden wird.
Naja, und da wollte ich die Eltern unter den Lesern mal fragen, wie sie vor diesem Hintergrund zu ihrer eigenen Schuld stehen …
(Volker Strübing)
Schreibe einen Kommentar