Ich habe immer davon geträumt, zur See zu fahren. Ich dachte, wenn ich einmal viel Geld und Zeit haben sollte, dann würde ich mit einem Containerschiff mitfahren. Nie hätte ich mir träumen lassen, mit einem kleinen Expeditionsschiff Richtung Arktis aufzubrechen.
Es ist unglaublich schön. Als wir aus dem Hafen ausliefen, war ich glücklich. Ich stand am Bug, schaute auf das Meer, winkte dem Skipper auf der Brücke, beobachtete die Möwen und aller Stress, alle Angstfielen von mir ab, wurden davongeweht wie … oh, Vorsicht, jetzt muss ich aufpassen, dass es nicht zu kitschig wird …
Inzwischen weiß ich auch, dass ich die See nicht nur liebe, sondern auch vertrage. Gestern sind wir im Skagerrak in ein Unwetter geraten. Bei strahlendem Sonnenschein hatten wir Windstärke 9 und die Wellen schaukelten sich immer weiter auf und ließen unsere Arctic Janus tanzen. Einmal stand ich auf dem Peildeck (das ist das Dach der Brücke), breitbeinig, beide Hände ins Geländer gekrallt, weil es mich sonst entweder umgeweht oder umgeschleudert hätte, und sah den Bug kurz untertauchen und sich danach zum Himmel erheben, dass ich das Gefühl hatte, wir müssten hintenüber kippen, bevor er wieder nach unten in ein Wellental vor uns krachte.
Angst hatte ich nicht. Niemand von uns hatte Angst. Irgendwie vertraut man diesem Schiff einfach. Das herumtorkelnde Schiff ist mir tausendmal lieber als die leichteste Ruckelei, wenn ich in einem Flugzeug sitze.
Ich musste nicht kotzen, nichteinmal übel wurde mir und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Es hat fast alle erwischt – sogar den Kapitän! – und einige richtig schlimm und die sahen zum Gotterbarmen aus. An normale Dreharbeiten war nicht zu denken, aber ich bin den ganzen Tag mit breitem Grinsen im Gesicht und meiner Videokamera herumgerannt und habe einige sehr dramatische und einige sehr lustige Aufnahmen gemacht.
Bei allem Spaß: Ein Tag auf See, auf einem Schiff, das hin-und hergeworfen wird wie sonstewas, ist eine äußerst beeindruckende, existentielle Erfahrung. Ehrfurchtgebietend. So ein Meer ist kein Müggelsee!
Am Abend traf der Skipper die Entscheidung umzukehren und einen ungeplanten Hafenaufenthalt in Skagen einzulegen. (Die Hafengebühr wird uns erlassen, da das als Notfall durchging!) Der Skagerrak ist ein einziger Schiffsfriedhof und wir wollten uns nicht zu den hunderten von Wracks am Grund dazugesellen. Dort zu sinken ist ungefähr so einfallsreich, wie im Bermudadreieck zu verschwinden – ein bisschen origineller soll „Nicht der Süden“ schon werden.
An Schlaf wäre auf See nicht zu denken gewesen. Ich habe zum Beispiel die obere Koje eines Doppelstockbettes, die ungefähr so breit ist wie ein Surfbrett, ich hätte mich anschnallen müssen, um nicht herausgeschleudert zu werden.
Seegang ist unglaublich anstrengend, weil man sich ständig mit aller Kraft festhalten und große Gleichgewichtsherausforderungen meistern muss (wenn man wie ich die ganze Zeit auf den Beinen ist zumindest). Als wir in den Hafen einfuhren und die See ruhiger wurde, habe ich mich auf den Boden gesetzt, um meine Gummistiefel auszuziehen und bin sofort eingeschlafen, auf dem Kajütenboden, den Kopf gegen die Kante es unteren Bettes gelehnt.
Ich habe schon viele Bücher über Seefahrten gelesen und entsprechende Filme geguckt, aber nichts davon hat mich darüber informiert, wie schwer es ist, bei Seegang auf Toilette zu gehen. Ich stand in dieser kleinen Kabine, die sich ständig und unvorhersehbar hierhin und dorthin neigte, und musste mir zwei Hosen runterziehen – Regenhose und Jeans – ohne mit dem Kopf gegen die hervorspringende Arretierung des Bullauges zu knallenoder mich unkontrolliert aufs Töpfchen zu setzen. Schwierig, schwierig. Aber auch sehr lustig 🙂
Das war ganz bestümpt einer der schönsten Tage meines Lebens …
Da war die See noch relativ ruhig … eine Taube hatte sich auf unser Schiff verirrt und ist nicht mehr rechtzeitig weggekommen. Saß ganz verängstigt in der Tür zur Brücke rum. Wir hatten also keinen blinden, sondern einen Tauben-Passagier.
Auch das ist noch ziemlich am Anfang des Sturms. Später habe ich dann nur noch mit der Videokamera gefilmt.
Das tollste Schiff der Welt im rettenden Hafen von Skagen.
(Volker Strübing)
PS: Der Kapitän hat uns versichert, dass unsere tapfere kleine Janus auch Windstärke 12 meistert, wenn es sein muss. Wenn es nicht sein muss, würde ich gerne darauf verzichten, herauszufinden, ob mein Magen auch bei einem Orkan noch funktioniert. Doller als gestern muss nicht unbedingt …
PPS: www.nichtdersueden.de ist online. Steht noch nicht viel dort, das wird sich erst nach unserer Rückkehr füllen, aber man findet schon einige Informationen zu dieser ganzen unglaublichen Sache.




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