Durch eine Diskussion in einer Mailingliste bin ich auf Hotellings Gesetz und das „Eisverkäufer am Strand“-Problem gestoßen: Stellt euch einen hundert Meter langen Strand vor, der an beiden Seiten von Felsen begrenzt ist. Der Strand ist gut besucht und überall gleich schön, so dass Menschen ziemlich gleichmäßig über den gesamten Strand verteilt rumlümmeln. Alle freuen sich, die Sonne scheint, das Baden macht Spaß, das Sandburgenbauen macht Spaß – herrjeh, und das Sandburgenkaputtmachen erst! Um das Glück am Strand komplett zu machen, vergibt der Bürgermeister des Kurörtchens zwei Lizenzen an Eisverkäufer. „Teilt den Strand unter euch auf, ihr werdet euch schon einig!“, sagt er, dann schmeißt er sie aus seinem Büro, legt den Schlips ab und alles andere bis auf die Badehose und geht hinunter zum Strand, denn für heute hat er wirklich genug gearbeitet.
Die beiden Eisverkäufer werden sich bei einem Kräuterschnäppschen in der Currywurstbude am Bahnhof tatsächlich schnell einig: Jeder soll seinen Stand 25 Meter von den Felsen entfernt aufbauen – der eine rechts, der andere links. So hätte jeder genau 50 Meter Einzugsgebiet, für die Hälfte der Strandbesucher wäre es näher zum linken, für die andere Hälfte näher zum rechten Stand. Da sowieso beide dasselbe Eis zum selben Preis anbieten (sie sind Cousins, das Rezept haben sie von Oma und die Milch von Omas Kuh), sollten beide ihr Auskommen haben; für Neid und Zwist bestünde kein Anlass.
Ein paar Tage geht alles gut. Dann kommt einer der beiden auf eine Idee. Gerade hat er ganz allein ein paar Kräuterschnäpse in der oben erwähnten Currywurstbude getrunken und darüber ganz vergessen, dass er eigentlich ein netter Kerl und die Welt in Ordnung ist. Er sagt sich: „Wenn ich mich nicht 25 Meter von den Felsen entfernt aufstelle, sondern, sagen wir 29 Meter, wenn ich also näher an meinen Kollegen, ach was! meinen Konkurrenten! heranrücke, dann schnappe ich ihm ein paar Kunden weg! Denn dann ist es für alle von meinem Felsen bis zwei Meter hinter der Mitte kürzer zu meinem Stand!“
Gesagt, getan. Am nächsten Tag verschiebt er den Stand, das Kalkül geht auf, der Umsatz steigt. Der andere Verkäufer ist natürlich nicht blöd. Schnell verschiebt er seinen Stand auch Richtung Mitte, das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Dann überlegt er kurz und verschiebt seinen Stand noch ein paar Meter Richtung Mitte, um nun seinerseits im Vorteil zu sein.
Das Ende vom Lied ist klar: Schließlich stehen beide direkt nebeneinander in der Mitte des Strandes. Beide machen wieder denselben Umsatz. Leidtragende sind die Kunden an den Rändern: Statt maximal 25 Metern müssen sie jetzt bis zu 50 Meter durch den heißen Sand latschen, um an ein Eis zu kommen. Aber auch die Eisverkäufer selbst stehen schlechter da als zu Beginn: Der Gesamtumsatz ist gesunken, da einigen Leuten der Weg inzwischen zu weit geworden ist.
Diese Geschichte wird gern erzählt um zu zeigen, dass die „Unsichtbare Hand“ manchmal ganz schön in die Kacke greift, dass es nicht besonders weit her ist mit den teilweise fast religiös verehrten Kräften des freien Marktes, die angeblich alles in Lot bringen und die Welt für alle besser machen.
Das ist Quatsch. Beides. Sowohl die Geschichte vom weisen König „freier Markt“, als auch die Behauptung, dass die Eisverkäufergeschichte in dieser Form die Marktliberalen widerlegen würde.
Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Ich habe mir überlegt, wie es weitergeht: Als erstes würde einer der beiden Eisverkäufer die Preise senken. Der andere müsste nachziehen, bis sie beide dasselbe niedrige Preisniveau haben und gerade so noch den zum Leben nötigen Gewinn machen und kaum noch Kräuterschnäpse trinken können. Und dabei haben sie doch so gerne Kräuterschnäpse getrunken und dazu Currywurst gegessen! Ach, früher war allles besser! Die Leute in der Mitte des Strandes freuen sich über billiges Eis, vor allem die Väter, da bleibt mehr Geld, um nach dem Strandnachmittag noch ein paar Kräuterschnäpse zu trinken. Aber wenn sie zur Currywurstbude kommen, sind die Kräuterschnäpse schon ausverkauft, weil die Leute an den Rändern des Strandes sie schon auf dem Hinweg aufgekauft haben, denn sie müssen ihren Frust darüber, dass es zur Eisbude soweit ist, mit viel Alkohol betäuben. (Ich bitte den massiven Einsatz von Kräuterschnaps in diesem Text zu entschuldigen, es geht mir nur darum zu zeigen, wie unglaublich komplex die Welt doch ist und das alles miteinander zusammenhängt. Wer will, kann sich statt Kräuterschnaps auch Bionade denken. Oder Milchkaffee, machen Leute versuchen ja ihren Kummer im Milchkaffee zu ertränken. Ich hatte jedenfalls mal einen Freund und Mitbewohner, der, nachdem ihn gerade die Freundin verlassen hatte, statt nach Männersitte Schnaps zu bestellen, Michkaffee getrunken hat. Aber dieser Mann hat auch Nutella im Kühlschrank aufbewahrt. Nicht dass die Schnapstrinkerei irgendwas bringen würde … aber ich glaube, ich bin abgeschwiffen.)
Zurück an den Strand (auch wenn es bei diesem Wetter schwer vorstellbar ist): Als nächstes kommt ein pfiffiger Junge auf die Idee, die Leute in der Nähe der Felsen zu fragen, ob er ihnen vielleicht ein Eis holen soll. Das Angebot wird begeistert aufgegriffen. Der Junge rennt zur Strandmitte, holt billiges Eis von den Eisständen und verkauft es mit einem kleinen Aufschlag – sagen wir zum Preis aus den guten alten Tagen, als die Eiswagen noch in der Mitte standen. Ein paar Tage ist der König der Clique, spendiert von dem verdienten Geld den Mädels Eis, kauft sich eine Taucherbrille, ein cooles Badetuch mit der Aufschrift „Pornstar“ und pi und pa und po. Doch der Erfolg währt nicht lange. Denn bald rennen Dutzende Jungs herum und beliefern die Badegäste, es wird zu einer regelrechten Plage, keine Minute hat man Ruhe, ständig will einem jemand Eis bringen, es ist zum Kotzen!
Jetzt schlägt die Stunde des nächsten pfiffigen Jungen. Er investiert das Geld, dass er mit Eisbotengängen verdient hat, in eine Kühlbox und einen Hocker, statt in Schnickschnack. Morgens und Mittags kauft er eine große Menge Eis, dann setzt er sich an den Rand des Strandes und wartet auf Kunden, die auch bald kommen, denn die Leute haben festgestellt, dass immer, wenn sie ein Eis dringend benötigen, die kleinen Eisjungs damit beschäftigt sind, sich zu kloppen oder die Mädchen anzubaggern oder dass sie einen anderen Strandbesucher, der eigentlich gerade schlafen oder lesen will belagern. Der einzige sichere Weg, ihre Aufmerkdsamkeit zu erhalten, ist es, kein Eis essen, sondern lesen oder schlafen zu wollen.
Der Junge mit der Kühlbox macht prächtige Geschäfte, bis schließlich zwanzig Jungs mit Kühlboxen am Strand verteilt sitzen. Einer von ihnen kommt auf die Idee, sein Eis mit Erdbeeren aus Omas Garten zu verfeinern, was ihm kurzfristig einen Vorteil verschafft, noch ein anderer gibt seinem Eis einen coolen Namen und stellt ein großes Schild auf, der dritte macht ein Gewinnspiel, der vierte bietet sein Eis mit Kräuterschnapps-Topping an, der fünfte versucht, die Leute über lautstarke Musik aus einer Kofferheule (was für ein schönes, heutzutage viel zu selten benutztes Wort – wie wäre es mit Taschenheule für Mp3-Handys? Aber ich schweife schon wieder ab), der sechste verteilt Rabattmarken („Jedes 10. Eis umsonst!“) und so weiter und so fort.
Der Bürgermeister – nachdem er anfangs einschreiten wollte – erteilt schließlich jedem eine Lizenz, denn er ist auch Besitzer der Currrywurstbude, in der er inzwischen guten Gewinn damit macht, den hippen Jungunternehmern vom Strand ekliges Beck’s Bier, Bionade und Tofu-Currywürste zu überhöhten Preisen zu verkaufen.
Man kann also mit einigem Recht sagen, dass am Ende die unsichtbare Hand doch noch alles in den Griff bekommen hat. Ein Haufen Leute verdienen Geld, niemand hat es weiter als 3 Meter bis zum nächsten Eisstand, das Angebot ist vielfältiger geworden und es ist für jeden Geldbeutel etwas dabei – hurra! Und tatsächlich wird so argumentiert, wenn auch normalerweise etwas blutleerer – ohne Kräuterschnaps und Pornstar-Badetücher (siehe zum Beispiel hier). Ökonomisch mag das auch vollkommen richtig sein. Aber guckt euch jetzt mal den einst so schönen Strand an: Überall die quietschbunte Eiswerbung, als Eistüten verkleidete Kinder verteilen Handzettel, aus einem Dutzend Boxen dringen Musik und flotte Werbesprüche. Die Kinder bauen keine Sandburgen mehr, weil ein Eisverkäufer auf die glorreiche Idee kam, seinem Eis Sandburgen-Trading-Cards beizugeben, die sie jetzt sammeln und kaupeln. (Noch so ein schönes Wort! Hab ich seit mindestens 25 Jahren nicht mehr benutzt. Heißt eigentlich nur „tauschen“. Anwendungsbeispiel: „Wollmwer Mätschies kaupeln?“) Wer ein Eis möchte, braucht länger als früher, weil er sich nicht entscheiden kann, das Angebot ist so groß, wenn man sich an dem einen Stand anstellt, verpasst man vielleicht am anderen was. Außerdem werden alle dick, weil sie viel mehr Eis essen als vorher und obwohl es viel besser schmeckt als das langweilige Eis, dass die beiden Monopolverkäufer vor Wochen im Angebot hatten, ist keiner mehr wirklich zufrieden, wenn er sein Eis in der Hand hält. Die am Schluss genannte Tatsache habe ich mal in einer Geschichte mit dem Satz „Ich wünsche mir, dass Westschokolade wieder so gut schmeckt wie zu Ostzeiten“ zusammengefasst.
An dieser Stelle klingt mein Blogeintrag wie eine Verteidigung der Kartell- oder sogar Planwirtschaft. Aber natürlich war auch der scheinbar ideale Ausgangszustand mit zwei Eisverkäufern an abgesprochenen Positionen nur ökonomisch und nur aus Sicht der Eisverkäufer optimal. Die beiden würden sich immer weniger Mühe geben mit ihrem Eis, sie würden Rinderblut ins Schoko-Eis mischen, sie würden die Kunden anmüffeln, und wenn sie grad keine Lust haben zu arbeiten, dann ist eben gerade Inventur oder Parteiversammlung. Nee, nee, hör mir auf, das hatte ich 40 Jahre mit nur einem Eisverkäufer, dessen Oma samt Kuh gestorben war, weshalb er immerzu „Ham wer nich!“ knurrte und einem stattdessen Rhabarbermost und Rosenthaler Kadarka andrehte!
An dem mit Werbung zugeschissenen Strand fühle ich mich aber auch nicht wohl. Ob es eine Lösung für das Eisverkäuferproblem gibt, eine, die nicht nur für die Verkäufer und den Bürgermeister, sondern für alle optimal ist? Nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, nicht nur in Hinblick auf Versorgung, Service und Auswahl, sondern vor allem auf persönliche Zufriedenheit und einen glücklichen Tag am Strand?
(VS)
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