Letzten Freitag war ich beim Rosislam und das war schön. Sowas schreibt sich natürlich leicht, wenn man gewonnen hat, aber ich denke, die meisten Vortragenden hatten ebenfalls einen schönen Abend. Und die Flasche Whiskey, die es als Siegprämie gab, haben wir dann ohnehin geteilt.
Ich möchte darauf hinweisen, dass die Tatsache, dass die Flasche eine halbe Stunde nach Veranstaltungsende alle war, erstens nur zu einem kleinen Teil mir anzulasten ist und zweitens nichts mit meiner Entscheidung zu tun hatte, vom Friedrichshain aus nach hause zu laufen. Ich hatte einfach Lust, spazieren zu gehen. Es war nach 12, ich hatte 7 Kilometer vor mir, aber ich war warm angezogen, mir war warm im Bauch (naja, ich hatte schon einen fairen Anteil vom Whiskey abbekommen …), auf der Ringbahn war sowieso Schienenerstzverkehr und außerdem ist Berlin nie schöner, als wenn jemand jede Menge frischen Schnee drübergekippt hat und die Sonne untergegangen ist.
Nach etwa einer Stunde war ich in einer einsamen Straße unterhalb des Thälmannparks und 30 Meter vor mir setzte sich eine Frau auf den Hintern. Sie war nicht ausgerutscht. Vielmehr ließ ihr Bewegungsprofil vor dem Sturz darauf schließen, dass sie ihre Flasche Schnaps mit niemanden geteilt hatte.
Als ich bei ihr war, hatte sie sich wieder aufgerappelt und schickte sich gerade an, erneut umzufallen, was ich verhindern konnte. Ich setzte sie auf der Motorhaube eines Golfs ab und fragte sie, ob alles in Ordnung sei, was im Nachhinein betrachtet eine ziemlich dusslige Frage war. Jaja, antwortete sie, es sei alles in Ordnung, ich solle mir keine Sorgen machen, ihr ginge es gut, danke schön, ich könne ruhig weitergehen, einen schönen Abend noch.
Sie sagte das allerdings auf sehr zeitraubende Weise, auch ließ ihre Aussprache viel Spielraum für Interpretationen. Vielleicht hatte sie in Wirklichkeit gesagt: „Ein lila Roboter hat den Keks der Wahrheit in den Teich geworfen. Die Weihnachtssterne sind verdottert. Wir werden alle sterben, rabimmel, rabammel, rabomm!“, und ich hatte einfach nur gehört, was ich gerne hören wollte.
Ich blieb jedenfalls bei ihr und versuchte rauszufinden, wo sie hin musste, was mir aber nicht gelang, da sie sich offenbar selber nicht mehr sicher war. Immerhin bekam ich heraus, dass sie nicht obdachlos war (oder hatte sie „Der Papst erstickt an einem Löffel Elefantengehacktes“ gesagt?). Ich dreht ihr eine Zigarette und stand dumm rum. Sie versuchte ab und zu wegzugehen, kam aber nie weiter als drei Schritte. Aber es wurde offensichtlich, dass sie mich loswerden wollte. Nach einer Viertelstunde – sie saß gerade in einem Vorgarten – rief ich die 112 an, wo mir gesagt wurde, dass das ein Fall für die Polizei sei, und ich wählte die 110. Danke an den freundlichen Mann, der mich nach einigen Minuten aus der Warteschleife erlöste und meinen Anruf entgegennahm. Ich fand es sehr gut, dass er sich für denNotruf bedankte.
Dann erzählte ich der Frau, die gerade wieder lostorkeln wollte, dass ich die Polizei gerufen hatte, und sie schaffte es, ein klares „Nein“ zu artikulieren. Ich stellte mich ihr in den Weg, weniger um sie aufzuhalten, als um sie an erneutem Umkippen zu hindern. Dann versuchte ich, sie bis zum Eintreffen der Polizei abzulenken, in dem ich ihr noch eine Zigarette drehte und ihr irgendwas erzählte – vom Wetter und was weiß ich, denn sie wollte mit der Polizei offensichtlich nichts zu tun haben und schnell wegkommen, womit sie ihre Möglichkeiten freilich überschätzte.
Als eine Viertelstunde später der Streifenwagen kam, war ich froh, fragte mich aber doch, ob es nicht eine bessere Lösung gegeben hätte – jemanden, der nichts Böses gemacht hat, gegen seinen Willen der Polizei zu übergeben, ist kein schönes Gefühl.
Die beiden Beamten hatten eine etwas … hm … pragmatischere Herangehensweise an das Problem. Und wer könnte es ihnen verdenken?
Sie hielten erst bei mir, zeigten auf die Frau, die sich auf dem Gehweg wie ein Schilfrohr im Wind mal in die eine, dann in die andere Richtung bog (aber stehenblieb), sagten dann, ich könne jetzt gehen, aber ich sagte, ich wolle gern dabei sein. Dann eilte ich zum Schilfrohr, hielt es fest und sagte, die Polizei sei jetzt da und alles würde gut – ich wollte nicht, dass sie von den beiden überracht wird.
Der eine Beamte meinte, es sei doch schon alles wieder gut und sie könne doch stehen und wer stehen könne, könne auch laufen, woraufhin die Frau glücklicherweise hinfiel (ich hatte sie nur noch am Kragenzipfel zu fassen bekommen).
„Sagen se uns mal ihren Namen. Hallo?! Hamse n Ausweis dabei? Wo wohnse denn? Entweder sie sagen uns, wo sie wohnen und wir bringen sie hin oder wir nehmen sie mit zur GESA und das kostet dann richtig Geld!“ Die Frau sah nicht so aus, als ob „richtig Geld“ etwas wäre, das sie erübrigen könnte. Ob der Polizist wirklich „GESA“ sagte, weiß ich nicht, es klang so, aber wenn ich nach GESA google, finde ich die „Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten“ und ich hoffe, die war nicht gemeint. Ich schätze mal, das es um soetwas wie eine Ausnüchterungszelle ging.
Die Frau versuchte nun, die Polizisten abzuwimmeln, sie brauche keine Hilfe, alles sein gut und ihr Luftkissenfahrzeug voller Aale oder so. Der eine Polizist schien das Angebot wohlwollend zu prüfen, sagte: „Na gut, dann fahren wir jetzt. Aber wehe wir hören dann, dass hier die ganze Nacht ne Frau im Schnee gelegen hat“ und wandte sich dem Streifenwagen zu und ich dachte so: „Ähm …“ aber da sagte zum Glück sein Kollege, dass sie das nicht machen könnten, und sie luden die Frau, die sich, so gut es ihr Zustand erlaubte, dagegen wehrte (also zum Glück kaum), in ihr Auto ein.
Und dann fuhren sie weg und ich hatte noch ne halbe Stunde Fußmarsch bis nachhaus und blöderweise war es mittlerweile so spät geworden, dass ich kein kleines Bier mehr in der Eselsbrücke trinken und über das Erlebnis nachdenken konnte. Zum Glück stellte sich heraus, dass Nachdenken auch bei einer Tasse Pfefferminztee in meiner Küche möglich und das ohnehin das passendere Getränk war, da ich nach dem Ganzen Rumgestehe und -gelaufe doch sehr durch gefroren war.
Eigentlich gab es ja auch nichts nachzudenken. Ich hatte alles richtig gemacht, die Frau konnte man unmöglich in dieser Nacht da draußen lassen, das kann ich auf alle Fälle als „die gute Tat“ für den Dezember abbuchen, aber ob sie das, als sie am nächsten Morgen bei der Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten erwachte, genauso gesehen hätte, ist fraglich.
(VS)
PS: Irgendwie wäre es komisch, unter diese Geschichte einen Flattr-Button zu packen.
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