Ich habe es geschafft. Wieder einmal. Ich habe die Hände in den Jackentaschen vergraben, die Zähne zusammengebissen und mich darauf konzentriert, mit jedem dritten Schritt mit der Mitte des Fußes auf die Spalte zwischen zwei Gehwegplatten zu treten und so bin ich an ihr vorbeigekommen: Der Imbissbude „Gaumenschmaus – Die Frischgrillhähnchen“. Seit Sommer letzten Jahres mache ich Kieser-Training und immer auf dem Heimweg muss ich an ihr vorbei. Die ersten Wochen habe ich sicher eher zugenommen als meinem Körper mit dem Training etwas Gutes zu tun, denn ich hatte noch keine Abwehrmechanismen. Und geschafft und hungrig (ich gehe immer am frühen Nachmittag und habe bis dahin nur gefrühstückt), hatte ich den verführerischen Düften nichts entgegenzusetzen.
Ich liebe Broilergeruch; wenn es Wunderbäume mit Broilergeruch gäbe, würde ich doch noch die Fahrerlaubnis machen, denn dann hätte ich endlich einen Grund, mir ein Auto zu kaufen. Andererseits: Was wäre der Geruch, ohne dass man in die knusprige Haut beißt? Nur eine Qual, so wie für mich zweimal die Woche auf dem Weg nach Hause …
Das Problem am Broiler ist die große Enttäuschung, die er mit sich bringt – und hauptsächlioch aus diesem Grund lasse ich mich nur noch sehr selten verführen. Der Moment des größten Glücks ist der Einkauf, wenn man an der Theke steht, umnebelt und des Atems beraubt vom Duft verkokelnder Hühnerhaut, den Blick auf den sich langsam drehenden Reihen geköpfter, entfederter, ausgeweideter und schließlich gepfählter Hähnchen, all diese unglücklichen Tiere, deren schönster Tag der der Schlachtung und damit der Erlösung von einem schrecklichen Leben war und die nun darauf warten, einen Menschen, mich! glücklich zu machen – welches wird der freundliche Mann mit der Gaumenschmaus-Schürze für mich aussuchen?
Dann der restliche Weg nach Hause, der gut verpackte Broiler im Gepäckkorb des Fahrrades, die Vorfreude …
… und schließlich die Enttäuschung, wenn Haut, Schenkel und Flügel abgeknabbert sind, man nur noch einen Haufen langweiliges, trockenes, weißes Fleisch übrig hat, durch den man sich widerwillig hindurchkaut. Und dann läuft auch noch just in diesem Moment ein schrecklicher Bericht über Masssentierhaltung im Fernsehen und man kann nicht umschalten wegen der fettigen Finger. Hinterher ist man voll aber nicht satt und wünscht sich, man hätte an der Bude einfach den Gurkensalat gekauft, den sie als Beilage anbieten. Wenn Broiler eine Fernsehserie wäre dann „24“ – man weiß, es ist nichts Gutes, aber man will sie trotzdem unbedingt sehen, die ersten Folgen jeder Staffel sind auch sehr spannend aber spätestestens ab Stunde 5 beginnt die Langeweile …
Ich gestehe, ich schreibe das nur, um mir selbst den Salat schmackhaft zu machen, den ich heute gekauft habe.
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