Achtung: Noch hast Du die Möglichkeit, diesen Beitrag nicht zu lesen. Wenn Du es doch tust, möchte ich hinterher keine Beschwerden darüber hören, dass der Inhalt dem fetzigen Titel nicht gerecht werde, sondern insgesamt zu versöhnlich sei. Die Überschrift wurde ausschließlich in der Hoffnung gewählt, möglichst viele Leute neugierig zu machen – ganz im Sinne einiger Piraten, die die Hauptaufgabe und -qualifikation eines Künstlers darin zu sehen zu scheinen, auf sich selbst aufmerksam zu machen.
Ich habe mir einige Aussagen der „101 Piraten für ein neues Urheberrecht“ vorgenommen und kommentiert. Vorher aber noch kurz etwas zu mir und der Situation, aus der heraus ich die Diskussion betrachte: Ich bin Urheber (obwohl mir das ein bisschen zu sehr nach Möbelträger klingt), Autor, um genau zu sein. Seit 11 Jahren bin ich freischaffend. Viele Jahre habe ich meinen Lebensunterhalt mit 150 bis 180 Auftritten pro Jahr bestritten, in den letzten Jahren wirkte ich an drei Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit und lebte zu einem wichtigen Teil davon. Letztes Jahr war ich für ein halbes Jahr als Aufstocker beim Jobcenter, das nur zur Info, weil Leute dazu tendieren zu glauben, man habe ausgesorgt, wenn man mal was fürs Fernsehen gemacht hat. Momentan stehe ich wieder vor allem auf Bühnen. Nächstes Jahr gibt’s ein neues Buch,
Meine Versuche, im Internet mit den von mir frei zur Verfügung gestellten Inhalten Geld zu verdienen, waren bisher nicht besonders erfolgreich (trotzdem Dank an alle, die mir über Flattr etwas haben zukommen lassen). Das liegt vielleicht nur daran, dass ich mich dabei nicht besonders geschickt angestellt habe – mit Kloß und Spinne hätte sich vielleicht etwas machen lassen – aber ehrlich: Ich stecke meine Kraft und Zeit und mein Talent nunmal lieber in die kreative Arbeit, als in die Selbstvermarktung.
Beim Lesen der Statements der 101 Piraten hatte ich generell den Eindruck, man würde unter Urhebern vor allem Musiker und Softwareentwickler verstehen und – wie es scheint der einzige wirkliche parteiinterner Konsenz – als sei die GEMA der Leibhaftige. Ich kann und will mich dazu nicht äußern, aber da die Diskussion alle Arten von Urheberschaft betrifft, kann noch ein bisschen Autorensenf nichts schaden.
So, aber jetzt mal Butter bei die Fische. Und wenn das jemand gut findet, oder Kloß und Spinne mag: Noch könnt ihr mich davon überzeugen, dass Flattr funktioniert 😉
Ein zwei Meter hohes Regal voller Original-CDs in meinem Wohnzimmer zeigt z. B., wie gerne ich für kreative Werke bezahle, wenn sie mir gefallen. Schön wäre es, wenn bei den Künstlern deutlich mehr von diesem Geld ankommen würde.
Heiko Endrigkeit
Das ist schön und lobeenswert. Als ich vor einigen Jahren sehr viel Musik in Tauschbörsen runterlud, kaufte ich mehr CDs als in irgendeiner Zeit sonst in meinem Leben – CDs von Bands, die ich dort entdeckt hatte. Wenn ich nur nicht glauben würde, dass Herr Endrigkeit und ich da insgesamt doch eher Ausnahmen sind…
Eine kleine Geschichte: Als wir Mitte der 90er mit Lesungen in Berlin anfingen, nahmen wir keinen Eintritt, sondern gingen mit einem Hut rum. Auf jeden, der einen 5-Mark-Schein reinwarf, kamen zwei, die froh waren, ihre einzelnen Pfennige endlich loszuwerden. Hatten diese Leute kein Geld? Oder waren wir ihnen nicht mehr wert? Keins von beiden: Als wir dann ein Eintrittsgeld in Höhe von 3 Mark einführten, kamen genausoviele Leute und zwar genaudieselben Leute und wir hatten plötzlich die doppelten Einnahmen. Diese Erfahrung lässt mich daran zweifeln, dass Menschen wirklich das geben, was ihnen eine Leistung wert ist, wenn sie sie auch kostenlos oder für einen eher symbolischen Betrag haben können.
Ich als Pirat möchte, dass Kreative von ihrer Arbeit leben können. Darum zahle ich gerne für Werke, die mir gefallen. Künstler, die ihre Fans verklagen, weil sie ihre Werke im Netz tauschen, werden von mir aber niemals einen müden Cent sehen.
Christian Hufgard (Autor, Fotograf, Software-Entwickler, Camcorder-Benutzer, Grafiker, Verleger, …)
Stell dir vor, du gehst ins Restaurant und zahlst anschließend einen von dir selbst gewählten Betrag, aber nur, wenn du beschließt, dass das Essen dir auch wirklich etwas wert war und wenn der Wirt noch keinen Zechpreller angezeigt hat. Jawohl, das kann man vergleichen. Und wenn ich Lust habe hole ich nachher auch noch einen Hitlervergleich vor!
Es geht nicht primär darum, ob etwas „verbraucht“ wird, es geht darum, ob man jemanden für die Arbeit, die er leistet, auch bezahlt. Materialkosten, zum Beispiel für die Zutaten des Gerichtes im Restaurant, kommen dann gegebenenfalls noch dazu. Und ja: Kunst ist auch Arbeit.
Vor ein paar Jahren saß ich bei einer Lesung an der Kasse und eine sehr gut (bzw. teuer) angezogene Frau in den Fünfzigern fragte schockiert: „Eintritt? Aber die Geschichten sind doch selbstgeschrieben, denke ich. Und ich konsumiere doch nichts! Ihr behaltet eure Texte doch!“
Ich höre gerne Musik, liebe gute Filme und will unbedingt, dass Künstler auch künftig von ihrer Arbeit leben können. Allerdings kann es nicht angehen, dass Kids kriminalisiert werden, die nichts anderes tun als wir damals, wenn wir Kassetten auf dem Schulhof getauscht und kopiert haben.
Stefan ›Sekor‹ Körner (Landesvorsitzender der Piraten in Bayern und Kunstkonsument)
Das ist jetzt ein bisschen komisch: Einerseits wird ein großes Trara darum gemacht, dass wir in einer neuen Zeit leben und das Urheberrecht und überhaupt alles der digitalen und vernetzten Gesellschaft angepasst werden müssten, aber wenn es sich anbietet, dann argumentiert man plötzlich damit, dass das doch alles dasselbe ist wie das Kassettentauschen vor 30 Jahren. Ist es nicht, und das wisst ihr auch!
Gegen die Kriminalisierung von Kids bin ich auch. Sogar gegen die von Erwachsenen. Und an der Tastsache, dass man jeden Song, jede Software, jedes Bild, jeden Film kostenlos konsumieren kann, wird wohl kein Gesetz und keine Strafandrohung etwas ändern. Aber es ist ja wohl verständlich, wenn ich als Autor mir Sorgen darüber mache, wie es um mich und meine Kollegen stehen wird, wenn sich die E-Books durchgesetzt haben und die Kids auf dem Schulhof (sowie alle anderem Altersgruppen) auch Bücher kostenlos tauschen und kopieren – und zwar nicht wie früher die Kassetten, denn das entspräche der Methode, die Bücher in einem Copyshop auf Papier zu kopieren, sondern 1:1, ohne Abstriche an der Qualität. Und da ist ein Larifari-Künstler-sollen-auch-künftig-Blabla nicht unbedingt eine große Beruhigung.
Ich konsumiere gerne Filme und Musik. Aber es ist mir wichtig, dass die Künstler daran verdienen und nicht irgendeine Verwertungsgesellschaft. Leider fehlen oft Möglichkeiten, die Künstler direkt zu unterstützen.
Stefan Schimanowski (@supaheld, Konsument)
Jaja, die schrecklichen Verwertungsgesellschaften. Für Schriftstelller wären das dann wohl die Verlage. Und die VG WORT. Nach meiner Erfahrung und den Berichten von Kollegen kann ich sie selbst beim bösesten Willen nicht in einer Monstrenliga mit der selbstverständlich abgrundtief hassenswerten Musik- und Filmindustrie und der GEMA sehen. Wenn ich mal wieder ein Buch geschrieben habe, hoffe ich jedenfalls sehr darauf, dass sich jemand um Lektorat, Satz, Druck, ggf. Ebookformatierung, Werbung, Vertrieb und all diesen Kram kümmert, den ich nicht selbst machen kann oder nicht selbst machen will. Und dann sollen die Leute, die das für mich erledigen, dafür verdammt nochmal auch bezahlt werden.
Musik, Filme sowie Kunst sind von Menschen geschaffene Kulturgüter – sie verdienen es, dass die Kulturschaffenden, nicht aber irgendwelche monströsen Verwaltungs- und Verwertungsgesellschaften, für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden.
Lars Pallasch (Vorsitzender der Piratenpartei Baden-Württemberg, Blogger, Familienvater und Konsument)
In jedem zweiten Beitrag geht es um „irgendwelche monströsen Verwaltungs- und Verwertungsgesellschaften“. Das wird langweilig. Mich würde übrigens mal interessieren, wie die von manchen Piraten ins Spiel gebrachte (und mir nicht unsympathische) Kulturflatrate ohne irgendwelche monströsen Verwaltungsgesellschaften das Geld einsammeln und verteilen soll. Da kann ich mir doch jetzt schon vorstellen, wie die selben Leute, die sie jetzt fordern, sie nach ihrer Einführung boykottieren, weil das Geld in einer ominösen kafkaesken Behörde versickere und außerdem auch Florian Silbereisen davon bezahlt würde.
Musik ist Kulturgut. Ziel muss sein, dass dieses kostenlos und damit von jedermann konsumiert werden kann. Dies erfordert eine ausreichende Sicherung der Kunstschaffenden. Schon allein deshalb bin ich ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens.
Bernd Fachinger (aktiver Musiker und Kreisvorsitzender der Piraten Wiesbaden)
Das kommt so nett daher und ist sowas von zum Kotzen. Auch ich bin ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Und natürlich würde das auch vielen Künstlern zugute kommen, ihnen die Möglichkeit geben, zu experimentieren, ohne daran denken zu müssen, ob sie das Werk auch verkaufen können, es würde ihnen die Angst nehmen, zum Sozialfall zu werden, wenn mal etwas schief geht oder man gar ein halbes Jahr krank ist etc. etc. Ich bin sowas von für ein bedingsloses Grundeinkommen, aber sowas von!
Aber wenn aus dem BGE die Folgerung abgeleitet wid, dass Künstler gefälligst umsonst zu arbeiten und auf dem Level des Grundeinkommens vor sich hinzuvegetieren haben, dann kommt mir das Grausen. Das BGE soll eine Absicherung sein, eine menschenwürdige Alternative zum gegenwärtigen Sozialsystem, keine Niedriglohnflatrate und kein Ersatz für Entlohnung von Arbeit. (Darüber könnte man diskutieren, wenn man das gesamte Geld- und Verteilungssystem komplett umkrempeln sollte.)
Ganz davon abgesehen: Egal wie groß der Erfolg der Piraten bei zukünftigen Wahllen sein wird: Ich bezweifle, dass sie das BGE in absehbarer Zeit einführen können. Was sie sicher nicht davon abhalten wird, zu versuchen, den ersten Teil von Herrn Fachingers Forderung auch ohne den zweiten durchzusetzen.
Kultur und Kunst von und für Bürger von Künstlern für jeden, nicht von wenigen Prominenten, die Urheberrechte nur als Einkunft und Kassemachen sehen. Sonst ist Kultur nur noch SWR3 mit fünf weltweiten Musikproduzenten.
Torsten Dörffeldt, Taunusstein
Ja, da kann ich nichts gegen sagen. Außerdem gefällt mir der Rhythmus des ersten Satzes, dieses „von und für von für, nicht von“.
Ich bin für eine gerechte Entlohnung der Künstler, aber gegen die Geldverschwendung für übergroße Verwaltungsapparate und Agenturen, die an den Produkten der Künstler mehr verdienen als der Künstler selbst.
Jan Leutert (@pyth2_0)
Och Mensch, schon wieder dieses dunkle Geraune über das Mordor der Verwaltungsapparate und Verwertungsgesellschaften. Mal was anderes: Was versteht ihr unter einer „gerechten Entlohnung der Künstler“? Und wer entscheidet darüber, welcher Künstler darauf ein Anrecht hätte? Der Markt?
Im Grunde sind alle Werke von dem Moment an, in dem sie zum ersten Mal erzählt, aufgeschrieben oder aufgenommen werden, bereits kopiert. Jeder Urheber und jeder, der wertschöpfend an diesem Prozess beteiligt ist, hat ein ganz natürliches Anrecht darauf, sich dafür bezahlen zu lassen und von seiner Arbeit zu leben. Aber auch Konsumenten sollte nicht verweigert werden, Werke aufzugreifen und zu verarbeiten.
Henning Halfpap (Blogger, Fotograf, Tonbastler – alles als Hobby)
„Jeder Urheber und jeder, der wertschöpfend an diesem Prozess beteiligt ist, hat ein ganz natürliches Anrecht darauf, sich dafür bezahlen zu lassen und von seiner Arbeit zu leben.“ Ja, und wie? Ich weiß schon Kulturflatrate. Aber bitte ohne monströsen Verwaltungsapparat. Oder freiwillige Bezahlung. Oder halt Crowdfunding für das neue Romanprojekt (es sollte dann aber schon um Nazis auf dem Mond oder Ähnliches gehen). Oder einfach Werbung schalten, in E-Books sollte das kein Problem sein: „Noch 30 Sekunden Werbung bis zum Beginn des nächsten Kapitels … 29 … 28 …“
Geistiges Eigentum und die Rechte des Urhebers sollten weiterhin geschützt werden. Deshalb verstehe ich nicht, warum die Urheber diese Rechte so bereitwillig an die Verwerter abtreten. Einem Künstler selbst gebe ich gerne Geld für seine Leistungen.
Florian Schäfer (Software-Entwickler, Dichter und Konsument)
Als Schriftstelller gibt man sein Urheberrecht nicht ab, sondern nur die Rechte zum Verbreiten des eigenen Werkes. Oder besser ausgedrückt: Man beauftragt einen Verlag mit all dem Kram, den man selbst nicht machen kann oder will (s.o.). Dieses dauernde „Einem Künstler selbst gebe ich gerne Geld für seine Leistungen“ klingt für mich wie ein Feigenblatt. Und überhaupt: Einzelne Beteuerungen, man würde die Künstler schon bezahlen, wenn man nur die Möglichkeit hätte, sind nett gemeint, gehen mir aber ziemlich am Arsch vorbei. Einzelne Pferde haben auch schon vor Apotheken gekotzt. Die meisten Pferde machen sowas aber nicht.
Als Urheber und Verwerter fordere ich die Ablehnung des Begriffs »geistiges Eigentum« . Die Verwerterindustrie nutzt diesen polemisch aufgeladenen Begriff ähnlich wie die »Raubkopie«, um ihre ungerechtfertigte und restriktive Durchsetzung vollkommen unverhältnismäßiger Sanktionen gegen nichtkommerzielle Filesharer durchzusetzen (…)
Bruno Kramm (Pirat, Urheber und Labelbetreiber)
Jetzt mal ohne auf den Inhalt einzugehen: „Die Verwerterindustrie nutzt diesen polemisch aufgeladenen Begriff…“ ist wirklich sehr lustig , weil der Begriff „Verwerterindustrie“ natürlich genauso polemisch aufgeladen ist.
Worum es geht: Es gibt ganz genau zwei Personen, die an einem Werk interessiert sind: der Urheber und der Verbraucher. Alles, was sich zwischen diesen beiden befindet, muss weg. Das ist eine Demokratisierung der Kultur.
Herbert Danzinger (@magicherb, Piratenpartei Österreich)
Nein, das ist Blödsinn.
(…) Alle Beteiligten (Urheber, Verwerter und Konsumenten) müssen einen gemeinsamen Weg finden, die Teilhabe an Kultur und einen finanziellen Ausgleich für die Arbeit unter einen Hut zu bekommen.
Enno Lenze (Verleger)
Dem stimme ich in vollem Umfang zu. Eine Frage hätte ich: Wie ist es denn so in einer Partei zu sein mit Leuten, die fordern: „Alles, was sich zwischen [Urheber und Verbraucher] befindet, muss weg“ – also auch Sie als Verleger?
(…) Wir wollen nicht alles umsonst, aber auch nicht von gierigen fetten Säcken ausgenommen und angezeigt werden, die alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, mit einem Preisschild versehen und zu Geld zu machen versuchen. Kulturausbeutung ist der Untergang der Gesellschaft, wie wir sie jetzt kennen. Wir leben von dem Wissen, der Bildung der Menschen.
Thorsten Wirth (@insideX)
„Kulturausbeutung“ ist nicht der Untergang der Gesellschaft, wie wir sie jetzt kennen, sondern ein Merkmal der Gesellschaft, wie wir sie jetzt kennen, das Merkmal einer Gesellschaft, die generell auf Ausbeutung beruht. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn man das Urheberrecht liberalisiert. Im Übrigen: gierige fette Säcke? Oh nee, bitte. Fehlt bloß noch der Zylinder auf dem Kopf und die Zigarre im Mund…
Das jetzige Recht zu zementieren und sich gegen neue Konzepte – wie die Piraten sie vorschlagen – zu wehren, heißt letztlich, den Künstlern und Verwertern keinen müden Pfennig zu gönnen. Filesharing ist keine Option, Filesharing ist Realität. Härtere Strafen und Abmahnwellen gegen Einzelne werden diese Kultur nicht auf einmal aufhalten können; das Einzige, was man tun kann, ist, mit den Entwicklungen Schritt zu halten und Wege zu finden, wie Künstler trotz Filesharing gebührend entlohnt werden können. (…)
Pierpaolo Frasa (Student aus Köln)
„Filesharing ist keine Option, Filesharing ist Realität“ – richtig! Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass ich mir bewusst bin, dass sich bestimmte Dinge radikal geändert haben und dass man Zahnpasta nicht in die Tube zurückdrücken kann. Wir brauchen neue Gesetze und diese dürfen nicht dahin gehen, einen Überwachungsstaat aufzubauen, der genau das versucht. Es ist gut, dass die Piraten dieses und einige andere Themen massiv in die Öffentlichkeit gebracht und eine Diskussion angestoßen haben.
Kultur und Wissenschaft können nur dort passieren, wo sie auf etwas aufbauen können. Der Zugang zu Wissen und Kultur muss daher zwingenderweise frei für alle sein, damit man keine Menschen davon ausschließt. Daher stelle ich meine Fotos unter eine Creative-Commons-Lizenz (…)
Benjamin Lebsanft (Physiker, Fotograf und Blogger aus Hamburg)
Ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht von ihren Fotografien leben. Stellen Sie sich bitte nicht hin und präsentieren Sie sich Leuten, die das tun (wollen/müssen), als leuchtendes Beispiel. Um mal wieder einen Lebensmittelvergleich zu bringen (ich glaub, den Hitler kriege ich heute nicht mehr unter): Nur weil Sie vielleicht gerne und gut für Freunde kochen und dafür kein Geld fordern, können Sie dasselbe nochlange nicht vom Koch im Restaurant an der Ecke verlangen.
Ich gebe lieber 50 Cent direkt an einen Künstler, als 1 Euro an dessen Verwerter. Aus dieser Situation gehen zwei gestärkt heraus: Der Künstler und der Kunde. Nur die Verwerter haben nichts davon – ich wüsste aber nicht, warum mich das stören sollte.
Georg Warth (Konzepter)
Unter anderem sorgt der Verwerter (er ist übrigens gierig und sehr dick, wie man dem Beitrag von Thorsten Wirth weiter oben entnehmen kann und höchstwahrcheinlich läuft ihm auch den ganzen Tag Geifer aus dem Mund) dafür, dass der Künstler sein Geld bekommt. Eine Abschaffung/Ausschaltung von „Verwertern“ wie Verlagen, Vertrieben, Händlern, heißt nichts anderes, als dass der Künstler sein eigener Verleger und Verkäufer und Marketingmensch werden muss – UND DARAUF HAB ICH KEINEN BOCK!
Ein Urheber, der in seiner Kreativität den Lohnerwerb an erster Stelle sieht, verkennt den wahren Wert seiner Werke. Wer das Ergebnis seines künstlerischen Schaffens zu einem kommerziellen Wertobjekt degradiert, muss die digitale Realität anerkennen und alternative Vertriebswege finden oder daran scheitern.
Tiberius Beyers (IT-Consultant)
Das ist eine Aussage, deren Arroganz und Kälte und Dummheit mich vor Teilen der Piraten schaudern lässt. Ich degradiere das Ergebnis meines künstlerischen Schaffens, wenn ich Geld dafür will? Du degradierst das Ergebnis künstlerischen Schaffens, wenn Du es nicht für Wert hältst, dafür zu bezahlen! Was ist denn das für eine Scheiße: Kunst hat gefälligst nach Feierabend zu entstehen, und als Lohn gibts Künstlerstullen also Applaus. Aber davon Leben?! Nee nee, die sollen mal schön mit was Vernüftigem ihr Geld verdienen, zum Beispiel IT-Consultants werden!
Nutzer sind im Prinzip leicht zufriedenzustellen: Behandelt sie nicht wie Verbrecher, legt sie nicht in DRM-Ketten und bietet ihnen faire Preise sowie einfache Bezahlmodelle. Im Internet ist unendlich viel Platz für kreative Verwertungsmodelle, für Urheber und Rechteverwerter. Nur keine Angst vor der Zukunft.
Christina Grandrath (Pirat im Kreisverband Nürnberg, regelmäßige Kinobesucherin, DVD- und Buchkäuferin)
Sowas versöhnt mich dann wieder fast mit den Piraten. Genauso wie dieser Beitrag:
Je näher man Urhebern – wie Designern, Musikern und vielen anderen – steht, desto schneller wird einem klar: Wenn diese Leute nicht angemessen entlohnt werden, können sie es sich nicht leisten, neue Inhalte zu produzieren. Deshalb ist es für mich ganz natürlich, für die Inhalte zu bezahlen, von denen ich mehr sehen möchte. Ich bin jedoch nicht gewillt, über den Preis einer CD die 27. Retorten-Realityshow-Band von Dieter Bohlen und Konsorten zu finanzieren.
Daniela Berger, Software-Entwicklerin, Pirat, vors. Richterin am LSG Berlin
Dafür wird’s jetzt wieder ganz schlimm:
Ich bezahle gerne den Erzeuger eines Qualitätsproduktes und honoriere dessen Arbeit. Allerdings soll sich die Entlohnung an dem Produkt (Arbeitszeit sowie Kreativität) und nicht an den Kosten eines verkrusteten Verwaltungsapparates sowie überkommener Vertriebswege orientieren. Das heißt ganz klar: Direktvermarktung. Und »Qualität« heißt für mich nicht: 08/15-Massenneuaufgüsse ohne tatsächlich kreative Leistung. Von daher sind hier meines Erachtens auch ganz klar die Kreativen gefragt, nach zeitgemäßen Wegen für die Entlohnung ihrer Arbeit zu suchen. (…) Wer sich stattdessen in veraltete Strukturen begibt und von der Verwertungsindustrie ausnehmen lässt, muss sich nicht wundern, von seiner Arbeit nicht leben zu können – und ist das eigentlich kreativ? (…)
Thumay Karbalai Assad (Konsument)
„Das heißt ganz klar: Direktvermarktung“ und „Wer sich stattdessen in veraltete Strukturen begibt und von der Verwertungsindustrie ausnehmen lässt, muss sich nicht wundern, von seiner Arbeit nicht leben zu können – und ist das eigentlich kreativ?“ Das heißt ganz klar: Nicht das Werk eines Künstlers soll darüber entscheiden, ob er davon leben kann, sondern sein Talent als Verkäufer. Und Kreativität bemisst sich daran, wie einfallsreich er bei der Suche nach „zeitgemäßen Wegen für die Entlohnung seiner Arbeit“ ist. Kotz.
Welcher Pirat hat den Vorwurf noch nicht gehört, wir würden wollen, dass Künstler kein Geld mehr bekommen und in den Ruin getrieben werden? Doch das stimmt einfach nicht. (…)
Vanessa Weber (Piratin aus Süddeutschland)
Guck Dir mal einige der Äußerungen hier an und wundere Dich dann nochmal über diesen Vorwurf. Aber es stimmt schon: Die meisten schreiben, dass Künstler von ihrer Arbeit leben können sollen. Aber auch da habe ich manchmal das Gefühl, dass das einfach so hingeschrieben wurde, weil man das halt so macht. So wie „natürlich bin ich für den Weltfrieden“.
Epilog:
Und was ist nun eigentlich genau meine Meinung? Wenn ich das nur wüsste und eine Lösung hätte, die allen und allem gerecht wird. Auf alle Fälle bin ich für den Weltfrieden und dafür, dass Künstler (und ganz besonders ich selbst) von ihrer Arbeit leben können sollen. Und ich denke, dass es Zeit war für eine Partei wie die Piraten und hoffe trotzdem, dass sie keine zweistelligen Wahlergebnisse einfahren. Vielleicht werde ich sie eines Tages sogar selbst wählen, aber vorher wüsste ich gern, wofür sie nun wirklich eintreten – insbesondere natürlich bei Themen, die mich konkret und existentiell betrefffen.
(Volker Strübing)
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