Vor ein paar Tagen schrieb ich, dass mir die Idee einer Kulturflatrate sehr sympathisch sei. Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken 😉
Das Nachdenken hätte ich mir sparen könne: Steht ja alles schon im Internet. Und natürlich sind all die Probleme, die mir aufgefallen sind, auch schon anderen in den Sinn gekommen. Auch der Lösungsansatz, der mir einfiel, ist selbstverständlich schon anderen eingefallen und gründlich durchdacht worden. Aber wenn ich, bevor ich anfange nachzudenken oder zu schreiben, jedesmal nachgucken würde, ob ich mir das sparen kann, weil da schon andere drüber nachgedacht und geschrieben haben, dann kann ich die Schreiberei gleich ganz aufgeben.
Hier also meine Gedanken zur Kulturflatrate, vielleicht ist sogar der eine oder andere dabei, der zumindest nicht genauso schon woanders steht, wenn nicht, ist es einfach eine Dokumentation des Standes meiner eigenen Überlegungen:
Die Grundidee ist einfach und prima: Es wird von allen Internetnutzern eine pauschale Abgabe erhoben, dafür ist der Download von Musik, Filmen, Büchern frei und legal. Das eingenommene Geld wird unter allen Urhebern aufgeteilt, je nachdem, wie oft ihre Werke heruntergeladen wurden. Die Gebühr könnte ganz einfach von den Internetprovidern eingezogen werden.
Klingt erstmal super, aber:
1.) Eine Kulturflatrate (KF) müsste umfassenden Zugriff auf digitale Kulturgüter der ganzen Welt erlauben – eine nationale Kulturflatrate dürfte schwer vermittelbar sein. Wahrscheinlich wird es schwer, die Urheber bzw. Rechteverwerter der ganzen Welt davon zu überzeugen, dass sie ihre Produkte den Deutschen gegen einen schwer zu kalkulierenden Betrag unbegrenzt zum Download zur Verfügung stellen sollen.
2.) Eine Kulturflatrate wäre eine Zwangsabgabe, was sicher vielen misfallen würde. Insbesondere denen, die heute nichts oder nur sehr wenig für Kultur bezahlen, weil sie entweder sowieso schon alles kostenlos downloaden, sich schlicht für nichts interessieren oder mit der werbefinanzierten Kultur von Privatfernsehen und -rundfunk vollkommen zufrieden sind.
3.) Die Einnahmen der Kulturflatrate würden nach Anzahl der Downloads verteilt. Das widerspricht aber dem Prinzip: Mein Geld soll den Künstlern, die ich mag zugute kommen. Denn: Die Möglichkeit, alles downzuloaden, würde ganz sicher dazu führen, dass man sich massenhaft Musik und E-books und Filme und Computerspiele und hastenichgesehen runterlädt, dann reinguckt, -hört, -liest, -spielt, dann den ganzen Krempel, den man doof findet löscht (oder auf der Platte verrotten lässt) und nur den kleinen Teil konsumiert, der einen wirklich gepackt hat. Das Geld, dass man für die KF zahlt, wird aber auch an die verteilt, die man nach dem Download für doof befunden hat (es gibt einen Lösungsansatz, dazu später mehr).
4.) Ein Problem, dass damit eng zusammenhängt: Die Missbrauchsgefahr. Es ist davon auszugehen, dass finstere Gestalten Pseudoinhalte ins Netz stellen würden, mit reißerischen Titeln („Liebe Piraten, fickt euch, aber nicht mich“ oder so), die nur auf Downloads und damit auf Anteile an der Kulturflatrate abzielen.
5.) Die KF würde es erfordern, dass die Downloads aller Internetnutzer erfasst und für Aberechnungszwecke gespeichert werden. Neben den offensichtlichen datenschutzrechtlichen Bedenken wäre wahrscheinlich eine recht große Behörde/Institution für die Verwaltung, Abrechnung, Verteilung nötig, für das Aushandeln der Verträge mit einheimischen und internationalen Urhebern/Verwertern, für den Kampf gegen Betrüger etc. etc. etc.
Wie neulich schon angemerkt, sind aber die großen Befürworter der KF, die Piraten, die größten Gegner solcher Verwaltungsmonster und aller Institutionen, die zwischen den Urhebern und den Konsumenten stehen.
(EDIT: Sorry: Die Piraten als „die großen Befürworter der Kulturflatrate“ zu bezeichnen ist falsch. Die KF ist aus genau aus den oben genannten Gründen unter den Piraten sehr umstritten. Danke Benny.)
6.) Die Höhe der Pauschale wird natürlich ein Riesenstreitpunkt. Wie will man die berechnen? Vielen wird der Betrag zu hoch erscheinen (egal wie niedrig man ihn ansetzt), die BILD-Zeitung wird garantiert ein großes Geschrei anstimmen, Urheber und Verwerter werden sie genauso voraussehbar für zu niedrig halten. Klar ist: Sie wird deutlich unter dem liegen, was der Deutsche im Schnitt für Kulturgüter aller Art ausgibt. Das ist einerseits natürlich sehr sympathisch und demokratisch und überhaupt ganz dufte, man erlaube mir aber den Egoismus zu sagen: Die Leute sollen lieber weniger für hässliche Kleidung, ekliges Essen und so weiter ausgeben, als für Kultur. Zumal die Senkung der Lebenshaltungskosten in einem Bereich sowieso nur dazu führt, dass sich die Vermieter die Hände reiben und denken, sie können die Mieten noch ein Stück erhöhen … grummel,
Und was wäre zum Beispiel mit Hartz-IV-Empfängern? Soll ihnen die Rate erlassen werden? Ihr ahnt den Aufschrei der Urheber! Oder soll der Staat ihnen das Geld auf die Sozialhilfe draufpacken? Das sich erhebende Geschrei ist ebenfalls leicht vorstellbar.
7.) Wer entscheidet, welche Werke etwas von dem Geld abbekommen? Ein Beispiel: Ich würde nicht auf die Idee kommen, den Schnipselfriedhof zu einem kostenpflichtigen Werk zu machen. Aber selbstverständlich würde ich es für die KF als urgehobenes Werk anmelden, in der Hoffnung, für jeden Leser 0,00003 Cent oder so zu bekommen. Das würden viele so machen. Neben der Anmerkung oben, dass die KF auch auf die „toten“ Downloads verteilt würde, wäre das ein weiterer Punkt, der dazu führt, dass die (ich behaupte mal ohnehin zu geringen) Einnahmen so weit verteilt werden, dass es sich für viele Urheber kaum lohnt.
8.) Und wie wird die Verteilung auf verschiedene Werke geklärt? Wieviel ist der Download eines E-Books im Vergleich zum Download einer CD wert? Bekommt ein 500-Seiten-Roman doppelt soviel wie ein 250-Seiten-Roman? (Hoffentlich nicht, man hat jetzt schon den Eindrucck, dass viele Autoren sinnlos Zeilen schinden, weil dicke Bücher teurer verkauft werden können.) Um diese Frage wird es ricchtig Zoff geben. Künstler sind ja generell schon etwas eitel und von sehr von ihrer Kunst überzeugt (wofür die meisten allerdings auch mit schlaflosen Nächten voller schrecklicher Selbstzweifel zahlen), auf eine friedliche Einigung braucht man da nicht hoffen. Das Schöne: Die Debatte wird wahrscheinlich mehr Unterhaltungswert haben, als die meisten Werke …
9.) Eine weitere Frage: Welche Rechte erwirbt man mit der KF? Nur das Recht zu konsumieren? Einige fordern, dass die Werke dann auch im Rahmen eigener Schöpfungen verwendet und bearbeitet werden dürfen, der Begriff des „geistigen Eigentums“ sei zu streichen, Kultur müsse frei sein, ihre Nutzung dürfe nicht eingeschränkt werden, schon gar nicht, wenn man per KF dafür bezahle. Aber man stelle sich zum Beispiel folgendes vor: Jemand schreibt ein Lied, es wird vielleicht 1000 Mal runtergeladen, der Musiker erhält dafür anteilig ein paar Cent aus der KF, damit sind seine Ansprüche abgegolten und andere haben das Recht, seine Musik weiterzuverwenden (möglicherweise unter Nennung des Musikernamens). Ein Videokünstler, dem das Lied gefallen hat, kommt auf die Idee, ein Video zu diesem Lied zu machen, dieses wird 3 Millionen mal aufgerufen. Ohne geistiges Eigentum würde er das ihm dafür zustehende Geld nicht mit dem Musiker teilen müssen. Und selbst wenn er teilen müsste: Welche Institution soll die Verteilung übernehmen und entscheiden wieviel von einem angeklickten Video welchem der Beteiligten zusteht?
So. genug kritisiert fürs Erste,, obwohl es noch ein paar Sachen gebe. Jetzt aber zu einem Ansatz, der zumindest einen Teil dieser Probleme lösen würde. Ich hab ihn Kultur-Flattr-Rate genannt, bei Wikipedia findet man ihn unter Kulturwertmark, ein Konzept, dass voom Chaos Computer Club favorisiert und weiterentwickelt wird.
Die Idee ist ganz einfach: Man zahlt wie bei der KF eine Pauschale, kann aber selbst entscheiden, wem das Geld zugute kommt. Das würde die Kritikpunkte 3, 4, 7 und 8 sofort gegenstandslos machen. Insgesamt halte ich die Kulturwertmark für wesentlich realistischer und besser als die simple Flatrate.
Das Geld, das nicht von den Nutzern selbst verteilt wird, käme allerdings in einen großen Topf und würde doch wieder auf alle Downloads verteilt.
Deshalb ist die Umsetzung entscheidend. Wenn es für die Konsumenten aufwändig ist, über die Verteilung ihres Geldes zu entscheiden, dann werden die meisten es nicht tun und der gute Ansatz verpufft. Andererseits darf man es auch den Urhebern nicht zumuten, die technische Lösung bereitzustellen und alle ihre Werke mit hässlichen „Bitte hier klicken, wenn Dir das gefallen hat, damit ich ein bisschen Geld kriege“-Bannern vollzumüllen.
Ich könnte mir folgendes vorstellen: Eine App, die den privaten Medienkonsum protokolliert. Sie läuft auf dem heimischen PC, dem Laptop, dem Smartphone, dem Tablet, dem internetfähigen Fernseher und wo auch immer. Einmal im Monat (oder je nachdem, wie der Abrechnungszeitraum gewählt wird) liefert sie eine Übersicht, was man sich alles angesehen, gehört oder gelesen hat und man kann mittels Häkchen entscheiden, auf welche davon man seine Kulturwertmark verteilen will. Diese Information (und nur diese) wird dann an die zuständige Institution weitergeleitet. Wer sich um gar nichts kümmern will klickt einfach an: „Meine Kulturwertmark auf alle konsumierten Inhalte nach Dauer der Nutzung verteilen“ und die Software erledigt alles automatisch.
Wie oben bereits geschrieben handelt es sich hier um den aktuellen Stand meiner Überlegungen, weshalb ich nicht mit einem Fazit dienen kann.
(Volker Strübing)
Schreibe einen Kommentar