ACHTUNG: Enthält sinnlosen Cat-Content und unausgegorenes Zeugs! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass eine Fortsetzung denselben doofen Titel wie der erste Teil haben muss?

(Was die Eigenschaft angeht, einen von den wirklich wichtigen Dingen im Leben – rumliegen und Fantasy-Romane lesen etc. – abzulenken, können Katzen durchaus als eine Art Vorläufer des Internets gelten.)
Ab und zu stößt man im Netz auf die Idee, die Kultur der Zukunft brauche keine Urheber im klassischen Sinne mehr. Die „schwache“ Variante dieser Idee meint damit nur, sie brauche keine bezahlten Urheber mehr. Die „starke“ Variante meint: Sie braucht keine Individuen mehr, das Netz, das Kollektiv, der Schwarm würde das übernehmen, die Kreativität der Vielen würde die beschränkten Möglichkeiten des Einzelnen weit hinter sich lassen. In Reinform bin ich dieser Variante noch nicht begegnet, aber es geht mir hier ja auch um Spekulation und Gedankenspiele und nicht um aktuellpolitische Erörterungen – weshalb ich auch auf die sich bei diesem Thema anbietenden Bezüge zur Diskussion um Urheberrecht und geistiges Eigentum verzichten will.
Soweit es geht, denn ganz komme ich nicht herum.
Beide Variante gehen im Prinzip von einem Ende individuellen Ausdrucks aus. Kunst könne nicht mehr als Werk eines Einzelnen gelten, da sie auf der Gesamtheit des kulturellen Schaffens der Vorgänger beruhe und daraus schöpfe – sie sei letztlich nur ein Mash-Up des Zuvordagewesenen, könne keine Eigenständigkeit beanspruchen. Denkt man das konsequent, weiter ist auch jeder Mensch nur ein Mash-Up der Gene seiner Eltern.
Außerdem kann man argumentieren (und man tut es), die Vielen würden freiwillig und kostenlos Kultur produzieren, der Urheber als Spezialist würde nicht mehr benötigt.
Bevor mich jemand falsch versteht: Natürlich wird freiwillig und kostenlos Kultur geschaffen. Niemand greift ja erst zur Gitarre, wenn er einen Arbeitsplatz als Musiker gefunden hat! Und was professionelle Künstler schaffen, ist weiß Gott nicht zwangsläufig besser, als die Leistungen guter Amateure. Aber auch die guten Amateure sind Spezialisten und Individuen/Individualisten.
Aber jetzt ist ersteinmal an der Zeit für ein weiteres Katzenbild:

Was käme heraus, wenn man das Prinzip des Ochsenschätzens (siehe Teil 1)auf die Kunst anwendete? Ich vermute: Dasselbe wie beim Ochsenschätzen. Ein brauchbarer Mittelwert, sprich: Mittelmaß, ein Ergebnis das nah am Durchschnittsgeschmack der Schwarmmitglieder läge – irgendwo über dem Niveau des langweiligsten und unter dem des kreativsten Mitglieds. Kreativität addiert sich nicht einfach. Und wenn man eine große weiße Leinwand hat, auf die jeder seinen eigenen kleinen Farbklecks macht, verschwimmen diese zu einer grauen Fläche, wenn man das Ganze mit einem gewissen Abstand betrachtet.
Wie könnte Schwarmkreativität aussehen? Im armseligsten Fall so wie die bisherigen Ansätze dazu: Eine endlose Kaskade aus Mashups und Remixen von Schnipseln aus Werken, die auf „herkömmlichem Wege“ urgehoben worden. Schuld und Sühne mit Zombies und Nazis auf dem Mond und „What society thinks I do“ und Chuck Norris und Vampiren. Nachgespielt mit Star Wars Legofiguren. Als Soundtrack die Muppetshow-Musik, interpretiert auf einem Gameboy und mit einem schönen gesampelten Beat unterlegt. Oder so. Kann schon Spaß machen.
Second Life war ein Versuch einen Spielplatz für die Kreativität zu schaffen, aber letztlich wurden dort nur mit Mühe und Hingabe bekannte Szenarien nachgebaut; die Spieler taten so als wären sie Figuren aus Comics, Filmen oder anderen Spielen und: schnatterten. Könnte aus so etwas einmal eine Welt entstehen, die so komplex ist wie Westeros und könnten dort quasi von allein durch die Interaktion der Mitspieler Geschichten entstehen, die so spannend sind wie „Das Lied von Eis und Feuer“? Ich glaube nicht.
Nicht unwahrscheinlich ist natürlich auch, dass ich mir nur nicht vorstellen kann, wie eine auf dem Schwarm basierende Kreativität aussehen würde. Bin ich als Geschichtenerzähler 1.0 vielleicht dasselbe wie ein Heißluftballonbauer des 18. Jahrhunderts, der mit der Idee von Flugmaschinen schwerer als Luft konfrontiert wird?
Die Kreativität der Vielen im Sinne einer „Schwarmkreativität“ ist übrigens etwas anderes als Teamarbeit oder Brainstormings – deren Ergebnis kann natürlich über die Fähigkeiten der einzelnen Beteiligten hinaus gehen. Aber Teams basieren auf der Spezialisierung der Mitglieder und auf einer wenigstens rudimentären Hierarchie, Brainstorming ist nur sinnvoll, wenn nicht allzuviele mitmachen oder jemand entscheidet, welche der dabei entstehenden Ideen weiterverfolgt werden soll. Fundamentale Unterschiede zum „Schwarm“.

(Wenn 2 Katzen lustiger sind als eine, müssen doch auch 7 Milliarden Menschen lustiger sein als einer!)
Andererseits (und wenn ich hier schon mit dem Schwarmbegriff um mich schmeiße): Natürlich kann ein Schwarm Schönheit produzieren, und zwar ganz ohne Urheber und Individualität. Man denke nur an die faszinierenden Aufnahmen von Fischschwärmen, die Schönheit und Eleganz der synchronen Bewegung von tausenden Einzelwesen! Aber: Die Fische selbst merken davon nichts. Diese Schönheit existiert nur für einen außenstehenden Beobachter, der über ein ästhetisches Konzept verfügt, in das dieser Anblick passt.
Damit bin ich schon fast bei der nächsten Frage, die mich sehr fasziniert: Kann das Netz vielleicht eines Tages dieser Beobachter sein? Mit anderen Worten: Wird das Internet irgendwann Bewusstsein erlangen? Hat es das vielleicht schon?
Aber für heute reichts mir; ich setz mich wieder in die Sonne. Frohe Pfingsten und so.
(Volker Strübing)
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