Und da stand ich nun. An der Kaisers Kasse im Hauptbahnhof, mit meinen schönen neuen Kopfhörern um den Hals und dem 1.-Klasse-Upgrade-Gutschein in der Jacketttasche, mit dem Griff des Rollkoffers in der einen und einer Packung Sushi für die Fahrt in der anderen Hand. Und vor mir legte eine alte Dame einen Pfandbon auf die Geldschale, knubbelte mit störrischen Fingern sieben einzelne Centstücke aus einer verschrabbelten Geldbörse und legte sie dazu, um eine Packung Ja!-Quark, einen Ja!-Schokopudding und eine Flasche Fanta zu bezahlen.
Die Kassiererin nahm Geld und Pfandbon ungerührt entgegen. Solche Kunden waren hier nichts besonderes, vielleicht kannte sie sogar diese spezielle Dame; vielleicht kam sie regelmäßig hierher, um die Ausbeute eines Flaschensammeltages in Ja!-Quark und Fanta umzusetzen.
Von Pfandbons bis zu goldenen Kreditkarten erlebte die Kassiererin wohl in jeder Schicht die ganze Bandbreite bargeldloser Zahlungsmittel, von Samsonite-Rollkoffern bis zu Flaschensammler-Trolleys war alles an Gepäckstücken vertreten, der Duft überdosierten teuren Parfüms wehte ihr genauso oft um die Nase wie der intensive Geruch nach ungewaschenem Mensch.
Die Ja!-Quark-Dame stank nicht, war nicht ungewaschen, wirkte nicht ungeflegt, sondern einfach nur arm. Sie trug irgendetwas formloses, eine Art Jogginghose, hellblau, und eine weinrote Strickjacke, ihre Haare waren schütter und grau. Ihr Gesicht war einfach nur lieb. Super lieb. Sympathisch und traurig und ihre größte Sorge schien es zu sein, niemandem zur Last zu fallen.

“Da fehlen noch zwei Cent”, sagte die Kassiererin.
“Oh oh oh” Die Frau fischte hektisch in ihrem Portemonnaie fand zwei weitere Centstücke und reichte sie erleichtert der Kassiererin.
“Danke, einen schönen Tag noch.” Sie griff nach meinem Sushi und zog es über den Scanner. Eine Sekunde später landete es neben dem Ja!-Quark im … ähm … Waren-Auffangbecken und die Frau schaute kurz zu mir hoch und lächelte entschuldigend – so sah es zumindest aus.
Und ich kam mir so unglaublich doof vor. Mit meinem Sushi, mit meinem Upgrade-Gutschein in der Jacketttasche, mit meinen schönen neuen Kopfhörern und dem Rucksack voller lustiger Geschichten und dem Rollkoffer voller Netzteile und Kabel und Fotoapparate und Bügelfrei-Hemden.
Ich hab es so gut gelernt, die Armut um mich herum zu übersehen. Meinen ersten Bettler sah ich live als ich 18 war, am 10.11.1989 bei meinem zweiten Besuch in Westberlin und ich war geschockt, obwohl ich natürlich wusste, dass es sie gab. Heute gehe ich jeden Tag an was weiß ich wievielen vorbei und muss mich zusammenreißen, um nicht aufzustöhnen und mit den Augen zu rollen, wenn der dritte Motzverkäufer in die S-Bahn steigt. Das Elend nutzt sich ja auch irgendwann ab, und überhaupt, ich habs weiß Gott auch nicht leicht und dann sind da ja auch noch die sprichwörtlichen Kinder in Afrika, die froh wären, wenn sie sich mit ein paar leeren Flaschen so einen schönen Ja!-Quark verdienen könnten.
Ich werfe relativ oft (so bilde ich mir zumindest ein) Münzen in Hüte, Becher, manchmal sogar in Instrumentenkoffer und wenn ich es tue, bemühe ich mich, irgendwie mit den betreffenden Personen zu kommunizieren, damit es sich für uns beide nicht so seltsam anfühlt, nach Almosen und Ablasshandel. Viel häufiger gehe ich jedoch vorbei und denke: Ich kann doch nicht jedem was geben. Und ich habs doch eilig. Oder ich denke gar nichts, sondern schaffe es, sie zu übersehen.
Und manchmal, zum Glück ganz selten, macht es mich sehr, sehr traurig. Vorgestern an der Kaiserskasse zum Beispiel. Keine Ahnung, was im Leben der Dame falsch gelaufen war, ob sie ein paar falsche Entscheidungen getroffen oder einfach nur Pech gehabt hatte. Ob sie zu schwach, zu langsam, zu dumm, zu lieb war für die Welt. Keine Ahnung im Übrigen, wie arm sie wirklich war — man hört ja immer mal wieder Menschen mit schicken Klamotten und gepflegten Fingernägeln mit ironischen Lächeln sagen, dass “die” wahrscheinlich mehr Geld haben als “wir” und sich zudem noch die Zeit frei einteilen könnten und steuerfrei sei das Pfandgeld auch und dazu noch Hartz-IV ohne einen Finger krumm zu machen, so gut hätt ichs auch gern mal!
Ich weiß nicht, ob sie ihren Weg vielleicht selbst gewählt oder sich wenigstens eine Geschichte bereit gelegt hatte, die davon erzählte, wie sie selbst den Weg Richtung zu Pfandbons und Magerquark eingeschlagen hatte; eine Geschichte, mit der sie ihre Würde und Freiheit vor sich selbst und anderen verteidigte.
Und ich weiß nicht, wie ich es geschafft hatte mich an all das Elend inmitten von Reichtum zu gewöhnen, an diesen Skandal, der nicht dadurch besser wird, dass es anderswo noch schlimmer ist. Warum habe ich häufiger schlechte Laune aus Neid gegenüber denen, die mehr haben als ich, als aus Wut wegen oder Mitgefühl für die, denen es noch viel schlechter geht?
Ich fuhr gestern, Freitag, nur von Berlin nach Hamburg. (Eine viel zu kurze Strecke, um dafür einen Upgrade-Gutschein zu verschwenden – den habe ich mir für heute aufgehoben, da ich heute achteinhalb Stunden im Zug verbringe.)
Ich kam gegen 9 in Hamburg Altona an (der Slam im Zeisekino sollte erst 22.30 Uhr beginnen) und am Ausgang saß eine alte, richtig alte Frau auf der Sitzfläche ihres ollen Rollators. Neben sich hatte sie eine Decke ausgebreitet auf der sie allen möglichen Krempel ausgebreitet hatte.
Alte arme Frauen sind sozusagen mein Beuteschema bzw. umgedreht ich ihres. An Omas im Rollstuhl mit Spendenbecher oder Großmütterchen mit krepeligen Stiefmütterchen, den Strauß für 1 Euro, komme ich generell nur sehr schwer vorbei. Ich hatte es trotzdem fast geschafft, doch dann drehte ich mich doch noch einmal um, ging erneut an ihr vorbei, in den Bahnhof zurück, beobachtete sie von dort aus, sie und die vielen Menschen, die an ihr vorbeirannten. Dann schlich ich nocheinmal an ihr vorbei und traute mich noch immer nicht, irgendetwas von ihr zu kaufen. Ich schämte mich. Ihr gegenüber, vor allem aber den Passanten gegenüber, ich weiß nicht warum. Es war mir peinlich dieser Oma etwas abzunehmen, vielleicht weil so offensichtlich war, dass dieses “Geschäft” nur Alibi wäre. (Dabei brauchte ich den Big Jack doch wirklich und unbedingt, wie hätte ich sonst diesen Beitrag illustrieren sollen?)
Nach der vierten Passage traute ich mich endlich, sie anzusprechen.
Sie wollte 2,50, ich gab ihr 5, dann hatte ich ein schlechtes Gewissen den anderen Leuten gegenüber, die sich dort um ein paar Münzen bemühten, gab einem Punkermädchen noch 50 Cent und lief los durch Altona in Richtung der Zeise-Kinos und die Straßen waren voller feiernder, trinkender, lachender Jugendlicher und in meiner Stimmung und mit einem seltsamen Musikstück eines seltsamen Musikers namens Arvo Pärt auf den Ohren kam mir das alles wie der elfte Kreis der Hölle vor und ich ärgerte mich, dass ich nur lustige Texte zum Vorlesen hatte, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.
Das Sushi war übrigens ganz okay, ich esse es eigentlich sowieso nur wegen der eingelegten Ingwerschnipsel.

Danke an alle, die mir bei Facebook halfen, als ich fragte, ob jemand die Puppe (Big Jack, eine Figur aus der 70er-Jahre-Actionfigurenserie “Big Jim”) identifizieren könne!
Danke auch für den Hinweis, dass ich in einer früheren Version des Textes von „Samsonit“-Rollkoffern geschrieben habe. Obwohl mir die Idee eigentlich gefällt – Samsonit, das Kryptonit für Bahnfahr-Man.


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