Ich sitze im Zug. Es ist Sonnabend, der Zug ist voll und von den achteinhalb Stunden von Bern nach Berlin liegen noch sieben vor mir. Ich mache die Beine lang, räkel mich an einem Vierertisch, ein Schaffner kommt vorbei und gibt mir ein Tütchen Studentenfutter. Ich fahre erster Klasse und hinten im Zug stapeln sich die weniger Glücklichen: Die Upgrade-Gutscheine, die ich für meine Bahn-Bonus-Punkte bestellt habe sind gerade rechtzeitig am Donnerstag angekommen. Ich wusste, dass der Zug in die Schweiz am Freitag voll wie ein Spamverdachtsordner sein würde. Am Montag erst habe ich die Erste-Klasse-Upgrades bestellt, die Bearbeitungszeit sollte eigentlich 10 Tage betragen, nein, da könne man nichts tun, um das zu beschleunigen, aber ich habe gebetet, dass ein Wunder geschehen möge und das Wunder geschah (es gibt also offensichtlich doch einen Gott und dass er soviel Elend in der Welt zulässt, liegt nur daran, dass er sich ständig mit Kleinkram wie Upgradegutscheingebeten herumplagen muss – vielen Dank dafür an dieser Stelle).
Gestern war sogar die erste Klasse voll (wahrscheinlich wegen der ganzen Möchtegern-Erstklässler mit ihren blöden Upgradegutscheinen!), ich hatte die ganze Zeit über nicht einmal einen Vierertisch für mich alleine, aber immerhin hatte ich einen Doppelsitzplatz und konnte arbeiten und rumlümmeln, worüber ich sehr froh war, nachdem ich mal einen Blick in die Plebswaggons geworfen hatte. Für einen Moment hatte ich dann einen sehr sozialen Gedanken: „Erste Klasse für alle!“, dachte ich, aber dann fiel mir ein, dass ja das schöne an der ersten Klasse nicht der etwas bequemere Sitz oder das Studentenfuttertütchen ist, sondern die Tatsache, dass die meisten Menschen es sich nicht leisten können. Normalerweise bin ich ja ein Zweiteklassemensch, einer von denen, die sich hinter der offiziell klassenfreien Zone des Bordrestaurants ungewollt näher kommen; eigentlich sollte ich „Zweite Klasse für alle“ fordern, um die Sitzplatzsituation im Zug insgesamt ein wenig zu entspannen. Doch für Bonuspunkte und First-Class-Upgrades wird die Klassensolidarität verkauft, ach was: weggeworfen. Meine alte Pionierleiterin wäre enttäuscht von mir. Bis meine 6 Gutscheine aufgebraucht sind, braucht mir niemand mit sozialistischen Ideen kommen.
(VS)



