Das Glücksrad des Schicksals

Am 9.11. letzten Jahres spazierte ich von der Bornholmer Straße bis zur Invalidenstraße den ehemaligen Mauerstreifen entlang, zusammen mit Tausenden, die den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierten oder einfach nur die Lichtinstallation aus diesem Anlass hübsch fanden. An der Bernauer Straße, kurz hinter den protzigen Stadtvillen und Eigentumswohnprojekten, deren Eigentümer inzwischen ihre eigene kleine, durch „Privatgrundstück – Betreten verboten“-Schilder geschützte Mauer errichten, ein paar Meter entfernt von der Kapelle der Versöhnung, in der wahrscheinlich gerade salbungsvolle Reden gehalten wurden, während auf einem riesigen Bildschirm davor, jenen gedankt wurde, die dieses Ereignis möglich gemacht hatten (Die Wende brought to you by Air Berlin und Gasag), stand ein sehr großer Mann mit wildem lockigem Haar zusammen mit Freunden an einem selbstgebastelten Glücksrad aus Pappe. Wer wollte, konnte sein Glück versuchen. Zu gewinnen gab es nichts außer einer Einsicht. Man sollte sich vorstellen, es gäbe eine Art Schicksalsglücksrad, mit dem ausgelost wurde, wo auf der Welt ein Mensch geboren wird und in welche Lebenssituation.
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Analog zur Realität war die Chance, sich ein reiches Land wie Deutschland als Geburtsort zu erdrehen, relativ gering.Wenn ich mich recht entsinne, erwischte ich China. Nicht das schlechteste, vorrausgesetzt man hatte außerdem das Glück, in die chinesische Mittelschicht hineingeboren zu werden und nicht zum hunderte Millionen zählenden Heer perspektivloser Wanderarbeiter und Bauern zu gehören. Aber wenigstens hatte ich nicht den Kongo oder Syrien erwischt.
Ich kannte den Mann mit dem Glücksrad und dem Wuschelhaar. Er hieß Harald und wir hatte uns 1987 oder 88 im Computerclub im HdjT („Haus der jungen Talente“, heute Podewil) kennengelernt. Wir und ein paar andere waren jung, hatten allesamt keine Freundin, dafür aber einen C64 oder Atari 800 XL, wir kopierten Spiele, programmierten Demos, tranken Bier und bauten Scheiße wie alle jungen Männer, wenn auch zum Teil andere Scheiße als jene jungen Männer mit Freundin aber ohne Computer – in jenen Jahren musste man sich noch zwischen diesen beiden Optionen entscheiden.
(Der Computerclub ging zusammen mit der DDR unter, aber es existieren noch einige interessante Spin-Offs, zum Beispiel das Spiele-Studio Yager Development und die Lesebühne LSD.)
Harald und ich hatten in den 90ern immer wieder mal miteinander zu tun, meist ging es um irgendwelche Sachen, die großer Quatsch waren, aber viel Spaß machten. Harald war das, was man einen Träumer oder sogar Spinner nennen könnte, aber man würde diesen Begriff im Zusammenhang mit Harald immer und unbedingt mit viel Respekt und großer Ehrfurcht verwenden. Harald hatte nicht nur verrückte Ideen, er setzte sie auch um.
Vielleicht hätte auch jemand anders auf die Idee kommen können, ein Katapult zu bauen, das einen im Sommer direkt in einen See schoss. Die meisten Leute hätten aber einen Tag später den Kopf über diese lustige aber blödsinnige Idee geschüttelt. Harald kaufte Holz, einen alten Autositz und frag mich nicht was für Gummis und baute ein Menschenkatapult. Mit diesem Apparat und einigen Mitstreitern zog er in der Open-Air-Saison von Festival zu Festival und schoss glücklich kreischende Bermuda-Shorts-Träger in diverse brandenburgische Seen. Irgendwann waren sie mit ihrem Katapult auch beim Red-Bull-Flugtag, außer Konkurrenz allerdings, weil er nicht den Regeln entsprach.
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Und jetzt, ein halbes Jahr, nachdem ich ihn und einige Gleichgesinnte bei ihrer Glücksrad-Aktion traf, sah ich Harald in der Zeitung wieder. Und im Fernsehen. Und vor allem natürlich im Internet. Harald ist einer der Gründer von sea-watch.org, einer kleinen Hilfsorganisation, die von privatem Geld einen Kutter gekauft hat, um Menschen zu helfen, die beim Glücksrad des Schicksals Pech hatten, und nun von Not, Angst und der Hoffnung auf ein besseres Leben getrieben in seeuntauglichen, hoffnungslos überladenen Schiffen auf dem Mittelmeer in Seenot geraten.
Wieder war es eine verrückte Idee: Warum zusehen und sich auf Seufzen und Kopfschütteln beschränken, wenn man auch ein Boot kaufen und hinfahren kann!
Ja, klar, das kann nicht jeder; ich hätte sicher nicht das Geld für einen Kutter. Aber dass es nicht um Geld geht, wenn man sich engagieren will, haben Harald und andere bei der Aktion mit dem Glücksrad bewiesen.
Ich wünsche Harald und allen Mitinitiatoren, Helfern und Unterstützern alles Gute, hoffe, dass die Aktion ein großer Erfolg wird, dass sie einen Beitrag leistet, Menschen zu retten und vor allem: dafür zu sorgen, dass das Thema nicht nach einigen Tagen und Betroffenheitsbekundungen seitens der Politik vergessen wird, bis es eine neue Rekord-Katastrophe gibt.

Hier gibt es Infos und die Möglichkeit zu spenden:

http://sea-watch.org/

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6 comments on “Das Glücksrad des Schicksals”

  1. Vannay

    1987 oder 1988 hatte man in der DDR einen C64 oder Atari 800? Ich war das glücklichste Kind auf Erden, als 1988 der KC 85/3 von 3.200 Mark auf 1.600 Mark heruntergesetzt wurde und ich mir einen kaufen konnte … C64 oder Atari 800 waren da aber jenseits aller Vorstellung …

  2. volkerstruebing

    Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder man hatte einen Opa im Westen oder ungefähr 4.000 Mark Ost. Mein Opa ist als Rentner Mitte der 80er „rübergemacht“.

  3. Tom

    Das ist eine tolle Aktion, die es wirklich verdient, bekannt gemacht zu werden. Danke für den Link!

  4. Tom

    Mir fällt aber auf, dass ein Beitrag zum Thema „Armut in Deutschland“ direkt 16 Kommentare generiert, aber dass das Thema „Armut in der Welt“, insbesondere Armutseinwanderung übers Mittelmeer mit 3000 Toten im letzten Jahr, offenbar niemanden wirklich interessiert. Das ist dann auch wieder irgendwie traurig.

    • Volker Strübing

      Ich glaube nicht, dass man aus der Zahl der Kommentare irgendetwas schließen kann. Vielleicht war der andere Beitrag einfach „diskussionsanregender“. Davon abgesehen weiß man auch nie, wieviele Leute einen Link bei FB zu sehen bekommen etc.

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