Gute Väter, schlechte Väter (Vater sein dagegen … Teil 4)

Die große Frage ist ja: Was für ein Vater bin ich und werde ich sein? Der beste der Welt, klar, ich hab ja auch die beste Tochter der Welt, welche bereits die beste Mutter der Welt hat, die ihrerseits zufälligerweise auch die beste Freundin der Welt ist (und mir, nachdem sie dies gelesen hat, in den nächsten Tagen sicher gerne ein paar Babybefüll-und -bespaßungsfrühschichten abnimmt). Da kann ich natürlich nicht zurückstehen.

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(So. Ich hab die Lösung für das leidige Problem gefunden, dass ich gerne Babybilder von der Tochter posten will, aber gleichzeitig keine Babybilder von der Tochter posten will. Ich poste Babybilder von mir selbst! )

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Heiliger-Vater-Content (Vater sein dagegen … 3)

Hurra, heute darf ich wieder über das Vatersein berichten. Ich habe mir vorgenommen, höchstens in jedem zweiten Beitrag darüber zu schreiben und zwischendurch fleißig andere schöne Themen wie Schokolade, Fotografie oder Atombomben zu behandeln. Aber jetzt wieder: Kinder- oder genauer gesagt: Vater-Content. Quasi Heiliger-Vater-Content, weil es um ein himmlische Thema geht, genauer gesagt um die Frage, wie es sich im Himmel eigentlich lebt und wie das Paradies organisiert ist.

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Jenga Welt

Ob die Welt bald untergeht ist heftig umstritten. Und auch innerhalb der Pro-Weltuntergangsfraktion ist man sich uneins wie sie untergeht, wenn sie untergeht und was mit Welt eigentlich gemeint ist: die ganze oder nur unsere kleine, mehr oder weniger heile, auf alle Fälle recht friedliche europäische Welt.

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(Ja, also, es war ja ganz nett mit den Bärten, aber jetzt können sie dann auch mal wieder ab. Ich meine: Sie sind sie in der S-Bahn-Werbung angekommen, wie cool ist das denn?!)

Die Anti-Weltuntergänger beruhigen sich derweil mit Links zu Artikeln (prompt finde ich natürlich keinen), die beweisen, dass dies gar nicht die schlimmsten Zeiten ever sind, sondern auch nicht schlimmer als die 60er, 70er, 80er Jahre, die gute alte Zeit also, als man Kindern beibrachte, wie sie sich im Falle eines durch 99 Luftballons ausgelösten Atomkrieges zu verhalten hätten. (Für jüngere Leser kurz zusammengefasst: Auf den Bauch legen mit den Füßen Richtung Atompilz. Oder am allerbesten: Direkt unter die Bombe stellen, denn die Lebenden werden die Toten beneiden etc.)

Und schließlich ging trotz Kuba-Krise und Schulterpolstern damals letztlich alles gut aus (zumindest für uns), warum soll es nicht diesmal auch gut gehen?

Sobald ich anfange, mich mit der Frage zu beschäftigen, tendiere ich in Richtung Pro-Weltuntergangsfraktion, weshalb ich es in den letzten Wochen immer öfter vermieden habe, mich damit zu beschäftigen.
Es gibt ein paar gravierende Unterschiede zur Situation im kalten Krieg. Damals gab es zwei Blöcke, die sich gegenseitig das Messer an die Kehle hielten – ein Patt, das die Welt vor dem schlimmsten bewahrte (wenn auch nur mit viel Glück, wie wir heute wissen).
Dieses Patt gibt es nicht mehr und die unübersichtliche, zerfaserte Situation lässt den Psychopathen an der Macht viel Raum für Großmachtsträume und die begründete Hoffnung, hier und da ein bisschen Krieg führen oder den weltpolitischen Gegner bis aufs Blut reizen zu können, ohne sofort den ganz großen Knall auszulösen. Und macht es vielleicht viel wahrscheinlicher, dass der große Knall passiert als damals, weil er aus einer  Kaskade gegenseitiger Provokationen und schließlich Auseinandersetzungen entstehen kann, ohne dass irgendjemand es wirklich wollte oder die alleinige Verantwortung dafür trägt.

Wer sich ein bisschen gruseln möchte:  „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ – ein Artikel über das Verhältnis Donald Trumps zu Atomwaffen.

Der ehemalige CIA-Chef Hayden hatte kurz vorher Donald Trump als unberechenbar und unvorhersehbar bezeichnet. „Sowas jagt deinen Freunden Angst ein und fordert deine Feinde heraus“, sagte Hayden.

Kurz darauf wurde Hayden, der unter Präsident Bill Cinton und George W. Bush auch Chef des Geheimdienstes NSA gewesen war, gefragt, wie genau das Auslösen durch einen amerikanischen Präsidenten ablaufen würde. „Das Verfahren kann variieren, aber es ist definitiv auf Schnelligkeit und Entschlossenheit ausgelegt. Zeit für Diskussionen gibt es dann nicht mehr“, sagte Hayden im Fernsehen.

Auch der Zeitgeist ist ein Faktor, der nicht unbedingt in Richtung Friede, Freude, Eierkuchen tendiert. In den 60ern, 70ern, 80ern entstanden und wuchsen mächtige Bürgerbewegungen, die ich für Gleichberechtigung, Frieden, Gerechtigkeit und dergleichen Zeugs einsetzten, und einen starken Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Bürgerbewegungen gibt es wieder, und was ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft angeht, sind sie sicher mit jenen von damals zu vergleichen. Nur dass es jetzt um eher entgegengesetzte Werte geht.

Es gibt diese Redewendung: Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Niemand sagt, dass das nur für gute Ideen gilt.

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(Solange noch junge Menschen für ihre Überzeugungen und supergünstige Mode kämpfen, sind Hopfen und Malz nicht verloren.)

Manchmal muss ich an Jenga denken, dieses Spiel, bei dem man reihum Holzbausteine aus einem Turm ziehen und oben wieder drauflegen muss, bis der Turm schließlich umfällt. Der Vergleich ist so wackelig wie ein Jengaturm nach drei Runden, aber zwei Details passen ganz gut:

1.) Jeder Versuch, die Situation zu stabilisieren alles scheinbar nur noch schlimmer macht. Wenn milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt oder seltsame Deals mit der Türkei getroffen werden, scheint das wie der Versuch, einen Stein in den Turm zurückzuschieben (was genauso gefährlich ist, wie einen herauszuziehen).

2.) Niemand kann sagen, wer Schuld ist, wenn der Turm irgendwann umkippt. Klar, jemand hat den letzten Stein herausgezogen, aber alle in der Runde haben doch mit daran gearbeitet, ihn löchrig zu machen. Die einen haben mit bösem Grinsen besonders knifflige, feste Steine extrahiert, um es dem nächsten Spieler extra schwer zu machen, die anderen haben sehr vorsichtig gespielt und (so dass den anderen Spielern gar nichts übrig blieb, als sich an gefährlicheren Steinen zu versuchen).

Wofür in dieser Metapher der Einsturz des Turmes steht, ist ein ganz anderes Thema und man könnte jetzt prima Worte wie „Babylon“ oder … ähm … „Babylon“ in die Runde werfen, aber man muss vielleicht auch nicht jedes schlechte Gleichnis zu Tode reiten.

Womit ich wieder bei den Zeitvergleichen wäre. Ist es wieder wie in den 70ern? Ist es wie 1933? Wie 1914? Oder wie damals als Rom unterging? Wahrscheinlich nichts davon. Ich bin zuversichtlich, dass wir es auf völlig neue Art verkacken werden.

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(Symbolbild Untergang (man beachte den Pfeil, der Richtung Seeboden zeigt!!!))

Bei all meinem Pessimismus bleibe ich doch optimistisch ;) Vielleicht ist ja alles gar nicht wie in den 70er Jahren sondern wie 1422, dann haben wir noch fast 600 Jahre bis Pokemon Go erscheint!

Zum Happy End noch ein Link zu einem Interview mit Steve Pinker, der die These aufgestellt (und gut begründet) hat, dass allem Anschein zum Trotz die Welt tendentiell immer friedlicher wird. Sein Buch mit dem wenig fröhlichen Titel „Gewalt“ war das einzige Sachbuch, das ich in den letzten Jahren las, das einen positiven Ausblick auf die Zukunft wagt, ohne albern zu sein (oder eine Utopie zu propagieren, die beinahe noch grusliger als die Untergangsszenarien ist).

Der ewige Friede kommt also doch?
Gewalt wird niemals ganz aus der Welt verschwinden. Auf unserem Planeten leben sieben Milliarden Menschen. Es wird immer junge Kerle geben, die in einer Kneipe durchdrehen oder eine „Volksfront zur Befreiung von Was-auch-immer“ gründen, um ihrem Lebensfrust Ausdruck zu verleihen. Aber die Gewalt kann auch in Zukunft weiter zurückgehen.

Und wir können uns zurücklehnen, die Weltgeschichte erledigt den Job?
Diese Frage ist albern! Aber ich höre sie nicht zum ersten Mal. Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde: „Ich prognostiziere, Ihre Zähne werden heute Nacht geputzt sein, wenn Sie ins Bett gehen.“ Was würden Sie antworten? „Toll! Das heißt, ich muss meine Zähne heute nicht putzen“? Die Welt ist friedlicher geworden, weil sich Menschen in der Vergangenheit erfolgreich dafür eingesetzt haben. Und wir können die Welt noch friedlicher machen.[…]

(https://www.amnesty.de/journal/2015/dezember/herr-pinker-rechnet-mit-frieden)

PPS: Hier habe ich schonmal über Pinkers Buch „Gewalt“ gebloggt und den Artikel mit schönen Collagen verziert:

Gewalt

 

The Beach vs. The Circle

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Vor allem bin ich ja in Urlaub gefahren, um ein bisschen zu lesen, dazu komm ich ja praktisch nie. Nie! Obwohl ich zum Beispiel 2014, wie eine relativ genaue Rechnung am Jahresende ergab, knapp 650 Stunden im Zug verbracht habe. Aber da gab es natürlich andere Dinge zu tun. Zuerstmal mein Zugbüro mit allen Ladegeräten, USB-Hubs, externen Mäusen und Festplatten und Stiften und Zetteln und Weißnichwas einrichten, dann einen Fertigsalat mit externen Maiskörnern und Dosenmandarinen pimpen, noch einen vierten Kaffee aus dem Bordbistro holen und dann so langsam schon mal das Büro wieder einpacken, weil man ja gleich aussteigen muss. Während der 15 Minuten, die der bis dahin pünktliche Zug vor dem Zielbahnhof dann noch wegen eines belegten Gleises herumsteht, kann man endlich ein paar Seiten lesen.

IMG_0053Jetzt aber: Urlaubszeit, Lesezeit. Klar, dass wäre auch auf Rügen gegangen, sogar viel besser wegen des lesefreundlichen Wetters, aber dreieinhalb Wochen Rügen kann sich doch kein Mensch leisten, also ab nach Thailand, Text-Tourismus!

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Eins der Bücher, die ich bisher hier gelesen habe, war „The Circle“ von Dave Eggers und ich muss sagen, dass ich selten etwas derart literarisch minderwertiges gelesen habe. Ich habe schon Corinna- und Bergdoktor-Romane gelesen, die besser geschrieben waren. Und das obwohl ich überhaupt noch keine Corinna- oder Bergdoktor-Romane gelesen habe! Man merkt dem Buch an, dass der Autor sich nur für die Message und seine Ideen interessiert, das ganze Werk ist aufgebaut wie ein Computerspiel, die Heldin springt Kapitel für Kapitel von Level zu Level einer immer totalitärer werdenden Circle-Google-Facebook-Apple-Welt; es entfaltet sich eine Ideologie, die genauso apokalyptisch, größenwahnsinnig und intolerant ist wie der Faschismus oder der Islamismus, dabei aber nett bis zum Erbrechen.

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IMG_0080Die Ideen, die in the Circle stecken sind alllesamt sehr interessant, die Dystopie ist erschreckend, weil sie im Gegensatz zu den Figuren und der Handlung sehr glaubwürdig ist – und das ist das Problem mit diesem Buch. Er wollte eine Botschaft loswerden, okay, aber ein wenig Mühe und Liebe hätte er doch in die Charaktere investieren können. Oder einfach ein Sachbuch schreiben, das hätte ich wahrscheinlich mit größerem Gewinn und mehr Spaß gelesen. Gegen Ende wird die Dummheit und Naivität der Hauptfigur so extrem, dass man das Buch in die Ecke pfeffern und laut schreien will: „Und für den Scheiß bin ich nach Thailand geflogen?!“

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Naja, lest es meinetwegen trotzdem. Das Thema ist wichtig und interessant und ich würde gern mit ein paar Leuten darüber diskutieren. Nicht zuletzt, um spätestens nach dem dritten Bier darauf hinzuweisen, dass ich bereits 2006 in der Erzählung „Fiat Deus“ viele der Sachen vorweggenommen habe, damals aber natürlich viel zu visionär und meiner Zeit voraus war, weshalb ich den SF-Wettbewerb für den ich sie geschrieben habe nicht gewann und daraufhin zu dem verbitterten alten Mann wurde, den ihr alle kennt unnd liebt …

IMG_0064Was ich aus „The Circle“ mitgenommen habe: „Teilen ist Heilen“ und wer etwas Tolles erlebt und dann nicht mit anderen teilt, ist ein übles Ego-Schwein. Dabei hatte ich schon überlegt, ob ich euch in eurem kalten grauen Deutschland mit Urlaubsbildern verschone, aber jetzt habe ich doch beschlossen, meine Pflicht als moderner Mensch zu erfüllen und ein paar hoffentlich besonders neidisch machende Fotos rauszusuchen, um damit anzugeben um sie euch unter die Nase zu reiben   um laut ÄTSCHEBÄTSCHE zu machen um meine schönen Erlebnisse brüderlich mit euch zu teilen. Nur falls ihr euch gefragt habt, was die Bilder eigentlich mit dem Text zu tun haben.

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Das Glücksrad des Schicksals

Am 9.11. letzten Jahres spazierte ich von der Bornholmer Straße bis zur Invalidenstraße den ehemaligen Mauerstreifen entlang, zusammen mit Tausenden, die den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierten oder einfach nur die Lichtinstallation aus diesem Anlass hübsch fanden. An der Bernauer Straße, kurz hinter den protzigen Stadtvillen und Eigentumswohnprojekten, deren Eigentümer inzwischen ihre eigene kleine, durch „Privatgrundstück – Betreten verboten“-Schilder geschützte Mauer errichten, ein paar Meter entfernt von der Kapelle der Versöhnung, in der wahrscheinlich gerade salbungsvolle Reden gehalten wurden, während auf einem riesigen Bildschirm davor, jenen gedankt wurde, die dieses Ereignis möglich gemacht hatten (Die Wende brought to you by Air Berlin und Gasag), stand ein sehr großer Mann mit wildem lockigem Haar zusammen mit Freunden an einem selbstgebastelten Glücksrad aus Pappe. Wer wollte, konnte sein Glück versuchen. Zu gewinnen gab es nichts außer einer Einsicht. Man sollte sich vorstellen, es gäbe eine Art Schicksalsglücksrad, mit dem ausgelost wurde, wo auf der Welt ein Mensch geboren wird und in welche Lebenssituation.
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Analog zur Realität war die Chance, sich ein reiches Land wie Deutschland als Geburtsort zu erdrehen, relativ gering.Wenn ich mich recht entsinne, erwischte ich China. Nicht das schlechteste, vorrausgesetzt man hatte außerdem das Glück, in die chinesische Mittelschicht hineingeboren zu werden und nicht zum hunderte Millionen zählenden Heer perspektivloser Wanderarbeiter und Bauern zu gehören. Aber wenigstens hatte ich nicht den Kongo oder Syrien erwischt.
Ich kannte den Mann mit dem Glücksrad und dem Wuschelhaar. Er hieß Harald und wir hatte uns 1987 oder 88 im Computerclub im HdjT („Haus der jungen Talente“, heute Podewil) kennengelernt. Wir und ein paar andere waren jung, hatten allesamt keine Freundin, dafür aber einen C64 oder Atari 800 XL, wir kopierten Spiele, programmierten Demos, tranken Bier und bauten Scheiße wie alle jungen Männer, wenn auch zum Teil andere Scheiße als jene jungen Männer mit Freundin aber ohne Computer – in jenen Jahren musste man sich noch zwischen diesen beiden Optionen entscheiden.
(Der Computerclub ging zusammen mit der DDR unter, aber es existieren noch einige interessante Spin-Offs, zum Beispiel das Spiele-Studio Yager Development und die Lesebühne LSD.)
Harald und ich hatten in den 90ern immer wieder mal miteinander zu tun, meist ging es um irgendwelche Sachen, die großer Quatsch waren, aber viel Spaß machten. Harald war das, was man einen Träumer oder sogar Spinner nennen könnte, aber man würde diesen Begriff im Zusammenhang mit Harald immer und unbedingt mit viel Respekt und großer Ehrfurcht verwenden. Harald hatte nicht nur verrückte Ideen, er setzte sie auch um.
Vielleicht hätte auch jemand anders auf die Idee kommen können, ein Katapult zu bauen, das einen im Sommer direkt in einen See schoss. Die meisten Leute hätten aber einen Tag später den Kopf über diese lustige aber blödsinnige Idee geschüttelt. Harald kaufte Holz, einen alten Autositz und frag mich nicht was für Gummis und baute ein Menschenkatapult. Mit diesem Apparat und einigen Mitstreitern zog er in der Open-Air-Saison von Festival zu Festival und schoss glücklich kreischende Bermuda-Shorts-Träger in diverse brandenburgische Seen. Irgendwann waren sie mit ihrem Katapult auch beim Red-Bull-Flugtag, außer Konkurrenz allerdings, weil er nicht den Regeln entsprach.
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Und jetzt, ein halbes Jahr, nachdem ich ihn und einige Gleichgesinnte bei ihrer Glücksrad-Aktion traf, sah ich Harald in der Zeitung wieder. Und im Fernsehen. Und vor allem natürlich im Internet. Harald ist einer der Gründer von sea-watch.org, einer kleinen Hilfsorganisation, die von privatem Geld einen Kutter gekauft hat, um Menschen zu helfen, die beim Glücksrad des Schicksals Pech hatten, und nun von Not, Angst und der Hoffnung auf ein besseres Leben getrieben in seeuntauglichen, hoffnungslos überladenen Schiffen auf dem Mittelmeer in Seenot geraten.
Wieder war es eine verrückte Idee: Warum zusehen und sich auf Seufzen und Kopfschütteln beschränken, wenn man auch ein Boot kaufen und hinfahren kann!
Ja, klar, das kann nicht jeder; ich hätte sicher nicht das Geld für einen Kutter. Aber dass es nicht um Geld geht, wenn man sich engagieren will, haben Harald und andere bei der Aktion mit dem Glücksrad bewiesen.
Ich wünsche Harald und allen Mitinitiatoren, Helfern und Unterstützern alles Gute, hoffe, dass die Aktion ein großer Erfolg wird, dass sie einen Beitrag leistet, Menschen zu retten und vor allem: dafür zu sorgen, dass das Thema nicht nach einigen Tagen und Betroffenheitsbekundungen seitens der Politik vergessen wird, bis es eine neue Rekord-Katastrophe gibt.

Hier gibt es Infos und die Möglichkeit zu spenden:

http://sea-watch.org/

Kein Aprilscherz: In 30 Minuten zum Erfolg!

[1.4.2015, 12.01 Uhr]

Da das Schreiben von unterhaltenden und/oder literarischen Texten und Büchern und das Vortragen derselben zwar ein sehr leckeres Brot ist, aber auch ein hartes, eher dünnes und nur mit Margarine beschmiertes, habe ich beschlossen zum Zwecke nachhaltigen Erfolges einen Ratgeber zu schreiben, denn mit sowas hat man gute Erfolgsaussichten, insbesondere, wenn es sich einen Ratgeber handelt, der den Lesern verrät, wie sie Erfolg haben können.

Nein, keine Sorge, es wird kein „Machen Sie es wie ich, schreiben Sie einen Ratgeber“-Ratgeber, sondern einer, der ein echtes Problem angeht und eine (für mich zumindest) prima funktionierende Lösung vorschlägt. Und das beste: Bevor in einem Jahr, die auf 240 Seiten aufgeblähte Buchfassung für 16,90 erworben werden kann, kommen Sie, liebe Leserinnen und Leser schon jetzt und völlig kostenlos in den Genuss meiner geballten Lebenserfahrung.

Markus Freise, Comiczeichner und Slam Kollege, hat eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können.

Ich habe eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können. Die Methode mag aber auch für Nichtselbständige ihre Vorteile haben.


 Markus Freise hat eine Lösung für das Problem  gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können. Ich habe eine Lösung für das Problem gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können.


Sie ist super einfach, weshalb ich bisher noch keine Ahnung habe, wie ich die 240 Seiten füllen soll und darüberhinaus nicht begreife, wieso ich sie erst vor fast zwei Jahren entdeckt habe.

Irgendwann, das ist jetzt schon sehr lange her, entdeckte ich, dass mein ursprünglicher Plan, Künstler zu werden, um nicht arbeiten zu müssen (naja, und von wegen Selbstverwürklichung und so und weil die Welt meine Texte braucht etc.) gründlich schiefgegangen war. Das ist nicht weiter schlimm, da – wie es auch Markus beschreibt – die Arbeit Spaß und oft glücklich macht.

Und trotzdem muss ich mich oft dazu zwingen. Nicht, weil ich sie hasse, sondern weil mich die schiere Menge manchmal einfach erdrückt, so dass ich Angst vor dem Anfangen habe. Weil einem die Muse manchmal statt einem Kuss einen Tritt in den Hintern gibt und man weiß, dass man sich jetzt trotzdem hinsetzen und versuchen muss, sie zu überlisten, weil man es sich nicht erlaube kann, zu warten, bis sie reumütig und mit einem Blumenstrauß zurückkommt. Und natürlich, weil ich meine Arbeit in Wahrheit doch hasse. Zumindest den Teil, der mit Emails, Excel-Tabellen, Pressetexten, Rechnungen und so weiter zu tun hat und der scheinbar von Jahr zu Jahr mehr Platz einnimmt.

[12.31 Uhr]

[…]

[12.37 Uhr]

Nichts ist deprimierender als die Vorstellung, jetzt 17 Emails und drei Facebooknachrichten beantworten und danach die Belege der letzten drei Monate sortieren zu müssen, um sich anschließend ans Schreibprogramm zu setzen und endlich diese eine verflixte Geschichte, dieses eine störrische Kapitel, diesen einen grässlichen Pressetext fertigzuschreiben. Bei mir hat der Gedanke an den Berg der vor mir lag, oft genug dazu geführt, dass ich in heftige Zuckungen verfallen bin, drei Tage später völlig vernachlässigt auf meinem Sofa wieder zu mir kam und feststellte, dass ich offenbar gerade alle Staffeln von Lost und Dallas und Bauer sucht Frau am Stück geguckt hatte.

Seit ich mir die Arbeit mit meinem neuen Superduper-System organisiere,kommt das kaum noch vor. Und gleichzeitig habe ich noch ein anderes Problem en passant mitgeöst, das sehr eng mit Markussens verwandt ist: Das sogenannte „Ich wollte bloß kurz bei Facebook nach Nachrichten schauen / einen winzigen Text fürs Blog schreiben / für einen Roman ein Katzenvideo rechnerchieren und plötzlich war es 2 Uhr morgens, ich hatte seit 14 Stunden nichts mehr gegessen und den ganzen Tag nicht eine sinnvolle Sache gemacht“

Die Lösung lautet: Ich teile alles in 30-Minuten-Stücke ein! Haha! Der Kurzzeitwecker ist zu einem meiner wichtigsten Arbeitsmittel geworden!

Es ist so ein riesen Unterschied, ob man sagt: Ich erledige jetzt den ganzen anstehenden, sich auftürmenden, schrecklichen, drögen Bürokram oder: Ich erledige jetzt 30 Minuten lang Bürokram. Es ist so ein Unterschied, ob man sagt: Ich stehe nicht eher auf, als bis ich dieses Kapitel fertig habe (oder nacch mindestens 7.000 Zeichen etc.) oder ob man sagt: Ich schreibe jetzt exakt 30 Minuten an diesem Kapitel. Es funktioniert mit allem. Mit Wohnungsaufräumen, mit Facebook und Katzenvideorecherche, mit der Steuererklärung, dem Gitarreüben, der Gartenarbeit. Na gut, vielleicht nicht mit allem, aber Vielem.

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(20 Minuten sind natürlich zu wenig!)

30 Minuten sind lang genug, um richtig in die Arbeit einzusteige, aber so kurz, dass man keien Angst vor dem leeren Blatt oder dem vollen Posteingang haben muss, denn die halbe Stunde steht man locker durch.

Danach hat man sich eine kleine Pause verdient. Als ich damit anfing war es bei mir häufig eine Zigarette, jetzt stehe ich manchmal bloß kurz auf und hole mir einen Kaffee oder ein Glas Wasser (die 6 Minuten beim Schreiben dieses Artikels zwischen 12.31 und 12.37 habe ich genutzt, um mir einen Kaffee im Bordbistro zu kaufen – viele Grüße aus dem Zug!).

Wichtig ist folgendes: Während der 30 Minuten darf man sich nicht ablenken lassen. Das Handy muss in den Flugzeugmodus und auf keinen Fall darf man zwischendurch mal kurz auf Facebook schauen („Die eine Minute häng ich dann einfach hinten ran“), es sei denn, es ist gerade die halbe Facebook-Stunde.

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Manchmal stelle ich nach den 30 Minuten den Wecker sofort wieder und mache einfach weiter, oder ich belohne mich für eine halbe Stunde Gehirnauswringen (selbst wenn oder gerade wenn es ergebnislos war)mit 30 Minuten Hausarbeit, die sich dann fast wie eine Pause anfühlen. Und nach ein paar 30-Minuten-Einheiten hat man dann auch das Gefühl, sich jetzt eine größere Pause nehmen zu können.

Das ist ein weiterer Vorteil des Systems: Man bekommt ein besseres Gefühl dafür, wieviel oder wenig man eigentlich macht, wieviel Zeit bestimmte Dinge erfordern und wieviel man schaffen kann.

Falls es jemand mal ausprobiert, würde ich mich sehr über Feedback freuen. Mir hilft es sehr und ich habe den Eindruck mehr zu schaffen, zufriedener mit dem Geschafften zu sein als früher.

Inspiriert wurde die „Volker Strübings Original In-30-Minuten- zu- Erfolg-und-Weltherrschaft-Methode“ übrigens von Kirsten Fuchs, die ein eigenes System entwickelt hat, dass auch seine Vorzüge hat. Aber davon muss sie selber berichten.

[13.17 Uhr – die  verbleibenden 21 Minuten nehme ich mir für ein Foto zum Beitrag. Da ich schon weiß, dass ich die hier rumliegende Schweizer Gratiszeitung fotografieren will, rechne ich mit 5 Minuten, was bedeutet, dass es ziemlich genau 21 dauern wird.]

 

 

Von Wustrow nach Paris

Crowdfunding ist eine tolle Sache und Startnext eine super Plattform dafür. Zum einen aus dem offensichtlichen Grund, dass es die Realisierung von Projekten ermöglicht, die nach herkömmlichen Marktprinzipien oder Förderkriterien keine Chance gehabt hätten, zum anderen, weil es den Unterstützern das schöne Gefühl gibt, selbst einen Beitrag zur Verwirklichung eines Traumes beigetragen zu haben und über die oft sehr speziellen/originellen/persönlichen Dankeschöns für diesen Beitrag auch etwas zu bekommen, dass weit mehr ist als nur das fertige Produkt oder Kunstwerk.

Tatsächlich trage ich mich ernsthaft mit dem Gedanken, selbst ein Crowdfunding-Projekt zur Wiederbelebung von Kloß und Spinne zu starten. Allerdings muss ich mich dazu erst einmal auf die Suche nach Leuten begeben, die mich bei der Animation unterstützen (bzw. diese übernehmen würden) bzw. textlich mitarbeiten, um regelmäßig neue Folgen zeigen zu können.

Doch ersteinmal möchte ich hier noch einmal auf eine andere Crowdfunding-Aktion aufmerksam machen: Den Film 3000 Grad – von Wustrow nach Paris. Eine Dokumentation von Henri Tonn über das gleichnamige Musikfestival. Heimatfilm, Roadmovie, Musikvideo alles in einem. Elektronische Musik, Mecklenburgische Kühe, Anglerlatein und Lebensweisheiten in Kittelschürzen, ein Wanderzirkus, eine Lebenseinstellung, ein Märchen, eingefangen in tollen Bildern. Ich konnte einen ersten Rohschnitt sehen und bin ehrlich begeistert. Schon der Trailer ist toll:

[vimeo http://vimeo.com/99901151]

(Am besten im Vollbildmodus angucken, WordPress scheint Probleme mit der Einbindung zu haben.)

Besonders schön ist, dass Festival und Film so gut zusammenpassen: Beides funktioniert über die Begeisterung der Macher, denen ihre Unabhängigkeit wichtiger ist als der Gewinn. Das heißt leider nicht, dass das ohne Geld auskommen würde. Nach 40 (unbezahlten) Drehtagen in 18 Monaten und hunderten Stunden der Materialsichtung geht es jetzt um Feinschintt, Finalisierung und Herstellung. Und das ist ohne Unterstützung nicht mehr zu schaffen. Die Finanzierungsphase bei Startnext ist auf einem guten Weg. Fast 45 Prozent der Summe sind schon zusammengekommen. Den Rest schaffen wir auch noch!

Schaut euch den Trailer an, lest euch die Projektbeschreibung durch und vielleicht bekommt ihr ja Lust, euch selbst mit einem der Dankeschöns zu beschenken und einen tollen Film zu unterstützen!

 

Gewalt

Anders als man bei dem Titel denken könnte, ist dies hier ein positiver Beitrag. Er beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Sachbuch von Steven Pinker, dessen Grundthese zwischen all den populären Welt- oder wenigstens Zivilisationsuntergangsprognosen deutlich heraussticht:

Dieses Buch halndelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist. Ob sie es glauben oder nicht – und ich weiß, dass die meisten Menschen es nicht glauben: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in einer der friedlichsten Epochen leben, seit unsere Spezies existiert.

Man muss nur an die Ukraine oder an den Gazastreifen denken, an die Konfrontation zwischen China und Japan, an nordkoreanische Atombomben, die Wars on Drugs und Terror oder die Völkermorde in Afrika in den letzten Jahrzehnten, um daran zu zweifeln. Ganz unglaublich wird es, wenn er davon spricht, dass Gewalt in jeder Form und auf jedem Gebiet rückläufig ist: von Krieg über Mord bis hin zu häuslicher Gewalt.

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Lassen wir die Zweifel für einen Moment beiseite und stellen uns vor, er hätte recht: Es wäre nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch eine, die viele beliebte Denkmuster umwirft, all das „Früher war alles besser“, „die Moderne führt in die Katastrophe“, „das ist nunmal die menschliche Natur“ und „der Mensch ist des Menschen Mensch“ etc.pp. Die Frage, ob die Gewalt in der Geschichte der Menschheit zugenommen hat, auf dem Rückzug ist oder völlig unabgängig von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen Entwicklungen ausbricht oder ausbleibt, ist ein entscheidender Faktor für die Beantwortung der Frage, ob es letztlich überhaupt Fortschritt gibt und ob dieser Fluch oder Segen ist.

Die Vorstellung, die Gewalt habe zugenommen, legt die Vermutung nahe, unsere von uns selbst gestaltete Welt habe uns – vielleicht unwideruflich – vergiftet. Die Vorstellung, dass sie abgenommen hat, lässt dagegen darauf schließen, dass wir anfangs garstig waren und dass die Hervorbringungen der Zivilisation uns in eine edle Richtung gelenkt haben, die wir hoffentlich weiterhin beibehalten können.

Auf mehr als 1000 Seiten sammelt Pinker Belege für seine These und geht dann möglichen Ursachen auf den Grund, wobei er außer in der Quantenphysik und Musiktheorie auf so gut wie jedem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften unterwegs ist. Das Ganze ist äußerst spannend, mörder interessant und überwiegend prima zu lesen.

Na gut: Auf den ersten paar hundert Seiten zieht es sich manchmal ein wenig. Dort erzählt er die Geschichte der menschlichen Gewalt und unterlegt sie mit Dutzenden Statistiken, die ihren Rückgang belegen sollen. Tatsächlich veranstaltet er hier einigen Zahlenzauber und ich bin sicher, dass einige der Statistiken auf tönernen Füßen stehen, aber die Gesamtheit ist überzeugend, zumal die Interpretation mir stets plausibel schien.

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An eins muss man sich dabei gewöhnen: Pinker arbeitet mit Maßeinheiten, die dem Herz erst mal an die Nieren gehen (sozusagen): Kriegstote/Mordopfer/Hingerichtete pro 100.000 Menschen, solches Zeug. Und wenn vor 500 Jahren in einem Land mit zehntausend Einwohnern 100 pro Jahr Opfer von Gewalt wurden, dann wertet er es als Fortschritt, wenn im selben Land 300 Jahre später von 100.000 Einwohnern nur 200 umgebracht wurden. Mit solchen Rechnungen kommt man schnell dahin, dass der Zweite Weltkrieg zwar eine Beule nach oben in der nach unten weisenden Kurve der Gewalt war, aber nur hab so schlimm, wenn man ihn mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht. So etwas kann schnell einmal zynisch klingen:

Nimmt man die massenhaften Gräueltaten der Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Giftspritze für einnen Mörder in Texas oder ein gelegentliches Hassverbrechen […] eine recht harmlose Angelegenheit.

Das Buch ist aber keineswegs zynisch (im Gegenteil: es ist ein Apell gegen Zynismus und Fatalismus), und auch wenn solche Rechenspiele jedem menschlichen Gefühl widersprechen, sind sie doch legitim, wichtig und aussagekräftig.

Der spannendere Teil ist die Suche nach den Ursachen für den Gewaltrückgang. Pinker findet viele Kandidaten, aber (Achtung Spoiler!), die meisten davon lassen sich auf ein Schlagwort zurückführen: „Zivilisation“ – ausgerechnet das, was vielen als der Weg des Menschen in die Verderbnis erscheint. Der Autor zeigt eindrucksvoll, wie unhaltbar alle Theorien von „im Einklang mit der Natur und sich selbst lebenden“ Wilden und Urhippies sind. Er identifiziert die Aufklärung als eins der Ereignisse (bzw. eine der Epochen), die den größten positiven (also negativen) Einfluss auf die Gewaltentwicklung hatten und widerspricht allen Behauptungen, die Aufklärung habe etwa zum Holocaust geführt.

Er beschäftigt sich mit der Biologie, Psychologie, Ökonomie und Moral der Gewalt. Einiges, was er bei der Ursachenforschung findet, behagt mir nicht, ist deshalb aber nicht einfach von der Hand zu weisen und jedenfalls lesenswert und diskussionswürdig. Pinker stimmt der „Broken window“-Theorie und folglich auch der „Zero Tolerance“-Politik im Kampf gegen das Verbrechen zu, erklärt eine dem Trend entgegenstehende extreme Zunahme des Verbrechens in den USA in den 60er- und 70er-Jahren mit dem schlechten Einfluss der Popkultur und sieht eher freien Handel als „Wohlstand für alle“ als befriedenden Einfluss.

Ich schrieb oben, dass ich sein Buch in weiten Teilen sehr überzeugend und die meisten seiner Thesen plausibel fand. Ich kann aber nicht sagen, inwieweit das daran liegt, dass ich ihm glauben wollte. Weil es gut tat, nach all dem Gekeife, dem Zynismus oder Fatalismus mit dem der Untergang beschworen (und, zumindest was die Demokratie angeht, vielleicht auch als selbsterfüllende Prophezeiung herbeigeschrien) wird, etwas zu lesen, was Mut macht, was einem das Gefühl gibt, es sei nicht alles verloren und es ergäbe Sinn, auf die Zukunft zu hoffen.

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Der Autor selbst würde wohl zustimmen, dass die insgesamt nach unten weisende Zickzacklinie der Gewalt gerade wieder nach oben ausschlägt. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände und vor allem das Revival von religiösem Fanatismus und Nationalismus mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen lassen nichts Gutes für die nächsten Jahre erwarten. Aber dennoch gibt es Hoffnung.

Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.

So. Und jetzt kauft euch alles das Buch, ich suche Leute, mit denen ich darüber diskutieren kann:

Statt Amazon: Taschenbuch oder Ebook beim Landbuchhändler bestellen.

Making-of-Notes: Gestern (Sonnabend) kam es beinahe zu einem Ausschlag nach oben in den Gewaltstatistiken der Deutschen Bahn, als ich im ICE nach Augsburg eine halbe Stunde lang die FAZ zerriss, weil ich viel Zeit und die Idee mit den Collagen hatte. „Krrrrcccht!“, „Krrrrrchcchchchchchchchchcht-Ratsch!“, „Krchk!“ – ich hätte mich gehasst!

 

 

Nach Halt ich sehnt mich in der Welt

Ein Schnipseltext zum Thema Nachhaltigkeit.

1.

Dieser Text ist nicht nachhaltig. Für seine Herstellung wurden 130 Gramm Papier aus 217 Gramm finnischer Lärche, deren Wachstum 4 Monate dauerte, wobei 21 Gramm Kohlendioxid gebunden wurden, denen 467 Gramm Kohlendioxid und 2,98 Liter Wasser, die während ihrer Verarbeitung freigesetzt bzw. verschmutzt wurden, gegenüberstehen, verwendet. 57 Kaffeebohnen mussten angepflanzt, mit 7 Gramm chemischem Dünger aus 16 Gramm hochgiftigen Ausgangsmaterialien gedüngt, mit 24 Litern Wasser gegossen, schließlich geerntet, getrocknet, geröstet, gemahlen, vakuumverpackt, nach Deutschland verschifft, und per LKW zum Supermarkt gefahren, verkauft, mit 6 Litern Wasser, das unter Einsatz von 0,9 Kilowattstunden Energie aus gemischten Quellen auf 100 Grad Celsius erhitzt wurde, aufgebrüht und getrunken werden, um den kreativen Prozess in Gang zu setzen, in dessen Verlauf das Gehirn des Autors insgesamt 2400 Kilokalorien verbrannte, die er durch den Verzehr eines großen XXL-Schnitzels vom Schwein, dessen Aufzucht und Zubereitung 12.000 Kilowattstunden Atomstrom verbrauchte, 72 Kilogramm CO2 freisetzte, 1256 Liter Wasser verschmutzte und das am Ende nicht einmal schmeckte, zu sich genommen hatte. Die Recherche der eben genannten Fakten verschlang 0,0007 Sekunden Rechenzeit und 0,02 Kilowattstunden Strom auf den Serverfarmen von Google, sowie 1 Stund Rechenzeit und 0,8 Kilowattstunden Strom auf meinem heimischen Rechner, bevor ich beschloss, dass Recherchieren bleiben zu lassen und mir sämtliche Zahlen einfach selbst auszudenken in der berechtigten Annahme, dass Sie, werte Leser, das alles ohnehin sofort wieder vergessen werden – oder könnten sie noch ohne nachzuschauen sagen, wieviel Gramm welchen Baums angeblich in diesem Text stecken?)

2.

Ob ein Text nachhaltig ist, verrät nicht seine Energiebilanz, sondern ob etwas von ihm in den Zuhörern nachhallt.

3.

Vergessen Sie alles, was sie eben gelesen haben. Ein Text, der sich um das Siegel für nachhaltiges Schreiben bewirbt, sollte zu einem möglichst großen Anteil aus Altideen, Second-hand- und second-brain-Gedanken, recycleten Pointen und gebrauchten Argumenten bestehen. Daher bin ich froh, in Punkt 6 einen Vorschalg zu präsentieren, den ich hier an dieser Stelle bereits vor 2 Jahren machte, was einer Recyclingquote von Prozent (auf die Wortanzahl bezogen sogar 40 Prozent) entspricht.

4.

Sanfter und nachhaltiger Tourismus gilt als besserer Tourismus als Massentourismus. Besser für die Umwelt, besser für die Reisenden, besser für die einheimischen Arbeiter in der Tourismusindustrie. Doch diese Aussage ist ungefähr so sinnvoll wie die Aussage, ein Regentropfen sei besser als eine vierzigtägige biblische Sinflut, denn die Sinflut bestand auch nur aus harmlosen Regentropfen und ein sanfter Tourismus, der zum Massentourismus wird, hört auf auf sanft zu sein, selbst wenn es nur um einen Ausflug an den Liebnitzsee geht. Sanfter Tourismus ist in aller erster Linie weniger Tourismus. Und eine Abkehr vom Massentourismus heißt vor allem: Dass die Masse nicht mehr Tourist sein kann. Aber die Masse hat sich sowieso immer nur mit Sangria besoffen und sich nicht für Land und Leute interessiert, die Masse soll mal schön zuhause bleiben und Doku-Soaps über Familien im Brennpunkt gucken!

5.

Die Zerstörung der letzten schönen, unberührten Flecken der Erde schreitet in atemberaubenden Tempo voran. Urwälder werden zu Palmölplantagen, Dünen zu Betonburgen, Wiesen zu Parkplätzen, Bauern zu Hotelangestellten, Gletscher zu Wasser, die letzten Exemplare mancher Fischart zu Fischstäbchen. Was kann der Einzelne in dieser Situation tun? Es verhindern? Unmöglich, das ist zuviel verlangt von einem Einzelnen. Die Antwort lautet: Verreisen! Ab in den Urlaub, solange es noch geht! Verreisen sie billig, dann könne Sie öfter verreisen! Machen Sie dass letzte Foto von den letzten ihrer Art und drehen sie das letzte Video vom letzten Fleckchen Regenwald, damit sie ihren Enkeln einst die Bilder zeigen können! Verwenden Sie dafür nur bestes Equipment. Wenn alle Wunder der Natur in ausreichendem Maße in HD und 3D abgefilmt sind, dann brauchen wir sie im Grunde genommen nicht mehr! Seien sie doch einmal ehrlich: Was nutzt Ihnen persönlich irgendein Korallenriff in der Südsee? Würden Sie freilebende Gorillas wirklich vermissen? Haben Sie nicht viel mehr von all den schönen Palmölprodukten als vom Urwald auf Sumatra? Und was haben die Eisbären und Wale eigentlich jemals für uns getan?

6.

Was den Wal angeht, muss ich mich revidieren und entschuldigen. Im Februar 2012 strandete vor der belgischen Küste der Wal Teofiel, dessen Kadaver zu 50 Prozent von einem kleinen innovativen Unternehmen zu Biodiesel verarbeitet wurde. Hier drängt sich natürlich sofort der Gedanke auf, dass Wale zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten könnten. Allein der aus diesem Tier gewonnene Brennstoff liefert 50.000 Kilowattstunden Strom, genug Strom, um 14 Haushalte ein Jahr damit zu versorgen oder eine halbe Million Liter Kaffee aufzubrühen. Beim Wal handelt es sich also um einen nachwachsenden Rohstoff von großem ökonomischen und ökologischen Potential.

Die Umwandlung von Walen, diesen ebenso liebenswerten wie energiereichen Meeressäugern in Biodiesel stellt daher eine zeitgemäße Art dar, unseren flossenbewährten Freunden einen angemessenen Platz im nachhaltigen Energiemix der Zukunft zuzuweisen. Für ein Land wie Deutschland würde schon die vergleichsweise kleine Zahl von 1,2 Millionen Pott- oder 0,7 Millionen Blauwalen ausreicht, um sage und schreibe 6,3 Prozent des Gesamtenergiebearfs zu decken.

Alternativ ließe sich dieselbe Menge auch durch Verdieselung des dicksten Viertels der US-amerikanischen Bevölkerung erzielen, allerdings gilt diese Bevölkerungsgruppe in Amerika als strategische Energiereserve für den Fall eines arabischen Ölembargos. Die Ausfuhr stark übergewichtiger Amerikaner, auch ins befreundete Ausland unterliegt daher strengen Beschränkungen.

Darüberhinaus könnte die Walzucht in küstennahen Walfarmen dem Tourismus neue Impulse geben. Insbesondere Massenschlachtungen in kleinen Buchten wären ein Besuchermagnet, der viel Geld in chronisch unterentwickelte Regionen bringen würde.

Selbstverständlich sind vorher noch einige Vorbehalte seitens von falsch verstandener Tierliebe geleiteter sogenannter „Walschützer“ auszuräumen.

Der Wal selbst steht vor einer historischen Entscheidung: Will er wie bisher fröhlich und gedankenlos in den Tag hineinleben, seine ulkigen Lieder pfeifen und auf das Aussterben warten? Oder ist er endlich bereit, Verantwortung für sich und den ganzen Planeten zu übernehmen und sich Seite an Seite mit seinem besten Freund, dem Menschen, dem Klimawandel und der Abhängigkeit von arabischem Öl und russischem Gas entgegenzustellen?

Eine bessere Welt ist möglich. Wir haben die Wahl. Denn wir haben den Wal!

7. Nachhaltiges Liebesgedicht

Nach Halt ich sehnt mich in der Welt
nach Antworten und Trost für mich
Ich fand sie nicht in Ruhm und Geld
hab lang die Frage falsch gestellt
doch dann trat aus dem dunklen Wald ich
und fand auf der Such nach Halt – Dich