Heiliger-Vater-Content (Vater sein dagegen … 3)

Hurra, heute darf ich wieder über das Vatersein berichten. Ich habe mir vorgenommen, höchstens in jedem zweiten Beitrag darüber zu schreiben und zwischendurch fleißig andere schöne Themen wie Schokolade, Fotografie oder Atombomben zu behandeln. Aber jetzt wieder: Kinder- oder genauer gesagt: Vater-Content. Quasi Heiliger-Vater-Content, weil es um ein himmlische Thema geht, genauer gesagt um die Frage, wie es sich im Himmel eigentlich lebt und wie das Paradies organisiert ist.

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Im Zweifel

Mein Freund und Kollege Misha Anouk hat kürzlich ein Blogprojekt mit dem Titel indub.io gestartet:

Jeder Zweifel ist ein Anfang. Herzlich willkommen auf indub.io – ein Blog rund um die Themen Atheismus, Wissenschaft, Post-Religion, Kultur, Gesellschaft, Feminismus, Aufklärung, mit einem Schwerpunkt auf den Zeugen Jehovas.

Hallo, mein Name ist Misha Anouk und ich schreibe hier. Dieses Blog entstand aus meinem Projekt Ich bin geistig krank, in dem ich mein Leben und meinen Ausstieg bei den Zeugen Jehovas thematisierte. Indub.io ist die Evolution dieses Projekts: Schwerpunkt bleiben weiterhin die Zeugen Jehovas, ich schreibe allerdings ebenso Artikel über obengenannte Themen.

Da mich die Themen Religion, Glauben/Nichtglauben, Gott und/oder Wissenschaft und alles was damit zusammenhängt sehr interessieren, habe ich gern zugesagt, als er mich um ein Interview zu diesen Themen bat. Es soll der Auftakt sein zu einer ganzen Interviewreihe unter dem Titel „Was glaubst Du?“ sein. Ich bin gespannt auf die nächsten Interviews, wenn Misha auch Menschenn ffragen wird, die dazu ganz andere Meinungen als ich haben.
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(Das ist jetzt ein bisschen weithergeholt, so rein symbolbildmäßig. Aber: Ich glaube nicht an Gott, aber an Gotti (den typen links) und an Gottis Allgegenwärtigkeit. Vorgestern bin ich ihm zum Beispiel überraschend auf der Toilette des Zentrums Bayreuth begegnet, weil er dort im April mit der Action Lesung „Tiere streicheln Menschen“ einen Auftritt hat, vorher aber – und jetzt wird  es wirklich verrückt und ist ohne Einmischung höherer Mächte eigentlich nicht mehr erklärbar – vorher, nämlich am Mittwoch, dem 12.2.2014 wird er zusammen mit den beiden Betreibern dieses Weblogs, also Spider und mir, bei unserer neuen Show „Vor der Pause, nach der Pause“ im Comedyklub Kookaburra in der Schönhauser Allee auftreten, bei deren wunderbarer Premiere im Januar uns wiederum sein Streichelkollege Sven van Thom (rechts) beehrte!) 

SNAFU und die New Nerd Order

„Was heißt hier Nerd? Du willst ein Nerd sein?“, schrie TFM. „Bloß weil du ne Brille hast, eine Wifi-Verbindung einrichten und stundenlang über Theorien zu Lost quasseln kannst? Du bist genausowenig Nerd, wie diese Idioten mit Fußballer-Iros Punks sind! Du bist genausowenig Nerd, wie irgendein Werbefuzzi Revolutionär ist, weil er nach Feierabend im Che-Guevara-T-Shirt zu einem Indi-Pop-Konzert mit gesellschaftskritischen Texten geht! Du bist ein Pseudo, du Pupnase! Du bist wie ein Bier, das sich „Fun“ nennt, obwohl es alkohol- und spaßbefreit ist! Du bist ein menschgewordenes Tofu-Würstchen mit Nerd-Simulator-App! Du hast dich doch nur als Nerd verkleidet, Mann, geh doch zum Fasching!“
TFM war außer Kontrolle, sein Kopf war rot und glänzte von Schweiß; anklagend zeigte er auf Mischas T-Shirt, auf dem „Angry Nerds“ stand – und es war keine Frage, wer hier in Wahrheit der Angry Nerd war.

(Symbolbild „Angry Nerds“)

„Hey, Peace, ist ja gut!“, sagte Mischa und hob beschwichtigend die Arme, doch an Frieden war nicht zu denken, TFM brüllte ihn nieder: „Du bist kein Nerd! Du bist nur ein verschissener Hipster, denn du – hast eine Freundin.“
Das letzte Wort spie er mit solcher Verachtung aus, das man meinen konnte, „Freundin“ sei ein Synonym für „kinderschändendes Nazi-Alien mit Mundgeruch“.

Ich bereute langsam, TFM mitgebracht zu haben. Wir kannten uns aus der C64-Crackerszene der späten 80er-Jahre in der DDR. Eigentlich hieß er Christian, TFM stand für The Floppy Monk. Später, gegen Ende der 90er Jahre, als sich immer mehr alte Bekannte, die früher nie etwas mit ihm zu tun haben wollten, bei ihm meldeten, weil er sich doch mit Computern auskenne, und naja, ihnen sei ihr Windows abgestürzt, und da dachten sie, ob vielleicht und so weiter und so fort, übersetzte er TFM gerne selbstironisch mit „The Fucking Manual“. Für uns war TFM immer The Fat Man gewesen, das passte super, und er hatte es nach einigem Gegrummel akzeptiert. Das mit den Szenenamen war damals ein großes Ding, ich nannte mich Syntax Terror, aber egal, das war lange her. Für mich zumindest – TFM war offensichtlich auf dem ganzen Scheiß hängengeblieben.

(Symbolbild „Syntax Terror“)

„Ja, na gut, ich hab ne Freundin“, sagte Mischa. „Aber das ist doch kein Grund …“, doch da unterbrach ihn TFM schon wieder: „Nein, das ist kein Grund, das ist ein Symptom! Für Nichtnerdigkeit. Echte Nerds leben wie Mönche, nur mit Youporn. Die einzigen Titten, die ein echter Nerd zu befummeln kriegt, sind seine eigenen!“ Er grabschte sich an den stattlichen Busen und ich zog ihn, entschuldigende Grimassen in Mischas Richtung machend, aus dem Backstageraum.

Scheiße. Ich hatte TFM vor ein paar Stunden zufällig getroffen, wir hatten uns seit mindestens 10 Jahren nicht gesehen und ein paar Bier zusammen getrunken. Als ich losmusste, weil ein Poetry Slam anstand, hatte ich ihn gefragt, ob er mitkommen wolle und jetzt hatte ich ihn an der Backe.
„Ich war schon Nerd, da bist du noch mit nem Luftballon um die Russenkolonne rumgerannt!“, grölte er, bevor sich die Backstagetür vor Mischas fragendem Gesicht schloss. „Da gab’s das Wort noch gar nicht! Freaks haben sie uns genannt und Mode-Typen wie du haben uns ausgelacht, weil wir Computer hatten! Lutsch meinen Joystick, du Apple-Affe!“
Ich schob den dicken, vor sich hinschimpfenden Mann vor mir her zur Bar. „’Angry Nerds‘, haha, wie witzig. Der wird sich noch umgucken. Denn wir sind wütend, oh ja!“

Bis zu einem gewissen Grad konnte ich seine Wut verstehen. 1986, als ich das erste Mal an einem Computer saß, galten diese allgemein noch als nutzlose Spielerei für weltfremde, nicht lebensfähige, asoziale Trottel der Marke „verrückter Professor“. Programmierkenntnisse waren der sichere Weg in die Isolation und die Kombination Computer, Brille, Science-Fiction-Literatur bewahrte einen zuverlässig vor frühzeitigem Geschlechtsverkehr, denn die Mädchen verschleuderten ihre Jungfräulichkeit lieber an windige Typen mit Mopeds, Blousons und Popperfrisuren. Ich lernte Assembler, hörte und schrieb dreistimmige 8-Bit-Musik und hing auf Crackerparties ab, auf denen wir Grafikdemos programmierten und nach neuen, spektakulären Möglichkeiten suchten, einen Text von links nach rechts über den Bildschirm scrollen zu lassen – wer hätte das alles gegen einen Kuss tauschen wollen?! Mit 16 entdeckte ich zum Glück Punkmusik, sie bewahrte mich vor TFMs Schicksal.

(Dieses Bild heißt: „Nerds don’t come easy“, aber nur, weil ich dieses Wortspiel unbedingt noch unterkriegen wollte und mir sowieso keine sinnvolle Bildunterschrift einfällt.)

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, TFM und seinesgleichen als Märtyrer zu bezeichnen und auf eine Stufe mit jenen mutigen Männern zu stellen, die in den finsteren Zeiten der Inquisition die Stimme und den Zeigefinger erhoben und sagten: „Momentmal. Die Erde ist keine Scheibe!“ und damit nachfolgenden Generationen das Tor zu Aufbruch aus der Unmündigkeit und den Weg in eine neue Zeit wiesen. Diese Männer riskierten den Scheiterhaufen, wir das Fegefeuer einer ungeküssten Jugend. Wir waren die Wegbereiter. Heute sind Computer Mainstream, du bist raus, wenn du keinen hast, und niemand wird wegen seiner Brille diskriminiert, im Gegenteil, ich wette, es rennen sogar ein paar Leute mit Fensterglas vor den Augen rum, weil Brillen ja so cool sind – Brillen übrigens, das sei noch angemerkt, für die wir damals völlig zu Recht auf dem Schulhof verkloppt worden wären.

„Genau. Und wie danken sie’s uns? Indem sie uns ironisieren und nachäffen und Atari-T-Shirts tragen, als hätten sie ein Recht dazu! Retro, Retro, Retro! Zu blöd sich was eigenes auszudenken.“
„Jugend von heute, hör mir uff.“, pflichte ich ihm bei, denn ich will nur noch, dass er sich abregt und von hier verschwindet.
„Nee, kannste so nicht sagen. Es gibt schon noch echten Nerd-Nachwuchs. Leute, die richtig was drauf haben und sich nicht für Experten halten, weil sie ein bisschen Flash können und einen C-64-Emulator auf ihrem iphone installiert haben. Aber ich sag dir was: bald wird die Spreu vom Weizen getrennt. Denn diese Modenerds, die beherrschen nur die Oberfläche. Wer hat denn die Betriebssysteme geschrieben, mit denen die Arbeiten? Wer hat denn die Compiler programmiert, auf denen sie ihre armseligen Hipster-Apps schreiben? Wer hat die Protokolle entwickelt, auf denen ihr geliebtes Internet basiert. Das waren wir, die echten Freaks und Nerds, die wahren Ausgestoßenen und jetzt …“, er blickte sich misstrauisch um und bedeutete mir näher heranzurücken, „jetzt schlägt unsere Stunde, Angriff der Nerd-Krieger, The Dark Nerd Rises, Nerd Alert!“

Und so erfuhr ich von der Verschwörung der „Serious Nerds And Freaks United“ (SNAFU), der Illuminerdi, wie sie sich auch nennen, und ihrem Projekt „New Nerd Order“. Am 21.12. schlagen sie los. „Und die alte Welt wird untergehen und eine neue Zeitrechnung beginnen“, wie TFM mit übertrieben viel Pathos und gen Clubdecke gerichtetem Blick verkündete. „Seit den frühen 60er Jahren bereitet unsere Bruderschaft diesen Tag vor. Wir mussten Geduld haben. Wir mussten warten, bis sich die Menschen sich an die Computer gewöhnt hatten, bis sie von ihnen abhängig waren und sich in dem Glauben wiegten, sie würden sie beherrschen. Aber tief unter all den Touchscreens, Menüs, Icons, unter den Bedien- und Programmieroberflächen für Idioten, liegt das Reich der Maschinensprache, die Welt der Nullen und Einsen, unsere Welt, die Welt von: SNAFU.
Die Pseudos paddeln an der Oberfläche und glauben sie hätten Durchblick, wenn sie mal ein bisschen schnorcheln, doch ganz unten in der dunklen Tiefe lauern wir …

Wie die überflüssigen Abschnitte einer DNS stecken in jedem Programm und jeder App irgendwo ein paar seltsame Bytes, die scheinbar keine Funktion haben. Bis wir sie in 4 Monaten aktivieren. Und dann ist es vorbei mit all den hübschen Buttons und Schiebreglern und Fingergesten, mit Fenstern und Apps. All die schicken Smartphones und Ultrabooks werden nur noch Kommandozeileneingaben auf der untersten Betriebssystemebene und Zahlen im hexadezimalformat akzeptieren. Die Bildschirme von ipads, Fahrkartenautomaten, in Auto- und Flugzeugcockpits werden nur noch einen blinkenden Cursor vor grünem Hintergrund zeigen. Und dann werden sie angekrochen kommen und wir werden sie betteln und kriechen lassen!“ TFM lachte und rammte seine Bierflasche gegen meine. „Wir werden ihnen das neue Glaubensbekenntnis eintrichtern: Am Anfang – war der Nerd! Und sein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen! Sein Reich ist gekommen, sein Wille geschieht, wie im Rechner so auch auf Erden! Verstehst du?! Nichts wird mehr laufen ohne uns! Wir haben sie im Sack!“

(Symbolbild „Nerd Domination“)

Ich starrte ihn an, während er sein Bier herunterstürzte und die Hände selbstzufrieden auf seinem beeindruckenden Bauch faltete …

Bis heute weiß ich nicht, ob er mich verarscht hat, ob das nur das größenwahnsinnige Gebrabbel eines ewig Ungeküssten war, oder ob … nun, ich denke, wir werden es rausfinden, in nicht einmal 4 Monaten.

(Volker Strübing)

PS: Ein paar Tage beruhigte ich mich damit, dass ich mir einredete, dass er mir sicher nichts von der Verschwörung erzählt hätte, wenn es sie wirklich gäbe. Doch dann fiel mir ein, dass alle erfolgreichen Verschwörungen ganz offen operiert haben. Nicht umsonst heißt es: Im Licht der Öffentlichkeit ist gut munkeln. Und außerdem wusste TFM verdammt gut, dass mir mal wieder niemand glauben würde. Kassandra wäre ein guter Künstlername für mich.

PPS: Eine weltweite Machtübernahme durch SNAFU gilt nicht als Versicherungsfall im Sinn meiner Weltuntergangsversicherung.

Kloß und Spinne, Teil 23: Gott, die Welt und keine Brause

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=-w6EICU3C_o]

So. Da isser. Warum er plötzlich Teil 23 heißt und was es mit dem ominösen Teil 22 auf sich hat, ist eine lange, geheimnisvolle Geschichte, mit der ich das arme Internet nicht belasten will.
Gestern nacht halb 3 oder so war er endlich hochgeladen. Die letzten Stunden waren grausam: Ich war eigentlich fertig und dann ist immer beim Export aus dem Schnittprogramm was schief gegangen, immer ganz am Schluss …

Wenn ich noch ne Woche Arbeit drangehängt hätte, wäre das Musikvideo am Ende perfekt geworden, aber ich muss mal zu einem normalen Leben zurückkommen. Ich weiß nicht, wieviele Stunden da drin stecken, die letzten tage habe ich von morgens um 10 bis nachts um 12, um 1 am Computer zugebracht. Hat aber auch verdammt viel Spaß gemacht!

Die Folge beruht auf einer geklauten Idee, das gebe ich lieber gleich zu, bevor irgendjemand die Seite Strübingplag.de  oder so eröffent. Ich habe sie aus einem Roman gemopst, für den ich hiermit als kleine Kompensation Werbung machen möchte. Er ist sehr gut, heißt „Das Paradies am Rande der Stadt“ und wurde zum Glück von mir selbst geschrieben, so dass die Gefahr verklagt zu werden, nicht allzu groß ist.

Da sicher einige fragen werden, ob ich mich von Terry Gilliams Animationen habe inspirieren lassen: Klar, bestimmt. meine erste und intensivste Erinnerung an solche Cut-Out-Animationen sind allerdings die Jules-Verne-Verfilmungen von Karel Zeman, die zu den Lieblingsfilmen meiner Kindheit gehören.

Das Bier von neulich sieht jetzt übrigens so aus:

 

 

Ein schönes Wochenende!

(Volker Strübing)

 

 

Toleranz? Nicht ganz.

Koranverbrennung abgesagt, Bibelverbrennung verboten. Ich halte von beiden Büchern nicht viel – außer als zeitgeschichtliche Dokumente und kulturstiftende Werke, die in dieser Hinsicht allerdings schon längst ihre Schuldigkeit getan haben – egal, darum gehts mir jetzt gar nicht. Ich bin sehr froh, dass die Verbrennungen nicht stattfanden, Bücherverbrennungen sind eine üble Sache, übrigens auch unter ökologischen Gesichtspunkten (ab ins Altpapier!). Vor allem aber ist mir der hinter der Aktion deutlich erkennbare Wille, Spannungen anzuheizen, vielleicht sogar Gewalt zu provozieren, sehr unsympathisch.

Daher fand ich es im ersten Moment auch sehr schön, zu lesen, dass ausgerechnet Islam-Gelehrte in Südafrika den Antrag gestellt hatten, die Bibelverbrennung zu verbieten. Das Ganze wurde denn auch als „Signal für Toleranz“ gewertet. Ich freute mich darüber – bis ich weiterlas: „Der Anwalt der Islam-Gelehrten, Zehir Omar, betonte gegenüber der Zeitung, das Gericht sei in allen Punkten seiner Argumentation gefolgt. Dazu zähle auch die Auffassung, dass die Meinungsfreiheit ihre Grenzen dann finde, wenn durch sie Mitglieder einer Religionsgemeinschaft verletzt würden.“ (Spiegel Online)
Erinnert sich noch jemand an den Streit über die Mohammedkarikaturen? Einige Vertreter des abendländischen Christentums hielten die Gelegenheit für günstig, mit ihren „religiösen Gefühlen“ rumzufuchteln, die man ebenfalls nicht verletzen, über die man sich nicht lustig machen dürfe. Mit der Begründung des südafrikanischen Gerichtes ließen sich nicht nur die Bücherverbrennungen, sondern auch Mohammed-Karikaturen und Titanic-Kruzifix-Titelbilder verbieten.

(VS)

Manchmal …

… muss mir jemand sagen: „Komm mal wieder runter, insbesondere mit deinem Schuh von meinem Fuß“. Darum danke für einige Kommentare zu meinem Posting von vorgestern („Von Kindern lernen“). Dass ein „durchgeknallter Oberfundi“ alle Atheisten, eigentlich alle Nichtchristen, beleidigt, sollte nicht dazu verleiten, nun auch alle Christen zu beleidigen. Es wäre doch schön, wenn alle, die bestimmte Werte, bestimmte Ansichten und Hoffnungen, wie Menschen miteinander umgehen sollten, teilen, zusammenhalten würden(*1), ganz egal, ob sie diese Ansichten religiös, emotional oder rational begründen.
Ich kann den Glauben an einen personifizierten Gott nicht nachvollziehen; jegliche politische Einmischung religiöser Institutionen halte ich für grundschlecht und religiöse Führer, die für ihre Schäfchen auf Dogmen beruhende Verhaltensmaßregeln aufstellen, für gefährlich. Davon abgesehen soll von mir aus jeder glauben, was er will. Leider muss ich auch eingestehen, dass mein Atheismus vielleicht nicht ausschließlich auf meiner überagenden Intelligenz beruht, sondern zu einem kleinen Teil aus meinen Lebensumständen resultiert (hast ja Recht, Tom). In irgendeiner Parallelwelt wird wohl auch ein gläubiger Volker herumstolpern. Egal.

Dieser Volker hier bleibt Atheist und wird sich immer gerne über dieses Thema streiten.

Und – bevor das hier zu versöhnlich wird -: Selbstverständlich muss man „religiöse Gefühle“ durch Mohammed-Karrikaturen oder Klinsmann-Kreuzigungen verletzen dürfen. Meinetwegen auch „atheistische Gefühle“. Schlimm ist die pauschale und ernsthafte Aussage: „Du bist dumm / böse / Verbündeter und Wegbereiter der Hölle auf Erden / Terrorist / hässlich etc. weil du glaubst / nicht glaubst / das falsche glaubst / gerne Oliven isst.“ Wobei ich über die Sache mit den Oliven nochmal nachdenken muss.

(V.S.)

(*1) “ … umgehen sollten, teilen, zusammenhalten würden …“ – Ist die deutsche Sprache nicht herrlich?

Schrecken des Schulhofs

„Auf dem Schulhof war eine weiße Linie, wenn man die überschritt, dann haute einem der Aufsichtslehrer eine runter, aber so richtig mit Schwung. Können Sie sich dass heute überhaupt noch vorstellen?“ – Nein, konnte ich nicht. Das war lange her, die äußert liebenswerte Dame, die mir das auf einer Zugfahrt von Köln nach Hannover, wo wir ins Gespräch kamen, weil wir nebeneinander saßen, erzählte, war damals 13 Jahre alt gewesen. Der Strich auf dem Schulhof, hatte damals katholische von evangelischen Kindern getrennt. Wenn eines ihn überschritt, den Strich, dann kam der Aufsichtslehrer und haute ihm, dem Kind eine runter, aber so richtig mit Schwung. Der Schulhof hatte sich aber nicht in Belfast befunden, sondern im Rheinland, wohin das Mädchen mit seiner Familie aus Schlesien geflohen war, vor den Russen. Alle Berlinerinnen und Berliner unter den Schnipselfriedhofsbesuchern bitte ich, morgen bei der Abstimmung über „Pro Reli“ mit NEIN zu stimmen!

(Andreas Krenzke)

Von Kindern lernen

Es ist phantastisch (und sehr lustig) einem Kind zuzusehen, das gerade dabei ist, das Laufen zu lernen. Wie es aus der Bauchlage den dickeingewindelten Po in die Höhe schiebt und sich nach oben drückt. Der erstaunte Blick, wenn es steht – schwankend, Beide Arme von sich gestreckt. Wie es dann einen Fuß ein paar Zentimeter nach vorn setzt, wieder ein paar Sekunden herumwackelt, bevor es den anderen Fuß hinterherziehen kann. Und spätestestens nach dem dritten Schritt setzt es sich auf die (im Idealfall warm und weich gepolsterte) Windel, guckt sich kurz um, ob die Mami es gesehen hat. Wenn ja, wird ein bisschen geheult, denn dann nimmt Mami es auf den Arm und das ist immer so schön. Wenn nicht, dann rollt es sich auf den Bauch und das Ganze beginnt von vorn.

Man könnte fragen, warum es das eigentlich tut. Es hat ja keinen unmittelbaren Nutzen davon: Krabbeln geht viel schneller und es fällt dabei nicht dauernd hin, außerdem kümmern sich Mami und Papi doch um alles und wenn es erst laufen kann, wird es nicht mehr bequem getragen oder im Kinderwagen geschoben.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich trotzdem Laufen gelernt habe und möchte mich auch ausdrücklich bei dem wackelnden, umkippenden, staunenden Kind bedanken, dem ich letztens mit großem Vergnügen eine Weile zugesehen habe – hey, nee du, ich hab dich nicht ausgelacht!

So, und weil ich zu faul bin, einen neuen Weblogeintrag aufzumachen, kommt jetzt ein ziemlich großer Themensprung. Wobei es schon eine gewisse Beziehung gibt. Es geht um jemanden, dem es wahrscheinlich nicht ganz geheuer ist, wenn Menschen aufrecht stehen und die Welt erkunden, der sie wohl lieber knieend und zu Kreuze kriechend sehen will: Ich muss nochmal auf Erzbischof Mixa zurückkommen, der den Nationalsozialismus und den Bolschewismus als Beweis für „die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus“ angeführt hat. Ich weiß, das ist zwei Wochen her und damit eigentlich Schnee von gestern, aber das ganze Christentum ist Schnee von vorvorvorgestern, basierend auf Geschichten, die sich vor Jahrtausenden irgendwelche Dörfler in einem (man möchte sagen: gottverlassenen) Landstrich fernab der damaligen Zentren der Zivilisation erzählt und aus noch älteren Geschichten zusammengebastelt haben. Und trotzdem muss man sich immer noch damit herumplagen. Zeit, das endlich richtig Frühling wird und der alte Schnee taut. Egal, ich neige manchmal dazu, Bilder überzustrapazieren.

Jedenfalls:

Die europäischen faschistischen Diktaturen des 20.Jahrhunderts (Italien, Spanien, Portugal etc.) konnten auf das Wohlwollen oder sogar die Unterstützung des Vatikans bauen. Das Verhältnis der katholischen Kirche zum deutschen Nationalsozialismus ist ambivalent – dass der „unfehlbare“ Papst Pius XII. im Nationalsozialismus jedenfalls nicht die „Hölle auf Erden“ sah, ist bekannt und auch dass die katholische Zentrumspartei bei ihrer Selbstauflösung 1933 ihre Mitglieder zur Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern aufforderte .

Was nun den Stalinismus angeht, muss man Mixa in einem Recht geben: „Wo der christliche Glaube schwinde, so soll Mixa weiter erklärt haben, komme nicht etwa das ‚helle Licht irgendeiner fröhlichen Aufklärung‘ zum Vorschein.“ (pro – christliches Medienmagazin)

Denn das helle Licht der Aufklärung kann nur dort zum Vorschein kommen, wo nicht eine düstere Religion durch eine andere ersetzt wird, wie es  in Russland der Fall war. Ich übertreibe nur leicht. Man kann den Stalinismus mit einigem Recht als politische Religion bezeichnen. Die Parallelen sind auffällig, nicht nur in der Inszenierung (zum Beispiel beim Reliqiuen- und Totenkult), sondern vor allem im Vorraussetzen von Dogmen, angeblichen Wahrheiten, die, teilweise um den Preis des eigenen Lebens, nicht in Frage gestellt werden durften, sowie im Unfehlbarkeitsanspruch, der entweder auf einem nichtexistenten (allermindestens einem nichtbeweisbaren) Gott oder auf einer Theorie, die zu einem unumstößlichen Gesetz umgedeutet wurde, beruht. Insofern war der Stalinismus antiaufklärerisch und intelligenzfeindlich wie die katholische Kirche, aber er war keineswegs die logische Folge des schwindenden christlichen Glaubens.
Umgekehrt ist es richtig: Das helle Licht einer fröhlichen Aufklärung lässt den Glauben schwinden. Und auch wenn wir uns noch einige Male auf den Hosenboden setzen werden, hoffe ich doch, dass die Menschheit als Ganzes irgendwann aufrecht steht, statt vor einem Hirngespinst aus der Bronzezeit zu kriechen. (Bei soviel Pathos müsste ich eigentlich noch Hollywoodmusik unter diesen Weblogeintrag legen ;)

V.S.