Der König hat gehustet

„Der König hat gehustet“ – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, auch wenn keiner genau sagen konnte, wie. Es stand nicht in der Zeitung, es wurde nicht im Radio bekanntgegeben und niemand war so unschicklich, es laut auszusprechen und doch wusste es bald jeder. So wie man nicht erst den Donner hören muss, um zu wissen, dass ein Gewitter aufzieht. „Der König hat gehustet“ – die Spatzen pfiffen es von den Dächern, die Bienen tanzten es über der Wiese, die Wolken schrieben es in den Himmel.

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(„Der König hat gehustet“ – die Waschmaschinen flüsterten es den Wäschekörben.)

Natürlich rief dies sofort die Übereifrigen auf den Plan. Lange bevor die Nachricht die Runde gemacht hatte, begannen sie selbst zu husten, leise erst, doch immer lauter und selbstbewusster, demonstrativer. Endlich zahlte sich ihre Aufmerksamkeit aus, endlich machte es sich bezahlt, dass sie ihre Nase höher trugen als andere, um im Wind auch noch die leiseste Ahnung einer Nachricht zu erschnüffeln. In den nächsten Wochen würden sie uns bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie schon vor uns mit dem König husteten, sie würden uns geringschätzig anschauen und sarkastische Bemerkungen über die Gesundheit unserer Kehlen machen. „Ich huste ja schon beinahe immer“, würden sie sagen, „es ist praktisch ein Teil von mir.“

Sie würden freilich nie so weit gehen, sich mit dem König zu vergleichen oder auch nur des Königs Husten zu erwähnen und doch wäre ihre Botschaft klar: Wir sind die wahren Untertanen, wer seid ihr?
Wenn Sie mich fragen, sind das alles Angeber und Heuchler und auf die Gefahr hin, dem einen oder anderen Unrecht zu tun: Ich glaube, sie missbrauchen und betrügen unseren König, indem sich sein Husten wie einen Mantel umhängen, um sich selbst zu erhöhen.

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Natürlich habe auch ich gehustet! Wie konnte ich nicht husten, wenn der König gehustet hat! Sind wir nicht alle nur Glieder des großen Körpers, dessen Geist, Herz und Seele der König ist?!
Natürlich habe auch ich gehustet! Doch ich hustete im Stillen. Warum sollte ich dem Pöbel meine Loyalität demonstrieren, wer würde es wagen, an ihr zu zweifeln?! Warum sollte ich Vorgesetzte beeindrucken und Gleichgestellte beschämen, in dem ich doppelt so oft und doppelt so laut wie sie hustete? Ich wollte nichts als meinem König nahe zu sein und indem ich sein Husten teilte, ein immaterielles Band zwischen uns zu knüpfen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bilde mir nicht ein, durch mein Husten selbst königlich geworden zu sein, nein mein Husten und ich blieben stets ganz gewöhnlich menschlich. Doch indem ich mir dessen bewusst war, konnte ich mich ihm spirituell nähern, ohne der Versuchung der Anmaßung zu erliegen. Ich war wie ein Kind, das mit Armgefuchtel von einem Stuhl springt und sich für einen winzigen Moment den Vögeln am Himmel nahe fühlt.

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(„Sie da, ja, Sie. Nun tun Sie mal nicht so!“)

Zwei Wochen husteten wir, die einen hohl und laut, die anderen, wie ich, still und demütig, doch als schließlich die Nachricht kam (unhörbar und doch klar wie eine frische Brise an einem drückenden Sommertag), dass ein Fehler und falscher Alarm gewesen war, waren wir alle doch insgeheim froh, weil unsere Kehlen gerötet waren, vor allem aber, weil es bedeutete, dass es dem König gut ging.
Unnötig zu erwähnen, dass jene, die zuerst und am lautesten gehustet hatten nun auch die ersten waren, die sich (mit rauher Kehle) über das Husten mokierten. „Also dieses Gehuste ist ja äußerst peinlich“, sagten sie laut und genossen die entsetzten Blicke jener, die etwas länger brauchten, um zu begreifen. Was man mit dem Husten überhaupt andeuten wolle, fragten sie, ob man etwa an der Gesundheit des Königs zweifle?
Nun, mir, der ich stets im Stillen gehustet — was mir kurz zuvor noch einige scheele Blicke seitens der Demontrationshuster eingebracht hat — konnte niemand etwas vorwerfen.
Da! Hören — oder besser: Spüren Sie es auch? Es ist etwas geschehen … der König hat gefurzt …

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(Glücklich, wer keine Nase hat.)

The Beach vs. The Circle

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Vor allem bin ich ja in Urlaub gefahren, um ein bisschen zu lesen, dazu komm ich ja praktisch nie. Nie! Obwohl ich zum Beispiel 2014, wie eine relativ genaue Rechnung am Jahresende ergab, knapp 650 Stunden im Zug verbracht habe. Aber da gab es natürlich andere Dinge zu tun. Zuerstmal mein Zugbüro mit allen Ladegeräten, USB-Hubs, externen Mäusen und Festplatten und Stiften und Zetteln und Weißnichwas einrichten, dann einen Fertigsalat mit externen Maiskörnern und Dosenmandarinen pimpen, noch einen vierten Kaffee aus dem Bordbistro holen und dann so langsam schon mal das Büro wieder einpacken, weil man ja gleich aussteigen muss. Während der 15 Minuten, die der bis dahin pünktliche Zug vor dem Zielbahnhof dann noch wegen eines belegten Gleises herumsteht, kann man endlich ein paar Seiten lesen.

IMG_0053Jetzt aber: Urlaubszeit, Lesezeit. Klar, dass wäre auch auf Rügen gegangen, sogar viel besser wegen des lesefreundlichen Wetters, aber dreieinhalb Wochen Rügen kann sich doch kein Mensch leisten, also ab nach Thailand, Text-Tourismus!

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Eins der Bücher, die ich bisher hier gelesen habe, war „The Circle“ von Dave Eggers und ich muss sagen, dass ich selten etwas derart literarisch minderwertiges gelesen habe. Ich habe schon Corinna- und Bergdoktor-Romane gelesen, die besser geschrieben waren. Und das obwohl ich überhaupt noch keine Corinna- oder Bergdoktor-Romane gelesen habe! Man merkt dem Buch an, dass der Autor sich nur für die Message und seine Ideen interessiert, das ganze Werk ist aufgebaut wie ein Computerspiel, die Heldin springt Kapitel für Kapitel von Level zu Level einer immer totalitärer werdenden Circle-Google-Facebook-Apple-Welt; es entfaltet sich eine Ideologie, die genauso apokalyptisch, größenwahnsinnig und intolerant ist wie der Faschismus oder der Islamismus, dabei aber nett bis zum Erbrechen.

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IMG_0080Die Ideen, die in the Circle stecken sind alllesamt sehr interessant, die Dystopie ist erschreckend, weil sie im Gegensatz zu den Figuren und der Handlung sehr glaubwürdig ist – und das ist das Problem mit diesem Buch. Er wollte eine Botschaft loswerden, okay, aber ein wenig Mühe und Liebe hätte er doch in die Charaktere investieren können. Oder einfach ein Sachbuch schreiben, das hätte ich wahrscheinlich mit größerem Gewinn und mehr Spaß gelesen. Gegen Ende wird die Dummheit und Naivität der Hauptfigur so extrem, dass man das Buch in die Ecke pfeffern und laut schreien will: „Und für den Scheiß bin ich nach Thailand geflogen?!“

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Naja, lest es meinetwegen trotzdem. Das Thema ist wichtig und interessant und ich würde gern mit ein paar Leuten darüber diskutieren. Nicht zuletzt, um spätestens nach dem dritten Bier darauf hinzuweisen, dass ich bereits 2006 in der Erzählung „Fiat Deus“ viele der Sachen vorweggenommen habe, damals aber natürlich viel zu visionär und meiner Zeit voraus war, weshalb ich den SF-Wettbewerb für den ich sie geschrieben habe nicht gewann und daraufhin zu dem verbitterten alten Mann wurde, den ihr alle kennt unnd liebt …

IMG_0064Was ich aus „The Circle“ mitgenommen habe: „Teilen ist Heilen“ und wer etwas Tolles erlebt und dann nicht mit anderen teilt, ist ein übles Ego-Schwein. Dabei hatte ich schon überlegt, ob ich euch in eurem kalten grauen Deutschland mit Urlaubsbildern verschone, aber jetzt habe ich doch beschlossen, meine Pflicht als moderner Mensch zu erfüllen und ein paar hoffentlich besonders neidisch machende Fotos rauszusuchen, um damit anzugeben um sie euch unter die Nase zu reiben   um laut ÄTSCHEBÄTSCHE zu machen um meine schönen Erlebnisse brüderlich mit euch zu teilen. Nur falls ihr euch gefragt habt, was die Bilder eigentlich mit dem Text zu tun haben.

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Kaffee ohne Hitler

Ich bin ein großer Freund des Deutsche-Bahn-Kaffees, und dies sage ich ohne jede Ironie. Die Bahn mag ihre Probleme haben mit der Wagenreihung, mit Klimaanlagen und der deutschen Sprache (kürzlich wurde in einer Ansage statt des ohnehin schon schlimmen „Personenschadens“ das seltsame Wort „Personenüberfahrung“ benutzt), aber Kaffeekochen, das kann sie, die Deutsche Bahn. Ein einfacher, ehrlicher Filterkaffee, nicht zu bitter, mit angenehmer Säure, wie man ihn in Cafés kaum noch bekommt, denn allenthalben wird mit sündhaft teuren Maschinen Espresso mit Wasser verdünnt. Mit Kaffee hat das nichts gemein, es handelt sich vielmehr um verdünnten Espresso. Bloß weil beides aus Kaffeebohnen hergestellt wird, ist es doch längst noch nicht dasselbe! Wenn ich einen Wein bestelle, will ich ja auch nicht, dass man mir einen Weinbrand mit Wasser verdünnt und dann sagt: Wieso? Wird doch beides aus Trauben gemacht!

Bevor mich jemand falsch versteht: Ich habe nichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Einige meiner besten Freunde sind Heißgetränke auf Espressobasis! Aber reden wir nicht drumherum: Ihnen fehlt das Verwöhnaroma eines guten Tante-Gisela-Geburtstagsfiltertütenkaffees oder einer ehrlichen Tasse Türkischem.

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(Und in Wiener Kaffeehäusern im Herbst hab ich schon gleich garnichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Aber trotzdem.)

Der Kaffee der Deutschen Bahn ist, wie bereits erwähnt, ein nahezu perfektes Getränk. Ab etwa der sechsten Tasse Kaffee am Tag muss ich jedoch aus Rücksicht auf die Magenschleimhaut auch den besten Kaffee mit Milch verdünnen. Mit Milch, nicht mit Kaffeesahne aus diesen doofen Döschen, wo immer die Sahne rausspritzt oder der Zuppel … aber das ist ein anderes Thema, mit dem ich mich schon oft genug auseinandergesetzt habe.

Im Bordrestaurant arbeiten zum Glück in aller Regel verständige Menschen. Selten war es ein Problem, im Zug um ein wenig normale, kalte Milch zu bitten. „Na klar“, sagten die Männer und Frauen hinter der Theke; sie waren oft zwischen Ende 40 und Anfang 60, und dann zogen sie den Schlauch des Milchaufschäumers aus dem Tetrapack Milch, der neben der Kaffeemaschine stand, und stellten mir die Milch zur freien Verfügung neben meinen Kaffeepott, und ich, von soviel gesundem Menschenverstand und lebensbejahendem Pragmatismus beglückt, gab ein angemessenes Trinkgeld.

In letzter Zeit setzt die Bahn leider vermehrt auf jugendliche Untote, vielleicht in der Hoffnung, sich ein cooles Image zu geben, weil doch Zombies so modern sind.

„Kann ich einen Schluck normaler Milch dazu haben?“, sagte ich zu einem von ihnen.

„Da sind Kaffeesahnedöschen, nehmen sie sich soviel sie wollen.“

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„Nein, danke, ich hätte lieber normale Milch.“

„Also einen Milchkaffee?“

„Nein, nein, einfach einen Schluck ganz normaler Milch zu meinem ganz normalen Kaffee.“

„Das geht nicht. Ich kann ihnen keine normale Milch zu einem normalen Kaffee geben.“

Ich schaute den jungen Mann verwirrt an und vergewisserte mich sorgfältig, dass er über alle zur Erfüllung der von mir geäußerten Bitte nötigen Sinnesorgane und Greifwerkzeuge verfügte, und sagte schließlich mit einem aufmunternden Tonfall, der ihm den Mut geben sollte, über sich selbst hinauszuwachsen: „Doch, das können sie!“ Gern hätte ich ihm noch eine Hand auf die Schulter gelegt, doch das wäre vielleicht zuviel gewesen.

„Nein, das kann ich nicht! Die normale Milch ist eine andere Kostenstelle!“

„Häh? Aber das merkt doch keiner! Oder malt Bahnchef Grube Striche an den Füllstand der Tetrapacks und verrechnet den Verbrauch mit den verkauften Milchkaffees? Ich will doch nur einen Schluck! Das ist wahrscheinlich sogar billiger als wenn ich mir sechs doofe Döschen nehme!“

„Ich habe meine Anweisungen!“

„Das hat Eichmann auch gesagt!“, antwortete ich und war sehr stolz auf mich, weil ich mir doch vorgenommen habe, weniger Hitler-Vergleiche zu machen und offenbar auf einem guten Weg bin.

Auf einer anderen Zugfahrt, als ich einen Kaffee bestellte – es war erst der dritte oder vierte, weshalb ich nicht in die Verlegenheit kam, nach Milch zu fragen –, entschuldigte sich der Bahnbarrista, dass er mir leider keinen Deckel geben könne.

„Aber da sind doch Deckel“, sagte ich und zeigte auf einen großen Stapel.

„Ja, aber die sind für die großen XL-Becher, Sie haben ja nur einen kleinen Kaffee.“

„Na, dann gießen Sie doch meinen kleinen Kaffee in einen großen Becher. Das schaukelt auf der Strecke so, ich hab keine Lust, den schönen Kaffee auf allerlei Mitreisende zu verplempern.“

„Nein, das geht nicht. Ich kann Ihnen keinen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben!“

Und wieder einmal schaute ich verwirrt drein. „Doch, das können Sie“, sagte ich schließlich in beruhigendem Ton. „Umgedreht wäre es schwierig.“

„Nein“, sagte er.

„Doch“, sagte ich.

„Mhh, Mhh“, sagte er.

„Wohl“, sagte ich.

„Nö“, sagte er.

„Aber hallo“, sagte ich.

„Herrje, jetzt kippense dem doch endlich seinen Kaffee in einen großen Becher und tun’se n Deckel drauf, andere wollen auch noch bestellen“, sagte ein kluger älterer Herr hinter mir.

„Nein, nein, nein, das geht nicht! Die großen Becher sind ’ne andere Kostenstelle!“

Da war sie wieder, die Kostenstelle, das moderne Glaubensbekenntnis, das finale Argument, der Todesstoß für Verstand und Mitmenschlichkeit. „Selbst wenn ich wollte, ich hab meine Anweisungen!“

„Das hat Eichmann auch gesagt!“

„Wer ist denn dieser Eichmann? Sie sind heute schon der dritte der mir so kommt!“

„Er hatte auch viel mit Zügen zu tun.“

„Ein Kollege? Muss ich direkt mal gucken, ob er bei Facebook ist.“

„Krieg ich jetzt den großen Becher?!“

„Nein! Für mich geht’s hier um den Job!“

„Sie werden gefeuert, wenn sie mir einen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben?“

„Lachen Sie nur, aber die wollen Personal abbauen, denen ist jeder Vorwand recht …“

Und plötzlich konnte ich ihm gar nicht mehr böse sein, sondern eine tiefe Traurigkeit überkam mich, ein Mitleid mit ihm und einer Welt, in der Menschen unter Androhung des Jobverlustes dazu gezwungen werden, zu behaupten, es sei unmöglich eine Flüssigkeit aus einem kleineren in ein größeres Gefäß umzugießen. Mir fiel ein, was mir ein Kollege neulich erzählte hatte: Auf einer Zugfahrt hatte der Ansager statt der Standardsprüche ein paar gutgelaunte improvisierte Ansagen gemacht, alle Reisenden hatten sich gefreut, und mein Kollege hatte beschlossen, der Bahn mal einen Lobesbrief zu schreiben. Warum sollte man immer nur meckern? Man musste doch auch mal die guten Dinge würdigen. „Nein, bloß nicht“, hatte der Zugbegleiter erschrocken gerufen, als er ihn nach seinem Namen fragte. „Dafür kann ich abgemahnt werden! Wir dürfen eigentlich nur die vorgegebenen Sachen sagen!“ Ist das nicht traurig? Alle schreiben sich Freundlichkeit auf die Fahnen, aber gemint ist damit eine pervertierte, seelenlose Freundlichkeit, standardisiert und ergebnisorientiert. In all seiner Scheußlichkeit war das einst bei Burger King zu beobachten, wo man neben die Kassen Schilder gestellt hatte, auf denen stand: „Wenn Ihnen unsere Mitarbeiter keinen Guten Appetit wünschen, erhalten Sie einen 0,2-L-Softdrink gratis“. Welch eine Entwürdigung. Man nahm den Angestellten endgültig die Möglichkeit, ehrlich nett zu sein und dem Kunden die letzte Illusion über die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit.

Ich nahm einen großen Schluck aus der Weltschmerztasse, diesem Jakobs Krönung der Seele, als der Mann hinter mir in der Schlange beherzt über den Tresen griff: „Darf ich mal?“ Er nahm einen der größeren Deckel, drehte ihn herum und drückte ihn falsch rum auf meinen kleinen Becher. Er saß perfekt. „So. Passt doch. Darf ich jetzt vielleicht auch bestellen?“

Manchmal wird alles gut. Es ist noch Hoffnung in der Welt und ein Rest guten Kaffees.

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Zweckentfremdung

Weil immer mehr Wohnungen, besonders in Pankow, als Ferienunterkünfte teilweise schwarz an Touristen vermietet werden, diskutiert die Berliner Provinzpolitik zur Zeit ein so genanntes Zweckentfremdungsverbot, dass diese Vermietungen unterbinden soll. Ich finde das gut, ich bin dafür denn ich bin auch dagegen, ich bin schließlich betroffen, kann ich ihnen gerne mal erzählen.

Ich bin ja auch Pankower. Wohne an der Nordküste von Prenzlauer Berg. Unweit brandet der Autoverkehr an die Gestade der Wisbyer. Bei uns im Haus werden auch Wohnungen zweckentfremdet. Wahrscheinlich sogar ganz legal. Jedenfalls bestimmt nicht schwarz und an der Steuer vorbei. Ein ganz großes Ding, der Hauseigentümer persönlich steckt angeblich dahinter. Also die Wohnungsbaugesellschaft. Ganz legal. Noch. Aber nicht mehr lange. Hoffentlich.

Bei uns im Haus betrifft das gleich mehrere Wohnungen. Sogar meine auch. Eigentlich alle. Die Wohnungen werden einfach vermietet. Ohne uns zu fragen. Dabei wohnen wir darin. Es ist, wenn man mal darüber nachsinnt, ein Skandal. Die Wohnungsbaugesellschaft vermietet unsere Wohnungen. An uns. Der Zweck einer Wohnung ist doch deren Bewohnung. Nicht deren Vermietung. Vermietung, nicht nur an Touristen, Vermietung ist an sich Zweckentfremdung.

Ich habe ja nichts gegen Betriebskosten oder dagegen, den Hausmeister zu bezahlen. Aber nur das Wohnen selbst? Ich verschleiße die Wohnung doch nicht. Eigentlich bewahre ich sie vor Verwahrlosung. Sie ist noch da, wenn ich ausziehe. Und selbst wenn ich die Wohnung irgendwie verbrauchen würde, wäre das keine Rechtfertigung für Miete. Bomberpiloten bezahlen doch auch nicht für die Häuser, die sie verschleißen. Gleiches Recht für alle!

Und ich weiß natürlich, dass Häuser ab und zu renoviert werden müssen. Aber wenn ich meine vier Wände malere, bekomme ich auch nichts, von der Wohnungsverwaltung, warum sollte es umgekehrt so sein? Der Graffiteur bekommt auch kein Geld fürs taggen. Und wieso steigt mit jeder Sanierung die Miete? Sie sinkt doch auch nicht, wenn das Gebäude abgewohnt wird.

Außerdem: Mein Haus, in dem ich wohne, wurde vor 90 Jahren gebaut. Inzwischen sollte es abbezahlt sein, oder die Miete nach mehreren Währungsreformen im zweistelligen Bereich liegen, im zweistelligen Centbereich.

Wir reden immerhin von Wohnungen, die unsere Urgroßeltern gebaut und trocken gewohnt hatten. Die unsere Großeltern nach dem Krieg wieder aufbauten. Ohne dass sie deswegen einen Besitz daran oder ein Vermögen damit erwarben, welches sie uns vererben konnten.

Wenn Miete etwas objektives wäre, dann müsste sie doch auch überall mehr oder weniger gleich hoch sein. Ähnlich wie der Benzinpreis. Mir kann niemand erzählen, dass die gleiche Wohnung in Köpenick weniger wert ist als in Prenzlauer Berg. Oder in Brandenburg billiger als in Berlin. Oder das sie in Hamburg oder München mehr wert und damit teurer sein kann als in Berlin, schließlich befindet sie sich doch in Hamburg oder München.

Jeder Mensch muss wohnen. Es ist moralisch falsch, mit dem Besitz von Wohnraum Geld zu verdienen. Man kann, wenn man Geld braucht schließlich auch arbeiten gehen. Oder ALG II beantragen. Machen viele andere, die keine Häuser besitzen auch so.

Überhaupt, wenn die ehemaligen Hausbesitzerinnen und –besitzer plötzlich auf dem Amt auftauchen, mal sehen, wie schnell sich dort ein freundlicher Umgang mit Hilfebedürftigen einstellen würde.

Oder man dreht das alles um. Man schafft die soziale Grundsicherung, wie sie bisher war, ab, indem man jeder arbeitslosen Person mehrere Wohnungen übergibt, von deren Vermietung sie dann leben kann. Bei 40 Millionen Wohnungen in Deutschland und 3 Millionen Arbeitslosen, wären das 13 Wohnungen pro Arbeitslosen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ungefähr 2500 Euro (vielleicht könnten Arbeitslose mit weniger klarkommen). Um so viel einzunehmen, müsste der einzelne Arbeitslose eine einzelne Wohnung für knapp 200 Euro vermieten. Damit könnte ich leben. Es ist ein okayer Betrag. Ich wüsste, wer mein sauer verdientes Geld kriegt – und woher mein Geld kommen könnte, wenn ich mal nichts mehr sauer verdienen sollte.

Eigentlich müssten die Menschen, allen voran Hamburger und Münchener, sofort beginnen, meine Idee Realität werden zu lassen, durch Demokratie. Meinetwegen auch durch Revolution. Oder, was ich immer propagiere: Evolution. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Denn Berlin plant ein Zweckentfremdungsverbot.

Endlich eine Sorge weniger!

(Andreas Krenzke)

Komplementärfarben. Heute: Rot und Grün.

„Aus heutiger Sicht gibt es mindestens zwei Punkte, die eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei auf Bundesebene unmöglich machen. Der eine ist die national-chauvinistische Haltung, die gerade bei der Europapolitik immer wieder durchkommt. Und der andere ist die Unberechenbarkeit, wenn es um außenpolitische Fragen geht.“ sagt die Bundestags-Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen Göring-Eckardt in einem Interview auf berliner-zeitung.de. Eine von der Partei, die Deutschland in den ersten Krieg seit 1945 verwickelte, ich meine den Nato-Angriff auf Jugoslawien 1999. Wenn ich Wähler der Linkspartei wäre, würde ich genau anders herum darauf bestehen, dass diese nicht mit Bündnis 90/Die Grünen zusammenarbeitet. Aber so kann es mir eigentlich auch…

(Andreas Krenzke)

Wowereit muss weg – nicht der Schokoladen!

Offener Brief an unseren Bürgermeister: Klaus Wowereit! J’accuse…!
Wir, die Autoren, Sänger und Entertainer der Lesebühne „LSD – Liebe Statt Drogen“ fordern, dass der Club „Schokoladen“ erhalten bleibt.

Berliner Lesebühnen fordern: Schokoladen schließen! Klappt die Bürgersteige hoch! Der Letzte macht das Licht aus!

(Andreas Krenzke)

Maulsperre

Ich habe mich immer über die Popularität der Alternativmedizin gewundert. Zum Beispiel Homöopathie. Es ist ja leicht, skeptisch zu sein, solange man gesund ist. Gestern verbrachte ich damit, vier Arztpraxen abzuklappern. Vergeblich. Zwei mal Praxisgebühr. Aber keine Behandlung. Keine Arznei. Nüschte. Vom Homöopathen hätte ich wenigstens ein bis drei Moleküle von irgendwas bekommen.

(Andreas Krenzke)

Lustiger Tippfehler in der Ausländerbehörde

Ich hab’s leider nicht fotografiert. Sinngemäß stand da: „Pro Person und pro Anliegen 1 Wartenummer ziehen. Wir können nicht mehrere Dienstleistungen auf einer Wartenummer erbringen.“ Der Tippfehler ist: „Dienstleistung“. Eigentlich hatten die freundlichen und durchaus sympathischen Damen schreiben wollen: „Bürokratischer Vorgang, den Sie sich nicht freiwillig wünschen, sondern den eine andere bürokratische Instanz von Ihnen verlangt, weshalb sie hier leider 4 Stunden warten müssen.“

Die einzige „Dienstleistung“ (bruhaha) übrigens, die man sofort und ganz ohne Wartenummer haben konnte, und die auch noch in etwa 8 Sprachen (als einzige) angepriesen wurde, war eine Beratung, falls man Deutschland verlassen und in seine Heimat zurück- oder ein Drittland ausreisen möchte.

(Andreas Krenzke)

Lustiger Versprecher auf dem Bürgeramt Pankow

Letztens musste ich urst heftig schmunzeln. Die unauffällige aber durchaus nicht nicht unsympathische Dame vom Amt hatte eigentlich sagen wollen: „Oh, da hat meine Kollegin an der Information Sie falsch hergeschickt. Tut mir leid, dass Sie umsonst 3 Stunden gewartet haben. Ich entschuldige mich für den Fehler meiner Kollegin.“ Statt dessen sagte sie: „Die Leute kommen her und wir sollen wissen, wo die hin müssen. Da hätten Sie sich eben besser informieren müssen. Sind Sie selber Schuld.“ Einfach zum knuddeln!

(Andreas Krenzke)

Auf dem Weg zu Robos Stimme

Bin mit dem Fahrrad unterwegs. Robos Stimme holen. Bald ist Wahl. Alle Macht, so steht es im deutschen Grundgesetz, geht vom Volke aus. Demokratie heißt sowas auch im Volksmund, Volksherrschaft sagt der Altphilologe. Das Volk soll also regieren. Leider reicht das Geld nicht, um jedem Volksmitglied ein Politikergehalt zu zahlen. Deshalb regieren aus wirtschaftlichen Gründen Volksvertreter. Leider sind die nur ihrem Gewissen verpflichtet. Sie sind die einzige Berufsgruppe, die von Gesetzes wegen lügen und betrügen dürfen. Das ist genaugenommen sogar ihre moralische Pflicht. Denn sie dürfen weder der Fraktion, noch dem Wähler Rechenschaft schuldig sein. Schade eigentlich. Ich fände es ganz witzig, wenn Abgeordnete einen Wählerauftrag erfüllen müssten. Imperatives Mandat heißt das. Wir könnten zum Beispiel die Nazis wählen, und den Naziabgeordneten dann zwingen, ständig zu Holocaust-Gedenkveranstaltungen hinzugehen, und zu Moschee-Einweihungen, oder mitm Blumenstrauß zu Zigeunerhochzeiten. Aber leider funktioniert die Demokratie nicht so. Ich würde es auch gut finden, wenn man seine Steuern zweckgebunden zahlen könnte. Also auf der Steuererklärung mit angeben, wofür das Geld verwendet werden soll. Aber wie gesagt, wir müssen ja mit der Realität leben. Das geht allen so. In der Realität werden Volksvertreter gewählt. Und Parteien. Jetze demnächst irgendwann. Die Laternen sind voll von Wahlplakaten. Wenn man mit dem Fahrrad durch den Bezirk fährt, tauchen alle Sekundenbruchteile neue Parolen und Gesichter ins Blickfeld. „Damit sich was ändert!“ steht auf dem Plakat der CDU. Damit sich was ändert – komischer Slogan ausgerechnet für eine konservative Partei. Die Linke ist geradliniger, sie droht mit 120000 Arbeitsplätzen, die sie in Berlin geschaffen habe. Das sind 120000 zu viel, wer gegen den Zwang zur Lohnarbeit ist, der darf auf keinen Fall Linke wählen. Wir brauchen keine gut bezahlten Arbeitsplätze, wir brauchen gut bezahlte Arbeitslosigkeit. Das würde den Arbeitslosen gut tun, den Arbeitern und der Umwelt. Die Piraten haben zwar das bedingungslose Grundeinkommen auf ihre Plakate gedruckt, aber auch jede Menge besorgniserregende Forderungen. Zum Beispiel: „Netze in Nutzerhand!“ Jetzt soll ich mich also auch noch um die Netze kümmern? Ich habe ja sonst nichts zu tun! Was kommt als nächstes? Soll ich selber Brötchen backen? Warum eigentlich nicht, wenn dadurch ein Bäcker arbeitslos wird. Aber was jetzt: Ostschrippen oder Croissants? Da könnte man die FDP fragen. Die hat ein Plakat mit Schrippe und Croissant aber man versteht nicht, was sie damit eigentlich sagen wollen. Kann man sie also leider doch nicht fragen. Die FDP hat ja auch Angst vor der autofreien Stadt. „Weil“, wie sie behaupten, „keine Frau der Welt mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte.“ Woher wollen die das wissen? Kennt jemand bei der FDP tatsächlich eine Frau? Und wenn ja, dann hat die den doch bestimmt veräppelt. Die nimmt doch keinen Liberalen ernst. Die Frau. Erst recht nicht die Frau der Welt. Wer soll das überhaupt sein? Jedenfalls ist das kein Argument. Kreißende Damen könnten zum Beispiel mit Schubkarren ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Das könnten FDP Kandidaten übernehmen, die ja sonst zu nichts gebraucht werden. Die müssen sich natürlich ein bisschen anstrengen, denn sie sind auch gegen Tempo 30. Das wird die werdenden Mütter aber freuen, wenn es schnell geht. Zum Thema Tempo 30 meint die FDP: „Lieber zügig zum Job, als langsam aber sicher zum Jobcenter!“ und fordert den gleichen Unsinn, für den die Linke gewählt wird. Links von den Linken positioniert sich die PSG. Sie fordert „Banken enteignen!“ Nehmen wir mal an, die werden in Pankow gewählt und enteignen in Pankow die Banken: Wie wirkt sich das auf den Rest Berlins aus? Eröffnen dann alle Pankower Konten in Wedding? Bricht daraufhin der Öffentliche Personennahverkehr zusammen? Was passiert mit dem Vermögen der Banken? Und besteht dieses Vermögen nicht ausschließlich aus Schulden? Warum enteignet man eigentlich Banken und nicht, zum Beispiel, Brauereien? So viele Fragen und keine Zeit darüber nachzudenken, denn immer wieder blitzen neue Plakate im Blickfeld auf. „Wählen gehen für zensierte Thesen!“ steht bei Pro Deutschland. Vor ein paar Tagen stand da noch: „Wählen gehen für Thilos Thesen!“ Das wurde verboten denn es verletzt Thilos Recht am eigenen Namen. Ist doch aber auch peinlich, haben die keinen eigenen Kandidaten, mit dem sie angeben können? Keine eigenen Thesen? Ich finde, wenn jemand mit Sarrazin werden darf, dann doch wohl die SPD. Dann gibt es noch die NPD. Galt immer als Nazi-Partei. Aber jetzt wünscht sie ganz freundlich: „Guten Heimflug!“ und zwar einer Familie, die auf einem fliegenden Teppich sitzt. Man kann nicht genau erkennen, was das für welche sein sollen. Schwaben vielleicht. In Berlin, vor allem in Prenzlauer Berg, suhlen sich ja viele im Fremdenhass, häufig auf Schwaben. Und die Schwaben müssen jetzt mit dem fliegenden Teppich abreisen, weil ihr Auto verbannt ist. Vielleicht sollen das auf dem Teppich aber auch Türken sein. Und der Wahlberechtigte in Prenzlauer Berg soll denken: „Ey kieka, Scheiße ey! Ick musste 12 Jahre uff meen Trabbi warten. Und denn hab ick den Trabi nich ma jekricht. Denn war nämlich Wiedavereinjung! Eene Scheiße is det! Und die ham fliegenden Teppich! Eene Sauerei is det! Die schön durche Luft am Himmel und ick steh hier bei Tempo 30 im Stau uffm Weg zum Jobcenter wose 120000 neue Fallmänädschär innjestellt haben! Jetze überholt mir ooch noch sone schwangere inne Schubkarre! Mann ick will ooch son fliegenden Teppich! Die Ausländer krieng det vorne und hinten! Und unsereins muss wenns hoch kommt noch S-Bahn fahrn! Mann, Mann, Mann! Und warum heeßt det Heimflug? Warum Flug? Muss det nich heißen: Flüg? Mit Ü? Sind da nich überall Ümläute inne Sprache drin bei die? Heißt doch ooch Türküsch und nich Turkusch! Ich seh det ooch janich ein, det die hier sone Teppiche uffe Kurzstrecke einsetzen! Die wohnen doch alle im Wedding, det is ja gleich umme Ecke! Da kann man ja ooch mal zu Fuß gehen oder ein Fahrrad benutzen! Eine Scheiße is det!“ Für so doof hält uns Pankower also die NPD. Aber deren Wahlkampf muss zwangsläufig scheitern. Ihre Plakate hängen nämlich immer ganz weit oben. Und der Berliner guckt aber immer zu Boden. Wegen der Hundehaufen. Dass die mal zu was gut sein würden! Ich nehme alles zurück, was ich je böses über Hunde und Hundeficker gesagt habe. Jetzt bin ich fast da, wo ich hin wollte. Bei Robo. Der will nicht wählen. Er sagt, er hat früher einmal die APPD gewählt, aber die sind nicht ins Abgeordnetenhaus gekommen. Seit dem ist das System für ihn unglaubwürdig. Darum möchte er mir seine Stimme schenken. Damit ich als Ausländer auch wählen kann. Das ist lieb von Robo. Obwohl ich gar nicht weiß, was ich wählen soll. Will der Robo mir am Ende möglicherweise bloß die Verantwortung aufhalsen? Der Arsch? Ich als Ausländer soll die Drecksarbeit machen? Naja, er meint es ja nur gut! Irgend jemand muss ja wählen. Irgend jemand muss auch gewählt werden. Vielleicht wähle ich alle. Da mache ich garantiert nichts falsch. Als ich zu hause losgefahren bin und gesagt habe, ich hole mir jetzt Robos Stimme, da hat mein Söhnchen mich gefragt, warum mir Robo seine Stimme schenken will. Dann kann er doch nicht mehr sprechen. Warum ich die annehme und ob Robo dafür meine Stimme kriegt. Also ob wir tauschen. Das ist ein schlechter Tausch für Robo, dann kann er nicht mehr gut singen. Das hat der Kleine falsch verstanden. Niedlich! Ich muss ihm das mal erklären, das mit den Wahlen und den Stimmen und den Kandidaten und den Parteien. Er glaubt ja tatsächlich, das Plakat der Grünen mit der umgedrehten S-Bahn bedeutet Schienenersatzverkehr. Muss ich ihm mal alles erklären. Wie das ist, mit der Volksherrschaft und den Volksvertretern. Aber irgendwie muss ich das so machen, dass er die Erwachsenen nicht für komplett meschugge hält. Das gelingt mir bestimmt!

(Andreas Krenzke)