Der König hat gehustet

„Der König hat gehustet“ – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, auch wenn keiner genau sagen konnte, wie. Es stand nicht in der Zeitung, es wurde nicht im Radio bekanntgegeben und niemand war so unschicklich, es laut auszusprechen und doch wusste es bald jeder. So wie man nicht erst den Donner hören muss, um zu wissen, dass ein Gewitter aufzieht. „Der König hat gehustet“ – die Spatzen pfiffen es von den Dächern, die Bienen tanzten es über der Wiese, die Wolken schrieben es in den Himmel.

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(„Der König hat gehustet“ – die Waschmaschinen flüsterten es den Wäschekörben.)

Natürlich rief dies sofort die Übereifrigen auf den Plan. Lange bevor die Nachricht die Runde gemacht hatte, begannen sie selbst zu husten, leise erst, doch immer lauter und selbstbewusster, demonstrativer. Endlich zahlte sich ihre Aufmerksamkeit aus, endlich machte es sich bezahlt, dass sie ihre Nase höher trugen als andere, um im Wind auch noch die leiseste Ahnung einer Nachricht zu erschnüffeln. In den nächsten Wochen würden sie uns bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie schon vor uns mit dem König husteten, sie würden uns geringschätzig anschauen und sarkastische Bemerkungen über die Gesundheit unserer Kehlen machen. „Ich huste ja schon beinahe immer“, würden sie sagen, „es ist praktisch ein Teil von mir.“

Sie würden freilich nie so weit gehen, sich mit dem König zu vergleichen oder auch nur des Königs Husten zu erwähnen und doch wäre ihre Botschaft klar: Wir sind die wahren Untertanen, wer seid ihr?
Wenn Sie mich fragen, sind das alles Angeber und Heuchler und auf die Gefahr hin, dem einen oder anderen Unrecht zu tun: Ich glaube, sie missbrauchen und betrügen unseren König, indem sich sein Husten wie einen Mantel umhängen, um sich selbst zu erhöhen.

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Natürlich habe auch ich gehustet! Wie konnte ich nicht husten, wenn der König gehustet hat! Sind wir nicht alle nur Glieder des großen Körpers, dessen Geist, Herz und Seele der König ist?!
Natürlich habe auch ich gehustet! Doch ich hustete im Stillen. Warum sollte ich dem Pöbel meine Loyalität demonstrieren, wer würde es wagen, an ihr zu zweifeln?! Warum sollte ich Vorgesetzte beeindrucken und Gleichgestellte beschämen, in dem ich doppelt so oft und doppelt so laut wie sie hustete? Ich wollte nichts als meinem König nahe zu sein und indem ich sein Husten teilte, ein immaterielles Band zwischen uns zu knüpfen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bilde mir nicht ein, durch mein Husten selbst königlich geworden zu sein, nein mein Husten und ich blieben stets ganz gewöhnlich menschlich. Doch indem ich mir dessen bewusst war, konnte ich mich ihm spirituell nähern, ohne der Versuchung der Anmaßung zu erliegen. Ich war wie ein Kind, das mit Armgefuchtel von einem Stuhl springt und sich für einen winzigen Moment den Vögeln am Himmel nahe fühlt.

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(„Sie da, ja, Sie. Nun tun Sie mal nicht so!“)

Zwei Wochen husteten wir, die einen hohl und laut, die anderen, wie ich, still und demütig, doch als schließlich die Nachricht kam (unhörbar und doch klar wie eine frische Brise an einem drückenden Sommertag), dass ein Fehler und falscher Alarm gewesen war, waren wir alle doch insgeheim froh, weil unsere Kehlen gerötet waren, vor allem aber, weil es bedeutete, dass es dem König gut ging.
Unnötig zu erwähnen, dass jene, die zuerst und am lautesten gehustet hatten nun auch die ersten waren, die sich (mit rauher Kehle) über das Husten mokierten. „Also dieses Gehuste ist ja äußerst peinlich“, sagten sie laut und genossen die entsetzten Blicke jener, die etwas länger brauchten, um zu begreifen. Was man mit dem Husten überhaupt andeuten wolle, fragten sie, ob man etwa an der Gesundheit des Königs zweifle?
Nun, mir, der ich stets im Stillen gehustet — was mir kurz zuvor noch einige scheele Blicke seitens der Demontrationshuster eingebracht hat — konnte niemand etwas vorwerfen.
Da! Hören — oder besser: Spüren Sie es auch? Es ist etwas geschehen … der König hat gefurzt …

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(Glücklich, wer keine Nase hat.)

Der Künstler und sein Model

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Ich hab in letzter Zeit soviele Selfies gemacht, dass ich mir langsam wie die  Kim Kardashian des Poetry Slam vorkomme, nur dass ich nicht meinen Hintern, sondern mein Gesicht fotografiere. Um ehrlich zu sein: Schreiben und Vorlesen, das mache ich doch nur noch Übergangsweise zum Geld Verdienen. Eigentlich will ich Selfie-Künstler werden.

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(Einer meiner Lieblingsselfies! Florian Cieslik, amtierender Hessen-Meister im Todes-Karate Poetry Slam (Name- und Titeldropping gehört zu einem vernünftigen Gruppen-Selfie einfach dazu!), und icke in Weißichjetztgradnicht. Und wenn man ganz genau guckt, sieht man links sogar noch Dalibor Marković, mit Team Scheller Sieger im Teamwettbewerb der deutschprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2014, in der Tür stehen.)

Wie in der Literatur gibt es auch bei Selfies verschiedene Genres. Po-Selfies, Klo-Selfies, Duckface-Selfies, Ich-klettere-illegal-und-ohne-Sicherungsseil-auf-die-Spitze-eines-Wolkenkratzers-und-fotografiere-mich-dort-mit-Gopro-und-Selfie-Stange-Selfies und soweiter.

Meine bevorzugte Gattung sind  Spiegelselfies – die Königsdisziplin! Und ich darf von mir behaupten, dass ich inzwischen eine große Meisterschaft darin entwickelt habe, die verschiedenen an dem Arrangement beteiligten Elemente (Gesicht, Spiegel, Strommasten, Kamera, Klappradklingel – was halt auf ein ordentliches Bild gehört), so zu arrangieren, dass man nicht bloß eine Hand und ein Handy sieht, hinter dem zwei Ohren hervorgucken.

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(In Bühnengarderobe und mit Bühnengarderobe und Jason Bartsch (Landesmeister Nordrhein-Westfalen 2015), Sandra da Vina (Landesmeisterin Nordrhein-Westfalen 2014) und Jan Philipp Zymny (Sieger der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2013).

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(Unterrubrik Kamerarückseitenbildschirm-Spiegel-Selfies)

Hier gab es schonmal ein Selfie-Special mit einigen sehr gelungen Bildern (obwohl ich auf ihnen drauf bin … das lässt sich bei Selfies leider nicht verhindern.)

Kein Aprilscherz: In 30 Minuten zum Erfolg!

[1.4.2015, 12.01 Uhr]

Da das Schreiben von unterhaltenden und/oder literarischen Texten und Büchern und das Vortragen derselben zwar ein sehr leckeres Brot ist, aber auch ein hartes, eher dünnes und nur mit Margarine beschmiertes, habe ich beschlossen zum Zwecke nachhaltigen Erfolges einen Ratgeber zu schreiben, denn mit sowas hat man gute Erfolgsaussichten, insbesondere, wenn es sich einen Ratgeber handelt, der den Lesern verrät, wie sie Erfolg haben können.

Nein, keine Sorge, es wird kein „Machen Sie es wie ich, schreiben Sie einen Ratgeber“-Ratgeber, sondern einer, der ein echtes Problem angeht und eine (für mich zumindest) prima funktionierende Lösung vorschlägt. Und das beste: Bevor in einem Jahr, die auf 240 Seiten aufgeblähte Buchfassung für 16,90 erworben werden kann, kommen Sie, liebe Leserinnen und Leser schon jetzt und völlig kostenlos in den Genuss meiner geballten Lebenserfahrung.

Markus Freise, Comiczeichner und Slam Kollege, hat eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können.

Ich habe eine Lösung für das Problem vieler Freiberufler gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können. Die Methode mag aber auch für Nichtselbständige ihre Vorteile haben.


 Markus Freise hat eine Lösung für das Problem  gefunden, nicht mit der Arbeit aufhören zu können. Ich habe eine Lösung für das Problem gefunden, nicht mit der Arbeit anfangen zu können.


Sie ist super einfach, weshalb ich bisher noch keine Ahnung habe, wie ich die 240 Seiten füllen soll und darüberhinaus nicht begreife, wieso ich sie erst vor fast zwei Jahren entdeckt habe.

Irgendwann, das ist jetzt schon sehr lange her, entdeckte ich, dass mein ursprünglicher Plan, Künstler zu werden, um nicht arbeiten zu müssen (naja, und von wegen Selbstverwürklichung und so und weil die Welt meine Texte braucht etc.) gründlich schiefgegangen war. Das ist nicht weiter schlimm, da – wie es auch Markus beschreibt – die Arbeit Spaß und oft glücklich macht.

Und trotzdem muss ich mich oft dazu zwingen. Nicht, weil ich sie hasse, sondern weil mich die schiere Menge manchmal einfach erdrückt, so dass ich Angst vor dem Anfangen habe. Weil einem die Muse manchmal statt einem Kuss einen Tritt in den Hintern gibt und man weiß, dass man sich jetzt trotzdem hinsetzen und versuchen muss, sie zu überlisten, weil man es sich nicht erlaube kann, zu warten, bis sie reumütig und mit einem Blumenstrauß zurückkommt. Und natürlich, weil ich meine Arbeit in Wahrheit doch hasse. Zumindest den Teil, der mit Emails, Excel-Tabellen, Pressetexten, Rechnungen und so weiter zu tun hat und der scheinbar von Jahr zu Jahr mehr Platz einnimmt.

[12.31 Uhr]

[…]

[12.37 Uhr]

Nichts ist deprimierender als die Vorstellung, jetzt 17 Emails und drei Facebooknachrichten beantworten und danach die Belege der letzten drei Monate sortieren zu müssen, um sich anschließend ans Schreibprogramm zu setzen und endlich diese eine verflixte Geschichte, dieses eine störrische Kapitel, diesen einen grässlichen Pressetext fertigzuschreiben. Bei mir hat der Gedanke an den Berg der vor mir lag, oft genug dazu geführt, dass ich in heftige Zuckungen verfallen bin, drei Tage später völlig vernachlässigt auf meinem Sofa wieder zu mir kam und feststellte, dass ich offenbar gerade alle Staffeln von Lost und Dallas und Bauer sucht Frau am Stück geguckt hatte.

Seit ich mir die Arbeit mit meinem neuen Superduper-System organisiere,kommt das kaum noch vor. Und gleichzeitig habe ich noch ein anderes Problem en passant mitgeöst, das sehr eng mit Markussens verwandt ist: Das sogenannte „Ich wollte bloß kurz bei Facebook nach Nachrichten schauen / einen winzigen Text fürs Blog schreiben / für einen Roman ein Katzenvideo rechnerchieren und plötzlich war es 2 Uhr morgens, ich hatte seit 14 Stunden nichts mehr gegessen und den ganzen Tag nicht eine sinnvolle Sache gemacht“

Die Lösung lautet: Ich teile alles in 30-Minuten-Stücke ein! Haha! Der Kurzzeitwecker ist zu einem meiner wichtigsten Arbeitsmittel geworden!

Es ist so ein riesen Unterschied, ob man sagt: Ich erledige jetzt den ganzen anstehenden, sich auftürmenden, schrecklichen, drögen Bürokram oder: Ich erledige jetzt 30 Minuten lang Bürokram. Es ist so ein Unterschied, ob man sagt: Ich stehe nicht eher auf, als bis ich dieses Kapitel fertig habe (oder nacch mindestens 7.000 Zeichen etc.) oder ob man sagt: Ich schreibe jetzt exakt 30 Minuten an diesem Kapitel. Es funktioniert mit allem. Mit Wohnungsaufräumen, mit Facebook und Katzenvideorecherche, mit der Steuererklärung, dem Gitarreüben, der Gartenarbeit. Na gut, vielleicht nicht mit allem, aber Vielem.

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(20 Minuten sind natürlich zu wenig!)

30 Minuten sind lang genug, um richtig in die Arbeit einzusteige, aber so kurz, dass man keien Angst vor dem leeren Blatt oder dem vollen Posteingang haben muss, denn die halbe Stunde steht man locker durch.

Danach hat man sich eine kleine Pause verdient. Als ich damit anfing war es bei mir häufig eine Zigarette, jetzt stehe ich manchmal bloß kurz auf und hole mir einen Kaffee oder ein Glas Wasser (die 6 Minuten beim Schreiben dieses Artikels zwischen 12.31 und 12.37 habe ich genutzt, um mir einen Kaffee im Bordbistro zu kaufen – viele Grüße aus dem Zug!).

Wichtig ist folgendes: Während der 30 Minuten darf man sich nicht ablenken lassen. Das Handy muss in den Flugzeugmodus und auf keinen Fall darf man zwischendurch mal kurz auf Facebook schauen („Die eine Minute häng ich dann einfach hinten ran“), es sei denn, es ist gerade die halbe Facebook-Stunde.

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Manchmal stelle ich nach den 30 Minuten den Wecker sofort wieder und mache einfach weiter, oder ich belohne mich für eine halbe Stunde Gehirnauswringen (selbst wenn oder gerade wenn es ergebnislos war)mit 30 Minuten Hausarbeit, die sich dann fast wie eine Pause anfühlen. Und nach ein paar 30-Minuten-Einheiten hat man dann auch das Gefühl, sich jetzt eine größere Pause nehmen zu können.

Das ist ein weiterer Vorteil des Systems: Man bekommt ein besseres Gefühl dafür, wieviel oder wenig man eigentlich macht, wieviel Zeit bestimmte Dinge erfordern und wieviel man schaffen kann.

Falls es jemand mal ausprobiert, würde ich mich sehr über Feedback freuen. Mir hilft es sehr und ich habe den Eindruck mehr zu schaffen, zufriedener mit dem Geschafften zu sein als früher.

Inspiriert wurde die „Volker Strübings Original In-30-Minuten- zu- Erfolg-und-Weltherrschaft-Methode“ übrigens von Kirsten Fuchs, die ein eigenes System entwickelt hat, dass auch seine Vorzüge hat. Aber davon muss sie selber berichten.

[13.17 Uhr – die  verbleibenden 21 Minuten nehme ich mir für ein Foto zum Beitrag. Da ich schon weiß, dass ich die hier rumliegende Schweizer Gratiszeitung fotografieren will, rechne ich mit 5 Minuten, was bedeutet, dass es ziemlich genau 21 dauern wird.]

 

 

Der Mann mit dem Trapez vor’m Kopf

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Mein erster Buchpreis! „Das Mädchen  mit dem Rohrt im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“ ist auf der Leipziger Buchmesse als „ungewöhnlichster Buchtitel 2013“ ausgezeichnet worden! Vielen Dank an alle, die für mein Buch abgestimmt haben – und überhaupt an alle, die bei dieser schönen Aktion mitgemacht haben – gestern konnte bekanntgegeben werden, dass das Online-Voting für den ungewöhnlichsten Buchtitel mehr Teilnehmer hatte, als die Online-Abstimmung über den „richtigen“ Buchpreis, hey, ho :)

Vielen Dank natürlich auch an die Jury, die sich der Onlineabstimmung offensichtlich anschließen konnte und vor allem an Was liest Du, das Literaturmagazin und die Literaturcommunity, die diesen schönen Preis ins Leben gerufen haben. ich bin der erste Preisträger und ich hoffe, dass ich der erste in einer langen Reihe bin und eine schöne Tradition daraus wird. Ich war ja auch schonmal erster Stadtschreiber von Bayreuth und danach gab es keinen weiteren …

Vielen Dank auch an Luzie, die für das Bild dort oben den schönen Titel: „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr, der Junge mit dem Löffel im Hals und der Mann mit dem Trapez vor’m Kopf“ erfunden hat. Vielleicht nenne ich so den Nachfolgeband und bewerb mich übernächstes Jahr nochmal um den Preis :)

Weil er so schön ist, hier nochmal in der Morgensonne mit Blumenzeugs auf dem Balkon:

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Novemberrückblick I – SLAM 2013

Huch, hier ist ja ein Weblog, wo kommt das denn auf einmal her?!
Der letzte Eintrag liegt so lange zurück, das ich mich kaum noch traue, wieder damit anzufangen. Es ist ein bisschen so, als hätte man den Geburtstag eines lieben Freundes vergessen, und mit jedem Tag, den man nicht anruft, um sich zu entschuldigen und nachträglich zu gratulieren, wird es schwerer, sich zu diesem Anruf durchzuringen.
Aber jetzt soll es sein. Und es drängt mich doch, der ganzen intervernetzten Welt mitzuteilen, wie meine letzten Wochen waren und meine nächste werden.

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Der November ist mir ja seit 10 Jahren einer der liebsten Monate, weil es der Monat der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften ist, und diese sind immer ein Highlight des Jahres. Was die Vorfreude angeht, erinnern sie ein bisschen an Weihnachten in der Kindheit. Für mich waren es diesmal tatsächlich die 10. Meisterschaften, seit 2004 habe ich keine verpasst, bin bei allen im Einzel- oder Teamwettbewerb angetreten. Ich hatte überlegt, ob ich dieses Jahr im Vorfeld verkünde, dies würden meine letzten Meisterschaften als Teilnehmer werden, künftig werde ich nur noch zum Zugucken und Feiern kommen, aber, ach, was solls – es wird sich zeigen und kommen wie es kommt. Nächster Jahr in Dresden bin ich ganz sicher dabei. Ob nun im Einzel oder Team (Micha und ich planen ein Team LSD Reunion) oder nur im Fanblock … wir werden sehen. Auf alle Fälle gibt es keinen Grund hier theatralisch irgendwelche Ausstiege zu verkünden, die ich dann doch nicht hinkriege. Das wäre ja fast so, als würde ich auf Facebook großkotzig verkünden, ich würde am soundsovielten mit Rauchen aufhören und es dann doch nicht tun … ach nee, Moment, stimmt ja, ich hab ja aufgehört, aber dazu mehr in Teil 14 dieses Novemberrückblicks.

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(Souvenir 1: Ein Gitärrchen für Micha, der leider nicht da war. Ich hatte sie mir für meinen Auftritt beim Songslam gekauft. In einer Drogerie. In der Spielwarenabteilung. Und auf der Party nach dem Finale alle gebeten zu unterschreiben, damit Micha nächstes Jahr auf alle Fälle wieder dabei sein muss, um sich bei allen zu bedanken. Oder sie einfach kurz zu drücken. Oh mein Gott, diese ganze Hippie-Slamily-Scheiße … aber wenn es doch so schön ist …)

Der Slam2013 fand in Bielefeld statt, und es war, was die Stimmung anging für mich einer der schönsten. Das ist ist er zwar jedes Jahr, aber diesmal ganz besonders. Ich liebe diese Menschen. Trotzdem ist es wohl für die Gesundheit ganz gut, dass wir uns nur einmal im Jahr in so einer großen Horde treffen.

Es war im Prinzip wie immer: Es gab einen Haufen Vorrunden, Halbfinals und ein Finale und dauernd flogen Leute raus, die es erdient gehabt hätten, weiterzukommen, während Leute weiterkamen, die es ebenfalls verdient hatten, weiterzukommen und am Ende gewann Topfavorit Jan-Phillipp Zymnie mit 0,1 Punkten Vorsprung vor Top-Favorit Lars Ruppel. Bei aller gebotenen falschen Bescheidenheit möchte ich an dieser Stelle auf den Drittplatzierten hinweisen: mich. Ich hab mich riesig gefreut und bin auch stolz darauf, auch wenn mir klar ist, dass mir mein seit 2004 anhaltendes Auslosungsglück bei deutschsprachigen Meisterschaften dabei sehr geholfen hat. Lars und ich stellten nach dem Finale fest, dass wir es eigentlich sogar viel besser haben als Jan-Phillipp: Wir haben genausoviele Glückwünsche bekommen, müssen aber die Bürde des Meisterseins nicht tragen.

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(Souvenir 2: Behutsam aktualisierter Finaltext. Das mit der Dusche ist eine lange Geschichte, die will bestimmt niemand hören.)

Moment! Das stimmt ja so nicht! Lars hat mit Bottermelk Fresh (Lars Ruppel, Julian Heun und Bleu Broode) im Teamfinale gewonnen und ich bin Sieger des szeneinternen Kinderfotobattles! Gegen das Foto hatten die anderen aber auch sowas von keine Chance. Schon gar nicht die U20er …

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(Schönhauser Allee. Muss 1977 gewesen sein. Wir haben noch in Roßlau gewohnt und waren auf Berlin-Urlaub. Ich find die Oma so toll. Und den Typen am Schaufenster. Und meinen schnieken Steifvater mit Kurzhenkelhipsterbeutel. Das Bild stammt aus so einer vollkommen anderen Welt. Kann kaum glauben, dass ich die mit eigenen Augen gesehen habe.)

Es waren wahnsinnige Tage in Bielefeld und ich kann mich gar nicht genug bei den Organisatoren bedanken, und habe es leider auch gar nicht richtig versucht … Danke! Liebe! Schnaps!

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(Einziger Kritikpunkt am Slam2013: Es gab zuviel Lakritz. Niemand mag Lakritz. Alle hassen Lakritz. Backstage mit dem Lumpenpack (Indiana Jonas und Max Kennel), Hazel Brugger, Alex Burkhard)

Und eigentlich gäbe es noch so viel zu berichten, aber ich will es mit dem Wiedereinstieg in die Friedhofsschnipselei nicht übertreiben. Darum für heute nur ein paar Fotoimpressionen aus dem schönen Bielefeld!

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Ich lese was vor

Ich trete ja hin und wieder auf, in den nächsten Wochen zum Beispiel hier:

17.1., Donnerstag, 21 Uhr: Lesebühnenpremiere: Löwenherz und Schnauze! im „Alter Roter Löwe Rein“, Richardstraße 33, Berlin Neukölln. Mit Jacinta Nandi, Udo Tiffert, Markim Pause, Caroline Clifford, Till Reiners und mir.

18.1., Freitag: Dichterschlacht. Poetry Slam in der Centralstation Darmstadt

22.1., Dienstag: LSD – Liebe Statt Drogen, Lesebühne im Schokoladen, Berlin Mitte. Mit Ivo Lotion, Tube, Micha Ebeling, Spider, Uli Hannemann und mir.

25.1., Freitag: Lokalrunde (die Show mit Weltniveau) im Café Burger, Berlin Mitte

26.1., Sonnabend: Kantinenlesen in der alten Kantine in der Kulturbrauerei, Berlin Prenzlauer Berg.

29.1., Dienstag: LSD – Liebe Statt Drogen, Lesebühne im Schokoladen, Berlin Mitte. Mit Ivo Lotion, Tube, Micha Ebeling, Spider, Uli Hannemann und mir.

31.1., Donnerstag: Wort Frei! Ich lese ganz alleine einen ganzen Abend lang vor. In Potsdam. In der Hauptbibliothek, Friedrich-Ebert-Str. 4

6.2., Mittwoch: Sololesung im Polittbüro in Hamburg.

Ab Februar ziehe ich für fünf Monate nach Bayreuth. Als Stadtschreiber. Ich werde viel über fränkisches Bier und Jean Paul schreiben, wahrscheinlich in einem Extra-Blog. Aber dazu später mehr.

(Volker Strübing)

Hammerwerfer und Bogenschützen

Es ist allgemein akzeptiert, dass Musiker Musikstücke schreiben, die dann auf Konzerten gespielt und als mp3 zum Download angeboten werden, dass Maler Bilder malen, die dann in einer Ausstellung gezeigt werden, dass Bäcker Brötchen und Kuchen backen, die dann in der Bäckerei verkauft werden. Niemand würde einen Musiker fragen, ob er ein Konzert und mp3-Musik schreibt, einen Maler, ob er eine Ausstellung malt, einen Bäcker, ob er eine Bäckerei bäckt.

Autoren werden allerdings manchmal gefragt, ob sie ein Buch schreiben, und wenn sie dann mit „Ja“ antworten, reicht diese Antwort vielen Leuten aus, als sei alles, was zwischen zwei Buchdeckeln steckt, dasselbe. Beim Poetry Slam begegnet man dieser Gleichsetzung von Botschaft und Kanal besonders häufig. Das ist nicht weiter schlimm. Es ist nun einmal eine relativ neue Sache, die noch dazu eigentlich nicht zusammengehörende Sachen wie Lesung und Show bzw. Literatur und Sport zusammenbringt, das kann schon verwirren. „Nein, ich schreibe keine Slams, auch keine Slam Poetry, ich schreibe Texte und trage sie unter anderem auf Slams vor“, erkläre ich dann und hoffe, verstanden zu werden

Poetry Slam ist keine Literaturgattung, keine Literaturströmung, sondern eine Veranstaltungsform, in der Platz für jede Art von Text ist, solange er selbstgeschrieben und nicht länger als 5 Minuten ist. Es ist wie eine Sportveranstaltung, bei der Hammerwerfer, Sprinter, Schachspieler, Bogenschützen, Stabhochspringer, Zauberwürfler, Ruderer, Gewichtheber, Dice Stacker, Kunstturner, Turmspringer gegeneinander antreten, dazu gelegentlich jemand mit einer ganz neuen, selbst erfundenen Sportart wie Gummibärchenweitkotzen oder Selbstzerstörung oder Bärenkatapultieren. Kein Mensch kann das ernsthaft miteinander vergleichen wollen, und trotzdem wird ein Sieger ermittelt – um dem Chaos eine Dramaturgie zu geben.

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(Symbolbild Gummibärchenweitkotzen)

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